Die soziale Natur des Menschen

Neue Knochenfunde – Urmenschen gehörten womöglich alle zur selben Art

von Johann Grolle
Es wäre eine radikale Vereinfachung unserer Ahnenreihe: Möglicherweise bildeten die frühen Vorfahren des modernen Menschen nur eine Spezies. Das jedenfalls lassen aufregende Knochenfunde aus Georgien vermuten.

Fünf Paare von Augenhöhlen starren aus fünf steinernen Schädeln. Es sind fünf Paare, die für die ganze Menschheit stehen. Präsentiert wurden die fünf 1,77 Millionen Jahre alten Fossilien jetzt von einem internationalen Forscherteam aus Georgien, den USA, Israel und der Schweiz. "Es ist eine kleine Bombe für unser Fach", erklärt der Harvard-Paläoanthropologe Philip Rightmire mit kaum verhohlener Genugtuung. "Diese Befunde könnten uns zwingen, manch liebgewonnene Vorstellung zu überdenken."

Vor allem "Schädel 5", der schönste, vollständigste, besterhaltene und zugleich ungewöhnlichste der fünf gilt als Sensation. Er schmückt in dieser Woche das Titelbild der Wissenschaftszeitschrift "Science". "Ein fantastisches, wundervolles Stück", schwärmt der Urmenschforscher Fred Spoor vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig. "Eine Ikone", sekundiert der kalifornische Paläoanthropologe Tim White.

"Schädel 5" stammt, ebenso wie die vier anderen Fundstücke, aus Dmanisi, 85 Kilometer südwestlich der georgischen Hauptstadt Tiflis in einer idyllischen Berglandschaft gelegen. Das Fleckchen ist in den letzten Jahren zu einem Pilgerort für Paläoanthropologen geworden. Denn hier offenbart sich ein einzigartiger Blick in die vielleicht dunkelste und geheimnisvollste Phase der Menschwerdung: jene Zeit, da aus dem Vormenschen Australopithecus der Urmensch Homo hervorging; jene Zeit mithin, in der sich der folgenschwere Wandel vom Affen zum Menschen vollzog.

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Quelle: © SPIEGEL ONLINE 2013 Alle Rechte vorbehalten
http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/urmenschen-bildeten-womoeglich-eine-einzige-spezies-a-928491.html

Mütterliche Zuwendung mildert die Stressempfindlichkeit

Ein Gespräch mit dem Neurobiologen Michael Meaney
Frühkindliche Erfahrungen hinterlassen tiefe Spuren im Erbgut  – das ist eine Erkenntnis, zu der Michael Meaney massgeblich beigetragen hat. Im Gespräch mit Nicola von Lutterotti erläutert der renommierte Neurobiologe, wie sich Angst und Stress der Mutter auf die Hirnentwicklung des Kindes auswirken.

Herr Meaney, was hat Ihr Interesse an den Folgen frühkindlicher Erfahrungen geweckt?

Bereits in den 1950er und 1960er Jahren beschrieben Forscher aus Montreal, wie Stress die Entstehung etlicher Krankheiten fördert. Ich selber habe mich von jeher dafür interessiert, weshalb manche Menschen stressresistent sind und andere nicht. Dabei kam mir der Gedanke, den Unterschied in den frühkindlichen Erlebnissen zu suchen. Meine erste Frage dabei war: Was ist das Prägendste am Lebensanfang? 

Die Mutter?

Genau. Die Mutter bestimmt das Umfeld des Kindes, und zwar vollständig vor der Geburt und zu einem erheblichen Anteil danach. Wie wir dann bei Ratten beobachtet haben, kümmern sich manche Weibchen ausgesprochen liebevoll um ihre Brut und lecken diese ständig ab, während andere ihrem Nachwuchs nur wenig Aufmerksamkeit schenken. Das Leckverhalten der Mutter beeinflusst sowohl die Hirnentwicklung als auch das Körperwachstum des Kindes.

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Quelle: NZZ  – 5.12.2014
http://www.nzz.ch/feuilleton/muetterliche-zuwendung-mildert-die-stressempfindlichkeit-1.18438371

Die Sprache als Brücke zum Mitmenschen

von Dr. Eliane Gautschi, Sonderpädagogin und Psychologin, Zürich
Aus Sicht eines personalen Menschenbildes verbindet sich der Mensch mittels der Sprache mit seinen Mitmenschen. Sie ist weit mehr als die Mitteilung von Bedürfnissen bei der Gestaltung des Lebensalltags. Darauf wies bereits in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts der Wiener Psychologe Alfred Adler hin: «Die Sprache ist ein Band zwischen zwei oder mehr Menschen, um zu vermitteln, was sie meinen. Dieses Kunstwerk verdanken wir der Gesamtheit und können verstehen, dass es nur entwickelt werden konnte, wo Interesse für den andern bestand.»1

Unsere Sprache bildet die Brücke zu unseren Mitmenschen und befähigt uns, Gedanken, Gefühle und Absichten auszudrücken und anderen mitzuteilen. Mit den Begrifflichkeiten fassen wir innerlich unsere Gedanken und strukturieren sie. Je feiner wir eine Sprache kennen, desto besser können wir etwas genauso ausdrücken, wie wir es meinen. Wir sind aber auch in der Lage, unsere Mitmenschen in ihren mündlichen und schriftlichen Äusserungen differenziert zu verstehen. Sie ermöglicht uns den vertieften Dialog mit unseren Mitmenschen. Sprache und Sprachfähigkeit sind deshalb sehr wesentlich für die gesamte Persönlichkeitsentwicklung eines Menschen.

Für die Lebensqualität und das Lebensgefühl eines Menschen ist es wichtig, dass er sich der Sprache mächtig fühlt und sich ihrer bedienen kann. Stört man ein Kind bei der Entwicklung dieser Fähigkeiten, so beraubt man es eines wichtigen seelischen Werkzeugs seiner Persönlichkeitsentwicklung. Diese Sicht verweist darauf, dass Sprachunterricht  – sei es in der Mutter- oder in einer Fremdsprache  – das Fundament zwischenmenschlicher Beziehungen aufbauen hilft  – wenn er mit diesen Zielsetzungen aufgebaut ist.

Beziehung als Basis

Der Spracherwerbsprozess ist komplex. Die biologischen Voraussetzungen dafür bringt ein Kind zwar mit; ohne sprachliche Umwelt wäre es ihm jedoch nicht möglich, eine Sprache zu lernen. Dazu braucht es seine Mitmenschen. Die Mutter2 schafft über den Dialog eine erste gemeinsame Erfahrungswelt mit dem Kind. Sie schlägt eine Brücke und zeigt ihm den Weg zur Welt. Sie interpretiert sein Verhalten und reagiert darauf. Dadurch ermöglicht sie es dem Säugling, sich die Basis für den Spracherwerb zu schaffen.

Im Vordergrund steht vorerst nicht, dem Kind die Sprache beizubringen, sondern die Mutter stellt eine positive, gefühlsmässige Beziehung her und macht das gegenseitige Verstehen möglich. Eine erste Abgrenzung sozialer Rollen lernt ein Kind, weil beispielsweise der Vater anders zu ihm spricht. Mit der Sprache beginnt sich das Kind auch zunehmend in seiner Kultur zu verwurzeln und sich mit ihr zu identifizieren.

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Quelle: 2014 © Zeit-Fragen. Alle Rechte reserviert.
http://www.zeit-fragen.ch/index.php?id=1914

Zwischen Krippe und Küche: Wie viel Mama braucht das Kind?

aus der Sendung vom Sa, 7.2.2009
von Michael Felten

SWR-Sendung zum Hören, Lesen

Wie können Kinder ihre Bildungsressourcen optimal entfalten? Eine wichtige Grundlage für späteren Lernerfolg ist das, was der Psychologe Erik H. Erikson „Urvertrauen“ nannte. Dafür brauchen Kleinkinder  – ob in der Krippe oder in der Küche  – eine schützende und verlässliche Beziehungsumgebung.

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http://www.swr.de/swr2/programm/sendungen/wissen/-/id=660374/nid=660374/did=4349640/109ysnb/index.html

Wir sind alle Afrikaner

Der Augenschein trügt: Was sich ähnlich sieht, ist noch lange nicht verwandt. Ausgerechnet die moderne Genetik machte dem Rassenkonzept den Garaus.
von Volker Sommer

Volker Sommer

Volker Sommer

Auch wenn Sie sich für liberal halten: Vermutlich haust selbst in Ihnen ein Rassist. Nein? Dann auf zum kleinen Quiz: Mit wem teilen die Mongolen mehr Erbanlagen, mit den schlitzäugigen Chinesen oder den rundäugigen Europäern? Wem sind die dunkelhäutigen Australier näher verwandt, den schwarzen Bantu oder den hellen Thai? Und wem steht der Schimpanse näher, dem Gorilla oder dem Menschen?

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Quelle: Volker Sommer lehrt evolutionäre Anthropologie an der Universität London. Er ist Autor des Essaybandes «Von Menschen und anderen Tieren». Hirzel, 2000. 200 S., Fr. 39.20.
http://www.weltwoche.ch/ausgaben/2003-31/artikel-2003-31-wir-sind-alle-af.html

Vergesst den Homo habilis – Die fünf Schädel von Dmanisi schreiben unsere Evolutionsgeschichte neu

Vergesst den Homo habilis  – Die fünf Schädel von Dmanisi schreiben unsere Evolutionsgeschichte neu

von Bruno Knellwolf

Schädel von Frühmenschen aus Georgien schreiben die Geschichte des Menschen neu. Christoph Zollikofer von der Universität Zürich erklärt, warum die Artenvielfalt unserer Vorfahren überschätzt worden ist.

Chr. Zollikofer

Christoph Zollikofer Professor am Anthropologischen Institut der Uni Zürich (Bild: pd)

Die fünf Schädel von Dmanisi schreiben unsere Evolutionsgeschichte neu. Hinter Glas sind sie im Büro von Professor Christoph Zollikofer im Anthropologischen Institut der Universität Zürich der Reihe nach aufgereiht.

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Die Folgen von emotionaler Vernachlässigung in der Kindheit

Die Folgen von emotionaler Vernachlässigung in der Kindheit

von Bruce D. Perry, M.D., Ph.D. (Sept. 99)

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Bruce Perry

Vorbemerkung:

Perry’s Beobachtungen und Empfehlungen entsprechen in allen Einzelheiten unseren Erfahrungen im Intensivpädagogischen Programm der AGSP. Ferner ist seine begriffliche Diffrenzierung zwischen ATTACHMENT und BOND sehr hilfreich: Attachment meint positive Liebesbindungen; Bond umfaßt positive und pathologische Bindungen (z.B. Opfer-Täter-Fixierungen), die von unerfahrenen Richtern und Jugendamtsmitarbeitern oft zur Begründung von Verbleibens-, Rückkehr- oder Umgangs-Anordnungen herangezogen werden. In einem späteren und vielbeachteten Aufsatz hat Perry über die alarmierenden hirnphysiologischen und hirnanatomischen Defekte nach Vernachlässigung, Mißhandlung und Mißbrauch referiert.

(vgl. Violence and Childhood). K.E. (März 01)

Einleitung

Die wichtigste Eigenschaft eines Menschen ist die Fähigkeit, Beziehungen zu anderen Menschen zu bilden und zu erhalten. Diese Beziehungen sind für jeden von uns absolut notwendig, um zu überleben, zu lernen, zu arbeiten, zu lieben und sich fortzupflanzen.

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Was Menzius vor 2300 Jahren über die menschliche Natur lehrte

Was Menzius vor 2300 Jahren über die menschliche Natur lehrte

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Mengzi (chinesisch 孟子 Mèngzǐ, latinisiert Mencius oder Menzius; um 370 v. Chr.; † um 290 v. Chr,)

Während sich Konfuzius nicht explizit zum Wesen der menschlichen Natur geäußert hatte, ist dieses Thema eines der wichtigsten in Menzius' Philosophie.

China, Ethik & Philosophie, Philosopie, Die soziale Natur des Menschen, Grundlagen

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Michael Tomasello: Warum wir kooperieren

Michael Tomasello: Warum wir kooperieren

Teilen lernt nur, wer es schon kan. Was macht uns eigentlich zu sozialen Wesen, die immer auch an die anderen denken? Michael Tomasello widmet sich einer alten Frage mit empirischen Mitteln und sieht uns von Natur aus zur Zusammenarbeit begabt.

von Helmut Mayer

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Alles sehen, trotz fehlender linker Hirnhälfte

Einem Mädchen fehlt die Hälfte des Gehirns, dennoch sieht es praktisch normal.

Frankfurt.  – Bei einem heute 10-jährigen Mädchen hat sich aufgrund einer Entwicklungsstörung im Mutterleib die rechte Grosshirnhälfte nicht ausgebildet. Trotzdem besitzt das Mädchen ein fast normales Sehvermögen, wie deutsche Forscher nun zeigen konnten («PNAS», online).

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Wir stammen alle aus Afrika

Die Eroberung der Erde durch den Homo sapiens – eine Dokumentation
Die Wissenschaft hat anhand der menschlichen Zellen bewiesen  – und darüber herrscht inzwischen in Forscherkreisen weltweit Einigkeit  – dass alle heute lebenden Menschen miteinander verwandt sind. Die zu beobachtende Vielfalt der Menschen ist somit mehr Schein als Sein.

Denn die DNA zweier zufällig ausgewählter, an ganz verschiedenen Stellen der Erde lebender Menschen unterscheidet sich nur in etwa 0,1 Prozent. Die Dokumentation begleitet Wissenschaftler, die sich auf die Suche nach den gemeinsamen Vorfahren aller Menschen gemacht haben.

Wissenschaft, Die soziale Natur des Menschen, Grundlagen, Genetik

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Nachtrag zu “Wir haben uns verirrt” Hüthers atemberaubende Botschaft 2018

In seiner Weinachtsbotschaft stellte der Hirnforscher Folgendes fest: (Wir hatten bereits darüber berichtet) “Dass unser Gehirn nicht durch genetische Anlagen programmiert wird, sondern zeitlebens umbaufähig, also lernfähig bleibt, ist eine atemberaubende Erkenntnis. Sie stellt alle deterministischen Konzepte radikal auf den Kopf, die wir bisher als Rechtfertigungen für das Misslingen aller Bemühungen um Veränderung und Weiterentwicklung nicht nur in unseren Bildungseinrichtungen, auch in Politik und Wirtschaft und vielen anderen Bereichen unserer Gesellschaft verantwortlich gemacht hatten. Aber wirklich bemerkens- und bedenkenswert ist nicht diese neue Erkenntnis der lebenslangen Umbau- bzw. Lernfähigkeit des menschlichen Gehirns, sondern der Umstand, wie langsam sie sich ausbreitet, wie zögerlich sie von den meisten Menschen angenommen, ernst genommen und deshalb auch umgesetzt wird. Denn die wichtigste Schlussfolgerung aus der Erkenntnis der lebenslangen Plastizität des menschlichen Hirns lautet doch zwangsläufig: Wir verfügen über keine biologischen Programme, die uns zu dem machen, was wir sind. Wir müssen selbst herausfinden, was es heißt, Mensch zu sein: keiner weiß, wie es geht. Wir sind alle Suchende, überall auf der Welt.”

Bild Hüthergerald 2019
Diese Botschaft verbreitete Hüther mit einem Vorwort, das wir hier gerne nachtragen, weil so wichtige Fragen für das Überleben der Spezies Homo sapiens angeschnitten werden:

Liebe Interessierte an meinem Tun, liebe Freundinnen und Freunde,

in diesem trockenen Sommer hatte ich angesichts der ausgedörrten Natur endlich einmal genügend Zeit, darüber nachzudenken, weshalb ich all diese Bücher und Artikel schreibe, eine Akademie aufbaue, Vorträge halte, Interviews gebe, und so vieles mehr in die Welt zu bringen versuche. Es klingt sonderbar, aber ich halte es einfach nicht aus, tatenlos zuzuschauen wie eine vorübergehend irregeleitete Spezies dabei ist, die in Jahrmillionen auf unserem Planeten entstandene Vielfalt des Lebendigen zu ruinieren.

Auch wenn ich mit all meinen Bemühungen nichts daran ändern kann  – ich mache es trotzdem. Immer wieder mit aller Kraft und so gut ich es vermag, nicht weil ich dafür bewundert, belohnt oder auf irgendeine andere Weise bedeutsam werden will, sondern weil ich es tun muss. Weil ich es nur so und nicht anders tun kann. Weil ich es mir selbst so schuldig bin. Es hat etwas mit der Bewahrung meiner eigenen Würde zu tun. Dass ich so auch nicht so schnell Gefahr laufe, dement zu werden, ist ein netter Nebeneffekt.

Genauso nebenher erfreulich ist es, dass die Stimmen all jener nun allmählich verstummen, die meinten, mich diffamieren zu müssen, damit ich endlich damit aufhöre, ihnen einen Spiegel vorzuhalten, in dem sie sich nicht gern betrachten. Kritische Rückmeldungen zu dem Demenzbuch: Null, zum Würde-Buch: Null, zum jetzt erschienen Buch „Wie Träume wahr werden“: Null.

Und die andere Seite der Bilanz: hat sich durch all diese Bücher irgendetwas spürbares in unserer Gesellschaft verändert? Untergründig vielleicht, aber vordergründig: Null. In die Irre zu rennen, ist einfach, wenn fast alle anderen auch so unterwegs sind. Aber so einen Irrweg zu verlassen, ist schwer, besonders für all jene, die diesen Weg für den einzig zielführenden gehalten und seine konsequente Befolgung zu ihrem Daseinszweck, ihrem „Purpose“ gemacht haben.

Doch sind das nicht genau diejenigen, die es in Wirklichkeit zu erreichen gilt? Die etwas Anderes in ihrem Leben anstreben müssten, als nur möglichst gut zu funktionieren, sich optimal anzupassen, besonders effizient und erfolgreich zu sein? Es beschäftigt mich deshalb sehr, auf welche Weise sich diese Menschen erreichen lassen, die ja meist ziemlich erfolgreich  – und deshalb auch in den entsprechenden Führungspositionen gelandet  – sind.

Was ich bei all meinen Bemühungen dabei bisher gelernt habe: Es geht nicht, indem ich sie zum Objekt meiner klugen Ratschläge oder Belehrungen, meiner Bewertungen oder Vorhaltungen oder anderer Änderungsversuche mache. Wenn es überhaupt geht, dann geht es nur, wenn sie wieder mit sich selbst in Berührung kommen.

Genau das ist es aber, wovor sie die größte Angst haben und wogegen sie sich mit allen Mitteln zu wappnen versuchen. Man kann es nicht machen, aber bisweilen geschieht es eben. Einfach so, weil sie völlig ahnungslos beispielsweise zu einer Filmvorführung eingeladen werden. Wenn sie sich dann vielleicht „Die stille Revolution“ von Kristian Gründling oder „Alphabet“ von Erwin Wagenhofer anschauen. Da sitzen sie dann in ihren Kinosesseln und fangen an zu weinen - und sind froh, dass es im Kinoraum so dunkel ist.

Das sind Augenblicke des Erwachens und man kann nur hoffen, dass die dadurch in ihnen wiedererweckte Sehnsucht stark genug ist, um sich nicht gleich wieder in den festgefügten Beton ihres bisherigen „Ich“-Konstrukts zurückzuziehen. Denn nur aus dieser Berührung heraus passiert etwas.

Man kann Menschen nicht verändern. Das können sie nur selbst. Und nur dann, wenn sie es selbst auch wirklich wollen. Das ist es, was mir bei der Betrachtung der verdorrten Natur in diesem Sommer aufgegangen ist.

Ich habe hier einen kleinen Text dazu geschrieben, den Sie und Ihr alle gern weiter verbreiten könnt. Es ist nur ein weiterer Versuch, das zum Ausdruck zu bringen, was mir am Herzen liegt.

Ich wünsche Ihnen und Euch ein frohes und besinnliches Weihnachtsfest und einen zuversichtlichen Start in das Neue Jahr.

Mit einem herzlichen Gruß, Ihr und Euer
Gerald Hüther


P.S.: Was ich alles hier nicht aufgeschrieben habe, aber nicht unerwähnt lassen will:

1. Die Akademie läuft super, wir könnten nur noch weitere Mitglieder brauchen, sich hier mit einzubringen.

2. Zum Kindertag am ersten September erscheint gleichzeitig in Deutschland und Frankreich ein kleines Booklet von mir und André Stern, ähnlich wie das „Empört Euch“ von Stephan Hussel mit dem Titel „Was schenken wir unseren Kindern“.

3. Meine Homepage wird im kommenden Jahr umgebaut. In der neuen Version soll klarer auf den Punkt gebracht werden, worum es mir geht: Mit dem, was ich tue, möchte ich auch künftig nicht so gern als „Befruchter“ und auch nicht als „Krankenpfleger“ wirken, sondern „Geburtshelfer“ sein.

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“Wir haben uns verirrt”: Gerald Hüthers Weihnachtsbotschaft 2018

“Dass unser Gehirn nicht durch genetische Anlagen programmiert wird, sondern zeitlebens umbaufähig, also lernfähig bleibt, ist eine atemberaubende Erkenntnis.”
Von Gerald Hüther
Diese frohe Botschaft ist doch längst verkündet. Warum nur harret sie ihrer Wahrhaftigwerdung so furchtbar lang?

Bild Hüthergerald 2019
Das Dogma vom „Survival of the Fittest“ beherrscht seit mehr als einem Jahrhundert das Denken, Fühlen und Handeln der meisten Menschen in der westlichen Welt

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