Francesca Albanese hält wüsten Attacken stand
Die Szene an sich wäre schon schlimm genug: Eine Sonderberichterstatterin der Vereinten Nationen wird im Tempel der Diplomatie von einem Staatsvertreter beleidigt.
Noch schlimmer ist es jedoch, wenn diese Berichterstatterin Italienerin ist und sie von dem Land, in dem sie geboren und aufgewachsen ist, desavouiert wird. Während der Vorstellung ihres Berichts «Völkermord in Gaza: ein kollektives Verbrechen» war die Juristin Francesca Albanese Zielscheibe einer Reihe von Interventionen, die einen Grossteil des Plenums des Dritten Ausschusses der Generalversammlung der Vereinten Nationen in New York unter dem Vorsitz des thailändischen Diplomaten Cherdchai Chaivaivid bestürzt zurückliessen.
Israel bezeichnete sie als «gescheiterte Hexe», Italien stellte ihre Integrität und Unparteilichkeit in Frage, Ungarn berief sich auf die «Friedenslinie von Präsident Trump», warf ihr «blinde und antiisraelische Voreingenommenheit» vor und brachte erneut die übliche Verleumdung der Komplizenschaft mit der Hamas vor.
Die wichtigste Erkenntnis ist, dass Israel, Italien und Ungarn die einzigen drei Länder sind, die Albaneses jüngsten Bericht abgelehnt haben. Sie hält sich seit dem 25. Oktober in Südafrika für die Nelson Mandela Annual Lecture und eine Reihe von Treffen mit der Desmond and Leah Tutu Legacy Foundation auf. Auf Grund der US-Sanktionen konnte sie nicht persönlich nach New York reisen.
Im grossen Saal des Dritten Ausschusses hörten die Delegierten den langen Vortrag der Juristin, die die Einzelheiten ihres vierundzwanzigseitigen Berichts erläuterte: eine genaue Analyse der Verantwortung von dreiundsechzig Staaten für die Verwüstung des Gaza-Streifens, der als «erwürgt, ausgehungert, zerstört» bezeichnet wird, und die Anklage gegen «eine koloniale Weltordnung, die durch ein System institutionalisierter Komplizenschaft gestützt wird».
Als erster ergriff der ständige Vertreter Israels, Danny Danon, Mitglied der Likud-Partei, das Wort und wetterte mit beleidigenden, einschüchternden und spöttischen Tönen gegen die Berichterstatterin: «Der Bericht von Frau Albanese befasst sich weder mit Menschenrechten noch mit Frieden. Seit Jahren verbreitet sie antisemitische Rhetorik und blutige Verleumdungen. Sie verteidigt Terroristen und zeigt Verachtung für Israel, die Vereinigten Staaten und den Westen.»
Dann folgte der Satz, der den Saal erstarren liess: «Frau Albanese, Sie sind eine Hexe. Dieser Bericht ist eine weitere Seite aus Ihrem Zauberbuch. Jede Anschuldigung ist ein Zauber, der nicht funktioniert, weil Sie eine gescheiterte Hexe sind.»
Der israelische Politiker und Diplomat verwies dann selbstgefällig auf die US-Sanktionen gegen Albanese und fügte hinzu: «Jetzt richtet sie ihre Flüche gegen andere Nationen, unsere Verbündeten, Partner und Freunde, die Demokratie und Rechtsstaatlichkeit unterstützen. Wir können nur hoffen, dass ihre Hexerei erneut fehlschlägt. Mögen ihre Flüche weiterhin auf sie selbst zurückfallen.»
Kurz darauf sprach Maurizio Massari, ständiger Vertreter Italiens, mit zurückhaltenderen Worten als sein israelischer Amtskollege, die jedoch nicht weniger beunruhigend waren: «Der heute von der Sonderberichterstatterin Albanese vorgelegte Bericht ist völlig unglaubwürdig und parteiisch. Wir sind nicht überrascht. Der Inhalt geht eindeutig über das Mandat der Sonderberichterstatterin hinaus, das weder Untersuchungen zu mutmasslichen Verstössen anderer Staaten oder Einrichtungen noch Urteile über die Zusammenarbeit zwischen Drittländern und dem Internationalen Strafgerichtshof umfasst. Noch besorgniserregender ist die völlige Missachtung des Verhaltenskodexes für Sonderberichterstatter, der Integrität, Unparteilichkeit und guten Glauben vorsieht.»
Während Massari sprach, schaltete Präsident Cherdchai Chaivaivid das Mikrofon stumm: Einige Sekunden lang sprach der Delegierte weiter ins Leere, ohne zu bemerken, dass der Saal nichts mehr hörte.
Aus Italien kam also keinerlei Zeichen der Unterstützung für die Berichterstatterin: weder nach den Sanktionen noch angesichts der Beleidigungen. Diese mangelnde Solidarität offenbarte mehr als politische Kritik die diplomatische Unterordnung, die Rom der italienischen Juristin auferlegen wollte.
Die dritte Gegenstimme kam aus Ungarn, das «Besorgnis über die antiisraelische Voreingenommenheit» des Berichts äusserte und «den ausgewogenen Ansatz von Präsident Donald Trump als einzige realistische Perspektive für Frieden» verteidigte. Eine formelle Stellungnahme, die nur dazu diente, die Ausrichtung Budapests auf die neue US-Regierung zu bekräftigen.
Francesca Albanese antwortete mit fester, aber zurückhaltender Stimme. Ihre erste Antwort richtete sich an Danon: «Endlich hat der Vertreter Israels nach drei Jahren dieses Mandat mit seiner Anwesenheit beehrt. Sehen Sie, es ist grotesk und ehrlich gesagt wahnsinnig, dass ein völkermordender Staat nicht auf den Inhalt meiner Erkenntnisse eingehen kann und sich statt dessen darauf beschränkt, mich der Hexerei zu bezichtigen. Nun gut: Ihr seid es, die des Völkermords beschuldigt werden. Wenn das Schlimmste, was Sie mir vorwerfen können, Hexerei ist, dann akzeptiere ich das. Aber seien Sie versichert, dass ich, wenn ich die Macht hätte, Zaubersprüche zu wirken, diese nicht zur Rache einsetzen würde. Ich würde sie einsetzen, um Ihre Verbrechen ein für alle Mal zu stoppen und dafür zu sorgen, dass die Verantwortlichen hinter Gitter kommen.»
Und sie fügte hinzu: «Ich möchte, dass zwischen dem Fluss und dem Meer Juden, Muslime, Christen und Säkulare in Freiheit leben und ihre Rechte geniessen können, die nicht nur ein Privileg für wenige sind. Ungarn irrt sich: Es stimmt nicht, dass ich die Hamas nicht verurteilt habe, und es überrascht mich, dass Italien, mein Herkunftsland, sich diesem unbegründeten Chor anschliesst. Sie hätten konkrete Beispiele nennen sollen, statt dessen wiederholen Sie die Argumente des israelischen Botschafters.»
Dann wandte sie sich an alle Delegierten und mahnte: «Wir müssen ehrlich sein in bezug auf das, womit wir es zu tun haben. Was Israel aufgebaut hat, ist keineswegs aussergewöhnlich. Es ist die Fortsetzung und Verfeinerung der Kolonialordnung. Es handelt sich um rassistische Herrschaft und Enteignung, aktualisiert für unser Jahrhundert und durchgesetzt mit den Waffen und Technologien dieses Jahrhunderts. Und Südafrika zeigt, dass das, was heute unbesiegbar erscheint, tatsächlich gebrochen werden kann, wenn Recht, Wille und Mut zusammenkommen. Selbst die stärksten Mauern fallen. Und in dieser Dunkelheit leisten Millionen Widerstand. Funken der Hoffnung.»
Die Juristin fuhr fort: «Schande über die Regierungen, die sich als liberale Demokratien bezeichnen und weder in der Lage sind, die Macht ihrer Polizei einzudämmen, die versucht, das Gewissen zum Schweigen zu bringen, noch die Hunderte von Bürgern aus aller Welt zu unterstützen, die weiterhin ihr Leben in Form einer Flottille oder eines globalen Marsches riskieren. Die Belagerung zu durchbrechen und den Völkermord zu stoppen, ist eine Verpflichtung der Mitgliedsstaaten, wie die Anti-Apartheid-Gruppe unserer Zeit zeigt. Es sind die Staaten, die schweigen und mitschuldig sind», betonte sie. «Das vereinte Volk erhebt sich. Die Arbeiter streiken weltweit. Die BDS-Bewegung [Boycott-Divestment-Sanctions-Movement, Anm. d. Red.] gewinnt neuen Schwung, da immer mehr Verbraucher strategisch boykottieren, Unternehmen ihre Investitionen zurückziehen und Institutionen, von Banken bis zu Universitäten, langsam aber sicher ihre Praktiken ändern. Die Frage ist nicht mehr, ob die Apartheid Israels und das globale System der Komplizenschaft, das sie stützt, ein Ende finden werden. Es kommt darauf an, wann und wie.»
Abschliessend eine Botschaft an die Palästinenser: «Von der Härte der Besatzung bis hin zu den Orten, an die euch das Exil verschlagen hat, wo ihr den Völkermord beobachtet oder erleidet, wird euer Kampf wahrgenommen. Eure Widerstandsfähigkeit wird gewürdigt, und die Welt erwacht mit euch und wird euch zur Seite stehen, so wie sie es mit Südafrika bis zu eurer Befreiung getan hat.»
Worte, die im Saal des Komitees mit langem Applaus aufgenommen wurden und wie das genaue Gegenteil der vorangegangenen Beleidigungen klangen. •
Quelle: Il Fatto Quotidiano vom 29.10.2025;
https://www.ilfattoquotidiano.it/2025/10/29/onu-francesca-albanese-genocidio-gaza-israele-italia-meloni-ungheria/8177241/
(Übersetzung Zeit-Fragen)
Genossenschaft Zeit-Fragen
Postfach 247
CH-9602 Bazenheid Tel. +41 44 350 65 50
Fax +41 44 350 65 51
Als Leser von Zeit-Fragen empfehlen wir unsern Lesern, diese Zeitung einmal probeweise zu abonnieren:
Probenummern
Zeit-Fragenund Horizons et débats erscheinen auch auf Papier.
Erscheinungsweise vierzehntäglich.
Für ein kostenloses Probeabonnement für die nächsten 6 Nummern genügt es, uns Ihre Postadresse per Mail mitzuteilen.
E-mail: abo@zeit-fragen.ch
Besten Dank für Ihr Interesse.