22. Juni 2021: Von Tätern, Opfern und Kollaborateuren (II)

Die Ukraine ehrt NS-Kollaborateure, die heute vor 80 Jahren am Überfall auf die Sowjetunion teilnahmen und Massaker an Jüdinnen und Juden verübten.
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22. Juni 2021

BERLIN/KIEW (Eigener Bericht) - Während heute international des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion vor 80 Jahren gedacht wird, erfahren in der Ukraine Kollaborateure, die an der Seite der Deutschen den Vernichtungskrieg führten, staatliche Ehrungen. Bei ihnen handelt es sich vor allem um die Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) sowie ihren Führer Stepan Bandera und um die aus ihrem Milieu entstandene Ukrainische Aufstandsarmee (UPA). OUN-Milizen stießen am 22. Juni 1941 gemeinsam mit der Wehrmacht und Truppen mehrerer kollaborierender Staaten auf sowjetisches Territorium vor und verübten dort neben deutschen Einheiten zahllose Massaker an der jüdischen Bevölkerung. Alleine in Lwiw (vormals Lemberg) wurden binnen kürzester Zeit 4.000 Jüdinnen und Juden ermordet. Das Parlament in Kiew hat die OUN zu "Kämpfern für die ukrainische Unabhängigkeit" erklärt. Ein Regierungserlass verlangt, in den Schulen der Ukraine ihren "Patriotismus" und ihre "hohe Moral" zu ehren. Der Gründungstag der UPA ist seit 2015 staatlicher Feiertag. Der OUN-Gruß schmückt die Trikots der ukrainischen Fußball-Nationalmannschaft.

Die faschistische Internationale

Den Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion hat das Deutsche Reich von Anfang an unter Hinzuziehung von Streitkräften kollaborierender Staaten und Bewegungen geführt. Schon am 22. Juni 1941 standen neben rund 150 Divisionen der Wehrmacht mit über drei Millionen Soldaten gut 600.000 Militärs vor allem aus Finnland sowie Rumänien bereit, um auf sowjetisches Territorium vorzustoßen. Während drei deutsche Heeresgruppen in Richtung auf Leningrad, Moskau und Kiew marschierten, operierten die Kollaborateurstruppen vorwiegend an den Flanken im Norden (Finnland) und im Süden (Rumänien). Innerhalb von nur wenigen Wochen kamen erste Einheiten von Berlins faschistischen Verbündeten Ungarn und Italien und aus den NS-Marionettenstaaten Slowakei und Kroatien hinzu. Später beteiligten sich Freiwilligenverbände aus fast allen Ländern Europas. Motive waren Antisemitismus, der Wunsch, sich am Kampf gegen den Kommunismus zu beteiligen, sowie die Absicht, auf die - prinzipiell begrüßte - faschistische Neuordnung Europas unter Führung des NS-Reichs Einfluss zu nehmen.[1]

Angebunden an Berlin

Auch ukrainische NS-Kollaborateure nahmen am Überfall auf die Sowjetunion teil. Rekrutiert wurden sie aus den Reihen der OUN (Organisation Ukrainischer Nationalisten), einer faschistisch orientierten Exilorganisation ukrainischer Nationalisten, die - nach einem Vorbereitungstreffen im Jahr 1927 in Berlin - 1929 offiziell gegründet wurde, zwar in Wien, um den deutschen Einfluss nicht allzu klar hervortreten zu lassen. Staatliche deutsche Stellen standen dennoch stets in engem Kontakt.[2] Die OUN bediente sich in den 1930er Jahren im Kampf um einen ukrainischen Staat, den sie aus dem Territorium Polens und der Sowjetunion herausbrechen wollte, terroristischer Mittel; OUN-Aktivisten ermordeten zum Beispiel am 15. Juni 1934 den polnischen Innenminister Bronisław Pieracki. Milizionäre aus ihren Reihen und aus ihrem Umfeld wurden gegen Ende der 1930er Jahre von der Reichswehr militärisch ausgebildet; zwei exilukrainische Bataillone nahmen am Überfall auf Polen am 1. September 1939 teil.[3] Eine größere Rolle blieb ihnen damals allerdings noch verwehrt; der Plan, sie im stark ukrainischsprachigen Ostgalizien einzusetzen, fiel dem deutsch-sowjetischen Nichtangriffsvertrag ("Hitler-Stalin-Pakt") vom 23. August 1939 zum Opfer, der das Gebiet der Sowjetunion zuschlug.

Antisemitische Massaker

Größere Bedeutung erlangten OUN-Milizen beim Überfall auf die Sowjetunion, an dem sie erneut mit zwei Bataillonen teilnahmen. Eines ("Bataillon Roland") stieß gemeinsam mit der Wehrmacht von rumänischem Territorium aus in die Sowjetunion vor; das andere ("Bataillon Nachtigall") marschierte an der Seite der NS-Streitmacht in Richtung Lwiw (Lemberg). Örtliche OUN-Milizen lieferten sich bereits vor der Ankunft der Wehrmacht und des Bataillon Nachtigall erste Gefechte mit der Roten Armee.[4] Bataillonsmitglieder, örtliche OUN-Milizionäre und unorganisierte ukrainische Nationalisten vor Ort beteiligten sich maßgeblich an den mörderischen Pogromen, mit denen die Deutschen die jüdische Bevölkerung Ostgaliziens zu vernichten begannen. Allein dem Pogrom in Lwiw am 30. Juni 1941 fielen mutmaßlich etwa 4.000 Jüdinnen und Juden zum Opfer. Ein Bruch in der förmlichen Kollaboration ergab sich, als die OUN unter ihrem Führer Stepan Bandera am 30. Juni 1941 gegen den Willen der Deutschen einen eigenen Staat ausrief; dies führte unter anderem zur Internierung Banderas sowie diverser weiterer OUN-Funktionäre in deutscher "Ehrenhaft" und zur offiziellen Auflösung der beiden ukrainischen Kollaborateursbataillone.

Ethnische Säuberungen

Dennoch haben ukrainischen Milizionäre aus den Reihen der OUN weiterhin mit den Deutschen kollaboriert. Nicht wenige stützten das deutsche Besatzungsregime in den Reihen der ukrainischen Hilfspolizei; viele schlossen sich der am 14. Oktober 1942 formell gegründeten Ukrainischen Aufstandsarmee (UPA) an, die bei ihren "ethnischen Säuberungen" neben wohl mehr als 90.000 nichtjüdischen Polen auch zahlreiche Jüdinnen und Juden ermordete - und so, gleichsam informell, an der Shoah teilnahm.[5] Ab April 1943 entstand eine ukrainische Einheit der Waffen-SS, die 14. Waffen-Grenadier-Division der SS, die den Beinamen "Galizische Nr. 1" trug und Ende 1943 rund 15.300 Mann zählte; 1944 wuchs sie noch weiter auf. Eingesetzt wurde die Waffen-SS-Division Galizien zuerst zur Bekämpfung von Partisanen im okkupierten Jugoslawien, dann im Krieg gegen die Rote Armee. Noch am 17. März 1945 stellte sich in Weimar ein Ukrainisches Nationalkomitee der Öffentlichkeit vor; um das Ruder herumzureißen, war es freilich zu spät. "Insgesamt", schreibt der Militärhistoriker Rolf-Dieter Müller in einer umfangreichen Studie, "wird der bewaffnete Beitrag der Ukraine für die deutsche Kriegführung auf 250.000 Mann geschätzt."[6]

Staatliche Ehren

In der Ukraine werden die damaligen NS-Kollaborateure heute staatlich geehrt. OUN-Führer Bandera war bereits 2007 vom damaligen prowestlichen Präsidenten Wiktor Juschtschenko zum "Helden der Ukraine" erklärt worden. Ihm sind heute zahlreiche Denkmäler gewidmet, nach ihm sind Straßen und Plätze benannt. OUN und UPA sind vom ukrainischen Parlament im April 2015 offiziell als "Kämpfer für die ukrainische Unabhängigkeit" eingestuft worden; die "Legitimität" ihres "Kampfs für die Unabhängigkeit der Ukraine" darf dem Parlamentsbeschluss zufolge nicht mehr abgestritten werden. Ein Erlass des Kiewer Bildungsministeriums vom Juni 2015 sieht vor, "den Patriotismus und die hohe Moral der Aktivisten der Befreiungsbewegung" in ukrainischen Schulen zu betonen und OUN-Führer Bandera als "herausragenden Repräsentanten" des ukrainischen Volks zu ehren.[7] Der Gründungstag der UPA - der 14. Oktober - ist seit 2015 ein staatlicher Feiertag. Am 28. April 2021, dem 78. Jahrestag der Gründung der Waffen-SS-Division Galizien, marschierten Hunderte Ukrainer zum Gedenken an die Verbrecherorganisation in Kiew auf - unter dem Schutz der Polizei.[8] Anlässlich der aktuellen Fußball-EM hat das Trikot des ukrainischen Teams Proteste bewirkt: Auf ihm war die Parole "Ruhm der Ukraine! Den Helden Ruhm!" zu lesen. Dabei handelt es sich um den traditionellen Gruß der OUN; seine Konnotation ähnelt dem deutschen "Sieg Heil". Laut einem mit der UEFA erzielten Kompromiss muss nun der zweite Teil der Parole überklebt werden. "Ruhm der Ukraine! Den Helden Ruhm!" ist seit drei Jahren allerdings offizielle Grußformel der ukrainischen Streitkräfte und der Polizei.[9]

Mehr zum Thema: Von Tätern, Opfern und Kollaborateuren.

[1] Rolf-Dieter Müller: An der Seite der Wehrmacht. Hitlers ausländische Helfer beim "Kreuzzug gegen den Bolschewismus" 1941-1945. Frankfurt am Main 2010.

[2] S. dazu Zwischen Moskau und Berlin (IV).

[3] Frank Golczewski: Deutsche und Ukrainer 1914-1939. Paderborn 2010. S. auch unsere Rezension.

[4] Franziska Bruder: "Den ukrainischen Staat erkämpfen oder sterben!" Die Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) 1929-1948. Berlin 2007.

[5] S. dazu "Ein Sammelpunkt der OUN".

[6] Rolf-Dieter Müller: An der Seite der Wehrmacht. Hitlers ausländische Helfer beim "Kreuzzug gegen den Bolschewismus" 1941-1945. Frankfurt am Main 2010.

[7] S. dazu Die Ära des Revisionismus (I).

[8] Bernhard Clasen: Mit SS-Symbolen und Hitlergruß. taz.de 29.04.2021.

[9] Ukraine und UEFA finden Kompromiss. tagesschau.de 11.06.2021.

Quelle: https://www.german-foreign-policy.com/news/detail/8636/

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