Spiel mit dem atomaren Feuer

03. Januar 2023 Autor: Ralph Bosshard - übernommen mit Dank von GlobalBridge.ch
03. Januar 2023
Mit den Angriffen auf die Stützpunkte der russischen Fernflieger bei Saratov und bei Ryazan beschwören die Ukrainer  – mit wahrscheinlicher Unterstützung eines europäischen Landes  – die Gefahr einer weiteren Eskalation des Ukraine-Kriegs herauf. Das ist ein Spiel mit dem atomaren Feuer und zeigt, dass es bei diesem Krieg weit mehr als um die Krim und die vier Oblaste im Südosten der Ukraine geht. 

globalbridge Tupolev 160Die Tupolev 160 mit dem Namen des in Russland geehrten Flugzeugbauers Vitalyj Kopylov. (Bild Tupolev)

Am 26. Dezember griff die ukrainische Armee erneut den Militärflugplatz von Engels bei Saratov an der Wolga an, den sie schon einmal am 5. Dezember angegriffen hatte (1). Diesmal kam aber der Stützpunkt der russischen Tankflugzeug-Flotte bei Ryazan dazu. Offenbar war dabei eine Modifikation einer, noch aus Sowjetzeiten stammenden Aufklärungsdrohne des Typs Tupolev-141 im Einsatz, die schon im März dieses Jahres 600 km durch NATO-Luftraum geflogen und in Zagreb eingeschlagen war (2).

Beim neusten Angriff wurden gemäß den Angaben des russischen Verteidigungsministeriums drei russische Armeeangehörige getötet, die sich in einer nahegelegenen Baracke aufhielten, als Trümmer des abgeschossenen Flugkörpers eingeschlagen seien. Der Flugplatz selbst und die darauf stationierten strategischen Bombenflugzeuge der Typen Tupolev-95 (NATO-Bezeichnung Bear) und Tupolev-160 (Blackjack) seien nicht beschädigt worden. Diese Angaben sind nur glaubhaft, wenn beim Angriff eine Waffe mit der notwendigen Größe und Geschwindigkeit handelte, deren Teile auch nach dem Zerbrechen des Flugkörpers in der Luft noch weiterfliegen und erheblichen Schaden anrichten konnten. 

Aus unabhängigen Quellen bestätigt sind die drei getöteten russischen Offiziere und das Ausbleiben von Schäden an den abgestellten Flugzeugen (3). Dieselben Quellen sprechen aber auch davon, dass die russische Flugabwehr den oder die angreifenden Flugkörper nicht habe abschießen können und dass einer davon auf dem Beton des Abstellplatzes abgeprallt und in einer Baracke eingeschlagen sei. Ukrainische Angaben, wonach der Tower des Flugplatzes zerstört und zahlreiche Flugzeuge beschädigt worden seien, bestätigten sich nicht (4). Dem Angriff mangelte es offenbar an Präzision, was wiederum darauf hindeuten könnte, dass die Russen den Empfang von Navigationsdaten im Umfeld des Stützpunktes erfolgreich stören. 

Heimat russischer Atom-Bomber

Es wäre ohnehin übertrieben zu erwarten, dass eine einzige Waffe auf dem mehrere Quadratkilometer großen Areal des Flugplatzes Engels einen Schaden anrichten könnte, welche die Einsatzbereitschaft der dort stationierten Fliegerkräfte drastisch mindern würde. Eine einzelne Waffe wäre dazu nur in der Lage, wenn sie einen nuklearen Gefechtskopf von der Stärke der Hiroshima- bzw. der Nagasaki-Bombe trüge. Um Schlüsseleinrichtungen oder Einrichtungen zu treffen, in denen als Folge des Einschlags Folgeexplosionen oder -brände entstehen, müsste die Waffe sehr genau sein, mit einem Streukreis von wenigen Metern. Dass Russland solche Waffen besitzt, haben wir in den letzten Monaten gesehen. Von der Ukraine ist solches noch nicht bekannt. In Ermangelung einer Kernwaffe   – einer nuklearen Waffe   – müsste ein Angreifer eine ganze Raketensalve einer Raketenbrigade einsetzen. So bleibt es bei einzelnen Nadelstichen, die trotzdem propagandistisch ausgiebig ausgeschlachtet werden.

Der Luftwaffenstützpunkt Engels ist die friedensmäßige Garnison eines schweren Bomberregiments der russischen Fernfliegerkräfte. Als Teil der nuklearen Triade sollen sie die Zweitschlagsfähigkeit Russlands sicherstellen, indem sie permanent Flugzeuge in der Luft oder in hoher Startbereitschaft halten. Diese Startbereitschaft, Quick Reaction Alert QRA genannt, wird in Bereitschaftszeiten von 15, 10 und 5 Minuten abgestuft. Eine Bereitschaft von 5 Minuten bedingt, dass ein Flugzeug mit laufenden Triebwerken nahe der Startbahn bereitgehalten wird. Das verursacht hohen Treibstoffverbrauch und hohen Wartungsbedarf an den Triebwerken. Darüber hinaus stehen die Flugzeuge exponiert im Freien. Als Konsequenz davon hält man QRA 5 Minuten nur ungern über längere Zeit aufrecht. Für den Fall eines Angriffs mit Interkontinentalraketen mag eine Reaktionszeit von 10 Minuten genügen. Im Falle eines Angriffs mit Mittelstreckenraketen sind diese Reaktionszeiten jedoch zu lang. 

Lange Flüge

Saratov liegt weit entfernt von den potenziellen Abschusspositionen, aus denen die Tu-95 oder Tu-160 ihre nuklear bestückten Marschflugkörper nach Nordamerika auf die Reise schicken können. Solche Lufträume befinden sich über dem Atlantik, zwischen der Südspitze Grönlands und den Azoren, von wo aus sie die Ostküste der USA erreichen könnten. Der dadurch nötig werdende stundenlange Flug um den Norden Norwegens herum   – von den russischen Piloten „Flug uns Eck“ genannt   – macht eine Zwischenlandung auf der Halbinsel Kola oder eine Luftbetankung über dem Nordmeer nötig. Dass die russischen Fernfliegerkräfte solche Flüge durchführen können, demonstrierten sie in den vergangenen Jahren verschiedene Male (5). Im Juli 2010 absolvierte eine Tu-95 einen Flug von über 30’000 km Länge und wurde dabei vier Mal in der Luft aufgetankt (6). Inzwischen gab der Befehlshaber der Fernfliegerkräfte Generalleutnant Sergei Kobylash bekannt, dass alle Besatzungen russischer Fernflieger inzwischen echte Einsatzerfahrung haben (7).

globalbridge Karte N AtlantikKarte: Potenzielle Räume für den Abschuss von Marschflugkörpern des Typs Kh-101/102 im Nordatlantik
Quelle: Verfasser

Wollte Russland mit seinen Bombern aber einen Erstschlag gegen die Ostküste der USA führen, dann müsste es diese folglich von ihren Friedensstandorten auf die Halbinsel Kola verlegen, was sicherlich die NATO aufs Äußerste alarmieren würde. Europa aber liegt in jedem Fall in der Reichweite der russischen Fernfliegerkräfte: Aus dem Westen Russlands sind selbst Faro (Portugal) und Belfast (Nordirland) durch russische Marschflugkörper zu erreichen. 

Ähnliches gilt im Fernen Osten, wo die Bomber von ihrem Stützpunkt bei Seryshewo, nordöstlich von Blagoveshchensk aus eine lange Strecke zurückzulegen hätten, bis sie die Abschusspositionen erreichen, die ihnen einen Angriff auf den Westen der USA erlauben. Solche Abschusspositionen befinden sich bis zu 3’000 km vor der Halbinsel Kamtschatka, die wiederum 2’000 km von den Heimatbasen der Bomber entfernt liegt (8). Vom Luftraum über der russischen Region Primorye aus sind aber Japan, Südkorea, Taiwan und sogar die Philippinen in Reichweite russischer Marschflugkörper.

globalbridge Karte FernostKarte: Reichweite von Marschflugkörpern des Typs Kh-101/102 in Fernost
Quelle: Verfasser

Solange die Bomber aber an ihren Friedensstandorten sind und im Rahmen von wenigen Einzelflugzeugen ihre gewohnten Übungen absolvieren, besteht kein Grund zur Panik. 

Der Umstand, dass zusätzlich zu den Luftwaffenstützpunkten Engels und Seryshewo auch noch der Standort der wenigen Tankerflugzeuge Iliushin-78 der russischen Weltall- und Luftstreitkräfte bei Ryazan angegriffen wurde, deutet aber definitiv darauf hin, dass explizit die Fernfliegerkräfte im Visier der Angreifer waren. 

Gefährliche Spiele

Damit stellt sich die Frage, was die Ukraine in militärischer Hinsicht mit den wiederholten Angriffen auf den Militärflugplatz Engels bezweckt. Zwar hat die US-Regierung immer sofort nach den Angriffen ihre Beteiligung abgestritten (9). Ob die russische Regierung diesen Verlautbarungen aber Glauben schenkt, ist zweifelhaft. Am Arbat im Zentrum Moskaus könnte der Generalstab zur Erkenntnis kommen, dass die Ukrainer in amerikanischem Auftrag sogenanntes Probing betreiben, das heißt Tests der Verteidigungsbereitschaft des Luftwaffenstützpunkts, um Schwachpunkte der Abwehr zu erkennen, die man bei Bedarf ausnutzen kann. Eine andere Interpretation wäre, dass die Angriffe einen Probelauf zu einem Erstschlag mit Kernwaffen darstellen. Wer Angriffe wie jene im Dezember initiiert, sollte mit diesen Konsequenzen rechnen. Sicherlich arbeiten die Russen jetzt an Gegenmaßnahmen. Solche könnten Dezentralisation und Verlegung der Bomber auf andere Flugplätze beinhalten, gepaart mit der Installation von Attrappen in Engels. Mit solchen Attrappen hat die russische Armee große Erfahrung und sie beschafft schon beinahe routinemäßig von jedem neuen Großgerät dazugehörige Attrappen. Bereits sei eine Gruppe aus sechs Tupolev-95 Bombern und Iliushin-78 Tankern von Saratov nach Seryshewo verlegt worden, vermeldeten russische Quellen. Es würde nicht erstaunen, wenn die Russen nächstens eine Rückverlegungsübung durchführten, um zu demonstrieren, dass die Bomber innerhalb von Stunden wieder an der NATO-Ostgrenze erscheinen können. 

Der propagandistische Zweck der Angriffe ist unbestritten: Sie passen bestens ins ukrainische Narrativ, die Ukraine beschütze Westeuropa vor einer russischen Invasion. Die Ereignisse der letzten Monate aber haben gezeigt, dass die Ukraine nicht in der Lage ist, Europa vor einem russischen Atomschlag zu schützen   – und die Europäer sich selbst auch nicht. Insofern könnte das US-Dementi den Tatsachen entsprechen: Nicht die USA, sondern ein europäisches Land unterstützte die Ukrainer bei ihren Angriffen. Es sind ja primär die Europäer, die ein Interesse an Angriffen auf die russischen Fernflieger in Saratov und Ryazan haben müssen. 

Das offene Abstellen von Bomberflugzeugen auf friedensmäßigen Standorten ist eine Maßnahme der Transparenz, denn auch die Russen wissen, dass die Standorte ihrer Fernfliegerkräfte von westlichen Satelliten überwacht werden. Wenn diese Transparenz als Folge der jüngsten Angriffe entfällt, dann ist das kein Gewinn für die Sicherheit Europas, sondern schafft nur Ungewissheit, die man nicht schätzt, wenn Kernwaffen im Spiel sind. In einer Zeit, in welcher nicht zuletzt mit dem Zutun des Westens Maßnahmen der Rüstungskontrolle und der Transparenz ausgehöhlt wurden, kann das gefährlich für ganz Europa werden. In Brüssel, Washington und London muss man sich überlegen, wie weit man den Krieg eskalieren lassen will.
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Meinungen in Beiträgen auf Globalbridge.ch entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

Zum Autor: Ralph Bosshard studierte Allgemeine Geschichte, osteuropäische Geschichte und Militärgeschichte, absolvierte die Militärische Führungsschule der ETH Zürich sowie die Generalstabsausbildung der Schweizer Armee und arbeitete 25 Jahre als Berufsoffizier (Instruktor). Er absolvierte eine Sprachausbildung in Russisch an der Staatlichen Universität Moskau sowie eine Ausbildung an der Militärakademie des Generalstabs der russischen Armee. Mit der Lage in Osteuropa und Zentralasien ist er aus seiner sechsjährigen Tätigkeit bei der OSZE vertraut, in der er als Sonderberater des Ständigen Vertreters der Schweiz und Operationsoffizier in der Hochrangigen Planungsgruppe tätig war.

Für jene Leserinnen und Leser, die Russisch verstehen, gibt es zusätzliche Infos über die Air Base Engels und deren Bombardierung hier, ab Minute 4.58.

Anmerkungen: 

Vgl. Redaktionfuturezone: Russische Flughäfen wurden mit 40 Jahre alten Drohnen angegriffen, bei Futurezone.at, 06.12.2022, online unter https://www.msn.com/de-de/nachrichten/other/russische-flugh%C3%A4fen-wurden-mit-40-jahre-alten-drohnen-angegriffen/ar-AA14Yeu0

Siehe Michael Martens, Stephan Löwenstein: Ein Drohnenabsturz und viele offene Fragen, in: Frankfurter Allgemeine, 14.03.2022, online unter https://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/drohnenabsturz-in-zagreb-drohne-durchquerte-wohl-zwei-nato-staaten-17876884.html, Florian Rötzer: In Zagreb abgestürzte Drohne aus der Ukraine war mit einer Bombe beladen., in: Overton. 14.03.2022, online unter https://overton-magazin.de/krass-konkret/in-zagreb-abgestuerzte-drohne-aus-der-ukraine-war-mit-einer-bombe-beladen/

Fotos der Beerdigung von drei Offizieren bei Епископ Пахомий совершил отпевание военнослужащих технического состава Энгельсской авиабазы, bei ПРАВОСЛАВНОЕ ЗАВОЛЖЬЕ, Официальный сайт Покровской епархии, online unter https://www.pravpokrov.ru/Articles/ArticlePhoto/56013, und auf dem Telegram-Kanal Саня во Флориде (Sanya vo Floride): https://t.me/sanya_florida/6196. Videoclips zu den Ereignissen: Украинский фронт   – удар по авиабазе Энгельс-2. 26 декабря 2022, auf YouTube, 26.12.2022, online unter https://www.youtube.com/watch?v=xtvMJYuZ2_o und Украинский фронт   – похороны на авиабазе. 28 декабря 2022 auf YouTube, 28.12.2022, online unter https://www.youtube.com/watch?v=BuCtzYJew2g, alle in russischer Sprache. Vgl. https://dzen.ru/sanya_florida

Vgl. Twitter: Ukrainian military journalist Volodymyr Zolkin with reference to his sources reports that as a result of yesterday’s attack on Engels, 5 TU-95MS were damaged, 17 soldiers killed, 26 wounded (3 of them in serious condition), and the control tower was destroyed, online unter https://twitter.com/NOELreports/status/1607672850839642112?t=uamiJNvwg0ajVIOnTu-mEg&s=35.

Solche Flüge werden seit 2014 wieder vermehrt durchgeführt. Siehe “ Bomber über der Nordsee, Kreml brüstet sich mit Militärflügen über Westeuropa, bei Spiegel, 24.04.2014, online unter https://www.spiegel.de/politik/ausland/russlands-armee-bestaetigt-testfluege-mit-tu-95-und-mig-31-ueber-nordsee-a-965929.html

Siehe „Рекорд Ту-95МС: „медведи“ провели в воздухе более сорока часов“, nei Vesti.ru, 30.07.2010, online unter https://www.vesti.ru/article/2125356., in russischer Sprache.

Mit freundlicher Genehmigung von GlobalBridge.ch
Quelle: https://globalbridge.ch/spiel-mit-dem-atomaren-feuer/

Siehe Семен Лавров (Semyon Lavrov): Большинство экипажей дальней авиации ВВС РФ получили реальный боевой опыт в ходе СВО, bei Zvezda.tv, 26.12.2022, online unter https://tvzvezda.ru/news/20221226149-biTQ4.html, in russischer Sprache. 

Dass solche schwierigen und nicht risikolosen Übungen geflogen werden, zeigte sich erst im Oktober wieder. Siehe „In der Nähe Alaskas: US-Kampfjets fangen zwei russische Tu-95-Bomber ab“, bei Tagesspiegel, 19.10.2022, online unter https://www.msn.com/de-de/nachrichten/welt/in-der-n%C3%A4he-alaskas-us-kampfjets-fangen-zwei-russische-tu-95-bomber-ab/ar-AA137YnI. .

Siehe The New Voice of Ukraine: ‘Ukraine chooses its own targets,’ says Pentagon after attacks on Russian air bases“, bei Yahoo News, 08.12.2022, online unter https://news.yahoo.com/ukraine-chooses-own-targets-says-093200902.html?guce_referrer=aHR0cHM6Ly93d3cuZ29vZ2xlLmNvbS8&guce_referrer_sig=AQAAAEjbWK0Z-sB2FUvSEW-HxRZ0E6zqKlncrnCq16nnJVBGJJLMED2XDex3LINwOyR_aU-V6KDU05cbnAVEVZO  –rb2XkJ4j23ZRW5Io8UjuEcLYN7jkMMzOBAW3UpABNEZH4buRXWE9JW8dusASiYHCnQxoS06ISvZ1wNnX7BmCEIG

Quelle: https://globalbridge.ch/spiel-mit-dem-atomaren-feuer/
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