Führen Verluste in Ukraine und Konflikt mit China zu imperialer Überdehnung der USA?

21. Januar 2023von Dr. Peter F. Mayer - tkp.at
23. Januar 2023
Die USA und ihr NATO-Gefolge sind offenbar dabei verschiedenste Waffensysteme an die Ukraine zu liefern. Analysten sehen das eher als Verzweiflungstat an, denn als für die Armee der Ukraine hilfreiche Maßnahme. Die unterschiedlichen Systeme werfen eine Reihe von Problemen auf bezüglich Ausbildung, Logistik und Wartung. All das müsste erst geschaffen werden, was aber Monate dauert. Die Lage insgesamt und die geopolitische Lage könnte sich ebenfalls gegen den Westen gewandelt haben, meinen Analysten.

Leopard 2 Panzer der Bundeswehr 49919624546Leopard 2 Panzer der Bundeswehr, Bild: Dirk Vorderstraße from Hamm, Deutschland, CC BY 2.0, via Wikimedia Commons

Einer der meistrespektierten Analysten ist der frühere Geheimdienstoffizier des US Marine Corps Brian Berletic. In einem Video analysiert er die geplanten Waffenlieferungen des Westens und erklärt, warum sie nur geringe Wirkung haben werden. Die alte Ausrüstung der Ukraine aus Sowjetzeiten mit knapp 1000 Panzern, Raketen, Drohnen und Geschützen scheint weitgehend vernichtet oder einfach kaputt geworden zu sein.

Änderungen in der geopolitischen Lage

Noch interessanter sind aber die geopolitischen Folgen der Verluste der Ukraine und die offensichtlichen Probleme in der westlichen Produktion mit dem Tempo der Vernichtung der Waffensystem und dem Verbrauch an Munition Schritt zu halten. Die USA sind nun gezwungen, Munition aus ihren Geheimlagern in Israel und Südkorea an das Kiewer Regime zu liefern.

In den letzten Jahrzehnten hat sich die Welt mit der Auflösung der bipolaren Weltordnung und dem Aufstieg Amerikas zur „einzigen Supermacht“ dramatisch gewandelt. In letzter Zeit hat dieser Prozess eine weitere Wendung genommen: Die unipolare Welt weicht dem Aufstieg der Multipolarität. Auch wenn diese Umgestaltung noch nicht abgeschlossen ist, handelt es sich doch um einen laufenden Prozess, der nur mehr durch ein Ereignis katastrophalen Ausmaßes gestoppt werden kann. Erwartungsgemäß gibt die unipolare Welt nicht auf, und die Vereinigten Staaten, die Hauptträger dieses Systems, das euphemistisch als „regelbasierte Weltordnung“ bezeichnet wird, versuchen ihr Bestes, um das Aufkommen der Multipolarität zu verhindern.

Die neoliberalen Kriegsherren tappen jedoch in dieselbe Falle wie viele andere Imperien vor ihr   – imperiale Überdehnung. Dieses Stadium haben die USA vermutlich erreicht, als sie zur einzigen Supermacht wurden und glaubten die ganze Welt beherrschen zu können. Der überstürzte Abzug aus Afghanistan in Vorbereitung auf den Krieg in der Ukraine ist ein starker Beleg dafür. Knapp vor dem Eingreifen Russlands hatte die Ukraine ein Heer mit etwa 150.000 Mann vorbereitet, das dem Donbass die im Minsker Abkommen garantierte Unabhängigkeit entreißen sollte und die Krim erobern.

Seit dem Untergang von Weltreichen in der Antike wissen wir, dass ein ungezügeltes Streben nach globaler Vorherrschaft unweigerlich zur Erschöpfung der Ressourcen führe. Genau das passiert jetzt mit dem politischen Westen unter Führung der USA.

Durch die Gier des Finanzkapitals und der neoliberalen Globalisten nach Extra-Profiten und Ausweitung ihre Macht, wurde die Weltwirtschaft langsam nach Asien verlagert, wobei China die zentrale Rolle in diesem Prozess spielte. Mit der fortschreitenden Auslagerung der Produktionsstätten in Billiglohnländer mit den entstehenden komplexen Lieferketten und hohen Anforderungen an Transportkapazitäten, hat sich der Westen massive Problem in der ebenfalls globalistisch organisierten Militärproduktion geschaffen.

Die Corona Maßnahmen, die dem Ausbau der Herrschaft und der Vernichtung des Mittelstandes dienen sollte, brachte die Lieferketten und Logistiksysteme noch zusätzlich durcheinander. Da hatte man mit den militärischen Abenteuern ind der Ukraine und in Taiwan entweder früher beginnen und Corona auf danach verscchieben sollen, oder noch ein Jahr abwarten bis sich die globalistische Wirtschaft konsolidiert hat. Aber wie Haiphong und Berletic im Video unten analysieren, glaubt man insbesondere beim Konflikt mit China ein sich rasch schließendes Fenster der Gelegenheit (window of opportunity) zu haben.

Am 17. Januar berichtete die New York Times, dass Amerika nun gezwungen ist, Munition aus seinen geheimen Lagerbeständen in Israel an das Kiewer Regime zu liefern, das nun zunehmend auf westliche Waffen angewiesen ist. Da das Pentagon vorhersagt, dass sich Russland in der Endphase der Vorbereitungen für eine Großoffensive befindet, wird die ukrainische Armee Hunderttausende von Artilleriegranaten und andere Waffen benötigen. In dem Bericht heißt es, dass ein Großteil der bisher geheim gehaltenen Bestände bereits nach Europa verschifft wurde und demnächst an das Kiewer Regime übergeben werden soll. Es ist nicht das erste Mal, dass Amerika auf Waffenreserven in Übersee zurückgreift, denn ein ähnliches Lager in Südkorea wird ebenfalls angezapft.

Sowohl Israel als auch Südkorea haben offiziell dementiert, der Ukraine so genannte „tödliche Hilfe“ zukommen zu lassen, was die Sache höchst umstritten macht, da Russland darin einen feindlichen Akt sehen könnte. Dies könnte die geopolitische Lage im Nahen Osten und im asiatisch-pazifischen Raum verkomplizieren, da Israel mit der russischen Präsenz in Syrien konfrontiert ist, während Südkorea häufig auf Moskau angewiesen ist, um die Spannungen mit seinem nuklear bewaffneten nördlichen Nachbarn abzubauen. Die Beteiligung beider Länder an der westlichen Aggression gegen Russland könnte zu einer unkontrollierbaren Eskalation in diesen Gebieten führen, da es sehr unwahrscheinlich ist, dass Russland Ländern hilft, die es als feindlich betrachtet. Dies wiederum könnte Amerikas Fähigkeiten zur Machtprojektion in beiden Regionen weiter aushöhlen.

Da Amerikas globale Macht schwindet, wird seine Abhängigkeit von regionalen Verbündeten und Satellitenstaaten unweigerlich zu Problemen führen, da diese weniger geneigt sein werden, dem Diktat Washingtons blindlings zu folgen. Israel, Südkorea und andere werden versuchen, schlechte Beziehungen zu Moskau und Peking zu vermeiden, während die Europäische Union immer zu langsam sein wird, um in den meisten wichtigen Fragen einen Konsens zu finden. Extremistische Regime wie die in der Ukraine und nichtstaatliche Akteure (d.h. zahlreiche von USA und NATO unterstützte Terrorgruppen) werden immer schwieriger zu kontrollieren sein und immer mehr Ressourcen benötigen, was die imperiale Überforderung der USA weiter verschärft.

Ein Beispiel dafür ist die Aktivierung Japans die als fernöstliche Militärmacht die USA im Kampf gegen China unterstützen soll. Das hat kürzlich ein hoher US-Militär ganz offen zugegeben. Der Oberbefehlshaber des US Marine Corps für Japan, Generalleutnant James Bierman, ist der Meinung, dass es „zahlreiche Parallelen“ zwischen der Ukraine und Taiwan gibt, und räumt ein, dass die USA ein „Anti-China-Theater“ vorbereiten, indem sie die Koordination mit ihren regionalen Satellitenstaaten verstärken.

Das alles und mehr bespricht Brian berletic mit dem unabhängigen US-Journalisten Danny Haiphong, dem Host von //youtube.com/@theleftlens">The Left Lens:

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Quelle: https://tkp.at/2023/01/21/fuehren-verluste-in-ukraine-und-konflikt-mit-china-zu-imperialer-ueberdehnung-der-usa/?utm_source=mailpoet&utm_medium=email&utm_campaign=neue-artikel-der-woche-auf-tkp-at-vom-date-d-date-m-date-y_924

Peter F. Mayer tkp
Peter F. Mayer ist Publizist im Bereich Science & Technology. Nach dem Physikstudium war er einige Jahre in der IT-Branche und Softwareentwicklung tätig. Danach wechselte er in den Journalismus als Herausgeber und Chefredakteur bei Telekom-Presse und pfm   – Magazin für Infrastruktur und Technologie und arbeitete in der Chefredaktion der HighTech Presse. Er verfasste Beiträge für Die Presse, Salzburger Nachrichten, ORF, Profil, Wienerin und andere. Er ist überzeugter Vater zweier Töchter.

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