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von Alastair Crooke 15.07.2025  – übernommen von strategic-culture.su
17. Juli 2025

Von Überheblichkeit getriebene Fehltritte der USA verändern das Gesamtbild des größeren Krieges grundlegend


(Red.) Nichts Neues unter der Sonne. Kroisos, König von Lydien im 6. Jahrhundert v. Chr., wollte wissen, ob er das Perserreich unter Kyros II. angreifen solle. Er befragte das Orakel von Delphi, das ihm diese doppeldeutige Weissagung gab: „Wenn du den Fluss Halys überschreitest, wirst du ein großes Reich zerstören.“ Kroisos deutete dies zu seinen Gunsten, nahm an, das „große Reich“ sei das Perserreich   – doch tatsächlich zerstörte er sein eigenes Königreich, weil er den Krieg verlor. Great Britain wollte 1914 sein Grossreich verteidigen, zog in den Ersten Weltkrieg und zerstörte   – neben ganz Europa   – vor allem auch sein eigenes Weltreich. Dieser Fehler wiederholte sich im Zweiten Weltkrieg. Jetzt stehen wir mitten im Dritten Weltkrieg und das Ergebnis für den selbst ernannten Weltbeherrscher wird dasselbe sein. (am)

Trump ist weiterhin von der wahnhaften Vorstellung besessen, dass seine auf Israel ausgerichtete Vision allein durch die Beendigung des Völkermords in Gaza verwirklicht werden könne.

Die große Frage, die sich nach dem US-Angriff auf den Iran am 22. Juni stellt   – gleich nach „Was wird aus dem Iran?“   –, ist, ob Trump in seiner Kalkulation davon ausgeht, dass er die „Zerstörung“ des iranischen Atomprogramms lange genug „rhetorisch durchsetzen“ kann, um Israel davon abzuhalten, erneut gegen den Iran vorzugehen, und gleichzeitig seine Schlagzeile aufrecht erhalten kann „Wir haben gewonnen: Ich habe jetzt das Sagen und alle werden tun, was ich ihnen sage.“

Dies waren die wichtigsten Konfliktpunkte, die während des Besuchs von Netanjahu im Weißen Haus in dieser Woche ausgehandelt werden sollten. Netanjahus Interessen liegen im Wesentlichen in einem „heißeren Krieg“ und unterscheiden sich somit von Trumps allgemeiner Strategie eines Waffenstillstands.

Seinem „In-Boom-Out & Ceasefire”-Ansatz gegenüber dem Iran liegt die Vorstellung zugrunde, dass Trump sich damit den Spielraum verschafft hat, um sein vorrangiges Ziel wieder aufzunehmen   – nämlich die Errichtung einer breiteren, auf Israel ausgerichteten Ordnung im Nahen Osten, die sich auf Handelsabkommen, wirtschaftliche Beziehungen, Investitionen und Konnektivität stützt, um ein wirtschaftlich orientiertes Westasien mit Tel Aviv als Zentrum (und Trump als de facto „Präsident”) zu schaffen.

Und über diese „Business-Superautobahn“ noch weiter vorzustoßen   – mit den Golfstaaten, die in das südasiatische Kernland der BRICS vordringen, um die Konnektivität und die Korridore der BRICS zu stören.

Die unabdingbare Voraussetzung für jeden Neustart eines vermeintlichen „Abraham-Abkommens 2.0“ sind natürlich   – wie Trump klar versteht   – ein Ende des Gaza-Krieges, der Rückzug der israelischen Streitkräfte aus dem Gazastreifen und der Wiederaufbau des Gazastreifens (von denen keines realistisch erreichbar scheint).

Vielmehr zeichnet sich ab, dass Trump weiterhin von der wahnhaften Vorstellung besessen ist, dass seine auf Israel ausgerichtete Vision allein durch die Beendigung des Völkermords in Gaza verwirklicht werden könnte, während die Welt entsetzt zusieht, wie Israel seine hegemoniale Militärgewalt in der Region weiter ausübt.

Der offensichtlichste Fehler in Trumps Prämisse ist, dass Israel und die USA durch ihre Angriffe irgendwie einen gezähmten Iran erreicht hätten. Das Gegenteil ist der Fall. Der Iran ist geeinter, entschlossener und trotziger aufgetreten. Weit davon entfernt, passiv von der Seitenlinie aus zuzusehen, nimmt der Iran nach den jüngsten Ereignissen nun wieder seinen Platz als führende Regionalmacht ein. Eine Macht, die eine möglicherweise spielentscheidende militärische Reaktion auf weitere Angriffe Israels oder der USA vorbereitet.

Was in all diesen westlichen Behauptungen über den Erfolg Israels ignoriert wird, ist, dass Israel alles auf einen überraschenden „Schock- und Einschüchterungsangriff” gesetzt hatte. Einen Angriff, der die Islamische Republik mit einem Schlag stürzen sollte. Das hat nicht funktioniert: Das strategische Ziel wurde verfehlt, und es kam zum gegenteiligen Ergebnis. Der grundlegendere Punkt ist jedoch, dass die von Israel angewandten Techniken   – die Monate, wenn nicht Jahre der Vorbereitung erforderten   – nicht einfach wiederholt werden können, nachdem ihre Strategien vollständig aufgedeckt wurden.

Diese Fehleinschätzung der iranischen Realität durch das Weiße Haus signalisiert, dass sich das Trump-Team von der israelischen Überheblichkeit täuschen ließ, als es darauf bestand, dass der Iran ein Kartenhaus sei, das beim ersten Geschmack der israelischen „Muskelkraft“ am 13. Juni vollständig zusammenbrechen und in Lähmung verfallen würde.

Das war ein grundlegender Fehler   – in einer Reihe ähnlicher Fehler: Dass China vor der Androhung von Zöllen kapitulieren würde; dass Russland zu einem Waffenstillstand gegen seine Interessen gezwungen werden könne; und dass der Iran bereit wäre, angesichts der Drohungen Trumps nach dem 22. Juni ein Dokument zur bedingungslosen Kapitulation zu unterzeichnen.

Was diese Fehleinschätzungen der USA zeigen   – abgesehen von einer konsequenten Abkehr von den geopolitischen Realitäten   – ist die Schwäche des Westens, die sich hinter Überheblichkeit und Prahlerei verbirgt. Das US-Establishment klammert sich an seine schwindende Vorherrschaft, aber dadurch, dass es dies so ineffektiv tut, hat es stattdessen die Bildung einer mächtigen geostrategischen Allianz beschleunigt, die entschlossen ist, sich den USA zu widersetzen.

Die Folge war ein Weckruf für andere Staaten, ausgelöst durch das Abgleiten des Westens in Strategien der offenen Lüge und Täuschung: Die Operation „Spider Web” gegen die strategische Bomberflotte Russlands am Vorabend der Istanbul-Gespräche und der heimliche Angriff der USA und Israels auf den Iran zwei Tage vor der erwarteten nächsten Runde der Atomgespräche zwischen den USA und dem Iran haben den Widerstandswillen insbesondere Chinas, Russlands und des Iran gestärkt, aber auch allgemein im globalen Süden ist dies zu spüren.

Das gesamte Gesicht dieses Krieges um die Aufrechterhaltung der Vorherrschaft des US-Dollars hat sich unwiderruflich verändert.

Alle sind in Alarmbereitschaft, da sie Anzeichen dafür sehen, dass der Westen angesichts der zu erwartenden Niederlage der NATO in der Ukraine an vielen Fronten einen neuen Kalten Krieg vorbereitet: in der Ostsee, im Kaukasus, an der Peripherie des Iran (durch Cyberangriffe) und natürlich durch eine Eskalation des Finanzkriegs auf breiter Front. Trump droht erneut mit Sanktionen gegen den Iran und alle Staaten, die dessen Öl kaufen. Am Montag schrieb Trump auf Truth Social, dass er einen neuen Zoll von 10 % auf „alle Länder, die sich der antiamerikanischen Politik der BRICS anschließen“, erheben werde.

Natürlich bereiten sich die Staaten auf diese Eskalation vor. Die Spannungen steigen überall.

Aserbaidschan (und sogar Armenien) werden von den NATO-Mächten und der Türkei gegen Russland und den Iran instrumentalisiert. Aserbaidschan wurde genutzt, um israelische Drohnen in den Iran zu schleusen, und sein Luftraum wurde auch von israelischen Flugzeugen genutzt, um über das Kaspische Meer zu kreisen, damit Israel aus dem aserbaidschanischen Luftraum über dem Kaspischen Meer Marschflugkörper auf Teheran abfeuern konnte.

Das irakische Kurdistan, Kasachstan und die baluchischen Grenzgebiete wurden als Plattformen genutzt, um Sabotageeinheiten sowohl in Russland als auch im Iran einzuschleusen, um dort Raketen und Drohnen vorab zu positionieren und Sabotageeinheiten für asymmetrische Kriegsführung einzusetzen.

Auf der anderen Seite dieses eskalierenden Krieges bemüht sich Trump um eine Reihe von „Handelsabkommen“ im Pazifikraum, darunter mit Indonesien, Thailand und Kambodscha. Ziel ist es, einen „Käfig“ aus besonderen höheren Zöllen um Chinas Möglichkeit zu errichten, „Transshipments“ zu nutzen   – also Waren, die aus China in andere Staaten importiert und dann wieder nach Amerika exportiert werden.

Die USA haben mit Vietnam einen Präzedenzfall geschaffen, indem sie einen Zoll von 40 % auf Transshipments erhoben haben, der genau doppelt so hoch ist wie der Zoll von 20 % auf in Vietnam hergestellte Waren.

Nur dass Trumps „Schock- und Einschüchterungsstrategie”, mit der er Zölle verhängt, um die industrielle Aktivität zurückzugewinnen und den Rest der Welt der Dollar-Hegemonie zu unterwerfen, nicht funktioniert: Zunächst war Trump gezwungen, ein 90-tägiges Moratorium für die „Liberation Day Tariffs” zu verkünden, in der Hoffnung, dass in der Zwischenzeit 90 Abkommen geschlossen würden   – doch es kamen nur drei „Rahmenvereinbarungen” zustande. Daher ist die Regierung nun gezwungen, das Moratorium erneut zu verlängern (bis zum 1. August). US-Finanzminister Bessent erklärte, dass viele der ursprünglich mit Zöllen belegten 90 Staaten nicht einmal versucht hätten, mit den USA Kontakt aufzunehmen, um eine Einigung zu erzielen.

Die Möglichkeit, Menschen finanziell zu bestrafen, wenn sie nicht das tun, was die USA verlangen, neigt sich dem Ende zu. Es gibt eine Alternative zum Dollar-Netzwerk. Und es handelt sich dabei nicht um eine „neue Reservewährung“.

Die Alternative ist die von China angestrebte Lösung: eine Fusion von Fintech-Zahlungsplattformen für Privatkunden mit digitalen Rahmenbedingungen für Banken und Zentralbanken, basierend auf Blockchain- und anderen digitalen Technologien. (Die USA können diesen Ansatz nicht kopieren, da Silicon Valley und Wall Street miteinander im Krieg liegen und nicht kooperieren werden).

Wie Will Schryver vor einigen Jahren ironisch bemerkte:

„Die scheinbar endlose Reihe von durch Überheblichkeit getriebenen Fehlern des Imperiums hat die Bildung dessen, was wohl als die mächtigste militärische, wirtschaftliche und geostrategische Allianz der Moderne bezeichnet werden kann, rasant beschleunigt: die dreigliedrige Achse aus Russland, China und Iran …

Es ist ihr auf erstaunliche Weise gelungen, aus der Pfanne eines regionalen Stellvertreterkrieges gegen Russland direkt ins Feuer eines globalen Konflikts zu springen, den alle drei ihrer stetig stärker werdenden Gegner nun als existenziell betrachten.

Meiner wohlüberlegten Meinung nach handelt es sich hierbei mit ziemlicher Sicherheit um die unerklärlichste und bedeutungsschwerste Serie geopolitischer Fehler in der Geschichte.“



Die Übersetzung besorgte Andreas Mylaeus