Revolutionäre Wandlungen im psychiatrischen Denken der Gegenwart

Geschätzte Seniora-Leserin, geschätzter Seniora-Leser,

Zum Neuen Jahr:
Wir werden getreu unserer Überzeugung

«Weil Kriege im Geist der Menschen entstehen, muss auch der Frieden im Geist der Menschen verankert werden»

(UNESCO Präambel 1945)

auch weiterhin wesentliche wissenschaftliche Beiträge zur Sozialnatur des Menschen veröffentlichen oder wieder in Erinnerung rufen, um dem Gedanken Alfred Adlers zum Durchbruch zu verhelfen:

"Erziehung muss gelehrt und gelernt werden."

Zum Schluss des nachstehenden Textes schreibt der Autor:

“Wie alle großen Pioniere der Tiefenpsychologie hat auch Sullivan die kulturelle Tragweite seiner Befunde hervorgehoben. Er machte bedeutsame Ansätze zu einer »Psychiatrie der Völker» und zeigte darin auf, wie die Menschheit in ihren Kindheitstagen unter dem Eindruck der unbewältigten Daseinsangst jene Verschrobenheiten ihres Gesichtsfeldes erwarb, welche innerhalb der wachsenden Kultur als nationalistische und rassische Verblendung, religiöse und soziale Unduldsamkeit, mangelhaftes gemeinschaftliches Verantwortungsgefühl in Wirtschaft und Politik, sinnloser Machtwahn usw. auftreten: Auch er hatte, wie vor ihm Sigmund Freud und Alfred Adler, die tiefe Überzeugung, dass die Tiefenpsychologie dazu berufen ist, einer kommenden Menschheit die sinnvolle Realitätsanpassung zu lehren und ihr neue und bessere Formen des Gemeinschaftslebens zu weisen.”

In diesem Sinne widmen wir diesen beeindruckenden tiefenpsychologischen Grundlagentext unseren Lesern, verbunden mit unseren besten Wünschen für ein gutes Neues Jahr 2017!

Margot und Willy Wahl, 31. Dezember 2016

Revolutionäre Wandlungen im psychiatrischen Denken der Gegenwart

Das Werk von H. S. Sullivan und die interpersonelle Psychiatrie, aus der psychologischen Monatszeitschrift “Psychologische Menschenkenntnis” 1965, S. 390  – 397

Dr. Georg Frank, Berlin

Wenn man die Frage aufwirft, in welchem Lande der Welt heute die psychiatrische Forschung die größten Fortschritte zu verzeichnen hat, so denkt man in erster Linie an die Vereinigten Staaten von Amerika: Von dort her kommen heute die wichtigsten und entscheidendsten Forschungsergebnisse, und es kann kein Zweifel mehr daran bestehen, daß die eigentliche Pionierarbeit der Psychiatrie gegenwärtig in den USA geleistet wird.

harry stack sullivan

Harry Stack Sullivan 1892  – 1949

Aus rassischen und politischen Gründen emigrierten zahlreiche Psychiater und Psychologen aus den Ländern des Faschismus und fanden eine neue Heimat in den Vereinigten Staaten, wo sie auch Gelegenheit hatten, ihre Forschungen weiterzuführen. Diese Begegnung von amerikanischen und europäischen Psychiatern erwies sich als äußerst fruchtbar.

Der bedeutendste Einfluß auf die amerikanische Psychiatrie ging von den Lehren Freuds und Adlers aus. Psychotherapeuten wie Erich Fromm, Karen Horney, Franz Alexandcr, Otto Rank u. a. sahen sich der Notwendigkeit ausgesetzt, unter den veränderten Verhältnissen der amerikanischen Zivilisation ihre tiefenpsychologischen Theorien zur Anwendung zu bringen: Der dabei erzwungene Umstellungsprozeß beseitigte rasch Engen und Einseitigkeiten der älteren Psychoanalyse, an deren Stelle bald die »kultur-anthropologische Schule» trat.

Während Freud noch den einzelnen Menschen als isolierte Individualität betrachtete und für gesellschaftliche Prozesse wenig Aufmerksamkeit hatte, wurde nunmehr das Gewicht auf die soziale Bedeutung der menschlichen Persönlichkeit gelegt. Die Schüler von Freud und Adler -- der letztere hatte von jeher die «Gemeinschaftlichkeit des Menschen» betont und die Wurzeln seelischer Konflikte im mangelhaft ausgebildeten Zusammengehörigkeitsgefühl der Menschen gefunden — entwickelten eine neue Lehre, die als Neopsychoanalyse mit dem Anspruch auftrat, die seelischen Erkrankungen des Einzelnen aus seiner Lebensgeschichte, aber auch aus den Mißverhältnissen und Disharmonien unserer Kultur zu erklären.

Es ging nun nicht mehr nur darum, den Verlauf von Einzelschicksalen verständlich zu machen: Die soziologisch orientierte Tiefenpsychologie, die sich die Hilfe namhafter Sozialwissenschaftler, Völkerkundler, Mediziner und Historiker zu sichern wußte, schuf ein umfassendes Konzept, das sich sowohl Individual- wie gruppenpsychologisch bewährte.

Wertvollste Beiträge in dieser Richtung wurden von den bereits erwähnten Tiefenpsychologen sowie auch den Forschern Abram Kardiner, Margaret Mead, Ruth Benedict, Edward Sapir, John Dewey etc. geleistet: Vielleicht der systematischste, wenn nicht gar tiefgründigste Beitrag zum psychiatrischen Denken stammt von Harry Stack Sullivan, der als gebürtiger Amerikaner von seinen europäischen Kollegen die nachhaltigsten Anregungen empfing.

Sullivans Vorläufer in den USA

Gegen 1925 begann Sullivan mit seinen Untersuchungen über Schizophrenie, die ihn bald in der amerikanischen Psychiatrie bekannt und berühmt machten. Er ging dabei aus von den tiefenpsychologischen Erkenntnissen, daß jede seelische Erkrankung durch seelische Verletzungen in der Kindheit entsteht: Seine Pionierleistung jedoch bestand darin, daß er dieses Konzept auch auf die Schizophrenie ausdehnte, welche damals noch als eine organische Hirnerkrankung mit unfaßlicher Ursache galt.

Sein Erfolg in der Psychotherapie jugendlicher Schizophrenie beruhte auf der Annahme, daß auch solche scheinbar «unansprechbare» Gcmütskranke bei ausreichender Geduld und genügend geschultem Verständnis ansprechbar sein müßten.

Wie Sullivan selber hervorhebt, war er bei dieser, damals noch völlig unzeitgemäßen Auffassung wesentlich beeinflußt von der Lehre des amerikanischen Psychiaters Adolf Meyer (ein Schweizer, der sich in den USA naturalisiert hatte), daß jedes menschliche Verhalten in Gesundheit und Krankheit eine Antwort und versuchte Lösung der Lebensfragen bedeute: In diesem Sinne mußte auch das Verhalten der schizophrenen Patienten irgendwie sinnvoll sein, und es war viel mehr der Fehler des Psychiaters als des Patienten, daß sich die beiden nicht verstanden.

Meyers »dynamisches Konzept», daß der seelisch oder geistig kranke Mensch mit seiner Krankheit »etwas will», veranlaßte Sullivan, nach den eigentlichen und schwer verständlichen Zielen und Absichten seiner Patienten zu forschen: Dabei erwies es sich, daß man die sog. «unheilbaren Geisteskranken» rein psychotherapeutisch heilen konnte, wenn man hinter ihren merkwürdigen Handlungen oder Äußerungen ihr eigentliches Lebensanliegen fand, dessen Unlösbarkeit sie zur Flucht in die Krankheit getrieben hatte.

Neben Meyer war es auch William Alanson White, von dem Sullivan lernte, die Verhaltensfragmente der Gemütskranken zu entziffern: Er hat aber auch des öftern bezeugt, daß erst die Tiefenpsychologie seine vereinzelten Erkenntnisse zu einer umfassenden Schau zu vereinigen vermochte.

Die interpersonelle Theorie

Nach Sullivan untersucht die Psychiatrie nicht Gehirne, Nervensysteme, Hormondrüsen oder menschliche Körper: Ihr Arbeitsgebiet ist die Erforschung zwischenmenschlicher Beziehungen, und alle biologischen Daten, die sie rechtmässigerweise sammelt, haben nur Sinn, wenn sie in ihrer zwischenmenschlichen Funktion gedeutet werden.

Dies rührt daher, daß der Mensch nicht einfach ein «Individuum« ist, das je nach Lust oder Laune mit anderen «Individuen» Kontakt aufnehmen kann: Menschsein ist ein soziales Phänomen, und jegliche menschliche Lebensäußerung ist Teilstück zwichenmenschlicher Prozesse, in die der Mensch von der Geburt bis zum Tode eingeordnet ist.

Der Fehler älterer Betrachtungsweisen bestand darin, nur einen Teil des Menschenlebens als zwischenmenschlich zu betrachten: Man glaubte Organfunktionen wie Essen, Verdauen, Schlafen, Kreislauf, Atmung usw. als «biologisch» aussondern zu können, woraus die unheilvolle Sonderung der «Körpermedizin» von einer Heilkunde des ganzen Menschen zustandekam.

Aber die organischen Vorgänge sind ebenso zwischenmenschlich wie die sog. psychischen: Man versteht viele körperliche Erkrankungen erst, wenn man sie auf ihre Bedeutung hinsichtlich der Umweltbeziehungen des Patienten hin befragt, und ein krankes Herz oder eine gestörte Verdauungsfunktion sind Teilstück des Zusammenlebens eines Menschen mit anderen Menschen, welches Störungsfaktoren enthält, die sich bis ins Organische hinein auswirken.

Die interpersonelle Orientierung ist für Sullivan nicht einfach eine neue Theorie: Sie ist umwälzende psychiatrische und psychotherapeutische Praxis. Der Psychiater alten Stils war ein nüchterner, naturwissenschaftlicher Beobachter: Er untersuchte seine Patienten mit Tests und Funktionsprüfungen und setzte dann möglichst «objektiv» aus seinen Prüfungsbefunden ein Bild des Patienten zusammen, das aus Denken, Fühlen, Wollen, Erinnern usw., kaum aber oder nur nebenbei aus der zwischenmenschlichen Haltung des Untersuchten bestand.

Nach Sullivan sagen solche Befunde wenig oder gar nichts; wer über einen seelisch oder geistig kranken Menschen etwas Wesentliches erfahren will, muß aus der Rolle des teilnahmslosen Betrachters heraustreten und ein «teilhabender Betrachter» werden: d. h. nur wenn man mit dem Einsatz seiner ganzen Persönlichkeit Kontakt mit einem Patienten aufnimmt, erfährt man, wer er wirklich ist; man muß zwischen Therapeut und Patient eine reiche und lang andauernde zwischenmenschliche Beziehung aufbauen, wenn eine echte Einflußnahme stattfinden soll. Psychiatrie wird also demgemäß zu einer Wissenschaft von dem, was in zwischenmenschlichen Begegnungen mit gesunden und kranken Menschen erfahren werden kann: Wer lediglich mit Elektroschocks, Insulinkuren und medikamentöser Beeinflussung den Gemütskranken beschwichtigt, geht am Sinn dieser Erkrankungen vorbei und befaßt sich nur mit den körperlichen Randerscheinungen eines Ereignisses, das im wesentlichen eine ‚zwischenmenschliche Bedeutung und Tragweite’ besitzt.

Entwicklung der Persönlichkeit

Sullivans Auffassungen gewinnen ihre Originalität erst auf dem Hintergrund seiner Theorie von der Entwicklung der Persönlichkeit. Konsequenter als fast alle Psychiater der Gegenwart  – Alfred Adler ausgenommen  – verneint er die Bestimmtheit des Menschen durch biologische Gegebenheiten.

Natürlich verfügt der Mensch über eine biologische Ausrüstung, die seiner seelischen Entfaltung gewisse Grenzen setzt: Nach Sullivan aber wird das Organische durch die kulturellen Prozesse geformt, und von der Geburt an unterliegt der kindliche Organismus seelischen Einflüssen, deren prägende Wirkung die organische Vorausbestimmtheit zu einem Schatten verflüchtigt.

Wir verdanken Sullivan die systematische Lehre vom Aufbau der Persönlichkeitsbildung und der zwischenmenschlichen Beziehungen. Von der frühesten Kindheit an besteht nach ihm für das Menschenkind die Aufgabe, Umweltskontakte aufzunehmen und sich mit dieser mitmenschlichen Umgebung, die zunächst aus einer einzigen Person (the mothering one) besteht, auseinanderzusetzen.

Das erste Band, welches Kind und Mutter verbindet, ist rein emotioneller Natur: Es gibt einen «unmittelbaren Gefühlskontakt» zwischen Mutter und Kind, der «empathisch», gleichsam durch «Gefühlsansteckung« die Gefühle der Mutter auf den Säugling überträgt.

Bereits in dieser frühkindlichen Lebensphase spielen sich entscheidende psychische Prozesse ab. Der Säugling schläft viel und wenn er erwacht, so geschieht dies hauptsächlich infolge unlustvoller Spannungen des Hungers und der Unreinlichkeit, deren Behebung gänzlich von der Mutter abhängt. Bei sorgfältiger Pflege und vor allem auch liebevoller Wartung neigt das Kind zu einer Grundstimmung des Wohlbehagens (Euphorie), die hauptsächlich bei Anwesenheit der Mutter stark hervortritt: Das kindliche Lächeln ist nicht nur Zufallsbewegung der Muskeln, sondern schon sehr bald eine «soziale Mitteilung« an die bemutternde Person, mit dem sehr sinnvollen Begleiteffekt, bei dieser Freundlichkeit und Wohlbefinden auszulösen, welches wiederum auf den lächelnden Säugling zurückwirkt. Schon in diesem Alter gilt demnach der Gemeinplatz, daß lächelnde Menschen fröhlich sind: Wobei frühzeitig eingeübtes Wohlbefinden zumeist die Grundlage für ein aktives Temperament abgibt, dem sich in einem erfolgreichen Leben die Leichtigkeit, mit der mütterliche Wärme und Nahrung herbeigerufen werden konnten, in den erstaunlichsten Parallelen und Abwandlungen wiederholt.

Der kindliche Glückszustand ist aber mehrfach bedroht. Biologische Bedürfnisse und das Verlangen nach Sicherheit machen das Menschenkind weitgehend vom Geschick und Verständnis seiner Umgebung abhängig. Als ein Mittel, die Erfüllung körperlicher Wünsche von der Umwelt zu erzwingen, beginnt das Kind den «Schrei» einzusetzen: Es entfaltet hierbei die erste «sprachliche Magie«, indem es dunkel und unbewußt die Macht empfindet, welche ihm durch sein Schreien über die bemutternde Person gegeben ist.

Auch hier wiederum werden seelische Haltungen eingeübt, die schicksalhaft sein können: Noch beim Erwachsenen finden sich Charakterzüge und Lebenseinstellungen, die an die Situation erinnern, wo durch einen Aufschrei Hilfe und Linderung von Spannungen erhalten wurde; viele depressive Menschen haben im späteren Leben dieses Verhaltensschema nicht abwerfen können, und ihre Lebensenttäuschung  – die bis zum Selbstmord führen kann  – basiert auf der unbewussten Erwartung, durch diffuse Unlustäußerung das Herbeieilen der Mutter erzwingen zu können.

Die Hilflosigkeit des Kindes ist eine der wichtigsten Quellen seiner seelischen und geistigen Entwicklung. Wie Adler schon aufgezeigt hat, ist dem Kinde seine Schwäche und Unvollkommenheit ein stark unlustbetontes Erlebnis: Alle seine Gedanken und Gefühle sind darauf ausgerichtet, die primäre Unbeholfenheit zu überwinden und aus der bedrückenden Situation der Kindheit einem Ideal von Größe, Geschicklichkeit, Unabhängigkeit und Freiheit zuzustreben.

Dieses Streben des Kindes entwickelt sich natürlich und normal, wenn es von seiten seiner mitmenschlichen Umgebung genügend Fürsorglichkeit, Wärme, Liebe und betreuende Sorgfalt empfängt  – wo dies nicht oder nicht ausreichend der Fall ist, entstehen seelische Deformationen, die der Ursprung von Charakterstörungen, sexuellen Verirrungen, Asozialität, Neurosen und Geisteskrankheiten sind.

Die Entstehung der Angst beim Kinde

Sullivan hat sich sehr ausgiebig mit der Psychologie der Angst beschäftigt, weil er in ihr den Schlüssel zu allen seelischen und geistigen Erkrankungen fand. Auch hier wieder ging er von der Situation des Kleinkindes aus. Da dieses durch «Gefühlsansteckung» oder «Einsfühlung» mit seiner Mutter verbunden ist, empfindet es deren Angst oder Feindseligkeit  – sofern etwa das Kind unerwünscht ist oder die Mutter durch eigenes eheliches Unglück ihre seelischen Spannungen und ihre Unausgeglichenheit auf das Kind überträgt  – unmittelbar und spontan: Es fühlt sich in der ersten Lebenszeit noch nicht abgesondert von seiner Umwelt und daher bedeutet ihm die von der Mutter induzierte Angst eine Art «kosmisches Ereignis» von dem es kein Entrinnen gibt.

Angst hat die allgemeine Wirkung, den Ablauf seelischer und körperlicher Prozesse empfindlich zu stören: So auch beim Säugling, der durch die Anwesenheit einer nervösen Mutter ängstlich wird und dadurch in der Regel die Angst der Mutter oder ihre Ungeduld provoziert, welche wiederum auf ihn zurückwirkt.

Man kann sich die Ausweglosigkeit der Angstempfindung beim kleinen Kinde nicht schlimm genug vorstellen: Die einzige Möglichkcit für das Kind, der dauernden Angst zu entrinnen, ist, in einen Zustand der Apathie und Regungslosigkeit zu verfallen; manche Kinder üben schon im ersten Lebensjahr dieses Verfahren ein und gehen auch als Erwachsene in jeder angespannten Situation in ein Dämmern und Träumen über, das man irrtümlicherweise als »angeborenes Phlegma» gedeutet hat. In Tat und Wahrheit handelt es sich um eine Methode der seelischen Spannungsvermeidung, welche in einer unglücklichen Kindheit erworben wird und im Alltagsleben, aber auch in neurotischen Zuständen und im Verhalten des Geisteskranken zu einer mehr oder minder dauernden Lebenseinstellung wird.

Angst bedeutet für das Kind nach Sullivan gleich viel wie für den Erwachsenen ein schmerzlicher Schlag auf den Kopf: Kein Wunder, wenn alle seelischen Kräfte sich darauf ausrichten, in Zukunft Angst zu vermeiden und Sicherheit zu erlangen.

Da die häufigste Quelle der Unlust und der Angst für das Menschenkind die Mißbilligung und das Mißfallen der Erwachsenen darstellen, gerät die ganze seelische Entwicklung unter deren stärksten Einfluß, indem das Kind alle jene Eigenschaften und Wesenszüge zu entwickeln trachtet, die bei seinen Eltern oder Erziehern Zustimmung und damit bei ihm Wohlbefinden und Angstfreiheit auslösen.

Dieser Grundzug der seelischen Entwicklung verkörpert sich bereits im kindlichen Selbst, welches nach Sullivan ein dynamisches System von Strebungen (und Vermeidungen) bedeutet, mit deren Hilfe sich das Kind in seiner Umwelt orientiert.

Das Selbst übt dann im ganzen späteren Leben die Funktion eines Mikroskopes aus: Es vergrößert einen Ausschnitt aus der Wirklichkeit und stellt ihn in den Vordergrund des Interesses, indes es weite Gebiete der Realität der Unaufmerksamkeit überantwortet; ähnlich muß auch der Mensch unter dem Eindruck elterlicher Reaktionen ganze Teile seines Wesens unterdrücken («abspalten»), damit er nicht der Angst vor Liebesverlust anheimfällt, die er nicht ertragen kann.

Es gibt natürlich auch Entwicklungen, wo das Kind geradezu jene Eigenarten ausbildet, die den Eltern missfallen: Auch hier ist aber die Angst der treibende Faktor. Es kann nämlich vorkommen, daß das Kind bei seinen Versuchen, die elterliche Liebe durch Zustimmung zu erlangen, immer wieder infolge unduldsamer, nervöser Erzieher auf angsteinflößende Abweisung stößt. Dabei bildet sich der Erfahrungszusammenhang heraus, daß soziales Handeln zur schrecklichen Qual der Angst und des Zurückgestossensein führt; der Weg, der dann dem kindlichen Streben zur Angstvermeidung offen steht, ist dann nur noch der asoziale, und  – so befremdlich es dem Laien klingen mag  – der Verbrecher hat häufig in seinem tiefsten Inneren eine aus ungünstigen Kindheitserlebnissen stammende, panische Angst, sozial zu handeln, weil dann sein Selbst und sein Wertsystem für ihn zusammenzubrechen scheinen.

Der Verbrecher ist für Sullivan wie für die Tiefenpsychologie seit ihren Anfängen ein Produkt unserer chaotischen Erziehung und unserer Gesellschaftsverhältnisse, die dem heranwachsenden Menschen eine derart falsche Lebenshaltung zwingend nahelegen.

Psychotherapeutische und kulturelle Konsequenzen

Nach Sullivan ist Angst der schlimmste Hemmschuh der intellektuellen Funktionen und auch ein Hindernis, Erfahrungen zu sammeln, durch die sie überwunden werden könnte. Unter dem Einfluß angsterfüllter Kindheitssituationen nimmt der Mensch eine gewisse seelische Starrheit an, die sein spontanes, schöpferisches Streben unterbindet und sein ganzes Leben mit der unproduktiven Aufgabe der Angstvermeidung ausfüllt.

Die Notlage besteht auch darin, daß die wichtigsten Erlebnisse in der Entwicklung der Persönlichkeit in einer Lebensphase stattfinden, wo das Kind noch nicht sprechen kann; demnach ist es auch nicht in der Lage, seine Erfahrungen deutlich zu akzentuieren und sie durch sprachlichen Erfahrungsaustausch korrigieren zu lassen.

Dieses «sprachlose Erleben» des Kindes nennt Sullivan «parataxisch», im Unterschied zum «syntaxischen», d. h. sprachlichen Erlebnis des Erwachsenen. Der sprachlich ungeformte Wurzelgrund unserer Erlebniswelt der der willentlichen und verstandesmäßigen Kontrolle größtenteils unzugänglich ist, bestimmt dann die «Erfahrungen», die wir im späteren Leben machen: Er ist sozusagen die unsichtbare Brille, durch die wir Glück und Unglück, Erfolg und Mißerfolg, vor allem aber den uns begegnenden Mitmenschen resp. unseren Lebenspartner unbewußt sehen.

Infolge dieser parataxischen «Verzerrungen« sieht jeder Mensch die «Wirklichkeit« mehr oder minder ungenau, und er wird um so mehr zu einer verzerrten, verschrobenen Welt- und Lebensansicht neigen, je angsterfüllter und sinnverwirrender seine frühe Kindheit verlaufen ist.

Die Konsequenz eines solchen Gesichtspunktes ist die alte Lehre der Philosophen, daß jeder Mensch in seiner eigenen Welt lebt (neben seinem Leben in der kollektiven, «offiziellen« Welt); hier jedoch nicht als resignierte Feststellung ausgesprochen, sondern als psychotherapeutische Anweisung: Nach Sullivan ist es die Aufgabe des Psychotherapeuten, durch «teilhabende Beobachtung» im Zusammensein mit seinem Gesprächspartner dessen falsche Lebensperspektiven «am eigenen Leibe» zu erfahren (denn sie wirken sich naturgemäß auch am Psychotherapeuten wie an jedem begegnenden Menschen aus) und wohlwollend und verständnisvoll zu korrigieren.

Diese Auffassung hat nicht nur die Neurosentherapie, sondern auch die Psychotherapie an schizophrenen Patienten außerordentlich gefördert. Sullivan ließ damit den Therapeuten aus der von der älteren Psychoanalyse irrtümlicherweise geforderten Reserve heraustreten, gab die orthodoxe «Diwanmethode» auf und beschrieb den psychotherapeutischen Prozeß als einen Modellfall menschlicher Beziehung, die den großen Vorteil der Angstvermeidung durch geschultes Verständnis des therapeutischen Partners hat.

Durch die Hinweise des Psychotherapeuten gelingt es den Patienten, von den Verzerrungen seines Blickwinkels und der durch Angst erzwungenen Einschränkung seines Gesichtskreises loszukommen, mit dem Erfolg, daß seine Liebesfähigkeit, seine Produktivität und seine mitmenschliche Beziehungsfähigkeit erstaunlich anwachsen.

Wie alle großen Pioniere der Tiefenpsychologie hat auch Sullivan die kulturelle Tragweite seiner Befunde hervorgehoben. Er machte bedeutsame Ansätze zu einer »Psychiatrie der Völker» und zeigte darin auf, wie die Menschheit in ihren Kindheitstagen unter dem Eindruck der unbewältigten Daseinsangst jene Verschrobenheiten ihres Gesichtsfeldes erwarb, welche innerhalb der wachsenden Kultur als nationalistische und rassische Verblendung, religiöse und soziale Unduldsamkeit, mangelhaftes gemeinschaftliches Verantwortungsgefühl in Wirtschaft und Politik, sinnloser Machtwahn usw. auftreten: Auch er hatte, wie vor ihm Sigmund Freud und Alfred Adler, die tiefe Überzeugung, dass die Tiefenpsychologie dazu berufen ist, einer kommenden Menschheit die sinnvolle Realitätsanpassung zu lehren und ihr neue und bessere Formen des Gemeinschaftslebens zu weisen.

Werke von H. S. Sullivan: 1. Conceptions of modern psychiatry, 1940. 2. The psychiatric Interview. 1954. 3. The interpersonal theory of psychiatry. 1953. 4. Clinical Studies in Psychiatry. 1956.

Der Artikel ist erstmals erschienen in der tiefenpsychologischen Monatszeitschrift “Psychologische Menschenkenntnis” 1965, S. 390  – 397, Publikationsorgan der Psychologischen Lehr- und Beratungsstelle Zürich, Leitung Friedrich Liebling.

USA, Psychologie, Erziehung, Familie, Kindesentwicklung, Persönlichkeitsentwicklung, Kindererziehung

  • Gelesen: 1986
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