Lizenz zum Morden

Lizenz zum Morden

In seinem Bericht "Ich bin ein Deserteur" beschreibt der GI Joshua Key die Brutalisierung der US-Soldaten im Irak

Buchrezension von Jürgen Rose

Eigentlich will er nur Schweißer werden. Aber die US-Armee braucht Killer.

Und weil er arm ist und unbeleckt von übermäßiger Bildung, dafür aber durchtränkt mit tumbem Patriotismus, zudem noch seine Frau und zwei Kinder irgendwie über die Runden bringen muss, wird Joshua Key, das Landei aus Guthrie, Oklahoma, zur leichten Beute von Staff Sergeant Van Houten. Letzterer gehört zu jenen zahlreichen Rekruteuren, die den unerlässlichen Nachschub an menschlichem Kanonenfutter zu garantieren haben, nach dem eine gigantomane US-Militärmaschinerie unablässig giert. Mit falschen Versprechungen geködert unterschreibt Key am 3. April 2002 seine Verpflichtungserklärung bei der U.S. Army, überzeugt davon, "beim Militär etwas von der Welt [zu] sehen und einen völlig neuen Lebensstil kennen[zu]lernen". Diese Erwartung wird in der Tat voll und ganz in Erfüllung gehen  – freilich gänzlich anders als erhofft.

Die militärische Lebenswelt lernt Rekrut Key in Fort Leonard Wood, Missouri, bei der 35th Combat Engineer Company kennen. Dort, so brüsten sich die Drill Sergeants, würden er und seine Kameraden nun zu den "gemeinsten Killern auf dem Schlachtfeld" ausgebildet. Es folgen Wochen der Erniedrigung ("Sie sind ein dämlicher Haufen Scheiße, ein nutzloses Arschloch"), in denen es vor allem darum geht, die zukünftigen Kämpfer mental zu brechen und nach dem Ideal der Army wieder neu aufzubauen. Je weiter die Zeit voranschreitet, desto mehr wächst, wie er zugibt, der Stolz des Soldaten Key eine "perfekte Killermaschine" zu sein.

Begleitet wird das militärische Training von systematischer Hasserziehung: Muslime sind keine Zivilisten, Afghanen sind "Scheißterroristen, die den Tod verdienen", Iraker sind "keine Zivilisten, ja nicht einmal Menschen", sondern nichts anderes als der Feind. Dem Feind aber "durften ... [wir] nicht einmal ein Fünkchen Menschlichkeit zugestehen", gibt Key zu Protokoll. Als ob die Soldaten alle ein virtuelles Siegel "Brainwashed by U.S. Army" auf der Stirn trügen, brüllen sie auf Befehl hirnlos rassistische Parolen: "One shot, one kill, one Arab, one Asian". Am Ende sind sie perfekt zugerichtet für das große Morden im Namen des "Globalen Krieges gegen den Terror": "In den Augen unserer Armee waren die Iraker keine Menschen, sondern Terroristen, Selbstmordattentäter, Sandnigger und Lumpenköpfe. Wir mussten sie geringer achten als Menschen, um überhaupt zu unseren Taten fähig zu sein. In der Militärausbildung brachte man uns bei, die Iraker als minderwertig zu betrachten, und diese Haltung überquerte mit uns die Meere, als wir in den Kampfeinsatz flogen."

Das war am 10. April 2003. Mittlerweile zum "Private First Class", zum Obergefreiten, avanciert, dient Key nun in der 43rd Combat Engineer Company. Eigentlich war ihm bei seiner Rekrutierung ja versprochen worden, er würde ausschließlich in den USA selbst auf einer "Nondeployable Military Base" eingesetzt, um dort Brücken zu bauen. Aber dies entpuppt sich augenscheinlich als glatte Lüge. Nun befindet er sich also in Ramadi, einer Stadt von 300.000 Einwohnern rund hundert Kilometer westlich von Bagdad, mitten im so genannten "sunnitischen Dreieck", wo den Invasoren härtester Widerstand entgegenschlagen sollte. Regel Nummer eins, so befehlen die Offiziere, heißt: "Wenn Sie sich bedroht fühlen, schießen Sie erst und fragen später."

Diese Anweisung ist nicht anderes als die Lizenz zum Morden, wie Key an einem ebenso beklemmenden wie empörenden Beispiel schildert. Während er wochenlang immer wieder an einem Krankenhaus Wache schieben muss, bettelt ein siebenjähriges Mädchen bei ihm um Essen. Nach und nach begreift er, dass sie keine Terroristin ist, sondern einfach nur ein Mädchen. Key gibt ihr Verpflegungsrationen, freut sich auf ihre Besuche, auch auf den letzten, tödlichen, als sie wieder zu ihm gerannt kam. "Ich griff nach einer Einmannpackung in meiner Tasche", berichtet er, "und als ich aufblickte, sah ich sie drei Meter vor mir, hörte Schüsse aus einem halbautomatischen Gewehr und sah ihren Kopf platzen wie einen Pilz". Da nicht ein einziger bewaffneter Iraker zu sehen war, ist Key überzeugt davon, dass einer seiner eigenen Leute das Mädchen abknallte. "Ihr Tod verfolgt mich bis heute. Ich versuche, damit leben zu lernen", beschreibt er sein Trauma.

Doch entkommt auch er nicht der eigenen Brutalisierung durch Krieg und Besatzung: "Meine moralische Urteilsfähigkeit begann unter dem Druck, dem ich als Soldat ausgesetzt war, zu bröckeln. Ich fühlte mich angreifbar und hatte keinen klar erkennbaren Feind, den ich töten konnte. Man ermutigte uns, den Feind fertig zu machen, und da wir keinen zu fassen bekamen, nahmen wir uns wehrlose Zivilisten vor. Wir wussten, dass man uns für unser Handeln nicht zur Verantwortung ziehen würde. Weil wir Angst hatten und zu wenig Schlaf abbekamen, aufgeputscht waren von Koffein, Adrenalin und Testosteron und unsere Offiziere uns ständig in Erinnerung riefen, dass alle Iraker, Zivilisten eingeschlossen, Feinde seien, war die Versuchung groß zu stehlen, war es völlig normal, Prügel auszuteilen, war es einfach zu töten. Wir waren Amerikaner im Irak, und wir konnten tun, was uns gefiel."

Key macht mit, auch wenn ihm mitunter sein Gewissen in die Quere kommt. Doch je länger der Einsatz dauert, desto stärker wachsen seine Skrupel. Bis ihm eines Tages klar wird, "dass wir, die amerikanischen US-Soldaten, die Terroristen waren. Wir terrorisierten die Bevölkerung, schüchterten sie ein, schlugen sie, demolierten ihre Häuser, vergewaltigten sie wohl auch. Diejenigen, die wir nicht umbrachten, hatten allen Grund der Welt, ihrerseits zu Terroristen zu werden. Angesichts dessen, was wir ihnen antaten  – wer konnte es ihnen da zum Vorwurf machen, dass sie uns und alle Amerikaner umbringen wollten? ... Wir die Amerikaner, waren im Irak zu Terroristen geworden."

Als der Obergefreite Key im November 2003, von seiner glorreichen Mördertruppe auf einen zweiwöchigen Heimaturlaub geschickt, zuhause bei Frau und Kindern eintrifft, leidet er unter Albträumen, Blackouts, gravierenden Persönlichkeitsveränderungen  – kurzum: er ist ein psychisches Wrack. Doch im letzten Moment, er befindet sich schon auf dem Rückweg zu seiner Einheit im Irak, ist in Dallas zwischengelandet, macht es bei ihm Klick: "Ich wollte bei meiner Frau und meinen Kindern sein; ich wollte mich nicht mehr mit dem Blut von Männern, Frauen und Kindern besudeln; ich konnte es vor meinem Gewissen nicht mehr verantworten, noch einmal im Irak zu kämpfen." Er desertiert. Fast 16 Monate verstecken Key und seine Familie sich in verschiedenen Städten kreuz und quer in den USA, immer in Angst, geschnappt zu werden. Immerhin stehen auf Desertion viele Jahre Gefängnis, selbst die Todesstrafe ist nicht ausgeschlossen. Im Dezember 2004 gebiert seine Frau das vierte Kind, endlich ein Mädchen. Schließlich, es ist März 2005 geworden, fliehen alle gemeinsam nach Kanada. In Toronto beantragt die Familie Asyl. Rückblickend resümiert der GI Joshua Key: "Meine Armee hatte mich so weit gebracht, dass ich mich schämte, Amerikaner zu sein."

Indes, so ist zu fragen, ist nicht auch hierzulande Scham angebracht  – Scham darüber, dass eine Bundesregierung unter Gerhard Schröder den USA und ihrer Kriegskoalition trotz der groß inszenierten, öffentlichen Ablehnung des Irak-Krieges vielfältigste Unterstützungsleistungen für diesen eindeutigen Aggressionskrieg erbrachte? Nicht zuletzt dadurch wurde es der U.S. Army erst ermöglicht, den Soldaten Joshua Key via Frankfurt Rhein-Main zum Kriegsdienst in den Irak zu verfrachten. Müsste sich Deutschland nicht schämen, dass es mit solcher Vasallenhilfe das Völkerrecht und die Verfassung brach? Und müsste schließlich in Deutschland nicht endlich Scham einkehren, nach wie vor mit diesem Imperium Americanum der Barbarei verbündet zu sein, das im Wahn der Macht sich anmaßt, weltweit Menschen auf bloßen Verdacht hin in die Folterhöllen von Guantanamo, Bagram oder Camp Bondsteel zu verschleppen?

Dipl. Päd. Jürgen Rose ist Oberstleutnant der Bundeswehr. Er vertritt in diesem Beitrag nur seine persönlichen Auffassungen

Zum Buch:

Buch Ibin ein Deserteur

Hoffmann und Campe, Hamburg 2007, 255 S., 19,95 EUR

Joshua Key mit Lawrence Hill Ich bin ein Deserteur. Mein Leben als Soldat im Irakkrieg und meine Flucht aus der Armee. Aus dem Amerikanischen von Anne Emmert.

Quelle: Freitag 48, die Ost-West-Wochenzeitung v. 30.11.2007

USA, Bücher, Irak, Militär, Gewalt

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