Theodor Fontane: «Das Trauerspiel von Afghanistan»

Die Afghanen erleben Krieg nicht erst seit 30 Jahren. 1839 marschierten die Briten ein. Auf der Flucht verloren sie 14'500 Leute.
Urs P. Gasche / 16.08.2021 - Infosperber
16. August 2021
Einmal mehr verjagen afghanische Volksgruppen westliche Truppen. Jetzt waren und sind es die Nato-Streitkräfte unter US-Führung. 32 Jahre vorher, 1989, zogen sich nach zehn Kriegsjahren die sowjetischen Truppen zurück. Die USA hatten die afghanischen islamistischen Taliban logistisch und militärisch gegen die sowjetischen Besatzer unterstützt und stark gemacht.

Afghanistan Krieg Flucht Englaender Kabul

Nato-Krieg in Afghanistan forderte über eine halbe Million Tote

Ein Blick auf die jüngste Geschichte macht den US-Abzug aus Afghanistan nachvollziehbar. Es sind nicht die Regierung Joe Bidens und dieser Abzug, welche das Desaster verursacht haben.

Krieg bedeutet für die Bevölkerungen meistens das noch schlimmere Schicksal als unter der Willkür eines Diktators oder unter religiösen Fundamentalisten zu leben. Dem strategisch interessant gelegenen Afghanistan wurden schon im 19. Jahrhundert Kriege vom Ausland aufgezwungen. Den russischen Zaren drängte es über Afghanistan nach Indien und die Briten wollten Russland von Afghanistan fernhalten. Deshalb marschierten sie im Jahr 1839 in Kabul ein. Doch schon drei Jahre später flohen die britischen Besatzer vor einem Aufstand. Der Rückzug von 4’500 britischen und indischen Truppen sowie 10’000 Hilfskräften, Frauen und Kindern endete für alle ausser einigen wenigen mit dem Tod. Die Briten liefen den Afghanen bei ihrem Durchzug durch die Khurd-Schlucht hinter Kabul in eine Falle. Als einziger Europäer schaffte es Armeearzt William Brydon bis Dschalalabad in Richtung Pakistan.

Ein weiterer Versuch, Afghanistan unter britische Kontrolle zu bringen, war der Krieg 1878-1880. Und auch dem Ersten Weltkrieg, im Jahr 1919, griffen die Briten noch einmal ein, diesmal nur für kurze Zeit. Am 8. August 1919 wurde der Friede von Rawalpindi geschlossen.

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Theodor Fontane schrieb 1859 das Gedicht Das Trauerspiel von Afghanistan, das Brydons Ankunft in Dschalalabad nach seiner Flucht aus Kabul im Jahr 1880 schildert. Hier ein Auszug:

Der Schnee leis stäubend vom Himmel fällt,
Ein Reiter vor Dschellalabad hält,
„Wer da?“   – „Ein britischer Reitersmann,
Bringe Botschaft aus Afghanistan.“

Afghanistan! Er sprach es so matt,
Es umdrängt den Reiter die halbe Stadt,
Sir Robert Sale, der Kommandant,
Hebt ihn vom Rosse mit eigener Hand.

Sie führen ins steinerne Wachthaus ihn,
Sie setzen ihn nieder an den Kamin,
Wie wärmt ihn das Feuer, wie labt ihn das Licht,
Er atmet hoch auf und dankt und spricht:

„Wir waren dreizehntausend Mann,
Von Kabul unser Zug begann,
Soldaten, Führer, Weib und Kind,
Erstarrt, erschlagen, verraten sind.

Zersprengt ist unser ganzes Heer,
Was lebt, irrt draußen in der Nacht umher,
Mir hat ein Gott die Rettung gegönnt,
Seht zu, ob den Rest ihr retten könnt.“

Sie bliesen die Nacht und über den Tag,
Laut, wie nur die Liebe rufen mag,
Sie bliesen   – es kam die zweite Nacht,
Umsonst, dass ihr ruft, umsonst, dass ihr wacht.

Die hören sollen, sie hören nicht mehr,
Vernichtet ist das ganze Heer,
Mit dreizehntausend der Zug begann,
Einer kam heim aus Afghanistan.

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Anleitung für fremde Soldaten in Afghanistan

Im Jahr 2005 kam der Film «Die Neunte Kompanie» des russischen Regisseurs Fjodor Bondartschuk in die Kinos und wurde zum internationalen Erfolg. Er kann hier in der deutschsprachigen Version in voller Länge angeschaut werden.

Weiterführende Informationen

Infosperber zog am 26. April 2021 Bilanz des zwanzigjährigen Nato-Krieges.

George W. Bush, «Mission Accomplished» (Speech 2003, die ganze Rede im Wortlaut auf CBSNews).

Der Nato-Krieg in Afghanistan

Seit 2001 führt die Nato unter Führung der USA in Afghanistan einen «Krieg gegen den Terror».

Quelle: https://www.infosperber.ch/politik/welt/theodor-fontane-das-trauerspiel-von-afghanistan/

 

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