Was kann der Bürger im Konflikt zwischen dem «Westen» und Russland tun?

Was kann der Bürger im Konflikt zwischen dem «Westen» und Russland tun?

von Karl-Jürgen Müller*

Ein Blick auf die Wortmeldungen zur Ukraine, zu Russland und zum «Westen» in den vergangenen Wochen hat erneut gezeigt, dass es grosse Unterschiede zwischen der veröffentlichten Meinung und der Meinung der Bürger gibt. Es gibt viele Anzeichen dafür, dass der westliche Kampagnenjournalismus gegen die russische Politik und insbesondere gegen den russischen Präsidenten allzu offensichtlich war und nur wenig Glaubwürdigkeit besass. Die Kommentare und Berichte waren doch allzu einseitig und unausgewogen und blendeten dabei zu viele Tatsachen aus, denen sich viele Bürger aber bewusst sind.

Wie die politische Auseinandersetzung weitergehen wird, kann an dieser Stelle nicht vorhergesagt werden. Auch kann hier nicht mit Sicherheit gesagt werden, welche Taktiken und Strategien in den kommenden Wochen und Monaten verfolgt werden und worauf das alles hinausläuft. Was alles in den regierungsnahen Denkfabriken gedacht und in Konzeptionen ausformuliert wird, welche Pläne schon gemacht wurden, über die wir aber nicht informiert werden, wie welche Einflussgruppen Einfluss zu nehmen versuchen, mit welchen Manövern wir als Bürger es zu tun haben werden  – das entzieht sich bislang der Kenntnis der meisten Menschen und ist wohl auch bezeichnend für einen geschichtlichen Prozess, in dem die Hauptakteure mittendrin drin stehen und von ganz unterschiedlichen Zielen ausgehen.

Muss der Bürger deshalb tatenlos zuschauen? Nein, das muss er nicht.

Auszug aus einem Leserbrief, der am 17. März in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» erschienen ist. Der Leser bezieht sich auf ein Titelbild der Zeitung, auf der verschiedene Anstecknadeln abgebildet waren und das folgende Bildunterschrift trug: «Krimskrams: Anstecknadeln auf dem Simferopoler Markt aus der Sowjetzeit, als für Putin die Welt noch in Ordnung war.» Und er schreibt unter anderem dazu: «Ich musste mich nicht fragen, was die des Deutschen kundigen Russen beim Anblick des Bildes empfinden würden  – Empörung, Zorn oder gar Schlimmeres. Den Deutschen sagen die Namen auf den Abzeichen nichts, und sie bedeuten ihnen auch nichts.

Anders für die Russen: Der Name Nachimow, der legendäre Admiral im Krimkrieg (1853 –1856); Borodino, das russische Dorf, bei dem die Russen Napoleon das Fürchten lehrten; Bogdan Chmelnizkij, der Kosakenhetman, der die Ukraine 1654 in das russische Reich integrierte, aber auch das Akronym CCCP, das berühmte Flugzeug und das berühmte Kriegsschiff  – alles das sind Namen, die jedem Russen bekannt und heilig sind, ebenso heilig wie den Deutschen die Namen Blücher, Wallenstein, Königsgrätz, Paulskirche, Freiherr von Stein, Scharnhorst, Humboldt. Die Namen auf Ihrem Foto bilden bis heute Kristallisationspunkte der russischen nationalen Identität […] Mit einer Verächtlichmachung russischer Heiligtümer tun wir unsererseits ein Übriges, die Kluft zwischen uns und den Russen noch tiefer zu machen.»

Der Leserbriefschreiber hat einen russischen Vornamen, und deshalb sei ihm verziehen, dass er das Bewusstsein für das Wertvolle in der Geschichte speziell in Deutschland überschätzt. Würde man auf der Strasse Passanten nach den von ihm genannten Namen und Begriffen fragen, so wüssten die meisten wohl gar nichts damit anzufangen.

Nur ein Beispiel: Es gibt sie noch, deutsche Hochschullehrer, die mit wissenschaftlicher Akribie und Leidenschaft auf Persönlichkeiten deutscher Geschichte hinweisen, an die es sich zu erinnern lohnen würde. Klaus Hornung ist ein solcher Wissenschaftler. Er hat noch einmal versucht, in dritter Auflage und bei einem neuen Verlag, an die Zeit und an das Leben und Wirken Gerhard von Scharnhorsts zu erinnern. Bislang blieb die Neuauflage ohne Beachtung. Sie wird totgeschwiegen. Man sagt: Das interessiert doch niemanden mehr. So gehen wir Deutschen mit den Besten unserer Geschichte und unserer Wissenschaften um. Aber das nur nebenbei.

Oder vielleicht nicht nur nebenbei. Vielleicht ist die eigene mentale Geschichtslosigkeit ein Grund dafür, warum wir in Deutschland, wir im «Westen» keine Empathie für das ausgeprägte Kultur- und Geschichtsbewusstsein anderer Länder und Völker mehr aufbringen können. In Situationen wie der gegenwärtigen kann das fatale Folgen haben.

Manch einer wird sich vielleicht noch an seinen Geschichtsunterricht erinnern und an die Kriegspropaganda aller Seiten vor und bei Beginn des Ersten Weltkriegs. In Deutschland gab es eine Abbildung mit dem Titel «Vergleichende Übersicht über die Grösse der Gemeinheit unserer Feinde».

Die grösste Person war ein russischer Soldat mit Säbel, Gewehr, Pelzmütze und einer Flasche Wodka in der Hand. Das war 1914. 52 Jahre später vor dem Halbfinalspiel bei der Fussball-Weltmeisterschaft in England: Da spielte die deutsche gegen die sowjetische Mannschaft und die deutsche «Bild-Zeitung» titelte. «Auch der Iwan ist zu schlagen». Vorurteile sitzen tief und werden ständig transportiert. Wozu soll das gut sein?

In der Fernsehsendung des Westdeutschen Rundfunks, «Hart aber fair» vom 17. März, hat ein russischer Journalist, dem ein aus einer Rede herausgegriffenes Zitat des russischen Präsidenten vorgehalten wurde, geantwortet, es sei wenig sinnvoll, ein aus dem Zusammenhang herausgerissenes Zitat zu präsentieren, das nichts über das tatsächliche Denken des Präsidenten aussagt. Sofort unterbrach ihn der Moderator der Sendung: «Wir machen das hier nicht wie früher die ‹Prawda›, dass wir Reden russischer Politiker seitenlang zitieren.» Was soll diese Polemik?

Der namhafte Journalist und Publizist Peter Scholl-Latour hat geschrieben: «Wir leben in einem Zeitalter der Massenverblödung, besonders der medialen Massenverblödung. Wenn Sie sich einmal anschauen, wie einseitig die hiesigen Medien, von TAZ bis Welt, über die Ereignisse in der Ukraine berichten, dann kann man wirklich von einer Desinformation im grossen Stil berichten.»

Erhard Eppler, der grosse alte Mann der SPD, hat geschrieben: «Der Westen sollte Wladimir Putin nicht verteufeln, sondern sein Verhalten in der Ukraine-Krise zu verstehen versuchen. Kein russischer Präsident würde geduldig dabei zusehen, wie eine eindeutig antirussische Regierung in Kiew versucht, die Ukraine in Richtung Nato zu führen. In der ukrainischen Regierung sitzen nun Rechtsradikale. Bei uns redet aber niemand darüber.»

Das haben auch viele Bürger so erkannt. Aber es geht um mehr. Eigentlich steht jeder Bürger in einer Demokratie und in einer Welt, die so sehr zusammengewachsen ist, vor der Aufgabe, sich seine eigene Geschichte und Kultur, die Werte seines Landes und der Menschen in seinem Land zu vergegenwärtigen, dann aber auch auf der Grundlage eines eigenen soliden Fundaments andere Völker und Kulturen zu verstehen. Das setzt Bildung voraus, die heute gezielt abgebaut wird. Auch hier die Frage: Wozu soll das gut sein?

Es ist kein Makel, wenn ich als Bürger bislang nur wenig über ein Land wie Russland weiss. Woher sollte ich es auch wissen, wo doch niemand in den Massenmedien und kaum jemand an unseren Schulen und Hochschulen darum bemüht ist, dabei mitzuhelfen.

Aber trotzdem kann ich ab sofort was tun. Ich kann innehalten und vorsichtig werden, sobald ich auch nur den Hauch einer Unsachlichkeit spüre. Und das spürt man! Und ich kann mir vornehmen, mit dem Studium anzufangen. Ich lasse es doch nicht zu, dass in dieser Welt neue Fronten und Feindbilder aufgebaut werden und der Zugang zur anderen Kultur, zur Geschichte und zu den Werten anderer Völker, zum anderen Menschen versperrt wird.

*Karl-Jürgen Müller ist Mitarbeiter der Schweizer Wochenzeitung «Zeit-Fragen».

Ukraine, Medien, Politik, Demokratie, Russland, Krim-Krise, Politik & Wirtschaft, Völkerrecht

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