Offener Brief von Willy Wahl an den Bildungsdirektor des Kantons Zürich Ernst Buschor

02. 12. 2002  – mit einem Nachtrag vom 16. 12. 2012

Sehr geehrter Herr Buschor,  

ich möchte Sie hiermit wissen lassen, dass Ihr Kommentar anlässlich der Ablehnung des Volksschulgesetzes „Heute ist ein schwarzer Tag für die Schule“ Ihre gigantische Realitätsferne vom wirklichen Schulgeschehen zum Ausdruck bringt.

Es wäre an der Zeit, dass Sie einmal den Tatsachen ins Auge blickten: Ein Grossteil der Schüler konsumiert Drogen, bereits Kinder unter zehn Jahren fangen mit Cannabis an! Die Gewalt an den Schulen hat ein unerträgliches Ausmass angenommen. Die Kinder bringen ein ganzes Arsenal von Waffen mit in die Schule und Lehrer werden mit dem Tode bedroht. Das Sprachniveau der Absolventen der Volksschule ist dramatisch gefallen. Für Fachleute war das Ergebnis der Pisa-Studie alles andere als eine Überraschung. Dieser Misere wollten Sie mit Teilautonomie, Blockzeiten, zentralisierter Schulaufsicht, Computern und Frühenglisch „beikommen“. Das klingt wie Hohn, Herr Buschor.

Der wirkliche schwarze Tag für die Schule war der 20. April 1999, als in der Columbine Highschool in Littleton 12 Schüler und 1 Lehrer von 2 Schülern erschossen wurden. Wir waren alle geschockt und haben nicht gehandelt.

Dann kam der nächste schwarze Tag für die Schule. Es war der 26. April 2002, als ein Schüler des Gutenberg-Gymnasiums in Erfurt 17 Mitschüler erschoss. Wir waren wieder geschockt und haben nicht gehandelt. Hier liegt meines Erachtens der Handlungsbedarf eines „Bildungs“-Verantwortlichen, der diesen Titel verdient.

Ein amerikanischer Dokumentarfilmer, Michael Moore, meines Wissens kein Bildungsprofi, hat gehandelt. Er ist der Frage der Gewalt in der Schule in einem ganz herausragenden Dokumentarfilm nachgegangen „BOWLING FOR COLUMBINE“. Er läuft seit kurzem in den Kinos. Ich rege an, dass dieser Film für alle Sekundar- und Gymnasialschüler zu einem Obligatorium im Unterrichtsfach „Menschlichkeit“ erklärt wird. Dieses Fach gibt es gar nicht? Dann wird es Zeit, dass es eingeführt wird. 

An allen entsprechenden Schulen sollen Lehrer mit ihren Schülern diesen Film anschauen, darüber diskutieren, sich Gedanken machen und sich fragen: Könnte das bei uns auch vorkommen und was braucht es, damit so etwas Schreckliches an unserer Schule niemals passiert.

„Welche Fortschritte auch auf dem Gebiet der Didaktik in den nächsten Jahren noch erzielt werden  – eine Funktion wird dem Lehrer immer vorbehalten sein: ein Klima zu schaffen, das die Aufmerksamkeit fördert, seelische Entwicklung in Gang bringt und eine gute Klassengemeinschaft entstehen lässt.“

Dies schreibt Professor Haim Ginott 1974 in seinem Buch „Teacher & Child“. (Deutscher Titel: Takt und Taktik im Klassenzimmer).

Aus dem gleichen Werk stammt dieser eindrückliche Text:

Am ersten Tag des neuen Schuljahres erhielten alle Lehrer einer Privatschule von ihrem Schulleiter folgenden Brief:

"Lieber Lehrer,

Ich habe ein Konzentrationslager überlebt. Meine Augen haben Dinge gesehen, die kein menschliches Auge je erblicken sollte:

Gaskammern, erbaut von gebildeten Ingenieuren.
Kinder, vergiftet von wissenschaftlich ausgebildeten Ärzten.
Säuglinge, getötet von erfahrenen Kinderschwestern.
Frauen und Kinder, erschossen und verbrannt von ehemaligen Oberschülern und Akademikern.

Deswegen traue ich der Bildung nicht mehr.

Mein Anliegen ist: Helfen Sie Ihren Schülern, menschlich zu werden. Ihr Unterricht und Ihr Einsatz sollte keine gelehrten Ungeheuer hervorbringen, keine befähigten Psychopathen, keine gebildeten Eichmanns.

Lesen, Schreiben und Arithmetik sind nur wichtig, wenn sie dazu beitragen, unsere Kinder menschlicher zu machen.“

Sehr geehrter Herr Buschor, ich wünsche mir Bildungsverantwortliche, mit einer solch vorbildlichen Haltung.

Ihrer geschätzten Stellungnahme sehe ich gerne entgegen.

Mit vorzüglicher Hochachtung
Willy Wahl
8006 Zürich den 02. Dezember 2002, Hadlaubstrasse 41

Kopie: Bundesrätin Ruth Dreifuss

(Weder Herr Buschor noch Bundesrätin Dreifuss haben mir geantwortet.)

Nachtrag am 16. Dezember 2012

Liebe Seniora-Leserinnen und Seniora-Leser,

im Dezember 2002 schrieb ich dem damaligen Zürcher Bildungsdirektor Buschor einen Brief, der mit dem erneuten Schulmassaker in Newtown neue Aktualität gewinnt. Den Schrecken und Schmerz der beteiligten Eltern und Kinder mit anzusehen, löste weltweit eine Welle des Mitgefühls aus, selbst in Moskau legten Menschen Blumen nieder vor der amerikanischen Botschaft.

Es ist ermutigend zu sehen: die menschliche Fähigkeit, mitzuempfinden, mitzufühlen mit dem Leid und der Freude des Anderen  – also das, was wir unter der sozialen Natur des Menschen verstehen  – ist noch vorhanden. Aber sie ist viel zu schwach ausgebildet. Die Tränen der betroffenen Eltern müssten auch fliessen über die Kinder, die durch Obamas Kriege und Drohneneinsätze massenhaft  irgendwo auf der Welt umgebracht werden. 

Die Fähigkeit, Empathie zu entwickeln bringt der Mensch bei der Geburt mit, genauso wie die Fähigkeit Sprache zu erlernen, aber wie gut und wie stark sich Gemeinschaftsgefühl und Einfühlungsvermögen entwickeln, ist abhängig von der Art der Erziehung, von der Schule und der Bildung, die das Kind erfährt, sowie von der Kultur, in der es aufwächst. Der grosse Psychologe Alfred Adler, Begründer der Individualpsychologie, hat das 'Gemeinschaftsgefühl als Gradmesser seelischer Gesundheit' beschrieben. In ihrem wichtigen Werk "Das Gemeinschaftsgefühl  – Entstehung und Bedeutung für die menschliche Entwicklung" (ISBN: 9783859990074) legt Annemarie Kaiser Grundlegendes vor.

In der Einleitung heisst es: "Der Grad an Gemeinschaftsgefühl charakterisiert in der individualpsychologischen Lehre den Grad an seelischer Gesundheit. Der Mangel an Bezogenheit auf den Mitmenschen gibt Auskunft über die Art und den Grad des Ausweichens in neurotische Formen oder in die Psychose, die nach dem Zusammenbruch der Beziehungsfähigkeit in Erscheinung treten kann."

Die Verbreitung des Wissens, dass Empathie erst ausgebildet, gewissermassen „erlernt" werden muss, ist bis heute sträflich vernachlässigt worden. Hier  – bei der Vermittlung des Erziehungswissens  – liegt der Schlüssel zur Lösung der wichtigen Menschheitsprobleme. Das ist die gute Nachricht: Wir wissen, worum es geht!

Aber Strategen der Ökonomisierung von Bildung wie Professor Dr. Ernst Buschor, Carolina Müller-Möhl mit ihrem „forumbildung.ch" und Bertelsmann im Rücken tun alles, um eine wirkliche Bildung  – eine  Bildung, die dem Gemeinwohl  – dem „bonum comune" verpflichtet ist  – zu verhindern. Ihnen geht es um das, was Prof. Jochen Krautz in seinem Aufsatz "Bildungsreform und Propaganda"beschrieben hat, nämlich um  Strategien zur Durchsetzung eines ökonomistischen Menschenbildes in Bildung und Bildungswesen.

Es wäre ein Leichtes, das herausragende Werk des Bildungsexperten und Lehrerausbildners Arthur Brühlmeier „Menschen bilden" als Grundlage für die Schweizer  – und europäische  – Lehrerbildung und -ausbildung zu verpflichten.

Die Schulmassaker in USA und Europa sind nur die Spitze des Eisbergs, die auf den katastrophalen Zustand unserer Gesellschaft, auf die gezielte Verwirrung von Eltern in Erziehungsfragen und auf hinterhältige Strategien zur Durchsetzung eines ökonomistischen Menschenbildes in Bildung und Bildungswesen hinweisen. Es ist höchste Zeit auf Stimmen, wie die des Psychiaters Michael Winterhoff zu hören und Weichen zu stellen, wenn er sagt:

„Kinder die auf uns zukommen, sind lustorientiert. Sie haben keine Frustrationstoleranz, keine Gewissensinstanz und keine Arbeitshaltung". Und weiter auf die Frage ob er mit der Jugend nicht zu hart ins Gericht gehe: "Nein, das ist so. In Deutschland sind 46 Prozent der 18-Jährigen nicht arbeitsfähig. Fast jedes zweite Kind ist heute in Logo-, Psycho- oder Ergotherapie. Und die Ritalin-Verordnungen  – wir sprechen dabei übrigens über ein Medikament, das dem Betäubungsmittelgesetz unterliegt  – lagen 1993 noch bei 30 Kilogramm für ganz Deutschland. Heute werden 1,8 Tonnen in der Bundesrepublik verschrieben."

Quelle:
http://www.nachrichten.at/ratgeber/familie/Psychiater-Winterhoff-Jugend-ist-arbeitsunfaehig;art124,956927

Den Eltern kann die Verantwortung für ihre Sprösslinge nicht abgenommen werden und ich empfehle Allen dringend  – gerade auch jetzt anlässlich des erneuten Schulmassakers  – die Lektüre des neuen Buches von Manfred Spitzer "Digitale Demenz" . Im Vorwort berichtet er von den vielen Mails, die er erhalten hat, z.B. von diesem: "Herr Spitzer, ich ballere hier gerade mit einer virtuellen Kalaschnikow. Wenn ich eine reale hätte, wären Sie der erste, den ich umnieten würde. PS: Was Sie über den Zusammenhang zwischen virtueller Gewalt und realer Gewalt sagen, ist vollkommener Unsinn."

In dieser Mail eines jungen Mannes erweist sich, was zu beweisen war. Darum: Jeder von uns sollte sich überlegen, wie er zusammen mit Freunden, Nachbarn, Bekannten usw. mithelfen kann, die heraufziehende Katastrophe der Entmenschlichung zu verhindern.

Herzlich Willy Wahl

USA, Europa, Psychologie, Bildungsreform, Gewalt, Schule & Bildung, Bildungswesen, Gewaltprävention

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