Unsere Kriege – ein toxischer Alptraum

Unsere Kriege  – ein toxischer Alptraum

«Die Zukunft ist schrecklich, ausser wenn wir den Krieg jetzt stoppen, und wir müssen alle zusammenarbeiten, um ihn zu stoppen.»

ein Gespräch mit Doug Rokke, USA*

Zeit-Fragen: Letztes Jahr sagten Sie, dass mit modernen Waffen Krieg obsolet sei. Könnten Sie uns bitte erklären, warum Uranwaffen ein Anliegen sind, das uns alle betrifft?

Doug Rokke: Uranwaffen benutzen radioaktives toxisches Material. Und sie werden gegen alle Arten von Zielen im Irak, Afghanistan und auf dem Balkan eingesetzt. Sie werden mit Sicherheit in Iran, Syrien und Pakistan eingesetzt werden. Sie wurden mit Sicherheit in Libanon und in Somalia eingesetzt. Und radioaktive Waffen hinterlassen überall toxisches radioaktives Material, und was wir aus den ersten Erfahrungen wissen, ist, dass wenn sie einmal eingesetzt worden sind, man sie nicht mehr entsorgen kann. Sie können einfach nicht entsorgt werden. Und deshalb verseucht man die Luft, das Wasser und den Boden. Man verseucht die Nahrung, und man lässt einen toxischen Alptraum zurück, das wird für immer andauern. Wir haben Uranwaffen, die extensiv von den USA, von Grossbritannien, von Australien eingesetzt wurden, und auch Kanada hat Uranwaffen gegen alle bekannten Ziele verwendet.

Aber Uranwaffen sind nicht die einzigen neuen Waffen, die zum Einsatz kamen. Die Briten setzen jetzt thermobarische Waffen überall in Afghanistan ein, und sie werden sie im Irak einsetzen. Einfach gesagt, nutzt eine thermobarische Waffe Hitze und Druck, um Menschen zu töten und Objekte zu zerstören, indem die Luft aus den Lungen gesaugt wird und die inneren Organe zerreissen. Auch die USA haben nun etwas, das wir eine hochenergetische Mikrowelle nennen würden, wir nennen sie «Buck-Rogers-Strahlenkanone». Diese neue Waffe sendet einen Mikrowellenstrahl aus, der die inneren Zellen erhitzt. Dadurch fühlt man sich, wie wenn man lebendig gekocht wird. Wenn sie nicht schon eingesetzt wurde, so wird sie im Irak und auf anderen Schlachtfeldern eingesetzt werden. Und der Staatssekretär des amerikanischen Dept. of the Air Force hat den Einsatz von Mikrowellenwaffen auf US-Bürger während ziviler öffentlicher Proteste angewiesen.

Damit haben wir eine Unzahl neuer Waffen, jedoch haben wir nicht nur ernsthafte Probleme mit all den Uranwaffen, den thermobarischen Waffen, den «Buck-Rogers-Strahlenkanonen», sondern, wenn wir all diese Waffen einsetzen, dann zerstören wir die Infrastruktur eines Landes. In der Konsequenz setzen wir alle Arten von toxischen, organischen oder anorganischen Komponenten, biologischen Materialien frei, und wir setzen auch eine Menge an radiologischen Isotopen frei, die man gemeinhin in der Industrie, der Landwirtschaft, medizinischen und Ausbildungseinrichtungen findet.

Und was ist mit den sogenannten Atomwaffen der vierten Generation? Wissen Sie etwas über sie?

Nein, ich denke, was wir im Grunde betrachten müssen, ist die schmutzige Bombe. Wir haben alle Uranwaffen, und es existieren alle Arten von verschiedenen Uranwaffen. Wir haben die Wuchtgeschosse (Kinetic Energy Penetrator), das sind Pfeile und Bolzen aus solidem Uran. Wir haben die Bunkerbrecher (Bunker Buster), das sind gigantische Bomben, die mit hochexplosiven Stoffen und Uran gefüllt sind. Dann haben wir die Streubomben (Cluster Bombs), wie ADAM oder PDM, welche tatsächlich in Libanon und auf einem Marktplatz auf dem Balkan eingesetzt wurden. ADAM und PDM sind Landminen oder Kugeln, bei denen die äussere Verschalung Uran ist, und sie sind mit hochexplosiven Stoffen gefüllt. Und dann haben wir all die Marschflugkörper (Cruise Missile) und alles andere. Wir schauen auf die totale Ausbreitung von radioaktivem Material oder genau genommen radioaktivem Abfall über die Umwelt der Erde.

Was daran am meisten bestürzt, ist, dass die dem US-Militär eigenen obligatorischen Auflagen so sind, dass innerhalb von 24 Stunden nach Exposition rasche und effektive medizinische Hilfe zur Verfügung gestellt werden muss, so wie es Generalleutnant James Peake 2004 und zuvor General Eric Shinski 1993 anordnete. Dies wird überhaupt nicht allen Opfern von Uranwaffen angeboten. Vom Personal des US-Militärs wird zudem durch die eigene Bestimmung U.S. Army Regulation 700-48 verlangt, dass jegliche verseuchte Umwelt sofort saniert wird.

Und das wird nicht getan. Letztendlich kommt es dazu, dass radiologisches plus toxisches Material während der Zerstörung der Infrastruktur eines Landes freigesetzt und in die ganze Umgebung freigesetzt wird. Es gibt keinen Weg, das zu sanieren, es gibt keine effektive medizinische Hilfe, die geleistet werden kann, und die Folgen werden, so befürchte ich, bis in alle Ewigkeit bleiben.

Das bleibt also bis in alle Ewigkeit. Bedeutet das, dass die Landwirtschaft, das Essen, das Trinkwasser verseucht sein werden und dass die Kriegsgebiete niemals mehr bewohnbar sein werden? Und was ist mit den zerstörten Städten? Wenn sie dann mal wieder aufgebaut sind?

Nun, was man tun kann und muss, ist, in Übereinstimmung mit den Auflagen, die wir unter die U.S. Army Regulation 700-48 zusammengefasst haben, die ordnet die Sanierung der Umwelt zur Linderung des Problems an. Was man tun muss, ist, dass man reingeht und gründlich all das kontaminierte Geröll von radioaktivem Material wegschafft, dass man gründlich all die nicht explodierten Geschosse wegschafft, dass man alle gefährlichen Materialien wegräumt und dass man dann mindestens 20 bis 30 cm in die Erde gräbt und all das fortbringt und in ein grosses Loch tut. Es gibt keinen Weg, die Gebiete wirksam zu sanieren. Man kann die verseuchten Gebäude nicht wieder benutzen. Aber bevor man die Gebäude neu aufbaut, muss jegliche Verschmutzung weggeräumt und sauber an einem Ort deponiert sein, von wo sie nicht mehr in die Umwelt kommen kann.

Wenn Uranwaffen eingesetzt und Ziele zerstört sind, dann sind die Städte verseucht; Pflanzen, Nahrung und Wasser sind verseucht; und sie können das nicht wirksam säubern und sicher machen. Eine Sache, die wir lernten, als wir die Forschungen auf dem Testgelände des US-Energiedepartements in Mercury, Nevada, in den Vereinigten Staaten durchführten, ist, dass man es selbst mit spezialisierter Ausrüstung und Ausbildung nicht wirksam säubern kann. Wenn es mal da ist, dann ist es da. Das ist, was uns alle beängstigt hat. Folglich berichtete ich den amerikanischen, britischen, kanadischen, deutschen, australischen Beamten und den Beamten der Uno und der Nato, dass wir Uranwaffen niemals mehr in einem Gefecht einsetzen können.

Und was sind die Auswirkungen auf die Nachbarländer und die Veteranen, die in diesen Gebieten gekämpft haben? Was ist mit den eigenen Soldaten der Länder, die diese Waffen einsetzen? Wenn sie nach Hause kommen?

Das ist ein vollkommenes Desaster. Die Wiederaufwirbelung und die Verteilung der Verschmutzung ist ein bedeutendes und wachsendes Problem. Wir arbeiten ohne Zögern andauernd daran, dieses Problem zu lösen. Bis Ende Mai 2007 wissen wir, dass die Gesamtopferzahl für das Personal des US-Militärs alleine, das sind die Individuen, die jetzt verwundet, krank oder verletzt sind, über eine halbe Million beträgt. Wir wissen auch, dass die aktuelle Todeszahl unter US-Militärs über 160 000 ist. Das ist nur das US-Militär alleine. Das beinhaltet kein anderes.

Der traurige Teil daran ist, was durch die Arbeit von Dr. Chris Busby in England und anderen verifiziert wurde, und andere Arbeiten darüber wurden gemacht: Wenn die Kontamination mal da ist, dann wird sie durch zusätzliche Explosionen, durch Wetter und Feuer wiederaufgewirbelt, und sie kann Tausende von Kilometern zurücklegen. Zum Beispiel bestätigte Dr. Chris Busby in England, dass die Verseuchung vom Irak bis Nordeuropa und Nordwestengland reichte.

Offensichtlich geht sie rund um die Erde und kommt im Regen und in feinstaubartigem Fallout herunter. Es ist heimtückisch, es geht überall hin. So haben sie das ganze Zeug, die Rückstände der Waffen, die zerstörte Infrastruktur des Landes, die Freisetzung aller toxischen industriellen Komponenten, die anorganische und organische chemische Komponenten, biologische Materialien und all die radiologischen Materialien beinhalten. Einfach gesagt, wir können das nicht mehr hinnehmen. Wir müssen andere Wege finden, mit unseren Meinungsverschiedenheiten umzugehen, als eine andere Nation zu zerstören und all diese schrecklichen Waffen einzusetzen.

Was wären die Konsequenzen und was würden Sie empfehlen, was könnten wir tun?

Nummer eins: Es ist klar, dass alle von uns und die Regierungen aller Nationen die USA, England, Kanada und Australien dazu zwingen müssen, den Einsatz von Uranwaffen, thermobarischen Waffen und den neuen Mikrowellenwaffen zu stoppen.

Nummer zwei: Wir müssen sie dazu zwingen, allen Betroffenen prompte und effektive medizinische Hilfe zukommen zu lassen, eine gründliche Sanierung der Umwelt durchzuführen, um die Schäden zu mildern, so wie es die U.S. Army Regulation 700-48 und all die andern zurzeit ignorierten Anweisungen verlangen. Die Forderung muss hinausgehen, und die Bürger aller Nationen müssen diejenigen, die diese Waffen eingesetzt haben, dazu zwingen, ihre Sauerei aufzuräumen und medizinische Hilfe allen betroffenen oder möglicherweise betroffenen Zivilisten und allem militärischen Personal zukommen zu lassen.

Nummer drei: Wir müssen fordern, dass Frieden auf der Welt zustande gebracht wird, wir können nicht länger eine Nation zerstören und Luft, Wasser und den Boden vollkommen verseuchen. Die Idee, dass die USA und England in den Irak und in Afghanistan einmarschiert seien, um ihnen Freiheit zu geben, ist absoluter Nonsens. Man gibt einem Volk nicht die Freiheit, indem man seine Nation vollkommen zerstört und man diese Nationen gründlich verseucht, damit sie nie mehr wieder besetzt werden können. Das ist vollkommen falsch. Aber die Verseuchung reicht überall hin, hier in den USA sind die Inseln Hawaii und Puerto Rico beizufügen.

Wir wissen jetzt, dass Uran- und Nuklearwaffen in Hawaii eingesetzt wurden und die Inseln von Hawaii gründlich verseuchten. Letzte Nacht arbeitete ich mit Repräsentanten aus Hawaii und erklärte, dass die Hawaiianer und die Amtsträger von Hawaii das Verteidigungsministerium dazu zwingen müssen, das aufzuräumen. Es hört niemals auf, es endet nie. Und mit diesen neuen Waffen, den thermobarischen Waffen, den Waffen wie die «Buck-Rogers-Strahlenkanonen», den Uranwaffen und den konventionellen Sprengkörpern ist die Zukunft in der Tat schrecklich, ausser wenn wir den Krieg jetzt stoppen, und wir müssen alle zusammenarbeiten, um ihn zu stoppen.

Ich denke, es gibt eine sehr wichtige Sache, eines der Lieder, das hier in den USA gesungen wird, und ich denke, es wird überall gesungen, heisst «Let there be peace on earth». Wenn wir jedoch das Lied singen, dann müssen wir uns daran erinnern, dass Frieden in jedem einzelnen von uns beginnt, jeder von uns muss den Prozess starten und dann Frieden auf Erden sicherstellen. Also bitte ich jeden auf dieser Welt dringend, sich mir anzuschliessen, sich mir als ­Individuen anzuschliessen, um sicherzustellen, dass Frieden auf Erden regiert und all diese schrecklichen Dinge der Kriegsführung und die Waffen, die wir einsetzten, sofort aufhören.

*Das Gespräch wurde während des XV. Kongresses «Mut zur Ethik» vom 31.8 bis 2.9.2007 in Feldkirch/Vorarlberg geführt.

Bagatellisierung von Nuklearwaffen

Depleted Uranium gehört zu der diffusen Kategorie der Nuklearwaffen von niedriger radiologischer Wirkung, so der Schweizer Physiker André Gsponer. Auch die nuklearen Sprengkörper der vierten Generation gehörten in diese Kategorie. Gsponer vertritt die Meinung, dass der Gebrauch von abgereichertem Uran seit dem ersten Golf-Krieg 1991 ein seit 46 Jahren geltendes Tabu gegen die absichtliche Anwendung von Radioaktivität im Kampfeinsatz brechen wollte. Der Einsatz von radioaktivem Material auf dem Schlachtfeld sollte durch diesen militärischen und rechtlichen Präzedenzfall bagatellisiert werden. Damit sollte die Anwendung von Nuklearwaffen wahrscheinlicher gemacht werden.

Gsponer meint, dass man sich angesichts der lebhaften internen Debatten über die Konsequenzen der Anwendung von DU und anderen nuklearen Materialen auf dem Schlachtfeld schon lange vor 1991 im klaren war. Der Gebrauch von DU stelle daher eindeutig einen bewussten Bruch der seit 1945 geltenden Norm dar.

Man könne auch, so Gsponer, argumentieren, dass der Gebrauch von DU-Waffen in Jugoslawien und im Irak einer politischen Absicht gedient haben muss  – neben der militärischen Funktion der der schrittweisen Einführung von Nuklearwaffen der vierten Generation. Man habe wohl die Heftigkeit der Opposition testen wollen, die sich im Westen gegen die Einführung von Radioaktivität auf dem Schlachtfeld ergäbe.

Weiter habe man die Weltbevölkerung an den Einsatz von DU und den Einsatz von Nuklearwaffen der vierten Generation im Krieg gewöhnen wollen. Die radiobiologische Belastung auf Grund der 400 Tonnen von DU im Irak, ungefähr 40 Tonnen in Jugoslawien, sei vergleichbar mit der Anwendung von mehr als 600 Kilotonnen des hochexplosiven Äquivalents von Nuklearwaffen der vierten Generation, die rein nach dem Prinzip der Fusion funktionieren.

Quelle:
www.zeit-fragen.ch

© 2006, Genossenschaft Zeit-Fragen

Sehen Sie auch:

André Gsponer: Depleted-Uranium Weapons: the Whys and Wherefores. Independent Scientific Research Institute, Box 30, CH-1211 Geneva-12, Switzerland. Email:
Postface to a book to be published by the Bertrand Russell Foundation
André Gsponer, Jean-Pierre Hurni, and Bruno Vitale: A comparison of delayed radiobiological effects of depleted –uranium munitions versus fourth –generation nuclear weapons. Independent Scientific Research Institute, Box 30, CH-1211 Geneva-12, Switzerland. Email: isri@vtx.ch

Politik, USA, Krieg, Politik & Wirtschaft, Uranmunition, Nuklearwaffen, Golfkriege, Großbritannien, Gesundheit, Medizin

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