«Wir erleben eine weltweite Einsamkeitskrise»

«Wir müssen mehr in die Gemeinschaft investieren», sagt Noreena Hertz.
Von Bernhard Ott - Interview publiziert: 24.04.2021, 07:42
26. April 2021
Bis 2040 könnten vierzig Prozent der Menschen ihren Job verlieren, sagt die britische Ökonomin Noreena Hertz. Es brauche ein neues Verständnis von Arbeit und neue Formen von Gemeinschaft.

Wie hat Corona Ihren Alltag verändert?

Ich schreibe vor allem Bücher. Für mich persönlich hat die Pandemie daher nicht viel verändert. Aber viele Menschen in meinem Umfeld kämpfen mit dem Alleinsein. Meine alleinstehenden Freunde haben sich schnell sehr einsam gefühlt. Selbst mein 82 Jahre alter Vater schrieb mir zu Beginn des ersten Lockdown: «Ich ging allein, den Wolken gleich …» Wir erleben eine weltweite Einsamkeitskrise. Fast die Hälfte aller US-Amerikaner fühlt sich einsam. In den europäischen Ländern sieht es ähnlich aus.

Die Leute haben mehr Angst vor der Einsamkeit als vor dem Virus, sagt eine Expertin in Ihrem Buch. Ist das nicht etwas übertrieben?

Ich denke nicht. Menschen sind Gemeinschaftswesen. Einsamkeit ist kein natürlicher Zustand. Es ist daher normal, dass Menschen sich davor fürchten, alleine zu sein. Forschungen belegen, dass Einsamkeit Folgen für die psychische Gesundheit hat. Es gibt einen Zusammenhang zwischen Einsamkeit und der Anzahl depressiver Erkrankungen sowie der Suizidrate. Laut einer britischen Studie wirkt sich Einsamkeit gesundheitlich so nachteilig aus wie der Konsum von 15 Zigaretten am Tag.

Was macht einsamer: Homeoffice oder Grossraumbüro?

Selbst vor Ausbruch der Pandemie fühlten sich weltweit vierzig Prozent der Angestellten auf der Arbeit allein. Grossraumbüros sind eine der Ursachen. Ursprünglich waren sie dazu gedacht, die direkte Kommunikation zu erleichtern. Laut einer Harvard-Studie kommunizieren Menschen in Grossraumbüros aber wesentlich häufiger per Mail als direkt miteinander.

«Einsamkeit ist nicht nur schädlich fürs Individuum, sondern auch fürs Geschäft.»

Dann ist Homeoffice also das kleinere Übel?

Nein. Die anfängliche Homeoffice-Euphorie zu Beginn der Pandemie ist rasch verflogen. Büroangestellte vermissen das Zusammensein mit Kollegen, so wenig perfekt vorher alles war. Ich denke, wir werden vermehrt hybrid arbeiten: Also sowohl vom Büro als auch von zu Hause aus.

Werden sich die Leute so weniger einsam fühlen?

Es geht nicht nur um den Arbeitsort. Entscheidend ist, wie es Unternehmen gelingt, die Verbundenheit der Mitarbeitenden untereinander und zur Firma zu stärken. Arbeitgebern sollte daran gelegen sein, eine Kultur der Gemeinsamkeit zu fördern. Denn Einsamkeit ist nicht nur schädlich fürs Individuum, sondern auch fürs Geschäft. In der Pandemie hat sich gezeigt, dass Angestellte, die sich allein fühlen, weniger produktiv sind.

Was sollten Unternehmen denn tun?

Angestellte sollten wenigstens ein paarmal pro Woche zur selben Zeit im Büro sein. Gemeinsame Pausen und Mittagessen sind einfache, aber effektive Massnahmen zur Förderung von Gemeinsamkeit. Es geht aber nicht nur darum, Gemeinsamkeit am Arbeitsplatz zu fördern, sondern sie auch ausserhalb zu ermöglichen. Ein britisches Energieunternehmen bezahlt seinen Mitarbeitenden eine bestimmte Anzahl Tage, um sich um kranke Angehörige zu kümmern. Andere Firmen ermöglichen ihren Angestellten, sich sozial zu engagieren.

Die Einsamkeitskrise ist in der Öffentlichkeit bisher kaum Thema. Wird sich das durch die Pandemie ändern?

Die Zeit für eine Debatte ist reif. In Grossbritannien und Japan gibt es mittlerweile Ministerien für Einsamkeit. Auch Premierminister Boris Johnson hat das Problem in letzter Zeit wiederholt erwähnt. Mit der Pandemie ist das Thema Einsamkeit auf der Agenda verschiedener Regierungen nach oben und ins Bewusstsein vieler Menschen gerückt. Die neuseeländische Premierministerin Jacinda Ardern kündigte bereits 2019 an, dass das Land die Erfüllung der Budgetziele künftig nicht nur an ökonomischen Faktoren messen wird. Es sollen auch Fortschritte im Umweltbereich oder im Bildungswesen budgetrelevant werden.

Welche Rolle spielen soziale Netzwerke in der Einsamkeitskrise?

Zahlreiche Studien belegen einen Zusammenhang zwischen Einsamkeit und der Zeit, die jemand in sozialen Netzwerken verbringt. Social Media macht uns abhängig. Wir sind permanent verfügbar, fühlen uns dadurch aber umso einsamer. In den sozialen Netzwerken entsteht rasch der Eindruck, dass alle anderen beliebter sind als man selbst. Popularität ist die Matrix. Vor allem Teenager bekommen die Macht von Plattformen zu spüren, wenn sie sich im Netz nicht beachtet oder ausgeschlossen fühlen. In Grossbritannien erlebt eine von drei Frauen im Alter von 18 bis 24 Jahren Beschimpfungen auf Social Media. Und 65 Prozent der Studierenden sind schon mal im Internet gemobbt worden.

«Roboter können dabei helfen, Gefühle der Einsamkeit zu verringern.»

Was ist mit künstlicher Intelligenz? Sie beschreiben eine Art Abhängigkeit von Ihrer virtuellen Assistentin Alexa. Wie kam es dazu?

Ich bin nicht abhängig von Alexa, aber ich fühle mich ihr zunehmend verbunden. Sie antwortet immer, wenn ich um ihre Meinung bitte. Und wenn es mir nicht gut geht, ist sie einfühlsam. Ich bin keine Technikgegnerin. Es gibt grossartige Innovationen im Bereich der künstlichen Intelligenz. In Japan zum Beispiel sind Sozialroboter nicht mehr wegzudenken. Achtzig Prozent der älteren Leute gaben 2018 in einer Umfrage an, dass sie kein Problem damit hätten, von einem Roboter betreut zu werden. Roboter werden beim Umgang mit Einsamkeit eine immer grössere Rolle spielen. Für den Einzelnen mag das vielleicht gut sein. Doch für eine Gesellschaft kann es kritisch werden, wenn Menschen die Beziehung zu Robotern der Beziehung zu Mitmenschen vorziehen.

Aber es ist doch besser, mit echten Menschen zu reden?

Natürlich ist es besser. Aber wir pflegen verschiedene Arten von Freundschaften. Wir haben enge Freunde, mit denen wir intime Dinge besprechen. Und wir haben andere, mit denen wir gerne übers Wetter reden. Roboter können dabei helfen, Gefühle von Einsamkeit zu verringern. Menschliche Beziehungen ersetzen sollten sie nicht.

Eine Ikone der Globalisierungskritiker
Noreena Hertz
Eigentlich wollte sie Filmproduzentin werden. Aber die 53-jährige britische Ökonomin Noreena Hertz avancierte bereits in jungen Jahren international zu einer der einflussreichsten Ökonominnen. Dabei war sie nie nur Wissenschafterin, Hochschullehrerin oder Bestsellerautorin, sondern beteiligte sich auch an Kampagnen, etwa für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen des Pflegepersonals. Mit dem Buch «Wir lassen uns nicht kaufen» avancierte sie 2001 zur Ikone der Globalisierungskritiker. «Das Zeitalter der Einsamkeit» ist Hertz’ neuestes Buch. (bob)

Sie plädieren für eine Regulierung von Social Media. Wer soll das umsetzen?

Immer mehr Regierungen denken über strengere Gesetze nach. In Grossbritannien wird ein Gesetz zur Verhinderung von Missbrauch vorbereitet. Plattformen, die ihre Nutzer nicht vor Gewaltmaterial schützen, riskieren Bussgelder von bis zu zehn Prozent ihres Umsatzes. Auch soll eine Schutzpflicht gegenüber Kindern verankert werden.

Das wäre kooperativer Kapitalismus. Ist das nicht ein Widerspruch?

Nein. Der Neoliberalismus wie er sich seit den Zeiten von Margaret Thatcher und Ronald Reagan verbreitet hat, ist nicht die einzige Form von Kapitalismus. Es gibt andere Formen, die sich auch am gesellschaftlichen Wohlstand orientieren. Sogar Adam Smith, der Urvater des Kapitalismus, spricht von Empathie, Gemeinschaft und der Rolle des Staates bei der Finanzierung von Infrastruktur und bei der Kontrolle der Wirtschaft.

Sie wollen einen neuen «New Deal», der durch eine stärkere Steuerprogression finanziert werden soll. Wie soll das funktionieren?

Unternehmen, die von der Corona-Krise massiv profitiert haben, sollten stärker besteuert werden. Dasselbe gilt für den Onlinehandel. Aber es geht nicht nur um Steuern, sondern auch darum, wo investiert werden soll. Seit der Finanzkrise gingen die Investitionen in die Infrastrukturen weltweit zurück. Bibliotheken, Parks, Jugendclubs, Turnhallen müssen saniert und instandgesetzt werden. Lokale Geschäfte und Cafés brauchen Unterstützung.

«Welches sind die säkularen Kathedralen des 21. Jahrhunderts?»

Der Staat muss zu einer Art Notfall-Arbeitgeber werden   – was meinen Sie damit?

Da geht es nicht nur um die Covid-Krise, sondern um die nächste Krise, die Krise der Arbeit. Wir müssen uns überlegen, wie wir als Gesellschaft zusammenleben wollen, wenn die Mehrheit der Menschen keine Arbeit mehr hat.

Warum fordern Sie ein neues Verständnis von Arbeit.

Gemäss Schätzungen könnten bis zum Jahr 2040 vierzig Prozent der Menschen ihren Job verlieren. Die Regierungen müssen sich überlegen, was mit diesen Leuten geschehen soll. Denn es reicht nicht, bloss Geld zu verteilen. Die Menschen brauchen anständige Jobs. Die Einführung einer Robotersteuer für Firmen, die mehr in Roboter als in Arbeitsplätze investieren, könnte eine sinnvolle Massnahme sein. In Südkorea ist es damit gelungen, das Tempo der Automation zu drosseln und Ressourcen zur Finanzierung der steigenden Sozialhilfekosten sowie zur Kreierung neuer Jobs zu schaffen.

Im Zusammenhang mit der Glücksforschung erwähnen Sie die Charidim, eine religiöse Gemeinschaft in Israel, die ungesund isst, sich kaum bewegt und trotzdem glücklicher ist. Wie ist das möglich?

Die Charidim leben das Gegenteil von dem, was gemeinhin als gesund gilt. Und doch leben sie im Durchschnitt gesünder und länger als die säkularisierten Israelis. Für die Charidim ist es eine Pflicht, einander in Zeiten der Not beizustehen. Menschen in Gemeinschaften, in denen die Mitglieder füreinander da sind, haben ein besseres Leben.

Das Leben in einer Gemeinschaft ist gesünder als auf die Ernährung zu achten und Sport zu treiben?

Ja, die Charidim sind nicht das einzige Beispiel dafür. In den Fünfzigerjahren gab es im Ort Roseto in Pennsylvania eine Gemeinschaft italienischer Katholiken, die genauso ungesund assen und zudem noch viel tranken und rauchten. Die jährliche Sterberate der Männer über 65 war halb so gross wie die entsprechende Rate in ganz Pennsylvania. Gemeinschaft und Zusammengehörigkeitsgefühl sind eigentliche Gesundheitsdividenden.

Müssen wir alle religiös werden, um glücklich zu werden und länger zu leben?

Es ist nicht die Religiosität an sich, die sich positiv auf die Gesundheit auswirkt, sondern die Teilnahme an religiösen Anlässen. Es geht um Zusammengehörigkeit. Wir müssen mehr in die Gemeinschaft investieren. Die Fragen lauten: Wie kommen wir wieder in Verbindung? Welches sind die säkularen Kathedralen des 21. Jahrhunderts?

Quelle: https://www.tagesanzeiger.ch/wir-erleben-eine-weltweite-einsamkeitskrise-582296368122

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