Generation der Tyrannen-Kinder

Interview mit der Autorin
Alarm! Im neuen Buch warnt Jugendpsychologin Martina Leibovici-Mühlberger vor der nächsten Generation: „Sie werden den Herausforderungen nicht gewachsen sein.“ Die Hintergründe.

Buch Tyrannenkinder

Tyrannenkinder, Martina Leibovici-Mühlberg

Warum erziehen wir Ihrer Meinung nach gerade eine Generation von Tyrannen?

Martina Leibovici-Mühlberger: Um es gleich vorwegzunehmen, ich versuche hier Anwalt dieser verratenen Kindergeneration zu sein, der ich an jeder Ecke in vielgestaltiger Form begegne. Das tyrannische Verhalten der Kinder und viele andere Verhaltensauffälligkeiten von gravierenden Essstörungen bis hin zur konsequenten Leistungsverweigerung sind ein Aufschrei, der Versuch der Kinder, sich gegen eine Gesellschaft zu wehren, die ihnen kindgerechtes Aufwachsen verweigert und sie stattdessen für ihre Zwecke instrumentalisiert. Ein Tyrannenkind ist ein in der Tiefe ­seiner Seele schwer verunsichertes Kind, das verzweifelt um Orientierung in einer Welt ringt, die es in Grundfragen seiner Existenz belügt und ­betrügt.

Ganz konkret: Was machen die Eltern dieser „Tyrannen-Generation“ falsch? Was die Gesellschaft?

Leibovici-Mühlberger: Es ist ein gesamtgesellschaftliches Bewusstseinsproblem dieser Steigerungsgesellschaft, und diese Entwicklung der Kinder ist dabei so etwas wie collateral damage. Allerdings eine, die uns enorm auf den Kopf fallen wird. Unsere Gesellschaft hat in den letzten fünfundzwanzig Jahren, angetrieben durch die politische Entwicklung und phänomenalen technologischen Fortschritt, viel darangesetzt, im Namen von Freiheit und individueller Potenzialentfaltung die Ich-AG zur geltenden Maxime der Glückseligkeit zu erheben. Das ist ein charmantes Konzept, das endlich jede Fremdbestimmung abzustreifen scheint. Faktum ist allerdings, dass narzisstische Persönlichkeitsstörungen rapide zunehmen, also Persönlichkeitsprofile, die mit Selbstbespiegelung und der Maximierung des eigenen Vorteils auch auf Kosten von anderen beschäftigt sind. Für die Kinder dieser Gesellschaft heißt das, dass ihre Eltern „das Beste“ für sie wollen, das Beste, an das wir selber eben derzeit glauben, und das ist diese eben zitierte Ich-AG! Und die Wirtschaft hat Kinder als Konsumenten und gleichzeitig als lukrative Objekte der Vermarktung entdeckt. So viel wie heute ist am Kind nie verdient worden.

Wie werden aus Kindern eigentlich Tyrannen?

Leibovici-Mühlberger: Die Kernkompetenz von Elternschaft ist es, liebevolle Führungskompetenz zu beweisen, konstant, konsistent, konsequent. Dazu muss man in allererster Linie einmal selber erwachsen sein, was in einer narzisstischen Spaßgesellschaft, die uns auf der chilligen Oberfläche einer Hochglanz- und Seitenblickegesellschaft vorgegaukelt wird, nicht besonders anturnend, auf jeden Fall für viele angestaubt wirkt. Durch diesen Erziehungs­mangel, diese mangelnde Markierung eines altersadäquaten Raums, fehlt es Kindern an Orientierung und Sicherheit, sie können keine Regeln erkennen, folgen dem eigenen Lustprinzip, erlernen alleine ihren situativen Impulsen zu folgen und werden in ihrer Ausrichtung stark auf sich selbst bezogen. Damit ist die Kollision mit den Interessen von anderen und den Anforderungen der Umwelt vorprogrammiert.

Warum ist diese „Tyrannen-Generation“ später den Herausforderungen nicht mehr gewachsen?

Leibovici-Mühlberger: Das ist im Prinzip ganz einfach nachzuvollziehen. Kinder, die mit dieser Erziehungshaltung aufwachsen, die ihnen suggeriert, es geht nur um dich, deine Freiheit zur persönlichen Entfaltung, in anderen Worten: „Du bist ein Prinz, eine Prinzessin, tue allein das, was dir nützt und dich fördert, und wir setzen dir keine Grenzen, werden schrecklich überfordert, da man sie der Endlosigkeit des Raums überlässt. Sie müssen das Rad, ihr Rad, neu erfinden zu einem Zeitpunkt, wo dieser junge Organismus mit diesem Auftrag schwer überfordert ist und stattdessen liebevoller Führung bedürfen würde. Und ein ganz wesentlicher, für ihr Scheitern verantwortlicher Teil findet sich in der Tatsache, dass „die anderen“, die Gemeinschaft, in diesem Konzept nicht zu Partnern, mit denen man sich auseinandersetzen muss, werden, sondern zu Steigbügelhaltern oder im schlimmsten Fall zu Behinderern degradiert werden. Diesen Kindern wird damit wenig Möglichkeit gegeben, Selbstorganisation und Selbstregulation zu lernen.

Was geben Sie Eltern mit auf den Weg, um aus dem Kind keinen Tyrannen zu machen?

Leibovici-Mühlberger: Man muss sich klar sein, dass man mit der Entscheidung, Mutter oder Vater zu werden, eine neue Rolle annimmt. Da gibt es dann kein Zurück mehr. Und diese Rolle muss man ausfüllen können, konstant, konsistent und konsequent, da gibt es keine Wehleidigkeit und keine Verhandlung. Diese Rolle hat Eigenheiten, Charakteristika, so wie jede. Zuallererst muss ich selber erwachsen sein und mir klar sein, dass ich kraft meines Erfahrungsvorsprungs, den ich aus meinem Lebensaltersvorsprung beziehe, für diesen nachkommenden Organismus meines Kindes Führungsverantwortung trage. Das heißt, ich muss fähig sein, mich auf mein Kind einzulassen, es so, wie es ist, anzunehmen und einzuschätzen und ihm dann jeweils seinem Alter entsprechende Grenzen als, ich betone das, einen Schutzraum zu markieren. Wichtig ist es weiters, sich nicht von der Gesellschaftsdoktrin und ihrem Förderwahnsinn und materiellen Konsumgeboten für das Kind unter Druck setzen zu lassen.

Gibt es noch einen Ausweg aus der Misere?

Leibovici-Mühlberger: Natürlich! Wir leben in der besten aller Welten, die wir bisher zu schaffen in der Lage waren. Jetzt stehen wir an einer Kreuzung und haben es in der Hand, ob diese Welt sich positiv und für mehr Menschen des Gesamtglobus beglückender weiterentwickelt oder in die gegenteilige Richtung abtrudelt. Daher mein Appell im Namen der Kinder an alle, nicht nur an Eltern: Erzieht uns endlich!

Martina Leibovici

Martina Leibovici-Mühlberg

Psychologie, Erziehung, Bücher

  • Gelesen: 2001
http://madonna.oe24.at/magazin/Generation-der-Tyrannen-Kinder/231031430
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