Von diesem Psychologen wäre heute viel zu lernen

Alfred Adler, der Begründer der Individualpsychologie, steht zu Unrecht im Schatten von Freud und Jung. Er hat den Einzelnen als Teil der Gesellschaft untersucht und das Verhältnis zwischen Arzt und Patient überdacht.
Von Wolfgang Taus*
NZZ-Feuilleton 15.01.2020, 05.30 Uhr
Neben Sigmund Freud und C. G. Jung gehörte auch der in Wien geborene Alfred Adler (1870 –1937) zu den zentralen Säulen der modernen Psychologie. Gegen Ende seines Lebens, Mitte der 1930er Jahre, war seine Berühmtheit so gross, dass er in einem Atemzug mit Albert Einstein genannt wurde. Während Einstein das Universum vermessen habe, sei dem Genie Adler etwas noch Wichtigeres gelungen: die «Kartierung der menschlichen Seele», schreibt der Literaturwissenschaftler Alexander Kluy in seiner tiefgreifenden Biografie über den Begründer der Individualpsychologie.

Alfred Adler Kluy Vermessung
 Alexander Kluy: Alfred Adler. Die Vermessung der menschlichen Psyche. Biografie. Deutsche Verlags-Anstalt, 2019. 432S., Fr. 39.90.

Alfred Adler entstammte einer jüdischen Familie und wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf, absolvierte aber dennoch ein Medizinstudium. Die Briefe Freuds an Adler zeigen, dass sich die beiden mindestens seit Anfang 1899 kannten. In der Folge wurde der vierzehn Jahre jüngere Adler zum Mitstreiter Freuds in Wien und eines der ersten Mitglieder der 1902 ins Leben gerufenen «Mittwoch-Gesellschaft». Er avancierte zu einem tragenden Mitglied dieser interdisziplinären Disputationsgesellschaft und versäumte während neun Jahren kaum eines ihrer Treffen an der Wiener Burggasse.

Adler beschäftigte sich intensiv mit der von Sigmund Freud begründeten Psychoanalyse, stellte sich aber immer stärker in Opposition zu seinem Lehrer, der damals von vielen «Jüngern» als neuer «Messias» betrachtet wurde. Adler sah den Menschen nicht als isoliertes Individuum, sondern als Teil der Gesellschaft an, weshalb das menschliche Verhalten ganz wesentlich von der Gesellschaft geprägt sei.

Anders als Freud glaubte Alfred Adler auch nicht, dass Störungen der kindlichen Sexualität die Ursache seelischer Probleme im Erwachsenenalter darstellten. Vielmehr vermutete er dahinter Minderwertigkeitskomplexe bzw. einen übersteigerten Geltungstrieb infolge missglückter Anpassung an die Gemeinschaft. Laut Adler sind Frauen und Männer von Natur aus gleichwertig; Freuds eher patriarchalisches Menschenbild kritisierte er deshalb scharf. 1911 kam es denn auch zum schmerzlichen inhaltlichen Bruch zwischen Adler und Freud.

Mechanismen der Abwertung

Adlers Sichtweise wirkt bis heute fort. 2006 meinte etwa der österreichisch-amerikanische Neurologe Eric Kandel im Sinne Adlers, dass biologische Evolution im Grunde eine kulturelle Evolution sei. Die Aktivierung der genetischen Substanz durch soziale Faktoren mache sämtliche Körperfunktionen für soziale Einflüsse empfänglich. Und Adlers Theorien der Psyche seien bedeutsam für zersplitternde Gesellschaften, in denen sich Auflösungsprozesse vollziehen und sich Neopuritanismus, Neorassismus und alter Hass hochschaukeln, hält der Autor fest.

Adler hat als einer der Ersten verstanden und benannt, dass der Mensch infolge faktischer oder empfundener Unzulänglichkeit und eines Mangels an Selbstachtung die Tendenz entwickelt, sich durch Abwertung anderer selbst aufzuwerten. Bei einer Gruppe, die über längere Zeit hinweg als nicht gleichwertig oder explizit als minderwertig behandelt worden ist, würden sich diese Gefühle intensivieren und zu Kompensation führen, in Ausweichmanöver münden, um Selbstzweifel und Infragestellungen zu neutralisieren.

Diese Einsichten führten zu einem Paradigmenwechsel: zur «psychosomatischen Medizin». Krankheitssymptome wurden nunmehr als Rebellion des Organismus gewertet, Neurosen etwa erschienen als Macht- und als Geltungsproblem. Adlers Fokus lag auf der «Demokratisierung des Arzt-Patienten-Verhältnisses» und der Aufwertung der Mitverantwortung des Patienten für seine Genesung. «Die Couch ist gewissermassen abgeschafft», schreibt Kluy. Patienten und Behandler sitzen sich gegenüber, Auge in Auge.

«Die Menschen so anzunehmen, wie sie sind, und sie dort abzuholen, wo sie stehen»  –

so fasst der Autor Adlers Mantra zusammen. Nur auf diese Weise konnte in seinen Augen eine

«lebensnahe Psychoanalyse» erreicht werden, die es ermöglicht, den Einzelnen aus seiner individuellen Lebenswelt heraus zu verstehen. Begriffe wie «Gemeinschaftsgefühl» oder «Persönlichkeitsideal», die in den allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen sind, stammen von Adler.

Verzerrte Überlieferung

Trotzdem ist von Adlers Werk nicht viel Originalmaterial erhalten geblieben. Adler pflegte Korrespondenzen nach deren Beantwortung wegzuwerfen. Da er aber unablässig neue Kontakte knüpfte und Freundschaften schloss, entstand eine Fülle von Anekdoten über ihn. Einiges wurde dabei auch falsch wiedergegeben oder durch den Blick seiner Kontrahenten verzerrt: Anders als oft behauptet, hat weder Sigmund Freud noch C.G. Jung den Begriff «Minderwertigkeitskomplex» erfunden. Es war vielmehr Adler, der dieses Wort schuf.

Alexander Kluy beleuchtet anhand von erstmals veröffentlichten Archivfunden eingehend das schillernde Leben jenes grossen Psychologen, der zu Unrecht im Schatten der beiden anderen Grössen steht. Alfred Adler hielt auch zahlreiche Vorträge an Volkshochschulen und richtete die ersten Erziehungsberatungsstellen ein.

Vor dem Hintergrund des Aufstiegs von Hitler in Deutschland und des Machtzuwachses faschistischer Strömungen in Europa übersiedelte Adler 1934 in die USA, wo er schon seit 1926 eine Gastprofessur an der Columbia University innehatte und seit 1932 am Long Island College unterrichtete. Trotzdem unternahm er weiterhin Vortragsreisen nach Europa. Auf einer solchen Reise starb Adler 1937 in Schottland im Alter von 67 Jahren an Herzversagen.

Quelle: https://www.nzz.ch/feuilleton/alfred-adler-der-psychologe-in-der-biografie-von-alexander-kluy-ld.1532766

Wolfgang Taus
*Mag. Dr. Wolfgang Taus (geb. 1964)

1984-1988 Studium Zeitgeschichte/Politologie(Diplom) sowie Parallelstudium Publizistik/Kommunikationswissenschaft und Philosophie jeweils an der Universität Wien; 1989-1992 Doktoratsstudium zum Thema „Außen- und Sicherheitspolitik von BRD und DDR bis zur Vereinigung“ an der Universität Wien; 1989-1992 Dokumentations-Redakteur im ORF; 1992-1993 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Strategische Forschung an der Landesverteidigungsakademie (LVAk) in Wien; 1993-1994 stv. Chefredakteur der Österreichischen Militärischen Zeitschrift (ÖMZ); 1994-2004 Redakteur im ORF u.a. in der „Wochenschau“; seit 2004 Wissenschaftsjournalist u.a. für die Neue Zürcher Zeitung, den Rheinischen Merkur, die Wiener Zeitung, das Österreichische Jahrbuch für Politik, die ÖMZ.

Bei Interesse an Analysen und Kommentaren von mir bzw. Lektorierungsarbeiten (deutsche und englischsprachige Texte), bitte wenden Sie sich an mich: office@wolfgang-taus.com

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alexander kluy
Alexander Kluy (geboren 1966) wuchs dort auf, wo die Schweiz an Österreich und Deutschland stößt. Er studierte Literaturwissenschaften, arbeitete im Verlagswesen und lebt heute als Journalist und Autor in München. Er ist regelmäßiger Mitarbeiter zahlreicher deutscher, österreichischer und Schweizer Zeitungen und Zeitschriften und schrieb Bücher über Wien, den Bodensee und das jüdische München.

Psychologie, Bücher, Bildung, Kindererziehung, Psychiatrie

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