Was das Besondere an der Zürcher Schule ist?

Votum von Friedrich Liebling
Gründer und Leiter der Psychologischen Lehr- und Beratungsstelle Zürich,
auch “Zürcher Schule für Psychotherapie” genannt.

Was das Besondere an der Zürcher Schule ist, fragen Sie?

Ja, das ist sehr leicht zu erklären, so leicht, dass es schon fast wieder schwierig ist, weil der Mensch sich nicht vorstellen kann, dass die Erklärung so einfach ist.

Der Mensch, der zu uns kommt, der Mensch, der Schwierigkeiten hat in seinem Leben, mit seiner Frau, mit seinem Mann, seinem Kind, seinem Nachbarn, seinem Chef oder seinem Untergebenen, der Mensch, der beim Lernen Probleme hat, oder sonst in seinem Leben nicht zurecht kommt, der ist bei uns kein Fall, kein Patient und kein Klient.

Er ist auch nicht krank. Nein, er ist in seiner Kindheit falsch informiert worden.

Und was wir machen? Wir informieren ihn richtig. Das heisst, wir erklären ihm die Grundlagen der modernen Psychologie. Er erforscht seine Lebensgeschichte, erkennt, wie er geworden ist, welche Meinungen er über das Leben, den Mitmenschen und sich hat. Indem wir ihm die Natur des Menschen erklären, beginnt er selbst zu experimentieren.

So einfach ist das, und doch so schwer zu verstehen. Denn wenn der Laie kommt, hat er die Meinung, dass die Psychologie etwas Mystisches ist. Er glaubt, der Psychologe oder Psychiater werde ihn behandeln, mit einer ganz speziellen Methode. Der Psychologe durchschaue ihn, sehe Dinge in der Tiefe seiner Seele, die ganz unheimlich sind. Der Mensch glaubt an Schicksal und Fügung, an Vererbung und vorgeburtliche Beeinflussung.

Wenn man ihm erklärt, dass er selbst in der Lage ist, sein Leben zu gestalten, sich selbst zu verstehen, kommt ihm das unheimlich vor. Denn bisher hat er geglaubt, dass andere sein Schicksal bestimmen, Götter, dunkle Mächte, tiefverborgene Triebe und Gelüste.

Aber tatsächlich ist der Mensch  – jeder Mensch  – die Summe aller seiner bisherigen Erfahrungen. Und wenn er sie aufdeckt und versteht, kann er sich und sein Leben ändern.

Die Mutter, die zu uns mit ihrem Problemkind kommt, ist bei uns kein Fall. Sie reiht sich ein in die Schar der andern Lernenden, sie sitzt in den Kursen und Gruppen neben dem Professor, der auch Lernender ist. Sie denkt und forscht mit. Sie redet mit. Ihr Wort hat gleich viel Gewicht, wie das aller anderen Teilnehmer. Wenn sie eine Frage stellt, wird sie so ernst genommen, wie jeder andere. Alle werden sich bemühen, die Frage dieser Mutter zu beantworten. Die Arbeit geht nicht weiter, bis sie verstanden hat.

Oder der Jugendliche, der kommt, weil er mit seinem Leben nicht fertig wird. Oder der Student, der Angst hat in den Prüfungen, oder der Mediziner nach Abschluss seiner Studien. Alle gelten gleich viel. Die Fragen eines jeden sind gleich wichtig.

Jeder Mensch, der zu uns kommt, überprüft aufs Neue, ob die Erkenntnisse der modernen Tiefenpsychologie stimmen. Er hört, dass Charaktereigenschaften nicht vererbt sind und er beginnt, zu überprüfen, ob es stimmt.

Er hört, dass der Mensch von Natur aus ein soziales Wesen ist und er beginnt zu überprüfen, ob es stimmt.

Er hört, dass jeder vollsinnige Mensch lernen kann, und er macht das Experiment bei sich, bei seinem Kind, bei seinem Schüler, bei seinem Lehrling. Und er sieht, es stimmt.

Das ist der Erfolg der Zürcher Schule: Es gibt keine verborgenen Mittel, Tricks oder Methoden. Es gibt nur das Wissen um das menschliche Seelenleben, das jeder  – wenn man ihn informiert  – verstehen kann.

Warum ist das so schwer zu verstehen?

Im Grunde ist es so einfach wie das Kochen oder das Französischlernen: Wenn ich weiss, welche Zutaten ich wie verwenden muss, backe ich einen schönen Kuchen. Wenn ich weiss, was die französischen Wörter heissen, wenn es mir jemand erklärt, dann lerne ich Französisch.

Das ist so schwer zu verstehen, weil wir nicht gelernt haben zu denken.

Das heisst: zum Beispiel, der in der Schule versagt hat, glaubt, dass der, der an der Uni studiert, das einfach so hat, durch die Vererbung oder durch die göttliche Eingebung. Tatsache ist aber, dass der Studierende alles, was er weiss, gelernt hat. Und wenn dieser das lernen konnte, kann es jener im Prinzip auch.

Wenn ich weiss, dass ich alles lernen kann, dann kann ich ja beginnen zu üben. Zum Beispiel mein Kind verstehen, meinen Schüler, meinen Partner. Ich weiss dann, dass es nicht einfach so ist und dass es nicht einfach so bleiben muss bis an mein Lebensende.

Dann suche ich mir jemanden, der den Stoff, den ich lernen möchte, schon durchgenommen hat und frage ihn, ob er es mir auch erklärt. Und dann lerne ich.

So ist es auch in der Psychologie: Ich suche mir jemanden, der sich schon auskennt, frage ihn, ob er mir sagt, was er schon weiss, und ich eigne es mir an.

An einem Beispiel will ich es Ihnen noch deutlicher erklären:

Ich lerne mit Schülern, bisher habe ich noch keinen einzigen Schüler getroffen, der naturwissenschaftlich lernt. Sondern meine Schüler  – und sie sind, wie gesagt, leider keine Ausnahmen  – haben eingeübt, schnell schnell die beste Antwort zu geben, und der Lehrer sagt ihnen dann, ob es richtig war.

Wenn sie zu mir kommen, müssen sie selbst zu denken beginnen. Wir nehmen einen Stoff durch, zum Beispiel Buchhaltung, von der ich selbst wenig Ahnung habe. Wir versuchen gemeinsam herauszufinden, wie es nun ist, wie man es macht.

Es kommt vor, dass der Schüler und ich verschiedene Resultate haben. Schnell, schnell streicht der Schüler sein Resultat. Er glaubt, meines müsse richtig sein. Warum glaubt er das? Weil man ihm das eigenständige Denken nicht vermittelt hat.

Ich sage ihm, aber woher weisst Du, dass mein Resultat richtig ist? Ja, einfach weil ich erwachsen bin, oder der Lehrer oder der Psychologe? Ja, aber das ist kein Kriterium. Du musst doch schauen, ob es sachlich stimmt.

Und er beginnt zu überprüfen, und er sieht z.B. dass mein Resultat falsch und seines richtig war. Er lernt zu denken, er lernt, seinem eigenen Verstand zu trauen, er lernt zu überprüfen. Er wird Wissenschafter.

In der Psychologie ist es nicht anders. Der Mensch lernt denken, lernt wissenschaftlich zu forschen, lernt wissenschaftlich zu überprüfen. Das macht ihn unabhängig, stark und reif.

Warum dann immer wieder die Frage, was ist es nun wirklich, das Besondere an der Zürcher Schule. Eigentlich haben wir es genauestens erklärt. Aber der Mensch ist nicht zufrieden, er versteht es nicht, er glaubt, da müsse doch etwas ganz Besonderes dahinterstecken, hinter dem Erfolg der Zürcher Schule, etwas besonders Schlaues, irgendein Trick, eine Methode. Der Psychologe als Magier und Medizinmann, der mit dunklen Mitteln den Menschen zu beeinflussen weiss. Hokus-Pokus. Es kann doch nicht mit rechten Dingen zugehen, dass eine psychologische Schule so viele Menschen anlockt.

Was ist so schwer daran zu verstehen, dass die wissenschaftliche Erkenntnis, in einer Weise dargeboten, dass sie jeder versteht, Erfolg hat? Was ist so schwer daran zu verstehen, dass der Mensch der bei sich die Experimente macht und sein Leben besser leben kann, in die Zürcher Schule geht?

Es geht ihm eben besser, er beginnt zu lernen, seine Kinder zu verstehen, seine Ehe zu richten, sein Geschäft besser zu führen. Deshalb kommt er in die Zürcher Schule.

Jede Entdeckung auf allen Gebieten der Wissenschaft, sind einfach, wenn man sie entdeckt hat. Im täglichen Leben hat jeder Mensch ein solches Erlebnis gehabt, aha, so geht es, so einfach ist es.

Das schwierige an der Psychologie ist, die Veränderung der Gefühle.

Weil wir sie als ganz kleine Kinder, bevor wir noch denken und urteilen konnten, durch den Umgang unserer Eltern vermittelt bekommen haben, fällt es uns schwer, sie uns bewusst zu machen.

Ein Beispiel: Ein junger Mann kommt und erzählt, dass er gerne eine Freundin haben möchte, aber er getraue sich nicht, ein Mädchen anzusprechen. Er weiss nicht wieso. Er hat einfach Angst, wird rot, weiss nichts zu sagen, fängt an zu stottern, oder sagt gar nichts, geht vorbei. Er glaubt, es sei bei ihm einfach so. Er sei eben ein besonders schüchterner, introvertierter Mensch. Das ist Schicksal und wird sich sein Leben lang bei ihm nicht ändern. Und überhaupt ist es bestimmt schon im voraus bestimmt ob er einmal eine  – die richtige  – Frau finden wird.

Und trotzdem möchte er doch so gerne…

Seine Lebensgeschichte erklärt uns ganz genau, warum er diese Schwierigkeiten hat. Ich will sie hier nicht ganz aufrollen, sondern nur ein Beispiel geben: Als er 14 war, wurde er vom Vater aufgeklärt  – vorher hatte man über die Liebe und die Sexualität nie gesprochen. Er hatte auch nie gesehen, dass seine Eltern zärtlich zueinander waren.

Sein Vater klärte ihn nun auf, er sagt: "Bub geb' acht, lass' die Finger davon, als Mann soll man keine unanständigen Gedanken haben und die anständigen Frauen nicht belästigen."

In seinem tiefsten Inneren hatte dieser junge Mann Angst, die Frauen mit seiner Werbung zu belästigen. Er wollte je anständig sein.

Als er erfuhr, dass es nicht unanständig ist, eine Freundin zu haben und um eine Frau zu werben, sah er es wohl ein, trotzdem hinderte ihn sein Gefühl im entscheidenden Moment, einen Schritt auf seine Angebetete zu zu tun. Das Gefühl war stärker als sein Wissen, weil nämlich das Gefühl den Verstand regiert und nicht umgekehrt, wie man oftmals meint.

Erst als er zu einem Menschen tiefes Vertrauen gefasst hatte, der ihn verstand und ihm Mut machte, von dem er glaubte, dass er ihn auch nicht verachten würde, falls er sich einmal sogenant unanständig verhalten würde  – als also die Übertragung spielte, was wir das Vertrauen nennen  – probierte er es einmal. Er hatte Erfolg, er wurde erhört. Er erlebte, dass die Frau sehr glücklich war über sein Werben, sie hatte nämlich schon lange darauf gewartet.

Der erste Erfolg zieht den zweiten nach sich, er probierte öfters und mehr und überwand seine Ängste. Das ist ein Beispiel. Und ich könnte Ihnen hunderte erzählen.

Der Erfolg der Zürcher Schule ist dadurch zu erklären, dass die Menschen, die zu uns kommen, ihr Leben besser einrichten können. Das kann jeder verstehen, denn er erlebt es ja selbst.

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