Fernsehen macht Kinder dumm

Fernsehen: Wichtig ist, was Kinder gucken /ddp

LONDON/SEATTLE/BALTIMORE. Ein hoher Fernsehkonsum im Kindesalter führt später zu schlechteren Schulabschlüssen und verhindert akademische Laufbahnen. Dies ergeben übereinstimmend drei Studien in den Archives of Pediatrics & Adolescent Medicine, wobei Editorialisten eine Ehrenrettung für die vielen „pädagogischen Sendungen“ versuchen.

Ein zu früher und zu häufiger Fernsehkonsum hat, da sind sich die Experten einig, einen negativen Einfluss auf die Gesundheit der Kinder. Denn der passive Fernsehkonsum verführt die Kinder zu körperlicher Inaktivität. Die American Academy of Pediatrics macht ihn für das Übergewicht und die Zunahme von Typ-2-Diabetes mellitus bei Kindern zumindest mitverantwortlich. Außerdem ist es durchaus plausibel, dass Kinder, die viel fernsehen, eher zu Aggressionen neigen, wenn man bedenkt, dass US-Kinder bis zum Abschluss der Grundschule im Durchschnitt 8 000 Morde gesehen haben. Außerdem neigen fernsehkonsumierende Kinder zur sexuellen Frühreife und kommen früher in Kontakt mit Alkohol, Tabak und anderen Drogen.

Der wissenschaftliche Beweis, dass häufiges Fernsehen nicht gerade zur Bildung beiträgt, fehlte bislang. Er wird jetzt überzeugend von Robert Hancox von der Universität Otago in Dunedin/Neuseeland erbracht. Dem Sozialmediziner ist es gelungen, 96 Prozent einer Kohorte von etwa tausend Kindern der Geburtsjahrgänge März 1972/73 erneut zu kontaktieren, um sie nach ihrer Berufsausbildung zu befrage.(Arch Pediatr Adolesc Med. 2005; 159: 614-618)

Die heute über 26-Jährigen waren im Alter von fünf, sieben, neun, elf, 13 und 15 Jahren nach ihren Fernsehgewohnheiten befragt worden. Ergebnis: Je mehr die Kinder fernsehen durften, desto größer war die Wahrscheinlichkeit, dass sie keinen Schulabschluss schafften. Jede Stunde mehr Fernsehen pro Woche erhöhte das Risiko um 43 Prozent (Risk Ratio 1,43; 95-Prozent-Konfidenzintervall 2,4-1,65). Entsprechend sanken die Chancen auf einen Universitätsabschluss pro Stunde Fernsehen um 25 Prozent (Risk Ratio 0,75; 0,67-0,85).

Dabei entschied, allerdings sehr vereinfacht ausgedrückt, der Fernsehkonsum im Kindesalter (fünf bis elf Jahren) darüber, ob die Kinder den Schulabschluss schafften, und der Fernsehkonsum im Teenageralter (13 bis 15 Jahre) beeinflusste die späteren akademischen Leistungen. Der Zusammenhang war unabhängig von der sozioökonomischen Schichtzugehörigkeit und davon, ob die Kinder Verhaltensauffälligkeiten zeigten. 

Ein gewisser Einfluss des Intelligenzquotienten (IQ) war erkennbar. Kindern mit hohem und sehr niedrigem IQ schadete das Fernsehen am wenigstens. Ob die „intelligenten“ Kinder eher die „pädagogisch wertwollen” Sendungen schauten, wurde nicht untersucht. Es scheint aber, dass Kinder mit einem mittleren IQ eher eine negative Prägung durch das Fernsehen erhalten. 

Vor diesem Hintergrund könnte ein Ratschlag darin bestehen, keine Fernseher im Kinderzimmer zuzulassen. Denn dies verführt die Kinder dazu, im Bett fernzusehen, was in einer Studie von Dina Borzekowski von der Johns Hopkins Bloomberg School of Public Health in Baltimore den wöchentlichen TV-Konsum von 10,7 auf 12,8 Stunden erhöhte (Arch Pediatr Adolesc Med. 2005; 159: 619-625). Kinder mit einem Fernseher im Kinderzimmer schnitten in den Mathe-, Lese- und Verständnistests deutlich schlechter ab. Das abendliche Fernsehen im Bett war für 24 Prozent der gefundenen Unterschiede verantwortlich. Wer seinen Kindern etwas Gutes antun möchte, sollte ihnen lieber einen Computer ins Kinderzimmer stellen. Kinder mit eigenem Rechner schnitten nämlich in der Studie in allen Tests am besten ab. 

Zu etwas differenzierteren Ergebnissen kommt die National Longitudinal Survey of Youth des US-Arbeitsministeriums, die seit dem Jahr 1986 mehr als 11 000 Kinder begleitet. Danach hat der Fernsehkonsum bei den Kindern im Alter bis drei Jahren ungünstige Auswirkungen. Im Alter von drei bis fünf Jahren führte der Fernsehkonsum jedoch zu besseren Ergebnissen im Lesen und im Kurzzeitgedächtnis. Das Leseverständnis und die mathematischen Leistungen blieben jedoch unbeeinflusst, wie Frederick Zimmerman und Dimitri Christakis von der Universität Seattle berichten (Arch Pediatr Adolesc Med. 2005;159:619-625). 

Im Editorial raten Ariel Chernin und Deborah Linebarger von der Universität von Pennsylvania in Philadelphia dazu, Inhalt und Kontext der Sendungen zu berücksichtigen. Die Frage, welche Sendungen für Kinder besonders geeignet sind, sei aber bisher viel zu wenig untersucht, beklagen die beiden Kommentatoren (Arch Pediatr Adolesc Med. 2005; 159: 687-689). Sie raten wie die meisten Experten den Eltern dazu, sich ein eigenes Bild zu machen, und sich die Sendungen zusammen mit den Kindern anzuschauen. /rme 

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