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«Russland  – Menschen und Orte in einem fast unbekannten Land»

Die Idee zu diesem aussergewöhnlichen Buch hatte Heino Wiese, der als Unternehmer und Politikberater langjährige wirtschaftliche und persönliche Beziehungen zu Russland hat.
von Gisela Liebe  – Zeit-Fragen v. 26.07.2022
16. August 2022
Er schickte 2013 zwei Teams, bestehend jeweils aus einer jungen Journalistin und einem Fotografen, auf eine Reise durch das grösste Land der Erde. Sie sollten dort russische Menschen in den verschiedensten Regionen interviewen und in ihrem Alltag und ihrer jeweiligen Lebenssituation vorstellen.

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xISBN 978-3-7374-0709-0

 Das Team mit Jessica Schober und Olga Matweewa bereiste Russlands Westen von Kaliningrad über Smolensk, Sotschi, Moskau, Wolgograd und St. Petersburg bis Kasan; Wlada Kolosowa und Ewgeny Makarov machten sich auf die Reise durch Sibirien, ausgehend von Jekaterinburg, der Millionenstadt, die dem Ural und damit der Grenze zwischen Asien und Europa am nächsten ist, über Nowosibirsk bis hin nach Magadan und Wladiwostok, beide jeweils um die 10 000 km von Moskau entfernt.

An insgesamt 30 Orten trafen sie unterschiedlichste Menschen, häufig spontan und zufällig, und liessen sich ihre Geschichten erzählen. So entstand ein vielfältiges Kaleidoskop von unterschiedlichsten Menschen, wie sie in ihren Städten und Landschaften leben. Der Leser erhält so einen Einblick in die grosse ethnische, religiöse und kulturelle Vielfalt Russlands. Vom Hausmeister der Datscha Jelzins über Bergarbeiter, Künstler, Wissenschaftler, Bademeister und Politiker bis zur Schaffnerin in der Transsibirischen Eisenbahn lernt man insgesamt 42 Menschen kennen. Begleitet werden die anschaulichen Texte von zahlreichen Fotos von Menschen und Orten, die den fast unwiderstehlichen Wunsch wecken, dieses grosse Land einmal zu besuchen und seine Bewohner persönlich kennenzulernen.

Chorleiterin in Transbaikalien

Den Anfang des Buches macht eine Chorleiterin in einem Dorf mit 700 Einwohnern in Transbaikalien (5 665 km von Moskau entfernt), wo seit dem 17. Jahrhundert eine Glaubensgemeinschaft von sogenannten Altgläubigen lebt, die von der Zarin Katharina der Grossen verbannt worden waren und seitdem dort ihre kulturellen und religiösen Traditionen weiterleben. Ihre berühmten polyphonen Gesänge gehören mittlerweile zum Unesco-Weltkulturerbe. Heute leben sie mit Internet, aber immer noch in Holzhäusern ohne Kanalisation.

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In Nischni Nowgorod begegnen sich die Flüsse Oka und Wolga.
(Bild im Buch auf Seite 78)

Den Abschluss des Buches, nach den besuchten Städten alphabetisch geordnet, bildet Wolgograd, das frühere Stalingrad, wo die Erinnerung an die Schrecken des Zweiten Weltkriegs von der sogenannten «Such-Oma», der 73jährigen Dea Wrazowa, aufrechterhalten wird. Sie sammelt alle Informationen, Erinnerungen und Schriftstücke über die Kriegszeit. «Man muss doch die Geschichte des Ortes kennen, an dem man wohnt, seiner kleinen Heimat», sagt Wrazowa. Gegenüber dem früheren Kriegsgegner Deutschland ist auch ihre 91jährige Kameradin Zinaida Petrowna Stepykina versöhnlich: «Ich hege keinen Groll gegen die Deutschen», sagt sie. «Wir haben ja schon damals gemerkt, dass nicht alle Deutschen Faschisten sind, dass es verschiedene Menschen gibt.»

Schachspiel und Buddhismus in Kalmückien

Elista (1 261 km von Moskau entfernt) ist die Hauptstadt Kalmückiens, einer südrussischen Provinz nahe der Grenze zu Georgien. Der Nationalsport in Kalmückien ist das Schachspiel, das jedes Kind von klein auf lernt. Die besten dürfen an der Schachakademie vier Stunden täglich trainieren. Der Leiter der Schachakademie Alexander Abaschinow ist stolz darauf, dass während seiner Amtszeit schon drei Russlandmeister und drei Europameister aus Kalmückien hervorgegangen sind. Ein Grossmeister habe einmal an 30 Brettern gleichzeitig gespielt. In Elista befindet sich auch der Churul, der Tempel der buddhistischen Gemeinde. Telo Tulku Rinpoche ist das geistige Oberhaupt der 160 000 Buddhisten in Kalmückien. In den USA geboren, wurde er mit sieben Jahren von seinen Eltern, die mongolischen Ursprungs waren, in ein buddhistisches Kloster nach Indien geschickt. «Dort war ich 13 Jahre lang. Mit 21 begleitete ich den Dalai Lama auf seiner ersten Reise nach Kalmückien. Er bat mich zu bleiben. So habe ich meine Wurzeln kennengelernt.»

Kalmückien ist nicht nur die älteste buddhistische Region in Russland, sondern sogar in ganz Europa. «Anfang der neunziger Jahre war hier nichts vom Buddhismus übrig, kein Kloster, kein Tempel, kein einziger Mönch. Es wurde aber dringend jemand gebraucht, der die Wiedereinführung der Religion übernehmen konnte. Ich wurde gebeten, das zu tun. Ich wusste, ich konnte nicht viel Bekanntes bei der Bevölkerung voraussetzen, aber es hat mich überrascht, wie viele Gebete und Rituale die ältere Generation noch bewahrt hatte.» Seither wurden in Kalmückien rund 30 Tempel gebaut.
  Viele der vorgestellten Menschen haben mehrere Berufe. Anton Kuklin aus Wladiwostok (9127 km von Moskau, dafür nur 150 km von der chinesischen Grenze entfernt) hat eine Matrosenausbildung gemacht, ein Ingenieurstudium der Fischindustrie absolviert, grosse Erfolge als Kickboxer gefeiert und arbeitet nach vielen Umwegen im Leben mittlerweile bei einer Bank.

Permafrost in Jakutsk

In Jakutsk (8 352 km und sechseinhalb Flugstunden von Moskau entfernt) beträgt die Durchschnittstemperatur im Winter minus 42 Grad. Die Republik Sacha (Jakutien), deren Hauptstadt Jakutsk ist, ist so gross wie Indien, hat aber nur eine Million Einwohner. Die ganze Republik Jakutien liegt auf Permafrostboden, der nur im Sommer bis zur Tiefe von zwei bis drei Metern auftaut.

Viktor Schepelew, 71, ist stellvertretender Direktor des Permafrost-Instituts in Jakutsk, des einzigen Instituts weltweit, das Dauerfrostböden untersucht. 65 Prozent der Landfläche Russlands sind ständig gefroren, teils bis zu einem Kilometer tief. Im Labor des Instituts zwölf Meter unter der Erde herrscht eine konstante Temperatur von minus sechs Grad.

Viktor Schepelew macht sich Sorgen um den Umgang des Menschen mit der Natur und äussert sich zu den riesigen noch unerschlossenen Bodenschätzen in Sibirien. «Meiner Meinung nach sollte man Sibirien in Ruhe lassen. Der Norden und die Arktis sind Säuberungsfabriken unserer Erde. Wir dürfen die Weltfilter nicht kaputtmachen. Vielmehr sollte man darüber nachdenken, die natürliche Ressource unserer Region zu nutzen: die Kälte. Man könnte zum Beispiel die Kristallisationsenergie nutzen   – Energie, die beim Gefrieren freigesetzt wird.

Die Permafrostböden sind ausserdem ein Archiv der Weltgeschichte: Man findet hier gut erhaltene Mammutkadaver und andere prähistorische Tiere. Ausserdem ist Permafrost eine natürliche Tiefkühltruhe. Man könnte hier Keller graben und darin jahrhundertelang Lebensmittel lagern. Ich sage Ihnen: Der Frost ist ein wunderbares Erhaltungsmittel. Schauen Sie mich an! Ich bin 71, bin seit zwölf Jahren nicht mehr im Urlaub gewesen und fühle mich wie dreissig.»

Forschung und Datscha

Die Region Tjumen (2 120 km von Moskau entfernt) gilt als Saudi-Arabien Russlands   – hier sind 64 % der Erdöl- und 93 % der Erdgasvorkommen Russlands gelagert. Die 31jährige Ekaterina Matyuschkina arbeitet hier in der Stadt Tjumen als Endokrinologin in einer Einrichtung für alte Menschen und forscht zu Altersdiabetes. Ihre 65jährige Mutter passt auf ihre kleine Tochter auf, während sie arbeitet. «Ohne sie wäre es schwer, Kind und Karriere zu vereinbaren, oder Kind und Studium   – was hier immer noch viele machen. Ohne Omas und Opas würde das so nicht funktionieren. Und dieses Gefühl, gebraucht zu werden, hält jung. Nach dem Motto: Ich darf nicht krank werden, ich habe doch die Datscha, ich habe doch die Kleinen.»

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Am Ufer des Baikalsees.
(Bild im Buch auf Seite 62)

«Lernen von denen, die du liebst»

In der Kleinstadt Schtschokino, die 210 km von Moskau entfernt ist, besucht Wlada Kolosowa ihre ehemalige Lehrerin Nadeschda Chrjatschkowa, an deren Esstisch sie als Schülerin viele Abende verbracht hat. Deren pädagogische Überzeugung: «Ich glaube daran: Lernen kannst du nur von denen, die du liebst». Ihre ehemalige Schülerin Wlada Kolosowa erinnert sich, dass sie ihre Lehrerin innig geliebt hatten und dass sie ihr Omas Piroggen, ihre Sorgen und auch Strassenkatzen nach Hause gebracht hatten. Die Türen der Lehrerin seien zu jeder Tageszeit offengestanden. «Vielleicht ist es eine russische Tradition, Rund-um-die-Uhr-Lehrer zu sein. Viele unserer Schriftsteller haben sich auch als Lehrer gesehen», sagt Chrjatschkowa und verweist auf Dostojewski und Tolstoi.

Der Mufti von Tartarstan

Kasan, eine Millionenstadt an der Wolga (808 km von Moskau entfernt), ist das muslimische Zentrum Russlands. 52 % der Bevölkerung, die hier lebt, sind Tataren, die neben Russisch auch Tatarisch sprechen. Als Kasan 2005 seinen 1000jährigen Geburtstag feierte, wurde auch die grosse Kul-Scharif-Moschee eingeweiht. In den neunziger Jahren gab es in der autonomen Republik Tatarstan nur 20 Moscheen, während es heute rund 1500 sind.

Der Mufti von Tatarstan, der 28jährige Kamil Hazrat Samigullin, erklärt, dass zu Sowjetzeiten muslimische Gelehrte nach Sibirien deportiert wurden und viele Gläubige heimlich in Richtung Mekka gebetet hätten. Die Wiedergeburt des Islam sei in den neunziger Jahren gekommen; inzwischen bekennen sich 60 % der 3,7 Millionen Tataren zum Islam. Die russische Orthodoxie ist hier in der Minderheit. In der Schule dürfen die Mädchen ein Kopftuch tragen, was in manchen Regionen Russlands verboten ist.

Zum Zusammenleben der Religionen erklärt der Mufti:

«Der Rabbi, der Patriarch und ich, wir sind direkt verbunden. Vieles läuft zwar parallel, wir haben zum Beispiel eine eigene Druckerei, die Christen haben ihre eigene. Im Privatleben sind aber viele Tataren und Russen, Muslime und Christen befreundet. In der Schule lernen die Kinder, unabhängig von der Konfession, die gemeinsame Geschichte der Religion.»

Russland gehört zu Europa und ist mit seiner kulturellen Vielfalt, seiner Geschichte und seinen liebenswerten Menschen ein Land, mit dem wir verbunden sind und das wir näher kennenlernen sollten, statt uns noch weiter zu entfremden.  •

Buch-Widmung von Heino Wiese
Ich widme dieses Buch meinem Vater Otto Wiese, der 1941 als 18jähriger in den Krieg mit Russland marschieren musste, der fast drei Jahre als Kriegsgefangener in den Wäldern Nischni Tagils die Äxte der Baumfäller schärfte, der mit 24 Jahren, schwer krank und auf 38 kg abgemagert, wieder in die Heimat kam, der 1985 Moskau und Leningrad besuchte und begeistert zurückkam und der mich gelehrt hat, dass Russland schön und die Russen herzliche und liebenswerte Menschen sind.

Quelle: https://www.zeit-fragen.ch/archiv/2022/nr-16-26-juli-2022/russland-menschen-und-orte-in-einem-fast-unbekannten-land

Mit freundlicher Genehmigung von Zeit-Fragen

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