Rudolf Hänsel: Wie geht es Ingo? Oder: Wie wird man Mitmensch? - Ein Dank an meinen Lehrer

Eine faszinierend vielschichtige Lektion in Mitmenschlichkeit
Von Michael Ricklin*
06. Oktober 2021
Es handelt sich um ein eindrückliches schmales Büchlein, das  – schnell gelesen  – bei Leserinnen und Lesern doch einen tiefen Eindruck zu hinterlassen vermag.

So bewegend schildert der auf die Anfänge seiner Lehrerlaufbahn zurückblickende längst pensionierte frühere Lehrer und Schulleiter Dr. Rudolf Hänsel sein pädagogisches Schlüsselerlebnis mit einem für ihn zunächst unverständlichen 'schwierigen' Schüler. Ingo ist ein Junge, der ihn herausfordert, ihn buchstäblich an seinem schwachen Punkt packt, ihn in seinem Prestige infrage stellt und Gefühlsreaktionen der Gewalt in ihm hochkommen lässt: ablehnende Gefühle, autoritäre Strenge, Bereitschaft zum Machtkampf.

Wir erfahren von den Unsicherheitsgefühlen des Junglehrers in Ausbildung, der uns zugleich von seinem eigenen Schülersein erzählt   – in der Beziehung zu seinem wichtigsten Lehrer: Bei Friedrich Liebling, an dessen Psychologischer Lehr- und Beratungsstelle (aus welcher die Zürcher Schule für Psychotherapie hervorging) hatte Hänsel in den 1970er-Jahren Gelegenheit, Einblick in Grundfragen der Psychologie und Pädagogik zu gewinnen.
 
Die Kernbotschaft des in gefühlvoller Sprache gestalteten Textes: Nur ein Lehrer, dem es gelingt, sich mit seinen Schülern zu befreunden, der gerade beim ‚schwierigen‘ Schüler, der ihm ‚auf die Nerven geht‘, sich nicht in einen Machtkampf verstrickt, sondern eine wohlwollende, ja versöhnliche Haltung zu bewahren vermag, kann seine Schülerinnen und Schüler wirklich ‚gewinnen‘ und auf gewaltfreier Grundlage echte Beziehungen mit ihnen knüpfen.

Wie Liebling, der selbst die Anfänge der Tiefenpsychologie im Wien der 1920er-Jahre miterlebte und tief durchdrungen war besonders von Alfred Adlers Individualpsychologie, seinerseits seinem 'schwierigen Schüler' Hänsel diesen Weg der Gewaltlosigkeit und der Versöhnung mit dem Schüler Ingo gezeigt hat, das muss man schon selbst nachlesen, wenn man sich berühren lassen will von dieser faszinierend vielschichtigen Lektion in Mitmenschlichkeit.

Rudolf Hänsel: Wie geht es Ingo? Oder: Wie wird man Mitmensch? Ein Dank an meinen Lehrer

Buch Wie geht es Ingo
Ingo: «Ich fühle mich von den Lehrern nicht verstanden. Zum Beispiel, wenn ich irgendwie da so komisch sitze und ich fühl‘ mich irgendwie nicht wohl, da es vielleicht aus irgendeinem Grund kommt, und der Lehrer fängt an: ‚Mensch, jetzt beteilige dich doch mal hier dran!‘ Und ich sage: ‚Mensch, wenn es Ihnen jetzt mal so ging wie mir oder so!‘ ‚Ach komm, so schlimm kann es doch gar nicht sein, das und das…‘ Mich quält dann ziemlich, wenn ein Lehrer ankommt und sagt: ‚Komm, so schlimm kann es nicht sein.‘ Ich habe eben oft Angst vor schlechten Noten, oder wenn ich mal eine 5 geschrieben habe, denke ich immer daran, dass ich sie zuhause vorzeigen muss. Also, ich kriege dann keine Prügel oder so, aber ich habe eben doch Schiss davor. Und da hilft mir keiner dabei. Der Lehrer sagt nur: ‚Komm, so schlimm kann es doch gar nicht sein…“ Aber vielleicht hat er eben keine Ahnung.»

44 Seiten, 21x21 cm, ISBN 978-86-7432-116-4, Gornji Milanovac (Serbien)
*Dr. phil. Michael Ricklin ist Psychologe und Psychotherapeut in Zürich.

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