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17. 05 2026 Von Red. Swissvox - übernommen swissvox.substack.com
17. Mai 2026

Schweiz: Serafe verschickte 2025 über 1,1 Millionen Zahlungsaufforderungen


Serafe verschickte 2025 über 1,1 Millionen Zahlungsaufforderungen   – und verdient prächtig daran. Hinter dem staatlichen Inkasso-Mandat steckt ein privates Firmennetz, das Millionendividenden abschöpft.

Jeder vierte Schweizer Haushalt erhielt im vergangenen Jahr eine kostenpflichtige Mahnung von Serafe   – der Schweizerischen Erhebungsstelle für die Radio- und Fernsehabgabe. 2025 verschickte das Unternehmen mehr als 1,1 Millionen Zahlungsaufforderungen. Gleichzeitig etablierte sich die Zahl der eingeleiteten Betreibungen auf hohem Niveau: über 110’000 pro Jahr, zuvor waren es nicht einmal halb so viele. 



Von der Pflicht zum Profit

Das System ist simpel und lukrativ: Jede Mahnung bringt Serafe 15 Franken ein, jede Betreibung 20 Franken.  Beides darf das Unternehmen direkt einbehalten. Die Einnahmen aus Mahn- und Betreibungsgebühren haben sich innerhalb von fünf Jahren versechsfacht: von 0,9 Millionen Franken im Jahr 2020 auf knapp 6 Millionen Franken im Jahr 2025. 

Diese Zahlen sind kein Zufall, sondern Resultat einer bewussten Strategie. Serafe erklärt den Anstieg mit verbesserten Adressdaten. Laut Bakom war Serafe in den Anfangsjahren angewiesen worden, noch keine Betreibungen einzuleiten   – wegen eines verbreiteten Adress-Chaos, bei dem Hunderte von Rechnungen falsch zugestellt worden waren. Erst als sich die Datenqualität stabilisierte, rollte die Betreibungswelle an. 

Dass ein privates Unternehmen von einer staatlich verordneten Zwangsabgabe direkt finanziell profitiert, ist strukturell bemerkenswert. Würde der Bund die Haushaltsgebühr   – wie er es 2010 kurz erwog   – direkt über die Steuerverwaltung einziehen, fielen die Millionengewinne für Serafe vollständig weg. 

Rekordgewinn und Aktionärsstreit

Die zusätzlichen Einnahmen trugen massgeblich dazu bei, dass Serafe 2025 einen Reingewinn von 4,5 Millionen Franken verbuchen konnte. Nur 2024 lag der Gewinn mit 5,9 Millionen Franken noch höher   – allerdings aufgrund eines Sondereffekts: Serafe löste eine Reserve von 2,5 Millionen Franken auf, die für den Fall einer Nichtverlängerung des Inkasso-Mandats gebildet worden war.  Im September 2024 wurde das Mandat bis 2034 verlängert.

Hinter den Kulissen brodelt es. Mehrere Minderheitsaktionäre der ersten Stunde, darunter der langjährige Serafe-CEO Daniel Schweizer, bemängelten, dass sie von den steigenden Gewinnen nichts hätten. Stattdessen profitiere nur die Elca Group des Waadtländer Multimillionärs und IT-Unternehmers Cédric Moret   – die Urgrossmuttergesellschaft von Serafe. 

Moret, Secon, Elca   – ein verschachteltes Firmennetz

Elca hält über eine Zwischenfirma 63,5 Prozent der Anteile an der Secon, der Serafe-Muttergesellschaft. Das komplexe Firmengeflecht verschleierte bisher, dass ein reicher privater Investor durch einen Staatsauftrag Millionen verdient.  Cédric Moret sitzt zudem im Verwaltungsrat der Migros.

Die Einnahmen der Serafe AG stiegen von 19,2 Millionen Franken im Jahr 2019 auf 24,4 Millionen Franken im Jahr 2024. Der Gewinn aus dem staatlichen Mandat wuchs im gleichen Zeitraum auf das Sechsfache.  2023 schüttete Serafe 6 Millionen Franken Dividende an ihre Muttergesellschaft Secon AG aus. 

Klagen fast aussichtslos

Rechtlich gesehen ist die Lage für säumige Zahler trostlos. Das Bundesverwaltungsgericht befasste sich in den vergangenen Jahren mit mehreren Dutzend Fällen, in denen sich Privatpersonen oder Unternehmen juristisch gegen Betreibungen wehrten. Fast alle scheiterten.  Manche geben an, kein Empfangsgerät zu besitzen oder die SRG-Programme nicht zu nutzen. Andere verweigern die Zahlung, weil sie die Berichterstattung als politisch einseitig empfinden.

Einen Teilerfolg erzielte lediglich eine Frau aus Bern, der die Haushaltsabgabe im Januar 2025 teilweise erlassen wurde   – weil sie nachweisen konnte, während der angegebenen Periode an einem anderen Ort gewohnt zu haben. Sie hatte sich zu jener Zeit im Gefängnis befunden. 

Kritik aus der Wissenschaft

Der Medienwissenschafter Otfried Jarren kritisiert, dass Serafe als gebührenfinanzierte Organisation dem Gemeinwohl verpflichtet sei und Gewinne vorrangig in nachhaltige Verbesserungen statt in Ausschüttungen fliessen sollten. Serafe hingegen verteidigt die Dividendenzahlungen mit dem unternehmerischen Risiko, das sie bei der Übernahme des Mandats von Billag im Jahr 2016 eingegangen sei. 

Politisches Umfeld: Die Halbierungsinitiative

Die Enthüllungen rund um Serafe fallen in eine politisch aufgeladene Phase. Im März 2026 stimmte die Schweizer Bevölkerung über die sogenannte Halbierungsinitiative ab, welche die Serafe-Gebühren von 335 auf 200 Franken senken wollte.  Die SVP lancierte die Initiative mit dem Argument, die SRG entferne sich von ihrem Kernauftrag.

Dass ausgerechnet in diesem Umfeld bekannt wird, wie profitabel das staatlich mandatierte Inkasso-Geschäft für private Investoren ist, dürfte den Abstimmungskampf weiter befeuert haben. Denn der Unmut in der Bevölkerung ist messbar: Als der «Blick» Anfang Mai über den Betreibungsrekord berichtete, folgten über 300 Leserkommentare. Bei «20 Minuten» äusserten sich mehr als 800 Nutzerinnen und Nutzer. 

Einordnung

Das Modell Serafe ist ein Lehrstück über die Grenzen von Public-Private-Partnerships im Bereich staatlicher Pflichtabgaben. Ein privates Unternehmen übernimmt ein gesetzliches Mandat, verbessert schrittweise seine Datenlage   – und entdeckt dabei, dass aggressiveres Inkasso direkt die eigene Gewinnmarge erhöht. Die Anreize sind strukturell falsch gesetzt: Je mehr Mahnungen und Betreibungen, desto höher der Profit. Wer diesen Profit letztlich einstreicht, blieb der Öffentlichkeit lange verborgen.

Ob das Bakom   – als zuständige Aufsichtsbehörde   – diese Entwicklung ernsthaft hinterfragt hat, ist bislang offen. Solange das nicht geschieht, bleibt Serafe das, was es faktisch ist: ein gewinnorientiertes Inkassounternehmen, das mit einer Zwangsabgabe reich wird   – und dessen Gewinne in die Taschen eines Westschweizer IT-Milliardärs fliessen.

Quellen: NZZ am Sonntag, SonntagsBlick, Tages-Anzeiger, Blick, 20 Minuten, Beobachter (Mai 2025)