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Die Monroe-Doktrin: Totgesagte leben länger

Die Monroe-Doktrin ist seit fast 200 Jahren ein Eckpfeiler der Außenpolitik der USA. In Lateinamerika gilt sie als Wahrzeichen des US-Imperialismus
Von Peter Gärtner
17. April 2020
Am 2. Dezember 1823 hielt US-Präsident James Monroe eine Rede zur Lage der Nation vor dem Kongress. Zwei Jahre zuvor hatte Mexiko seine Unabhängigkeit von Spanien verkündet und in Südamerika zeichnete sich die militärische Niederlage der iberischen Kolonialmacht ab. Monroe warnte die europäischen Staaten vor dem Versuch, die verlorenen Kolonien zurückzuerobern oder sich in die Angelegenheiten der neuen Staaten einzumischen. Die von ihm formulierten und später ergänzten Prinzipien werden seit 1853 als Monroe-Doktrin bezeichnet. Seit fast 200 Jahren bilden sie einen Eckpfeiler der Außenpolitik der Vereinigten Staaten. In Lateinamerika gelten sie hingegen als Wahrzeichen des US-Imperialismus.

Diese Hypothek hat John Kerry in seiner Eigenschaft als Außenminister unter Barack Obama im November 2013 veranlasst, die Monroe-Doktrin offiziell für tot zu erklären. Donald Trump wiederum hat 2018 in seiner Rede vor der UN-Vollversammlung mit ausdrücklichem Verweis auf James Monroe betont, dass die USA jedes Eindringen "expansionistischer ausländischer Mächte" in die westliche Hemisphäre zurückweisen werden. Dies wurde ein halbes Jahr später von seinem damaligen Sicherheitsberater John Bolton mit dem Worten "Die Monroe-Doktrin lebt" bestätigt. Weshalb sie solange überleben konnte, wird im Folgenden beleuchtet.

Prinzipien und Merkmale

Bei der Monroe-Doktrin handelt es sich erstens um Prinzipien, die von den Vereinigten Staaten einseitig definiert und umgesetzt werden und somit kein Völkerrecht sind. Zweitens hat Monroe seine Erklärung so formuliert, dass sie einerseits an den antikolonialen Ursprung der USA anknüpft, ohne andererseits den eigenen Hegemonialanspruch zu verleugnen. Dies verweist drittens auf den flexiblen Charakter der Monroe-Doktrin. Allein bis 1993 wurde die ursprüngliche Fassung von 1823 mehr als dreißig Mal ergänzt. Diese Flexibilität war viertens vor allem deshalb notwendig, weil Anspruch und Umsetzung der Doktrin zunächst weit auseinanderklafften. Damit wird fünftens die enge Verknüpfung der Monroe-Doktrin mit dem missionarischen Selbstverständnis der USA deutlich, was sich sechstens in der Wechselwirkung von Innen- und Außenpolitik bei der Formulierung und Durchsetzung der Monroe-Doktrin widerspiegelt.

Hervorzuheben ist der frühzeitig formulierte Machtanspruch, den die USA in zwei Richtungen geltend machen. Zum einen grenzte sich die junge Republik klar gegenüber dem europäischen System ab und verwehrte dessen Repräsentanten den freien Zugriff auf die westliche Hemisphäre. Im Gegenzug waren die USA bereit, sich aus dem Machtgerangel in Europa herauszuhalten, was die Anerkennung des verbliebenen europäischen Kolonialbesitzes in der Karibik einschloss. Zum anderen war Monroes Botschaft an die südlichen Nachbarn in Lateinamerika gerichtet. Hinter der Forderung "Amerika den Amerikanern!" verbergen sich jedoch zwei unterschiedliche Konzepte von Macht. Gegenüber Europa befinden sich die USA in einem Konkurrenzverhältnis, in dem sie zunächst in der Position des Schwächeren waren, was sich aber mit dem Übergang ins 20. Jahrhundert zugunsten Washingtons umkehrt. Gegenüber Lateinamerika hingegen fühlen sich die Vereinigten Staaten von vorn herein überlegen. In dem Maße, wie sie mit ihren europäischen Konkurrenten gleichzogen und sie später überholten, vertiefte sich das Machtgefälle zu Lasten Lateinamerikas.

Der zweischneidige und widersprüchliche Charakter der Monroe-Doktrin wandelt sich mit dem Aufstieg der USA zur Welt- und Supermacht klar und unwiderruflich zum imperialistischen Imperativ der neuen Hegemonialmacht. Die Eindeutigkeit, mit der die USA die westliche Hemisphäre als ihren "natürlichen Lebensraum" beanspruchen, weckte sogar den Neid von Deutschland und Japan, der beiden anderen Mitbewerber um die Weltherrschaft, die im Zweiten Weltkrieg ebenfalls für eine eigene "Großraumordnung" kämpften.

Grundlagen

Wie die US-amerikanische Außenpolitik im Allgemeinen ruht auch die Monroe-Doktrin im Speziellen auf zwei Fundamenten   – einem ideologischen und einem geopolitischen   –, die eng miteinander verschränkt sind. Das ideologische Fundament wird durch den American Exceptionalism gebildet, der den Kern der US-amerikanischen Identität ausmacht. Demnach fühlen sich "die Amerikaner" als auserwähltes Volk, dessen Werte und Institutionen einerseits allen anderen überlegen sind, andererseits gerade deswegen zum Wohle der gesamten Menschheit weltweit verbreitet werden sollten (Mission), was aber von den jeweiligen Machtressourcen (Power) abhängt. Aus dem Zusammenspiel von Mission and Power lassen sich sowohl eine exklusive als auch eine universelle Lesart des American Exceptionalism ableiten. Im 19. Jahrhundert hat sich Washington außenpolitisch zunächst auf die westliche Hemisphäre konzentriert (Isolationismus), während es sich im 20. Jahrhundert dem Aufbau einer liberalen Weltordnung verschrieben hat (Internationalismus). Die verschiedenen Varianten der Außen- und Sicherheitspolitik Washingtons haben jedoch dasselbe Ziel: die Weltherrschaft (Primacy) der USA.

Das Sendungsbewusstsein des American Exceptionalism findet seine geopolitische Entsprechung in der einzigartig günstigen Lage der USA. Geleitet von ihrer Zivilreligion haben sich die Siedler unter dem Banner der Manifest Destiny im 19. Jahrhundert ein Imperium geschaffen, das sich vom Atlantik im Osten bis zum Pazifik im Westen erstreckt, während es im Norden an das dünn besiedelte Kanada und im Süden an Mexiko grenzt, das bis 1848 die Hälfte seines Territoriums (Texas, Neu-Mexiko, Kalifornien) an den übermächtigen Nachbarn im Norden verloren hatte. Immer wieder konnte Washington die Krisen und Kriege, in die seine europäischen Konkurrenten verwickelt waren, zum eigenen Vorteil nutzen. 1803 musste Napoleon, der gerade in Haiti gescheitert war und seine Prioritäten in Europa sah, die französische Kolonie Louisiana (mehr als zwei Millionen Quadratkilometer) an die USA verkaufen, die dadurch ihr Territorium verdoppeln konnten. Spanien, das in Mexiko und Südamerika gegen die dortigen Unabhängigkeitsbewegungen einen schweren Stand hatte, musste 1819 Florida aufgeben und den USA nördlich des 42. Breitengrades Zugang zum Pazifik gewähren. Großbritannien machte den Vereinigten Staaten im Friedensvertrag von 1814 ähnliche Zugeständnisse, so dass die Grenze zu Kanada entlang des 49. Breitengrades verlief.

In den Jahren nach 1850 wurde die "Indianergrenze" (Frontier)   – mit Unterbrechung durch den Bürgerkrieg 1861-1865   – gewaltsam immer weiter nach Westen verschoben, bis sie 1890 quasi beseitigt war. Die USA hatten damit nicht nur ihre kontinentale Westexpansion beendet, sondern sich zugleich zu einer modernen Wirtschaftsmacht mit einem riesigen Markt entwickelt. Die drei schweren Depressionen, die das Land 1873-1879, 1882-1885 und 1893-1897 erschütterten, machten jedoch deutlich, dass der weitere Aufstieg einer "eigenen Hemisphäre" bedurfte, wie es Thomas Jefferson bereits 1808 und 1813 gefordert hatte. Um dies zu erreichen, bot sich zuvorderst die Monroe-Doktrin an, die dazu aber neu geschärft und ausgerichtet werden musste.

Der Roosevelt Corollary

Den entscheidenden Schritt von der Binnen- zur Außenexpansion vollzogen die Vereinigten Staaten 1898. Im Ergebnis ihres Sieges im Spanisch-Amerikanischen Krieg erwarben sie nicht nur strategisch wichtige Kolonien in der Karibik (Puerto Rico) und im Pazifik (Guam, Philippinen), sondern stiegen auch zur imperialistischen Weltmacht auf. Kuba wurde zwar 1902 formell unabhängig, verblieb jedoch im Status einer Halbkolonie unter der Kontrolle Washingtons. Hawaii wurde 1898 annektiert und 60 Jahre später als 50. Staat in die Union aufgenommen. Die Vorstöße nach Süden und Westen brachten die USA in Konflikt mit Großbritannien und Deutschland. Bei diesen Auseinandersetzungen, die in den Krisen von 1895/1896 und 1902/1903 gipfelten, stand jeweils Venezuela im Zentrum. Im ersten Fall war ein Grenzstreit mit der britischen Kolonie Guayana der Auslöser, während es sich im zweiten Fall um einen klassischen Akt imperialistischer Kanonenbootpolitik handelte: Großbritannien und Deutschland, unterstützt von Italien, wollten mit der militärischen Blockade Venezuelas die Zahlung ausstehender Schulden erzwingen. In beiden Fällen sah sich Washington herausgefordert, auf der Einhaltung der Monroe-Doktrin zu bestehen.

Weiterlesen: https://amerika21.de/analyse/239008/monroe-doktrin-totgesagte-leben-laenger

Zu diesem Thema passt die herausragende Analyse über die Geschichte des Verhältnisses zwischen den USA und Lateinamerika von Wolf Gauer, Journalist und Filmemacher aus Südamerika.

Die USA und Lateinamerika
Ein Thema mit Variationen    – endlos und trostlos. Wo anfangen?

https://www.seniora.org/wunsch-nach-frieden/demokratie/die-usa-und-lateinamerika-von-wolf-gauer

 

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