Künstler gegen Krieg

Zufälligkeiten – zum Tod von Eduardo Galeano

von Wolf Gauer, Brasilien
Am 13. April verstarben die Schriftsteller Günter Grass und Eduardo Galeano, Grass in Lübeck, Galeano in Montevideo. In der BRD nationaler Medien-Hype und plumpe Nekrologe für Grass (Kulturstaatsministerin Monika Grütters: „gleich neben Goethe“), in ganz Lateinamerika Tränen und ungeschminkte Trauer um Galeano. Nobelpreisträger Grass schrieb fürs bürgerliche Publikum, Galeano war diesem ein Ärgernis. Grass-Lesern wird Galeano schwerlich fehlen, und Galeanos lateinamerikanische Leserschaft braucht keinen Günter Grass. Sie braucht Galeano; wir werden sehen warum.

Eduardo Germán Hughes Galeano (*1940) kam aus „guter Familie“, zog es aber vor, eigenen Impulsen zu folgen, unter anderem als Arbeiter, Schildermaler, Laufjunge, Drucker und Karikaturist. Seine sozialen Tauchversuche führten zur sozialistisch-pazifistischen Leitlinie eines Gesamtwerks von mehr als 40 Titeln. Frei vom Opportunismus des Literaturbetriebs, frei von sozialdemokratischem Flirt mit der Macht.

Galeano Eduardo

Galeano Eduardo

Die Laudatio anläßlich der Verleihung (2010) des Stig-Dagerman-Preises (ja, es gibt in Schweden auch ernstzunehmende Literaturpreise) ehrte Galeano als „ständig und unerschütterlich an der Seite der Verdammten“, als einen, der „sie anhört und ihr Zeugnis mittels Poesie, Journalismus, Prosa und Aktivität vermittelt“ (El Universal, 12.9.10, Übs. hier und alle ff. W.G.).

Doch erst die Universität von Havanna benannte Galeanos ureigenste Bedeutung als „Wiederhersteller des wirklichen kollektiven Gedächtnisses Südamerikas und Chronist seiner Zeit“ (Carta Maior, 25.4.15) und machte ihn zum Ehrendoktor (2001). Zahlreiche ähnliche Ehrungen sollten folgen.

Galeanos Analyse der ökonomischen und kulturellen Abhängigkeiten Lateinamerikas anhand der tatsächlichen historischen Verläufe hat das vom Imperialismus eingeimpfte Geschichtsbild seiner Menschen korrigiert und damit die Grundlage für legitime lateinamerikanische Bewußtseinsbildung geschaffen. Knapp und lakonisch vorgetragen in seinem weltweit anerkannten Hauptwerk „Die offenen Adern Lateinamerikas“ (1971).

Schon der erste Satz gibt den Duktus der konsequent materialistischen Geschichtsentwirrung vor: „Die internationale Arbeitsteilung besteht darin, daß die einen Länder sich aufs Gewinnen spezialisieren, die anderen aufs Verlieren. Unser Stück Welt, das wir heute Lateinamerika nennen, war frühreif: Es spezialisierte sich schon aufs Verlieren seit jenen alten Zeiten, da die Europäer der Renaissance über die Meere schaukelten und ihm die Zähne in den Hals gruben“ („Las Venas Abiertas de América Latina“, Coyoacán 2004).

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Wolf Gauer, lebt seit vielen Jahren in Brasilien.
Quelle: Erschienen in Ossietzky, Zweiwochenschrift für Politik, Kultur und Wirtschaft Heft 10/2015

Pro Memoriam: Harold Pinters Nobelpreisrede 2005 (Auszug)

Die größte Show der Welt
(…) Ich behaupte, die Vereinigten Staaten ziehen die größte Show der Welt ab, ganz ohne Zweifel. Brutal, gleichgültig, verächtlich und skrupellos, aber auch ausgesprochen clever. Als Handlungsreisende stehen sie ziemlich konkurrenzlos da, und ihr Verkaufsschlager heißt Eigenliebe. Ein echter Renner. Man muss nur all die amerikanischen Präsidenten im Fernsehen die Worte sagen hören: „das amerikanische Volk“, wie zum Beispiel in dem Satz:

„Ich sage dem amerikanischen Volk, es ist an der Zeit, zu beten und die Rechte des amerikanischen Volkes zu verteidigen, und ich bitte das amerikanische Volk, den Schritten ihres Präsidenten zu vertrauen, die er im Auftrag des amerikanischen Volkes unternehmen wird.“

Ein brillanter Trick.

Mit Hilfe der Sprache hält man das Denken in Schach. Mit den Worten „das amerikanische Volk“ wird ein wirklich luxuriöses Kissen zur Beruhigung gebildet. Denken ist überflüssig. Man muss sich nur ins Kissen fallen lassen. Möglicherweise erstickt das Kissen die eigene Intelligenz und das eigene Urteilsvermögen, aber es ist sehr bequem. Das gilt natürlich weder für die 40 Millionen Menschen, die unter der Armutsgrenze leben, noch für die 2 Millionen Männer und Frauen, die in dem riesigen Gulag von Gefängnissen eingesperrt sind, der sich über die Vereinigten Staaten erstreckt.

Den Vereinigten Staaten liegt nichts mehr am low intensity conflict. Sie sehen keine weitere Notwendigkeit, sich Zurückhaltung aufzuerlegen oder gar auf Umwegen ans Ziel zu kommen. Sie legen ihre Karten ganz ungeniert auf den Tisch. Sie scheren sich einen Dreck um die Vereinten Nationen, das Völkerrecht oder kritischen Dissens, den sie als machtlos und irrelevant betrachten. Sie haben sogar ein kleines, blökendes Lämmchen, das ihnen an einer Leine hinterher trottelt, das erbärmliche und abgeschlaffte Großbritannien.

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„Kunst, Wahrheit und Politik“ – Nobelpreis-Rede

„Kunst, Wahrheit und Politik“  – Nobelpreis-Rede

Rede (Videoaufzeichnung) des englischen Dramatikers und Dichters Harold Pinter anlässlich der Verleihung des Literaturnobelpreises in Stockholm. 12. Dezember 2005

von Harold Pinter

1958 schrieb ich folgendes

„Es gibt keine klaren Unterschiede zwischen dem, was wirklich und dem was unwirklich ist, genauso wenig wie zwischen dem, was wahr und dem was unwahr ist. Etwas ist nicht unbedingt entweder wahr oder unwahr; es kann beides sein, wahr und unwahr.“

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Ein Künstler für den Frieden – Theo Dannecker

Ein Künstler für den Frieden  – Theo Dannecker

Von: Madeleine Kuhn Baer

Bilder, Objekte und Installationen zum Thema «Frieden schaffen» hat der Konzeptkünstler Theo Dannecker in der reformierten Kirche Niederurnen gruppiert. (Im Dezember 2009)

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Konzeptkünstler Theo Dannecker in der Installation «Das Völkerrecht gilt für alle».

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In der Nacht des 23. April 1999 um 2:04 Uhr

In der Nacht des 23. April 1999 um 2:04 Uhr

von Rolf Becker

Zur genannten Zeit zerstörten Bomben der NATO den Belgrader Rundfunk- und Fernsehsender RTS (Radio-Televizija Srbije)  – punktgenau abgeworfen wie auf Brücken (Varvarin), Wasser- und Elektrizitätswerke, Automobil- und Chemiefabriken (Kragujevac, Novi Sad, Pancevo), Krankenhäuser, Schulen und Hochschulen, Wohnviertel, sogar auf den belebten Marktplatz von Nis  – die Liste liesse sich fortsetzen.

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