Die Rede von Liane Kilinc in Torgau 2021 (Auszug)

„Hitler kaputt! Hurra!“ Das waren die Worte, mit denen sich, den Berichten nach, die US-amerikanische Patrouille den Soldaten der Roten Armee am 25. April 1945 in Torgau an der Elbe zu erkennen gab.
25. April 2021
Beide Truppenteile hatten eine harte Strecke hinter sich. Die erste US-Armee war von der Landung in der Normandie über die Ardennenoffensive bis zu jenem Tag an der Elbe immer mittendrin in den heftigsten Kämpfen an der Westfront, und die 5. Gardearmee, die diesen Namen als Auszeichnung nach Stalingrad erhalten hatte, hatte sich über den Dnjepr durch Schlesien bis zur Elbe vorgekämpft.

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Beide hatten mehr als genug von den Schrecken gesehen, die ihr gemeinsamer Gegner hinterließ.

Geschätzte Leserin, geschätzter Leser,
am 25. April 1945 umarmten sich erschöpfte, kriegsmüde amerikanische und russische Soldaten in Torgau an der Elbe. Eine Leserzuschrift machte uns auf die Gedenkfeier aufmerksam:
«heute in Torgau war das Gedenken an das Treffen der US- und Sowjetischen Streitkräfte in Torgau am 25.4.1945. Liane Kilinc und Friederike Schlegel sowie Anja Mewes haben eindrucksvoll in ihren Reden den damaligen Händedruck mit dem Heute verbunden».
Wir geben Ihnen eine dort gehaltene Rede als Gegengewicht zum unsäglichen deutschen Mitläufertum bei der Bedrohung Russlands durch USA und NATO gerne zur Kenntnis. Die bellizistische Haltung der deutschen Bundesregierung, sowie auch der Kanzlerkandidatin der Grünen gegen Russland erfüllen mich mit grosser Sorge.
Willy Wahl (1930), der den 2. Weltkrieg als Kind miterlebt hat.

An diesem sonnigen 25.April schuf diese Begegnung einen Augenblick zwischen Krieg und Frieden. Die Nazis hatten noch nicht kapituliert, aber ihr Ende war nicht mehr aufzuhalten, und die Freude auf den Gesichtern der Fotografien von diesem Tag zeigt schon das Wissen um den nahenden Sieg. Auf einem der Bilder von jenem Tag sitzen amerikanische und sowjetische Offiziere bunt gemischt an langen Tischen unter blühenden Obstbäumen und feiern.

Zwischen den Obstbäumen hängt ein eilig von den russischen Soldaten gefertigtes Transparent: „Our greetings to the brave troops of the First American Army“, unsere Grüße an die tapferen Truppen der Ersten Amerikanischen Armee. Dass 'american' mit einem K geschrieben wurde, dürfte an diesem Tag niemandem etwas ausgemacht haben.

Vielleicht hatten einige der US-Amerikaner Roosevelts Rede gelesen oder gehört, die er nach seiner Rückkehr aus Jalta vor dem US-Kongress gehalten hatte.

„Niemals zuvor waren die Hauptalliierten einiger   – nicht nur in ihren Kriegszielen, sondern in ihren Friedenszielen,“ hatte er gesagt, und dann ausgeführt, was die von den Alliierten geforderte bedingungslose Kapitulation für ihn bedeutete: „Das Ende des Nazismus und der Nazipartei   – und all ihrer barbarischen Gesetze und Institutionen. Das Ende jedes militaristischen Einflusses im öffentlichen, privaten und kulturellen Leben Deutschlands. Eine schnelle und gerechte   – und strenge   – Bestrafung der Nazi-Kriegsverbrecher. Die vollständige Entwaffnung Deutschlands; die Zerstörung seines Militarismus und seiner militärischen Ausrüstung; die Zerstreuung all seiner bewaffneten Kräfte; die dauerhafte Zerschlagung des deutschen Generalstabs, der so oft den Weltfrieden zertrümmert hat.“

Vielleicht hatten sie auch gelesen, was er in dieser letzten großen Rede vor seinem Tod über die Zeit nach dem Krieg sagte:

„Der Aufbau des Weltfriedens kann nicht das Werk eines Mannes, oder einer Partei oder einer Nation sein. Es kann kein amerikanischer, kein britischer, kein russischer, kein französischer oder chinesischer Frieden sein. Es kann kein Frieden der großen Nationen   – oder der kleinen Nationen sein. Es muss ein Frieden sein, der auf der gemeinsamen Bemühung der ganzen Welt beruht.“

Ja, ähnlich mögen sie gedacht haben, diese Soldaten, die sich am 25. April 1945 begegneten, einem Augenblick, der den Höhepunkt dieser Waffenbrüderschaft darstellte und der sich an der Grenze zwischen Krieg und Frieden ereignete.

Aber in Wirklichkeit war das nur die Grenze zwischen zwei Kriegen, dem heißen und dem kalten. An eben diesem Tag hatte Roosevelts Nachfolger Truman, der schon bei Amtsantritt geäußert hatte, das Bündnis mit den Sowjets müsse man jetzt brechen oder nie, vom Manhattan Project erfahren, der Entwicklung der Atombombe.

Und während Amerikaner und Sowjets in Torgau auf den Frieden tranken, sann man in Washington bereits darüber nach, wie man die neue Waffe gegen den Verbündeten nutzen könne. Und wir alle wissen, dass zumindest im abgespaltenen Westen unseres Landes weder die barbarischen Gesetze der Nazis verschwanden, noch die Kriegsverbrecher schnell, gerecht und streng bestraft wurden, und der deutsche Generalstab, der zerschlagen werden sollte, wurde bald schon wieder zum Aufbau der Westarmee, der Bundeswehr, herangezogen und dann an der Spitze der NATO benötigt.

Die Feiernden von Torgau waren schon während der Feier verraten. Im März noch hatte Roosevelt (zur Verärgerung Churchills) den Dulles-Wolf-Plan abgelehnt, ein Angebot der Nazispitzen, den Krieg im Westen einzustellen, um ihn gemeinsam im Osten weiter zu führen.

Während der Torgauer Feier saß ein Nazioffizier namens Reinhard Gehlen im Berchtesgadener Land auf einer Kiste sorgsam gefälschter Dokumente und wartete auf die Gelegenheit, sie den Amerikanern zu übergeben; die Behauptung, die Sowjetunion wolle den Krieg fortsetzen, sollte großen Teilen der Nazielite den Hals retten, und das gelang auch.

So ist es nicht möglich, die Bilder aus Torgau von 1945 ohne Wehmut zu betrachten und darüber nachzudenken, wie die Welt aussähe, wäre dieses Bündnis nicht verraten worden. Jene, die damals den Verrat betrieben, bescherten der Welt die CIA und die NATO und all die vielen kleinen Kriege seither, die es nie zu einem Weltfrieden kommen ließen.

Ihre Nachfolger, nicht nur im Amt, sondern auch in der Gesinnung haben die letzten Jahre damit verbracht, immer neues Kriegsmaterial gen Osten zu karren und mit einem Manöver nach dem anderen in Bewegung zu halten. Sie führen schon das zweite Großmanöver unter dem heuchlerischen Namen „Defender“; Verteidiger; durch, bei dem sie tatsächlich die Logistik für Truppeneinsätze gegen Russland üben, unter Beteiligung des US Militärs.

Der kleine Diktator der Ukraine steht bereit, abermals über den Donbass herzufallen. Es muss niemanden wundern, wenn in Russland Erinnerungen an den Sommer 1941 weckt.

Wie schrieb Hitler in der berüchtigten Weisung 21 vom Dezember 1940

„Vorbereitungen, die eine längere Anlaufzeit benötigen, sind - soweit noch nicht geschehen - schon jetzt in Angriff zu nehmen und bis zum 15.04.1941 abzuschließen. Entscheidender Wert ist jedoch darauf zu legen, dass die Absicht eines Angriffs nicht erkennbar wird“.

(…)

Wie kann es also nicht beunruhigen, wenn die NATO in den letzten Jahren die Vorbereitungsschritte konsequent abarbeitet, von der logistischen Planung über die Simulationen, die die RAND-Corporation lieferte, über Stabsübungen in Polen über die Ansammlung von Kriegsmaterial in der Nähe der russischen Grenze bis hin zu den inzwischen täglichen Flügen westlicher Spionageflieger um die Krim herum oder die Donbassfront entlang?

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