"Neuromythologie" – Felix Hasler nimmt Stellung zu seinem Buch

Felix Hasler weiß wovon er spricht und in seinem Buch schreibt, er hat selbst 10 Jahre lang in der Arbeitsgruppe Neuropsychopharmacology und Brain Imaging an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich gearbeitet.

Und er nimmt sich sympathischer und glaubwürdigerweise zunächst selbst in die Kritik:

“Häufig war ich selbst derjenige, der einer allzu simplen mechanistischen Sichtweise aufgesessen ist und der den alles dominierenden »neuro-talk« unreflektiert übernommen hat.”

(S. 9)

Das Bündel der Neurowissenschaften scheint im Kern auf einem einfachen Phänomen gegründet: Wenn man uns neurowissenschafltichen Laien beeindruckende (bunte) Bilder zeigt, die zerebrale Prozesse und Strukturen abzubilden scheinen, dann muss es sich wohl um besonders fundierte und fortschrittliche Erkenntnisse handeln. Und die sind natürlich infolge medienwirksamer Inszenierungen modernster High-Tech Untersuchungsmethoden mit Magnetresonanztomographie (MRT) und funktionaler Magnetresonanztomographie (fMRT) durch und durch auf der Höhe der Zeit.

Sie spiegeln unsere Sehnsucht, die Welt in all ihren Facetten endgültig zu erklären. Treffend zitiert Hasler Martha Farah von der University of Pennsylvania:

“Hirnbilder sind die Wissenschaftsikonen unserer Zeit, die Bohrs Atommodell als Symbol für Wissenschaft ersetzt haben.”

(S.20)

Das diese Methoden allerdings weitaus weniger exakt sind, als Laien erahnen, wird von den neurowissenschaftlichen Protagonisten verschwiegen und zum Teil aktiv verschleiert. Hasler erklärt auf verständliche Weise, warum die bildgebenden Verfahren eben alles andere sind, als ein Inbegriff wissenschaftlicher Präzision und zwingender Folgerichtigkeit. Hier die wichtigsten Fakten:

Es gibt bislang keinen einheitlichen Standard zur Anwendung und Auswertung bildgebender Verfahren. Das methodische Vorgehen in Studien ist äußerst unterschiedlich und häufig weder vergleichbar noch reproduzierbar.

Die Ergebnisse von MRTs und fMRTs sind eine aufwändige und reichlich fehleranfällige komplizierte Kette methodischer Entscheidungen sowohl im Vorfeld als auch in der Auswertung der Messungen.

Funktionale Magnetresonanztomographie (fMRT) sind nicht einfache “Fotografien” von neurologischen Prozessen in unserem Gehirn. Sie sind Analogieschlüsse, die auf komplexen Umrechnungsmethoden basieren:

“Die Anatomie abbildende strukturelle MRT ist zur funktionellen MRT … weiterentwickelt worden. Die Bilder sehen immer noch sehr ähnlich aus, sind dem Wesen nach aber etwas völlig anderes. Die funktionellen Gegebenheiten im Gehirn können nämlich nur indirekt abgeschätzt werden. Dies geschieht in der Praxis durch die Messung der zeitabhängigen lokalen Veränderung von Blutfluss und Sauerstoff-Verbrauch.”

(S. 42)

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