1 und 1 zusammenzählen – gerade als Mutter!

von Hemma Poledna, Wien

Die Weltlage ist bedrückend. Ein Krieg wird vorbereitet, in dem  – wenn es nicht zu verhindern gelingt  – unzählige Männer, Frauen und Kinder ihr Leben lassen müssen.

Die Regierungen der sich in Sicherheit wiegenden Länder der Welt sind in Militärpakte und Abkommen verwickelt, die sie ins Kriegsgeschehen hineinziehen werden, die einen schneller, die anderen langsamer.

Ein alter Mann, mit dem ich vor kurzem darüber sprach, meinte, dass ihn die politische Lage bei uns manchmal an die Dreissiger Jahre erinnern würde  – Inflation, viele Arbeitslose, die Vorbereitung eines Weltkrieges  – und dann deutete er auf eine Gruppe von Jugendlichen hinter uns, die mit Skateboards, walkmanverstopften Ohren und Plastikbehältern einer Fastfoodkette am Boden sass:

«Ich beneide Sie nicht, Sie müssen mit denen alt werden, mit diesen verspielten Fratzen  – was wollen Sie denn einmal mit denen anfangen?»

Ich dachte kurz daran, dass mein viereinhalbjähriger Sohn letzthin auf meine Bitte, mir einen Kübel zu bringen und auch noch eine Schaufel zu holen, antwortete:

«Nein, das kannst du doch holen.»

Oder auf die Bitte seiner Oma, noch ein zweites Mal mit der Schubkarre zu kommen, um etwas aus dem Gemüsegarten zu holen, meinte: «Nein, ich bin müde» und munter davonsprang, um mit seinen Geschwistern in Wasserlachen weiterzuplanschen.

Das fiel mir blitzartig ein, als ich mit dem alten Herrn über unsere Welt und dann über unsere Jugend sprach. Plötzlich beobachtete ich viele Begebenheiten: Kinder, die sich aufregen, wenn es zweimal hintereinander Kartoffeln gibt, Kinder, die selbstverständlich ihre Mutter herumschicken, um ihre Schuhe zu suchen, Kinder, die zu schreien beginnen, wenn man ihnen sagt, dass sie ihre Wasserflasche selber ein Stück des Weges tragen sollen, Kinder, die auf die Bitte, den Tisch zu decken, nur ein entschlossenes: «Nein, ich geh' spielen» parat haben, aber dann als erste essen wollen, Kinder, die, wenn sie etwas kaputt machen, sagen, dann kaufen wir einfach ein Neues … Und eben Mütter, die dabei mitmachen.

Warum eigentlich? Was ist mit uns Müttern los?

Ist es doch so, dass wir es im Zweifelsfall lieber haben, dass es schnell geht und nach unserem Plan? Haben wir zu wenig Zeit und Ausdauer, mit unseren Kindern auch durch schwierige Situationen zu gehen? Ist es vielleicht auch so, dass wir einfach zuwenig unseren Kindern abverlangen  – sind wir froh, wenn sie «sich beschäftigen und schön spielen»? Lösen wir die Probleme unserer Kinder lieber für sie, damit wir selbst nicht in unangenehme Situationen kommen? Oder fahren wir einfach einmal im Affekt drein, wenn es uns zu viel wird, und gehen mit schlechtem Gewissen in die nächste Situation? Ist es uns um des lieben Familienfriedens willen lieber, nichts zu wollen oder eben selber zu machen, nur um die oberflächliche Harmonie nicht durcheinander zu bringen? Oder sind wir als Kinder der satten Wirtschaftswunderjahre und der Vollbeschäftigung so ohne Bewusstsein darüber, was man im Leben für Fähigkeiten braucht? In besseren und in schlechteren Zeiten?

Kinder sind Kinder, und sie sollen es auch sein dürfen, mit Spiel, Freude, Schabernack und allem, was dazugehört. Aber sie sollen auch spontane Zupacker und freudige Arbeiter werden, die sich auch langwierigen Aufgaben mit Geduld und Ausdauer widmen können. Und vor allem möchten wir doch, dass sie als Mitmensch gerne Verantwortung im Leben übernehmen in besseren und vor allem in schlechteren Zeiten. Für viele Kinder auf unserer Erde sind die Zeiten sehr schlecht, sie sind von Tretminen zu Krüppeln verstümmelt, sie darben ohne medizinische Versorgung, sie haben ihre Eltern im Krieg verloren, sind vielleicht noch daneben gestanden, als diese starben, sie haben nichts zu essen oder kein sauberes Wasser zu trinken, sie frieren und haben kaum Kleider, sicher keine Spielsachen.

Das allein sollte uns Motivation genug sein, daran zu arbeiten, unsere Kinder realistisch ins Leben einzuführen und ihnen auch die Möglichkeit zu geben, Mitmensch zu werden, der vor der Welt nicht die Augen verschliesst und lieber spielen geht, anstatt für seinen Nächsten und Übernächsten etwas zu tun.

Quelle: Artikel 22: Zeit-Fragen Nr.44 vom 28. 10. 2002

Politik, Krieg, Erziehung, Ethik & Philosophie, Familie

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