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5. April 2025

Was das Besondere an der Zürcher Schule ist?


Beitrag an einer Arbeitstagung der Zürcher Schule im Oktober 1967 - Archiv für Zeitgeschichte der ETH Zürich
Friedrich Liebling* (1893 - 1982) Gründer und Leiter der Zürcher Schule für Psychotherapie*

Was das Besondere an der Zürcher Schule ist, fragen Sie? Ja, das ist sehr leicht zu erklären, so leicht, dass es schon fast wieder schwierig ist, weil der Mensch sich nicht vorstellen kann, dass die Erklärung so einfach ist.

Geschätzte Leserin, geschätzter Leser, liebe Freunde, wir stellen Ihnen hier gerne wieder einen Text aus der Arbeit der «Zürcher Schule für Psychotherapie» vor. Gegründet und geleitet vom Psychologen Friedrich Liebling, entwickelte sich diese Schule in der Mitte und bis gegen Ende des letzten Jahrhunderts zur grössten psychologischen Schule der Schweiz mit mehr als 3000 Teilnehmern und wurde so zu einer Art Volkshochschule für soziale pädagogisch-psychologische Bildung.

Es hätte die wichtigste Lebensschule Europas werden können, weil die bahnbrechenden Erkenntnisse Freuds und Adlers zur Sozialnatur des Menschen in verständlicher Sprache gelehrt wurde.  Es verwundert nicht, dass dies neben viel ernsthaftem Interesse, das sich in dem enormen Zulauf zeigte, auch Skepsis und Ablehnung weckte - aus Konkurrenzgründen seitens anderer psychologischer Richtungen oder aus weltanschaulichen und politischen Motiven verschiedensten Ursprungs.

Weil wir in den letzten Jahren sehr viel über Krieg und gesellschaftliche Missstände veröffentlicht und aufgeklärt haben, werden wir uns vermehrt den Ursachen des Krieges zuwenden und Ihnen wertvolles Material aus der Bildungsarbeit der «Zürcher Schule» zur Verfügung stellen. Wir laden Sie ein, mitzulesen und mitzudenken, unsere Arbeit zu unterstützen und weiter zu verbreiten. Herzlich Margot und Willy Wahl

Der Mensch, der zu uns kommt, der Mensch, der Schwierigkeiten hat in seinem Leben, mit seiner Frau, mit seinem Mann, seinem Kind, seinem Nachbarn, seinem Chef oder seinem Untergebenen, der Mensch, der beim Lernen Probleme hat, oder sonst in seinem Leben nicht zurecht kommt, der ist bei uns kein Fall, kein Patient und kein Klient.

Er ist auch nicht krank. Nein, er ist in seiner Kindheit falsch informiert worden.

Und was wir machen? Wir informieren ihn richtig. Das heisst, wir erklären ihm die Grundlagen der modernen Psychologie. Er erforscht seine Lebensgeschichte, erkennt, wie er geworden ist, welche Meinungen er über das Leben, den Mitmenschen und sich hat. Indem wir ihm die Natur des Menschen erklären, beginnt er selbst zu experimentieren.*

So einfach ist das, und doch so schwer zu verstehen. Denn wenn der Laie kommt, hat er die Meinung, dass die Psychologie etwas Mystisches ist. Er glaubt, der Psychologe oder Psychiater werde ihn behandeln, mit einer ganz speziellen Methode. Der Psychologe durchschaue ihn, sehe Dinge in der Tiefe seiner Seele, die ganz unheimlich sind. Der Mensch glaubt an Schicksal und Fügung, an Vererbung und vorgeburtliche Beeinflussung.

Wenn man ihm erklärt, dass er selbst in der Lage ist, sein Leben zu gestalten, sich selbst zu verstehen, kommt ihm das unheimlich vor. Denn bisher hat er geglaubt, dass andere sein Schicksal bestimmen, Götter, dunkle Mächte, tiefverborgene Triebe und Gelüste.

Aber tatsächlich ist der Mensch   – jeder Mensch   – die Summe aller seiner bisherigen Erfahrungen. Und wenn er sie aufdeckt und versteht, kann er sich und sein Leben ändern.

Die Mutter, die zu uns mit ihrem Problemkind kommt, ist bei uns kein Fall. Sie reiht sich ein in die Schar der andern Lernenden, sie sitzt in den Kursen und Gruppen neben dem Professor, der auch Lernender ist. Sie denkt und forscht mit. Sie redet mit. Ihr Wort hat gleich viel Gewicht, wie das aller anderen Teilnehmer. Wenn sie eine Frage stellt, wird sie so ernst genommen, wie jeder andere. Alle werden sich bemühen, die Frage dieser Mutter zu beantworten. Die Arbeit geht nicht weiter, bis sie verstanden hat.

Oder der Jugendliche, der kommt, weil er mit seinem Leben nicht fertig wird. Oder der Student, der Angst hat in den Prüfungen, oder der Mediziner nach Abschluss seiner Studien. Alle gelten gleich viel. Die Fragen eines jeden sind gleich wichtig.

Jeder Mensch, der zu uns kommt, überprüft aufs Neue, ob die Erkenntnisse der modernen Tiefenpsychologie stimmen. Er hört, dass Charaktereigenschaften nicht vererbt sind und er beginnt, zu überprüfen, ob es stimmt.

Er hört, dass der Mensch von Natur aus ein soziales Wesen ist und er beginnt zu überprüfen, ob es stimmt.

Er hört, dass jeder vollsinnige Mensch lernen kann, und er macht das Experiment bei sich, bei seinem Kind, bei seinem Schüler, bei seinem Lehrling. Und er sieht, es stimmt.

Das ist der Erfolg der Zürcher Schule: Es gibt keine verborgenen Mittel, Tricks oder Methoden. Es gibt nur das Wissen um das menschliche Seelenleben, das jeder   – wenn man ihn informiert   – verstehen kann.

Warum ist das so schwer zu verstehen?

Im Grunde ist es so einfach wie das Kochen oder das Französischlernen: Wenn ich weiss, welche Zutaten ich wie verwenden muss, backe ich einen schönen Kuchen. Wenn ich weiss, was die französischen Wörter heissen, wenn es mir jemand erklärt, dann lerne ich Französisch.

Das ist so schwer zu verstehen, weil wir nicht gelernt haben zu denken.

Das heisst: zum Beispiel, der in der Schule versagt hat, glaubt, dass der, der an der Uni studiert, das einfach so hat, durch die Vererbung oder durch die göttliche Eingebung. Tatsache ist aber, dass der Studierende alles, was er weiss, gelernt hat. Und wenn dieser das lernen konnte, kann es jener im Prinzip auch.

Wenn ich weiss, dass ich alles lernen kann, dann kann ich ja beginnen zu üben. Zum Beispiel mein Kind verstehen, meinen Schüler, meinen Partner. Ich weiss dann, dass es nicht einfach so ist und dass es nicht einfach so bleiben muss bis an mein Lebensende.

Dann suche ich mir jemanden, der den Stoff, den ich lernen möchte, schon durchgenommen hat und frage ihn, ob er es mir auch erklärt. Und dann lerne ich.

So ist es auch in der Psychologie: Ich suche mir jemanden, der sich schon auskennt, frage ihn, ob er mir sagt, was er schon weiss, und ich eigne es mir an.* 

An einem Beispiel will ich es Ihnen noch deutlicher erklären:

Ich lerne mit Schülern, bisher habe ich noch keinen einzigen Schüler getroffen, der naturwissenschaftlich lernt. Sondern meine Schüler   – und sie sind, wie gesagt, leider keine Ausnahmen   – haben eingeübt, schnell schnell die beste Antwort zu geben, und der Lehrer sagt ihnen dann, ob es richtig war.

Wenn sie zu mir kommen, müssen sie selbst zu denken beginnen. Wir nehmen einen Stoff durch, zum Beispiel Buchhaltung, von der ich selbst wenig Ahnung habe. Wir versuchen gemeinsam herauszufinden, wie es nun ist, wie man es macht.

Es kommt vor, dass der Schüler und ich verschiedene Resultate haben. Schnell, schnell streicht der Schüler sein Resultat. Er glaubt, meines müsse richtig sein. Warum glaubt er das? Weil man ihm das eigenständige Denken nicht vermittelt hat.

Ich sage ihm, aber woher weisst Du, dass mein Resultat richtig ist? Ja, einfach weil ich erwachsen bin, oder der Lehrer oder der Psychologe? Ja, aber das ist kein Kriterium. Du musst doch schauen, ob es sachlich stimmt.

Und er beginnt zu überprüfen, und er sieht z.B. dass mein Resultat falsch und seines richtig war. Er lernt zu denken, er lernt, seinem eigenen Verstand zu trauen, er lernt zu überprüfen. Er wird Wissenschafter.

In der Psychologie ist es nicht anders. Der Mensch lernt denken, lernt wissenschaftlich zu forschen, lernt wissenschaftlich zu überprüfen. Das macht ihn unabhängig, stark und reif.

Warum dann immer wieder die Frage, was ist es nun wirklich, das Besondere an der Zürcher Schule. Eigentlich haben wir es genauestens erklärt. Aber der Mensch ist nicht zufrieden, er versteht es nicht, er glaubt, da müsse doch etwas ganz Besonderes dahinterstecken, hinter dem Erfolg der Zürcher Schule, etwas besonders Schlaues, irgendein Trick, eine Methode. Der Psychologe als Magier und Medizinmann, der mit dunklen Mitteln den Menschen zu beeinflussen weiss. Hokus-Pokus. Es kann doch nicht mit rechten Dingen zugehen, dass eine psychologische Schule so viele Menschen anlockt.

Was ist so schwer daran zu verstehen, dass die wissenschaftliche Erkenntnis, in einer Weise dargeboten, dass sie jeder versteht, Erfolg hat? Was ist so schwer daran zu verstehen, dass der Mensch der bei sich die Experimente macht und sein Leben besser leben kann, in die Zürcher Schule geht?

Es geht ihm eben besser, er beginnt zu lernen, seine Kinder zu verstehen, seine Ehe zu richten, sein Geschäft besser zu führen. Deshalb kommt er in die Zürcher Schule.

Jede Entdeckung auf allen Gebieten der Wissenschaft, sind einfach, wenn man sie entdeckt hat. Im täglichen Leben hat jeder Mensch ein solches Erlebnis gehabt, aha, so geht es, so einfach ist es.

Das schwierige an der Psychologie ist, die Veränderung der Gefühle.

Weil wir sie als ganz kleine Kinder, bevor wir noch denken und urteilen konnten, durch den Umgang unserer Eltern vermittelt bekommen haben, fällt es uns schwer, sie uns bewusst zu machen.

Die nachstehende kaum zur Kenntnis genommene epochale Erkenntnis Alfred Adlers, dargelegt in seinem Hauptwerk "Menschenkenntnis" 1927, würde Psychologen, Pädagogen und Eltern zum Nachdenken und zu weiteren Forschungen anregen:

«Die Charakterzüge sind durchaus nicht, wie viele meinen, angeboren, nicht von Natur aus gegeben, sondern einer Leitlinie vergleichbar, die dem Menschen wie eine Schablone anhaftet und ihm gestattet, ohne viel Nachdenken in jeder Situation seine einheitliche Persönlichkeit zum Ausdruck zu bringen. Sie entsprechen keinen angeborenen Kräften und Substraten, sondern sie sind, wenn auch sehr früh, erworben, um eine bestimmte Gangart festhalten zu können. Die Bedeutung der Vererbung müssen wir hinsichtlich aller Erscheinungen im Psychischen, insbesondere hinsichtlich der Entstehung von Charakterzügen, völlig von der Hand weisen. Es gibt keine Anhaltspunkte, die eine Annahme der Vererbungslehre auf diesem Gebiet stützen könnte.»

Ein Beispiel: Ein junger Mann kommt und erzählt, dass er gerne eine Freundin haben möchte, aber er getraue sich nicht, ein Mädchen anzusprechen. Er weiss nicht wieso. Er hat einfach Angst, wird rot, weiss nichts zu sagen, fängt an zu stottern, oder sagt gar nichts, geht vorbei. Er glaubt, es sei bei ihm einfach so. Er sei eben ein besonders schüchterner, introvertierter Mensch. Das ist Schicksal und wird sich sein Leben lang bei ihm nicht ändern. Und überhaupt ist es bestimmt schon im voraus bestimmt ob er einmal eine   – die richtige   – Frau finden wird.

Und trotzdem möchte er doch so gerne…

Seine Lebensgeschichte erklärt uns ganz genau, warum er diese Schwierigkeiten hat. Ich will sie hier nicht ganz aufrollen, sondern nur ein Beispiel geben: Als er 14 war, wurde er vom Vater aufgeklärt   – vorher hatte man über die Liebe und die Sexualität nie gesprochen. Er hatte auch nie gesehen, dass seine Eltern zärtlich zueinander waren.

Sein Vater klärte ihn nun auf, er sagt: "Bub geb' acht, lass' die Finger davon, als Mann soll man keine unanständigen Gedanken haben und die anständigen Frauen nicht belästigen."

In seinem tiefsten Inneren hatte dieser junge Mann Angst, die Frauen mit seiner Werbung zu belästigen. Er wollte je anständig sein.

Als er erfuhr, dass es nicht unanständig ist, eine Freundin zu haben und um eine Frau zu werben, sah er es wohl ein, trotzdem hinderte ihn sein Gefühl im entscheidenden Moment, einen Schritt auf seine Angebetete zu zu tun. Das Gefühl war stärker als sein Wissen, weil nämlich das Gefühl den Verstand regiert und nicht umgekehrt, wie man oftmals meint.

Erst als er zu einem Menschen tiefes Vertrauen gefasst hatte, der ihn verstand und ihm Mut machte, von dem er glaubte, dass er ihn auch nicht verachten würde, falls er sich einmal sogenant unanständig verhalten würde   – als also die Übertragung spielte, was wir das Vertrauen nennen   – probierte er es einmal. Er hatte Erfolg, er wurde erhört. Er erlebte, dass die Frau sehr glücklich war über sein Werben, sie hatte nämlich schon lange darauf gewartet.

Der erste Erfolg zieht den zweiten nach sich, er probierte öfters und mehr und überwand seine Ängste. Das ist ein Beispiel. Und ich könnte Ihnen hunderte erzählen.

Der Erfolg der Zürcher Schule ist dadurch zu erklären, dass die Menschen, die zu uns kommen, ihr Leben besser einrichten können. Das kann jeder verstehen, denn er erlebt es ja selbst.

*[Das nennen wir heute "Psychotherapie", ist aber gar keine "Therapie", weil der Mensch nicht wirklich "krank" ist. Therapie ist ein Begriff aus der Medizin, er muss also aufgeklärt und nicht "geheilt" werden. Hervorhebungen seniora.org] 

___

Stellungnahme von Friedrich Liebling zu Gefühl und Verstand

(Video-Aufzeichnung aus Privatbesitz im Rahmen einer Gesprächs-Sitzung in seiner Praxis im Mai 1981)

 Friedrich  Liebling: Haben Sie eine Antwort bekommen von uns?

Frau K: Also, ich bin schon mit dieser Meinung gekommen, dass es nicht genügt ...
(Die Frage war: Genügt die verstandesmässige Einsicht für die Persönlichkeitsveränderung?) und ich wollte das eigentlich überprüfen lassen...

FL: Und   – haben Sie eine Antwort bekommen?

K: Ich finde nicht so direkt ...

FL: Wir sind noch nicht soweit! Das ist eine brennende Frage. Und als erstes   – auf diese Frage hätten gleich viele das Gefühl haben müssen: Also das muss ich doch richtigstellen! Also, die richtige Antwort wäre: dass das Verstandesgemässe nicht genügt! Sonst wären viele Psychologen   – wir könnten viel weiter sein in jeder Beziehung   – wenn das so leicht wäre! 

Mit dem Verstand allein ist da nichts gemacht! Sind hunderte, tausende von Büchern   – in den Buchläden - da haben Sie alles darin! Da kann einer lesen und dann genau wissen   – kann genau das weitergeben, kann darüber schreiben   – aber in seinem Gefühlsleben muss da die Änderung eintreten! Also, wenn das nicht im Gefühl bewusst verankert ist, dann nützt (es) uns nichts! Wir versagen immer wieder, trotz des vielen Wissens! 

Das ist das Zeichen, dass er weiss: indem er das nicht mehr verursacht ... er macht’s ja nicht! Indem er genau das Menschenbild hat! Er weiss genau: So hat er das erlebt   – und so lebt er   – so wirkt sein Leben   – so versteht er sich, so versteht er die Menschen. Und auf einmal erfährt er, dass da etwas nicht stimmt   – dass die Grossmutter ihm etwas erzählt hat, das früher gegolten hat, das heute nicht gilt! Und der das im Gefühl aufnimmt: dann sieht er den Menschen anders!

Der Lehrer zum Beispiel, der in der Klasse sich nicht wohl fühlt, der Angst hat vor den Kindern   – vor dem Buben, der Störungen hat   – der arme Bub, der zeigt, dass er schon zuhause irritiert worden ist, und der in der Schule keine Ruhe geben kann - der Hilfe braucht, dringende Hilfe   – alle Räder müssen stillstehen!   – die Klasse aufgeben für heute und dem kranken Buben sich annehmen!   – der Lehrer, der das nicht weiss   – indem wir ihn nicht aufklären, indem wir ihm das nicht aufzeigen und er das nicht ins Gefühl bekommt - hat das Gefühl, den Buben „an die Wand zu schmeissen“, umzubringen! Er ist ihm Feind! Er ist beleidigt, er ist gekränkt   – weil er eine andere Sicht hat: weil er vermutet, dass der Bub ihn stören will in der Klasse! Er führt dann Krieg! Der Lehrer führt dann Krieg mit dem armen kranken Buben! Er vermutet beim Buben, dass er der Intrigant ist und dass er sich so ausgeklügelt hat, dass er ihm stören will den Unterricht!

Also, das Wissen genügt nicht, sondern: das ERFÜHLEN! Das kommt dann, dass er die andere (alte) Sicht verlässt   – er sieht dann richtig! Er erfährt dann, dass der Bub krank ist! Dass die Erwachsenen schon so gewirtschaftet haben, dass der Bub sich nicht zurechtfindet im Leben, in der Klasse, in der Gemeinschaft. Und wenn er das im Gefühl aufnimmt, dann kann er dem Buben nicht böse sein. Er KANN es nicht! Nicht dass er will, oder nicht will! Sondern das geht nicht! Weil er doch ein anderes Bild hat über das Problem!

K.L. Da würde ich gerne eine Frage anschliessen, Herr Liebling! ... Ich hab Sie jetzt so verstanden, dass das zwei Ebenen sind, der Verstand und das Gefühl ...

Zuerst ist das Gefühl - und dann kommt der Verstand*

FL: Dass Ihnen schwer fällt, den Gedanken aufzunehmen, den ich jetzt versucht hab’ zu stottern   – ich hab’ es vorausgeschickt, ich hab’ es gesagt: wir sollten lernen, dass wir uns verstehen: Wir sind in der Erziehung so irritiert (worden), dass wir nur schwer den natürlichen Gedanken aufnehmen können. Und wir haben Schwierigkeiten   – beim besten Willen   – wir haben Schwierigkeiten! Verstandesmässig geht das nicht - sondern erst im Gefühl! Er fangt an zu verstehen, das aufzunehmen (mit dem) Verstand und das bewirkt, dass sein Gefühl sich ändert. Aber unsere Gefühle sind so irritiert, dass wir schwer das aufnehmen, weil wir (schon) ein Bild haben! Wenn wir „Menschenbild“ sagen, wissen wir nicht, was wir damit sagen! Wir müssen erst lange lernen, was damit gemeint ist!

Wir können nicht denken! Man hat uns das Denken nicht gelehrt - das deduktive, induktive. Geschichtlich denken können wir nicht! Wir haben Fragmente! Und dass es uns sehr schwer fällt, diese Frage von der Frau K. zu beantworten, ist uns klar. Wir wissen: So ist es eben! Wir gehen hinweg (über wichtige Fragen). Ich hab’ schon oft darauf aufmerksam gemacht, dass wir hinweggehen über Fragen   – wenn einer kommt und eine Frage stellt, die wir nicht verstehen, die wir nicht erfühlen, gehen wir (darüber) hinweg, ohne ...   – ohne dass wir uns da Gedanken machen! Als ob die Frage nicht gestellt wäre!

Also, wir müssen mit uns Geduld haben, viel Geduld!

Wenn das Ehepaar (ein Paar das in derselben Sitzung vorher sein Problerm vorgetragen hat) wissen würde   – genau das Bild haben (würde), hätten sie diese Schwierigkeiten nicht! Die Phantasien, die sie sich zurechtlegen, das haben sie dann nicht mehr. Die Irritationen kommen dann!   – Das ist doch ein altes Liebespaar! Sie sind verliebt! Sie leben zusammen.   – Die Unruhe kommt von unserer falschen Auffassung im Leben: die Eifersucht, die Zumutungen - die Dinge, die wir in der Familie erleben, in der Familienkonstellation ...

Wie die Mutter einen angeschaut hat! Die Mutter hat einen so angeschaut   – so geführt das „Geschäft“, dass wir heute als erwachsener Mensch sagen: „Ich kann nicht jemanden in die Augen schauen.“ Oft   – das ist nichts Neues!   – heut’ haben wir einen Fall gehabt, wo jemand gesagt hat, dass er nicht in die Augen schauen kann dem anderen Menschen. Er hat Angst! Wir haben Angst! Der Mensch   – der Erwachsene hat sich so präsentiert bei uns, als Kind, dass wir kein Vertrauen haben. Wir erzählen ihm, wir sagen ihm   – er kann es lesen, er kann es verstehen   – aber wenn es drauf ankommt, dann „hinkt“ das   – das geht nicht   – er hat noch nicht diesen Mut, dem Menschen in die Augen zu schauen. Weil die Eltern, die Erwachsenen in unserer Kindheit so gewirkt haben, dass wir unbewusste Abneigungen ... (gegen den Menschen entwickelt haben)   – wir haben Angst, wir haben kein Vertrauen!

Das sind ganz einfache Dinge, die wir uns   – wenn wir das Denken gelernt hätten   – würden wir keine Schwierigkeiten haben. Wir haben Schwierigkeiten, uns das heute zu erklären, weil unser Denken fragmentarisch ist! Wir können nicht denken   – Zusammenhänge ein(beziehen) in unsere Welt, unser Bild   – sind immer Fragmente! Wir haben einen Menschen, einen netten Menschen, der viel gelernt hat   – und er versagt! Ganz schrecklich versagt er   – im Handumdrehen! Weil er den Anschluss...   – er hat nicht gelernt, „anschliessend“ zu denken   – historisch! Das sind Fragmente! Er hat nicht ein Bild über die Welt, über den Menschen   – das steht da   – und wenn irgend’was dazukommt (wenn er vor einem neuen Problem steht), dann kann er das einreihen, oder er verneint: Das geht nicht!

Und das sogar   – was ich jetzt gesagt habe, bin ich mir bewusst, dass das eine schwere Sache ist! Trotzdem muss man einmal anfangen! Wir müssen uns bewusst werden, dass wir am Anfang stehen   – dass wir ja die Aufklärung noch nicht ...   – wir haben das Mittelalter noch nicht hinter uns gebracht! Wir leben noch im Mittelalter. Unser Seelenleben, unser Gefühlsleben, unser Ach und Weh   – unsere Formen, wie wir uns das vorstellen: ganz verkehrt! Das Mittelalter schleppen wir nach   – und müssen uns eben wappnen, schön langsam den Weg zu machen!

Also mit dem Wissen, dem rationalen Wissen, mit der „Auffassung“, haben wir nichts gemacht   – das müssen wir wissen! Wir müssen vorsichtig sein! Wenn wir zum Beispiel ein Buch in die Hand nehmen und uns vertiefen   – und das zwei oder drei mal lesen   – dann wissen wir vieles! Sehr vieles! Wir merken es uns, können das auswendig   – auswendig zitieren den Autor   – ganz genau das schildern   – aber in Wirklichkeit hat unser Gefühlsleben das nicht aufgenommen! Das geht ganz einfach nicht. Weil zuerst muss der Schutt abgetragen werden, damit wir was Neues   – neue Ansichten, neue Einsichten, neue Auffassungen (gewinnen können)   – da müssen wir das Alte verblassen lassen. Das geht nicht auf einmal!   – Wir fangen an zu denken, fangen an zu konfrontieren unsere alte Meinung mit der neuen ...   – Da fangt an das Spiel!   – Eine gefährliche Sache!   – Und bis sich einer bewusst wird den Unterschied zwischen dem Mittelalter und der Neuzeit, der Aufklärung, den Enzyklopädisten, den neuen Wegen, neuen Auffassungen über den Kosmos   – das braucht viel, viel Geduld! Wir müssen dazu überwinden die Ängste! Das Mittelalter war auf der Angst gebaut! Wir haben Angst   – bis wir das schön langsam überwinden können, um den Weg ins Neue, in die Neuzeit zu wagen. Und das könnte ich jedem wünschen!
[Hervorhebungen und Titel seniora.org]

*Siehe auch "Adolf Portmann: Die Entscheidungen des ersten Lebensjahres"

Lesen Sie auch: COPERNICUS SENIORA.ORG   


  • Quelle: Beitrag an einer Arbeitstagung der Zürcher Schule im Oktober 1967, Archiv für Zeitgeschichte der ETH Zürich - Quelle (2) Video-Abschrift eines Gruppengesprächs mit Friedrich Liebling 1981