Alles sehen, trotz fehlender linker Hirnhälfte

Einem Mädchen fehlt die Hälfte des Gehirns, dennoch sieht es praktisch normal.

Frankfurt.  – Bei einem heute 10-jährigen Mädchen hat sich aufgrund einer Entwicklungsstörung im Mutterleib die rechte Grosshirnhälfte nicht ausgebildet. Trotzdem besitzt das Mädchen ein fast normales Sehvermögen, wie deutsche Forscher nun zeigen konnten («PNAS», online).

Die rechte Hirnhälfte der Patientin hat die Aufgaben der linken übernommen. «Der Fall, dass beim Menschen eine Hirnhälfte das gesamte Gesichtsfeld repräsentiert, wurde noch nie beschrieben», sagt Wolf Singer vom Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt.

Normalerweise erhält die linke Hirnhälfte nur Informationen aus dem rechten Gesichtsfeld  – also rechts von der Nasenspitze -, die rechte Hirnhälfte nur Informationen aus dem linken Gesichtsfeld. Bei dem Mädchen aber hat sich das Gehirn reorganisiert. In der linken Hirnhälfte werden visuelle Informationen aus dem gesamten Gesichtsfeld verarbeitet.

Die Neurobiologen vermuten, dass die Entwicklungsstörung etwa einen Monat nach der Befruchtung auftrat. «Zu so einem frühen Zeitpunkt während der Entwicklung kann sich das Gehirn neu organisieren und so selbst auf massive Störungen reagieren. Im Laufe des Lebens nimmt diese Fähigkeit zwar immer mehr ab, aber selbst im Erwachsenenalter kann es Schäden und Verletzungen oft zumindest abmildern», erklärt Singer. (TA)

Quelle: Tages-Anzeiger; 23.07.2009; Seite 24ges/Wissen

© Tages-Anzeiger

Wissenschaft, Medizin, Die soziale Natur des Menschen, Grundlagen, Hirnforschung

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