«Den Berichterstattungen im Westen kann man nicht trauen»

Interview mit alt Nationalrat Luzi Stamm
Zeitgeschehen im Fokus - 8. 06. 2022
08. Juni 2022
«Meine Grunderkenntnisse von damals waren, dass man den Berichterstattungen im Westen nicht trauen kann. Das ist im Grunde genommen eine ungeheuerliche Erkenntnis. In meiner Jugend hätte ich es niemals für möglich gehalten, dass sich die Massenmedien  – bewusst oder unbewusst  – auf breiter Front in die Propagandamaschinerie einspannen lassen, die bestimmte Länder und ganze Regionen destabilisieren will.»
Luzi Stamm
alt Nationalrat Luzi Stamm (Bild zvg)
 
Während des Syrienkriegs wurden verschiedentlich Einrichtungen des IKRK angegriffen und beschädigt. Man hat damals schon nahezu reflexartig für alles den Russen die Schuld gegeben, ähnlich wie ihnen heute alles  angelastet wird, was in der Ukraine an Verletzungen des humanitären Völkerrechts geschieht. Sie sind der Sache nachgegangen und unter anderem 2018 nach Moskau gereist. Was haben Sie herausgefunden?

Alt Nationalrat Luzi Stamm In Syrien waren es bekanntlich diverse Länder, die Bombenangriffe flogen: Türkische, russische, israelische und iranische Flugzeuge waren im Einsatz, vielleicht sogar solche noch aus weiteren Nationen. Die Vorkommnisse schockierten mich derart, dass ich aufwändige Nachforschungen betrieb, wissend, dass mir als ehemaligem Präsidenten der Aussenpolitischen Kommission des Nationalrats viele Türen offen standen. 

Aus meiner Zeit in den USA wusste ich, welch hervorragende Beobachtungssatelliten nur schon die USA im All haben; der Chef der Mars-Mission der NASA ist ein sehr guter Freund von mir. Ich sagte mir, dass es nach gesundem Menschenverstand doch möglich sein sollte, die Quelle von Bombardierungen herauszufinden. Meine Nachforschungen haben mir gezeigt, dass meine Vermutung von Anfang an richtig war: Zumindest auf Geheimdienst-Ebene weiss man, wer wo welche Angriffe fliegt.

Sie sind für Ihre Recherchen in verschiedene Länder gereist. Wie waren dort die Reaktionen?

Ich war unter anderem in Teheran, in Moskau und in Washington. Wenn man mit den Aussenpolitikern in den betreffenden Ländern redet (oder übrigens auch mit deren Botschaftsvertretern hier in der Schweiz), so bringt das weitgehend Klarheit. Es gibt das wunderschöne und meines Erachtens auch zutreffende Sprichwort: «Die Wahrheit sieht man in den Augen.» Wenn man sich gut genug auf ein Gespräch vorbereitet und zum Beispiel vorgängig die Topographie der Gegend studiert, wo die Bombardierungen genau stattgefunden haben, dann kann man den Gesprächspartner mit unerwarteten Fragen konfrontieren (z.B. «Ja, aber vom Norden her können doch dort Flugzeuge gar nicht unbemerkt an der Fliegerabwehr vorbeifliegen?»). Wenn der Gesprächspartner dann ins Stottern gerät oder widersprüchlich Antwort gibt, dann weiss man Bescheid.

Was bedeuten die Erkenntnisse von damals für die heutigen Vorwürfe an die Adresse Russlands?

Meine Grunderkenntnisse von damals waren, dass man den Berichterstattungen im Westen nicht trauen kann. Das ist im Grunde genommen eine ungeheuerliche Erkenntnis. In meiner Jugend hätte ich es niemals für möglich gehalten, dass sich die Massenmedien   – bewusst oder unbewusst   – auf breiter Front in die Propagandamaschinerie einspannen lassen, die bestimmte Länder und ganze Regionen destabilisieren will. Die Tricks sind bekannt: «False flag operations», also «Aktionen unter falscher Flagge» sind so alt wie die Menschheit. Greueltaten können ebenso hemmungslos wie wirksam dem Gegner untergeschoben werden. Wer Frauen und Kinder umbringt, kann dies in der Uniform des Gegners tun; damit weckt er (begreiflicherweise) weltweit die Wut auf den Gegner.

Kann man auf den jetzigen Ukraine-Konflikt bezogen sagen, dass z. B. Angriffe auf zivile Einrichtungen, einfach den Russen in die Schuhe geschoben werden, auch wenn man eigentlich andere Informationen hätte?

Mir muss ja niemand erzählen, dass es bei der heutigen Weltraumtechnologie für den Westen nicht möglich sei, sofort zu sehen, von welchem Flugplatz aus Angriffe gestartet werden bzw. worden sind. Es können dann zwar schon noch komplizierte Fragen offen bleiben, die aber in den westlichen Medien diskutiert werden müssten. Am Beispiel von Syrien habe ich gelernt: Es kann durchaus sein, dass Zeugen am Boden bestätigen, dass russische Flugzeuge die Bomben abgeworfen hätten. Dabei muss man aber unbedingt auch die hinterhältige Möglichkeit im Auge behalten, dass die wirklichen Angreifer die Flugzeuge umgespritzt respektive mit russischen Farben bemalt haben (eine bekannte Taktik, um bei der Bevölkerung den Eindruck zu erwecken, dass sie von jemand anderem bombardiert werden). Es könnten also im Falle von Syrien im grenznahen Bereich auch türkische Bomber oder sogar solche aus anderen Nationen gewesen sein, die nur deshalb bombardiert haben, um den Hass gegen Assad und die Russen zu schüren. Ein krasses Beispiel aus Syrien ist auch, wie schnell man den damaligen schrecklichen Gift-Angriff Assad in die Schuhe geschoben hatte (ohne seriöse vorgängige Abklärungen).

Warum ist unsere Landesregierung nicht fähig, solche Überlegungen einzubeziehen, bevor sie sich ungeprüft auf die Seite der Ukraine stellt?

Das frage ich mich auch. Der Vietnam-Krieg, der Irak-Krieg, der Bosnien-Krieg haben mit «false-flag-operations» begonnen. Umso mehr ist respektive war die bisherige Politik der Schweiz, immer neutral zu bleiben, ein Segen. Wir wissen viel zu wenig, wer genau wann weshalb die Stabilität der Ukraine torpediert hat. Und noch immer interessiert es im Westen kaum jemanden, welches die wahren Hintergründe des jetzigen Ukraine-Kriegs sind. Geschichtlich scheinen die Verantwortlichen im Westen   – inklusive Kreise in Bundesbern   – nicht zu wissen, dass vor dem Zusammenbruch der UdSSR die Krim schon vor der Ukraine selbständig war. Wir dürfen nicht Stellung beziehen, wenn sich Russland und die Ukraine über Fragen in der Ost-Ukraine in die Haare geraten sind. Es ist ein schwerer Fehler, wenn wir ausgerechnet bei der zentralen Frage der aufkommenden Spannungen zwischen Ost und West die Neutralität aufgeben.

Wie könnte man die Landesregierung auf den Boden der Realität zurückholen, um unser Land wieder als unabhängigen Staat zu präsentieren und nicht als ein Anhängsel der USA?

Mein Vater pflegte nach meinem zweijährigen USA-Aufenthalt zu sagen: «Du bist mehr Kalifornier als Schweizer». Ich bin auch heute noch immer ein grosser Freund der Amerikaner. Aber was Washington in den letzten 30 Jahren geboten hat, ist völlig daneben   – auch gegenüber der Schweiz. Unser Land hat sich schon in den 90er-Jahren von den USA erpressen lassen, und der Bundesrat zeigt auch heute viel zu wenig Rückgrat. Er hätte schon längst auf den Tisch klopfen und dezidiert sagen müssen, dass wir uns nicht instrumentalisieren lassen. Man muss sich einmal vorstellen, welchen Mut es vor 1945 gebraucht hat, neutral zu bleiben, als unser Land in hoffnungslos scheinender Lage von den braunen Achsen-Mächten umzingelt war. Und heute knicken wir jedes Mal ein, wenn jemand von aussen Druck auf uns ausübt; z.B. wenn wir genötigt werden, das Bankgeheimnis aufzugeben oder unsere Steuerpraxis derjenigen der USA anzupassen.

Ich kann nur fordern: Zurück zur Neutralität. Zurück zu den Grundwerten, für die unser Land weltweit bewundert worden ist.

Herr alt Nationalrat Stamm, ich danke Ihnen für das Gespräch.

Interview Thomas Kaiser - 8. Juni 2022

Luzi Stamm
Luzi Stamm ist ein Schweizer Politiker. Von 1991 bis 2019 war er Nationalrat.

Quelle: https://zeitgeschehen-im-fokus.ch/de/newspaper-ausgabe/nr-10-vom-8-juni-2022.html#article_1369

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