Zum Problem der Ehescheidungen

Friedrich Liebling
Zürich
Die Zahl der Ehescheidungen hat ein Ausmaß angenommen, das weithin beunruhigend wirkt; die Statistik gibt an, daß etwa ein Viertel aller Ehen geschieden wird.

Scheidungsraten 2014 05 06

Scheidungsrate Schweiz 2010: 51%, Deutschland: 49%

Diese Zahl läßt uns ungefähr abschätzen, in wieviel Partnerschaften schwerwiegende bis unlösbare Probleme aufzutreten scheinen; es ist selbstverständlich, daß nicht nur die Scheidungsehen problematisch sind, sondern daß auch in jenen Verbindungen, die aus irgendwelchen Gründen eine Trennung vermeiden, große Dissonanzen bestehen, die zwar nicht zur Auflösung der Ehe, aber dennoch zu unsäglichem Leid und zu Verstrickungen führen können.

Diese allgemeine Übersicht belehrt uns darüber, daß das Scheidungsproblem größte sozialhygienische und psychologische Bedeutung besitzt: man muß sich im klaren darüber sein, daß die «kranken Ehen» einen psychischen Gefahrenherd darstellen, in dessen Einflußbereich nicht nur die beteiligten Partner, sondern auch die Kinder und Außenstehende fallen.

 

Über die Problematik des «Scheidungskindes» gibt es aufschlußreiche Studien, die generell darauf hinweisen, daß Kinder aus geschiedenen Ehen mit größeren Entwicklungsschwierigkeiten zu rechnen haben. Darüber hinaus ist es wohl klar, daß im Interesse aller Beteiligten die gesunde und harmonische Ehe das wünschenswerte Ideal bedeutet: unglückliche und geschiedene Ehen sind ein Merkzeichen einer sozialen Unzulänglichkeit, zu deren Besserung nicht die Resignation, sondern die gründliche Abklärung führen kann.

Die Ehenot unserer Zeit wird wohl verschiedene Ursachen haben, auf die man im Rahmen einer knappen Betrachtung nicht umfassend eingehen kann. Es spielen hier sicherlich soziale, ökonomische, politische und weltanschauliche Faktoren eine Rolle; die Wandlungen des Lebensstils, die sich auch in anderen Lebensbereichen zeigen, haben auch auf die Ehe ihren mehr oder minder bestimmbaren Einfluß.

In vielen zeitkritischen Betrachtungen werden in etwas oberflächlicher Weise der «Materialismus» unseres Zeitalters und die «Schnellebigkeit unserer Epoche» angeschuldigt; von katholischer Seite wird häufig die sakramentale Unauflöslichkeit der Ehe, die der Protestantismus beiseite geschoben hat, als ein Heilmittel angegeben.

Wie imner man über religiöse Dogmen denken mag, scheint es doch offensichtlich, daß mit einer Erschwerung oder Verunmöglichung der Scheidung die Schwierigkeiten nicht überwunden werden können: wer Einblick in sogenannte «Scheidungsehen» gewinnt, wird angesichts der darin herrschenden Krisenstimmungen das dogmatische Scheidungsverbot kaum bejahen können.

Die Lehre vom Ehesakrament übersieht leichthin, daß auch die Ehen, die «im Himmel geschlossen werden», zur Hölle für die Beteiligten ausarten könnten.

So wie in allen anderen Sphären ist auch bei der Partnerwahl der Irrtum durchaus möglich: es ist nicht unbedingt human, auf Grund eines allgemeinen Gesetzes oder einer Glaubensüberzeugung einen Menschen zu zwingen, an einem Irrtum festhalten zu müssen. Daher glauben wir kaum, daß der Scheidungsnot durch Wiederbelebung des Unauflöslichkeitsdogmas abgeholfen werden könnte.

Das Recht zur Ehescheidung ist im gewissen Sinne auch eines der demokratischen Grundrechte, ausgehend von der Lehre der Souveränität der menschlichen Persönlichkeit, welche die Demokratie mit guten Gründen über den Dogmatismus jeglicher Observanz stellt.

Der psychologische Aspekt

In diesem Zusammenhang sei aus den vielen Untersuchungen über die moderne Ehemisere vor allem der psychologische Aspekt herausgegriffen, der sich hauptsächlich in der psychologischen Beratungspraxis deutlich macht. Der Psychotherapeut hat wie kaum ein anderer die Gelegenheit, Eheprobleme in ihren feinsten und verborgensten Beziehungen zu studieren.

Fast jeder seelisch irritierte Mensch führt auch eine «schwierige Ehe»; aber auch der sogenannte «Gesunde» hat im Eheleben seelische Anpassungsschwierigkeiten, die ihn zum Psychotherapeuten führen, der häufig durch das psychologische Gespräch mit beiden Partnern die Ursachen wechselseitigen Mißverstehens aufdecken kann.

Die psychologische Beratung ist uns deshalb ein unschätzbares Hilfsmittel zum Verständnis der Ehenot: sie stützt sich nicht auf allgemeine Betrachtungen über den Zeitgeist, nicht auf moralisierende Kritik an echten oder eingebildeten Mängeln der menschlichen Natur, sondern auf die empirischen Befunde, die aus der therapeutischen Teilnahme an unglücklichen und leidenden Menschen erwachsen.

Daher sollte der psychologische Gesichtspunkt besondere Beachtung finden; er ist unseres Erachtens dazu berufen, die Situation der Ehekonflikte entscheidend zu klären und auch die Wege aufzuzeigen, die eine wirksame Scheidungsprophylaxe beschreiten muß.

Fast alle in Scheidung stehenden Menschen vertreten die Ansicht, ihr Partner sei für sie nicht geeignet. Die beiden Beteiligten haben in der Regel eine Liste von Klagen und Anklagen, durch die sie zu belegen glauben, wie sehr ihnen der andere Unrecht getan hat.

Die erste Vermutung, die sich dem unbefangenen Betrachter beim Anhören beider Teile eines Ehekonfliktes aufdrängt, ist wohl die, daß tatsächlich der Zufall oder das «Schicksal» zwei disparate Menschen zusammengeführt hat. Vor allem in akuten Streitsituationen kann man Ausbrüche des Negativismus in bezug auf den Partner erleben, die das Nichtzueinanderpassen fast eindeutig zu dokumentieren scheinen.

Wer auf die Äußerungen von Streitenden abstellt, wird wohl selten objektive Informationen erhalten. Das gilt sicher auch für die in Dauerzwist ausgeartete Ehe, bei der die Beteiligten ein Bild von ihrem Partner haben, das der gespannten und oft unerträglichen Lage angemessen ist.

Sobald man an einem Menschen leidet, ist es fast nicht zu vermeiden, daß unser Blick vor allem auf seine Untugenden und Fehler gelenkt wird: die in Scheidungsnöten befindlichen Partner entwerfen ein nur einseitiges Bild ihrer «Beziehungsperson», das durch die Erfahrungen einer gescheiterten Ehe getrübt und verunstaltet ist.

Erst wenn es gelingt, das wechselseitige Ressentiment für die psychologische Abklärung einstweilig zu suspendieren, kann man Einblick in die reale Gefühlshaltung der Eheleute zueinander gewinnen: fast immer ergibt sich hierbei, daß hinter Abneigung, Haß und Negativismus noch starke Gefühlsbindungen bestehen, die eine Sympathiebrücke bedeuten, die am Beginn der Ehe das verbindende Element war und selbst noch bei schweren Zerrüttungen  – zumindest teilweise oder unbewußt  – bestehen geblieben ist.

Die psychologische Erfahrung lehrt, daß es nur in selteneren Fällen die falsche Partnerwahl ist, die letztlich zur Ehescheidung führt. Gewiß ist die Wahl eines Partners ein äußerst schweres und problematisches Unterfangen; dies gilt nicht nur für die Jungverheirateten, sondern auch für ältere und gereiftere Menschen, selbst für solche, die schon einmal und mehrere Male verheiratet waren.

Da die Liebe heftige Affekte und Emotionen zu mobilisieren pflegt, ist man nur selten imstande, in ihrem Bereich mit Vernunft und Logik zu handeln: Entschlüsse und Entscheidungen werden von unbewußten Gefühlen beeinflußt, so daß jedermann im Stadium der Verliebtheit mit partikulärer Blindheit rechnen muß.

Unklare Sehnsüchte, Wünsche und Hoffnungen bestimmen das Bild, das man sich vom Partner macht: sehr oft heiratet man nicht den «realen Partner», sondern ein Traumbild, das man sich nach eigenen psychischen Bedürfnissen zurechtgelegt hat.

Ungeachtet dieses Umstandes ist es immer wieder überraschend, daß die Partnerwahl zumeist vom psychologischen Standpunkt aus nicht in die Irre geht: unwillkürlich wählen die Menschen einen Partner, der hinsichtlich des geistigen Niveaus, der emotionellen Aktivität und der Weltanschauung zu ihnen paßt; die Komplikationen, die sich hernach einstellen, haben andere Ursprünge als den «Irrtum der Wahl», wie sich bei genauer psychologischer Analyse sozusagen immer nachweisen läßt.

Der oben erwähnte Dynamismus zwischen dem erträumten und dem realen Partner weist uns allerdings darauf hin, daß man die Erfolgsaussichten einer Ehe wesentlich verbessern könnte, wenn sich die beiden Partner schon von Anfang an über ihre charakterlichen Eigenheiten im klaren wären.

Eine solche Klärung wäre ohne weiteres zu erzielen, wenn jedes Paar, das den Entschluß zur Gemeinschaftsbildung gefaßt hat, in wenigen Aussprachen mit einem Psychologen und Eheberater Aufschluß über die Charakterstruktur der Beteiligten suchen würde; mit den Hilfsmitteln der Tiefenpsychologie ist es heute möglich, durch das psychologische Gespräch in Kürze die Feinheiten und Verletzlichkeiten einer Persönlichkeit ans Licht zu heben, wobei sich die Selbsterkenntnis einer Schwäche ebensosehr als psychischer Gesundheitsschutz auswirkt wie etwa das Wissen des Partners, in welchen Punkten er auf den anderen Rücksicht nehmen muß.

Der Umstand, daß die Partnerschaft in psychologischer Hinsicht wohl die schwierigste Aufgabe darstellt, die der Mensch in seinem Leben zu bewältigen hat, läßt es durchaus als sinnvoll erscheinen, daß man mit einer sorgfältigen Vorbereitung daran herantritt: dies ist der Sinn der von der Tiefenpsychologie empfohlenen psychologischen Aussprache vor der Ehe, die häufig manchen Konfliktstoff im voraus beseitigt, der sich später zu katastrophaler Belastung auswachsen kann.

Es darf an dieser Stelle angemerkt werden, daß bei vielen Menschen heute bereits ein Wissen darum besteht, daß die Partnerwahl einiger Kautelen (Vorsichtsmassnahmen) bedarf: viele wenden sich deshalb vor der Eheschließung an den Graphologen, um auf Grund eines vergleichenden Partnerschaftsgutachtens die Übereinstimmung oder Diskrepanz der Charaktere beurteilen zu lassen.

Vor einer solchen Beurteilung muß entschieden gewarnt werden: die Graphologie ist unseres Erachtens nicht imstande, entscheidende Aufschlüsse über eine Partnerschaftsproblematik zu geben, da ihr  – selbst bei sehr guten Graphologen, die äußerst selten sind  – die psychischen Zusammenhänge (Werdegang, Konfliktlage, äußere Umstände) für eine eindeutige Diagnose fehlen. Auch ist das Schriftbild so vieldeutig, daß immer wieder Fehlschlüsse vorkommen können: die psychologische Beratung ist hier sehr im Vorteil, da sie mit dem zu Beratenden in mehrfachen Aussprachen alle Aspekte seines Denkens, Fühlens und Erlebens sorgfältig abklären kann.

Ursachen der Ehekonflikte

Wenn nun die Partnerwahl meistens psychologisch richtig ausfällt, woher kommt dann der akute oder chronische Ehekonflikt, der die Zuneigung der Partner so massiv erschüttert, daß die Auflösung der Ehe so oft erwogen oder sogar durchgeführt wird?

Die Gründe für das Auseinanderleben in der Ehe sind sehr mannigfaltig und erschließen sich nur einer psychologischen Analyse, welche die Dynamik menschlicher Gefühle und Charaktereigenschaften eingehend berücksichtigt: wie bereits erwähnt, spielen innerhalb der Eheführung unbewußte Gefühlsregungen die entscheidende Rolle; eine mit größter Liebe und Zuneigung begonnene Ehe fällt bald in den Einflußbereich «unbewußter Projektionen», die den Partner respektive sein Bild mit den Resten unverarbeiteter Kindheitserlebnisse behaften und alle seine Regungen und Handlungen mehr oder minder mißdeuten können.

Zu diesem Problem seien hier einige psychologische Erläuterungen gegeben. Die Tiefenpsychologie hat bekanntlich entdeckt, daß die Charakterstruktur eines Menschen durch seine Erlebnisse und Eindrücke in der Kindheit determiniert ist. Die Familienatmosphäre und die erzieherische Haltung der Eltern bestimmen weitgehend die Charakterbildung des Kindes; sie formen einen psychischen Horizont, der frühzeitig dem Kinde eine bestimmte Haltung gegenüber sich selbst und den Mitmenschen nahelegt.

Die sich später entwickelnden Charakterzüge entspringen einer Grundeinstellung, die aus der Familiensituation erwachsen ist und größtenteils unbewußt bleibt. In diesem Sinne sind Charaktereigenschaften nicht etwas Angeborenes und Unveränderliches, sondern lediglich der Niederschlag zahlloser Kindheitserlebnisse, wobei vor allem die Persönlichkeit der Eltern und ihr erzieherisches Verhalten die größte Prägekraft besitzen.

Es gilt heute als sichergestellt, daß der Werdegang der kindlichen Lebenseinstellung bereits im vorschulpflichtigen Alter zu einem gewissen Abschluß gelangt: es bildet sich eine Meinung über sich selbst und die Mitmenschen, die als eine Art Grundkonzept das bewußte und unbewußte Erleben bestimmt.

Die Charaktereigenschaften fügen sich sinnvoll diesem «Gesamtentwurf» ein: sie sind fast als Mittel zum Zweck zu betrachten, durch die eine Persönlichkeit ihr Selbstwertgefühl zu sichern trachtet.

Der in der Kindheit entstandene Charakter hat eine erstaunliche Konstanz: dies erklärt sich daraus, daß jeder seine Umwelt so erlebt, wie er es in der Kindheit im Familienkreise gelernt hat. Der Mangel an Selbsterkenntnis führt dann in der Regel dazu, daß man alle Erfahrungen derart auswertet, bis sie in das Grundschema der Persönlichkeit passen: so kommt es, daß nur wenige Menschen aus ihren Erfahrungen lernen und die meisten ihre Fehler häufig wiederholen.

In der Partnerwahl und in der Ehe zeigt dieser Mechanismus weitreichende Folgen. Jeder der beiden Partner bringt aus seinen Kindheitsvoraussetzungen charakterliche Dispositionen mit, über die er sich kaum Rechenschaft ablegen kann. So erwartet er mehr oder minder unbewußt, daß der andere auf seine Gefühlsbedürfnisse eingeht, ohne aber selber fähig sein zu können, die eigenen Engen und Einseitigkeiten zu erkennen und zu überwinden.

Als ein Beispiel für vieles sei das für viele Ehen destruktive Problem der Eifersucht genannt: der Eifersüchtige ist nach der psychologischen Erfahrung ein Mensch, der in seiner Kindheit unter vermeintlicher oder realer Zurücksetzung gelitten hat.

Ein bevorzugtes Geschwister oder andere traumatische Situationen legen solchen Menschen frühzeitig nahe, eifersüchtige Gefühle auszubilden; sobald dann im späteren Leben eine Partnerschaft eingegangen wird, ist die Bereitschaft zur Eifersucht stets latent, da sie in den Kinderjahren in die Charakerstruktur aufgenommen worden ist; der Schatten eines Verdachtes mag genügen, daß der Eifersüchtige in Mißtrauen gerät und aus unverstandenen Gefühlsregungen dazu übergeht, seinen Partner zu kontrollieren und sich seiner «bemächtigen» zu wollen.

Ein anderes Beispiel ist etwa dadurch gegeben, daß ein Mensch in seiner Kindheit in einem verwöhnenden Milieu aufgewachsen ist. Ohne daß er sich dessen bewußt ist, erwartet er von seiner Ehe die Fortsetzung der kindlichen Verzärtelung: daraus kann äußerste Empfindlichkeit gegenüber dem Partner resultieren, wobei oft kleinste Versagungen bereits als Lieblosigkeit gewertet werden.

Wenn man die Geschichte entzweiter Ehen eingehend studiert, erkennt man zumeist, daß das «Auseinanderleben» mit unsäglichen Bagatellen und Mißverständnissen anfing: da der Mangel an Selbsterkenntnis auf beiden Seiten klärende Aussprachen und versöhnliches Überbrücken der Gegensätzlichkeiten verunmöglicht, wachsen sich die Bagatellen zu tiefgreifenden Meinungsverschiedenheiten aus, die zur gegenseitigen Entfremdung führen.

In anderen Fällen wiederum haben viele Menschen aus dem Vorbild der elterlichen Ehe gelernt, Gegensätzlichkeiten in verletzendem Tone auszutragen; die sich bald nach der Eheschließung mit Notwendigkeit einstellenden Unterschiede des Geschmacks und der Ansichten werden daher nicht in einem kompromißbereiten Geiste erörtert, sondern autoritativ und im Gefühle des Gekränkt- und Beleidigtseins behandelt: die sich daraus ergebenden Entgleisungen verhindern beide Teile, «einzulenken», und das verletzte Ehrgefühl und Prestige läßt beiderseits ein Nachgeben nicht mehr zu.

Es ist tragisch, festzustellen, daß derartige «Kleinigkeiten», die von beiden Partnern so gerne gemieden würden, nach einem «schlechten Anfang» zwangsläufig wiederkehren und sich im Laufe der Zeit zu steigern pflegen, bis die Ehe daran zerbricht: der Psychologe findet dann hinter wechselseitiger Abneigung und Lieblosigkeit die «gekränkte Eigenliebe», die sich stolz und unglücklich von einem Partner isoliert, den man im Grunde des Herzens immer noch liebt.

Für die Einrichtung von Eheschulen

Es wäre gar nicht allzuschwer, diesen unglücklichen Dynamismus zu unterbrechen, wenn es gelingt, den Partnern mehr Selbsterkenntnis und Erkenntnis des anderen zu vermitteln. Wiewohl sich die meisten für gute Menschenkenner halten und auch ihre Schwächen und Unzulänglichkeiten zu kennen glauben, ist es in dieser Hinsicht um uns alle schlecht bestellt: da die Tiefenpsychologie immer wieder zeigen kann, wie sehr auch intelligenteste Menschen in den Netzen ihrer Selbstbezogenheit gefangen sind, muß sie stets darauf hinweisen, daß für das Anliegen der Selbst- und Fremderkenntnis die Hilfe des Fachmannes notwendig ist.

Es ist aussichtslos, wenn die in Ehenot Befindlichen durch eigene Aussprachen zur Klärung kommen wollen; kaum je wird hierdurch aller Konfliktstoff weggeräumt, wobei in vielen Fällen die Aussprache selbst neue Gegensätzlichkeiten zutage fördert. Die dabei auftauchende «Schuldfrage» (gemäß welcher jeder Beteiligte an die Schuld des anderen glaubt) trägt auch nichts dazu bei, den Gegensatz zu überbrücken; erst der objektiv urteilende Fachmann kann entscheiden, wo und wieweit die beiden Streitenden im Recht sind. Es ergibt sich fast gesetzmäßig, daß jeweils beide Partner recht und unrecht haben: dies in den Einzelheiten festzustellen und für die Betroffenen annehmbar zu machen ist eine große Kunst, die an den Psychologen und Eheberater größte Anforderungen stellt.

Nun sind aber die psychologischen Aussprachen, wie sehr sie auch für die Scheidungsprophylaxe wünschbar wären, infolge der großen Inanspruchnahme der nicht zahlreichen qualifizierten Psychotherapeuten mit akuten neurotischen Fällen auf breiterer Basis undurchführbar.

Dagegen wäre die Einrichtung von Eheschulen, in denen Verlobte und Ehepaare in Vorträgen und seminaristischen Kursen in die Erkenntnisse der modernen Psychologie in bezug auf die Eheführung eingeführt würden, im Bereiche der Möglichkeit. Die Realisierung einer solchen Institution, die sich zweifelsohne auf die gravierende Ehenot segensreich auswirken würde, sollte von gemeinnützigen Organisationen wie auch von staatlicher Seite an die Hand genommen werden.

Friedrich Liebling

Friedrich Liebling

Friedrich Liebling (1893  – 1982) war Gründer und Leiter der Psychologischen Lehr- und Beratungsstelle Zürich, auch “Zürcher Schule für Psychotherapie” genannt, sowie Herausgeber der Monatszeitschrift “Psychologische Menschenkenntnis."

Tags: Psychologie, Familie, Ehe

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Quelle: “Psychologische Menschenkenntnis”, Heft 1, Juli 1964, S. 2 - 8
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