Afrin und andernorts, eine Einschätzung aus Syrien, 23. Januar 2018, Damaskus

Verfasst von Markus Heizmann*, Bündnis gegen Krieg - Hände weg von Syrien buendnis.gegenkrieg@gmx.net
Den Nachrichten und dem Internet entnehmen wir, dass die türkische Armee in Afrin einmarschiert sei, um die YPG zu zerschlagen. Dies in Übereinstimmung mit Russland. Das Syrische Parlament protestiert in aller Form gegen diesen Akt der Aggression seitens der türkischen Regierung. Soweit die aus den Medien bekannten Fakten. Wir hatten hier vor Ort in Damaskus (noch) keine Gelegenheit, mit einer dazu kompetenten Person über diese Zusammenhänge zu diskutieren. Deshalb an dieser Stelle unsere eigene Meinung dazu: Die kurdischen Verbände der YPG in Afrin und andernorts in Nordsyrien arbeiten direkt mit den USA und den NATO Aggressoren zusammen. Sie erhalten von den USA Waffen, Geld, Logistik und Ausrüstung. Im Gegenzug erlauben diese kurdischen Kämpfer den USA und der NATO die Stationierung von Militärbasen auf syrischem Staatsgebiet, welches zur Zeit unter Kontrolle dieser sogenannten „kurdischen Kämpfer“ ist.

Mittlerweile 13 US Basen in Syrien, weitere sind geplant

Bis dahin gab es überhaupt keine US/NATO-Basen in Syrien. Wie wir von Elias Samman, einem Syrischen Politiker der oppositionellen SSNP (Syrian Socialist National Party) erfahren haben, handelt es sich bei diesen kurdischen Kämpfern nicht vorwiegend um Syrer. Nur eine Minorität von ihnen sind laut Samman Syrier. Beim Grossteil von ihnen handelt es sich um ausländische Kämpfer, von denen wiederum eine Minderheit ideologische Gründe für ihren Kampf hat. Der Grossteil sind jedoch von den USA finanzierte Söldner.

Nur auf den ersten Blick verwirrend

Vor diesem Hintergrund greift nun also die türkische Armee die kurdischen Verbände auf Syrischem Boden an. Diese Konstellation ist nur auf den ersten Blick verwirrend.

Eigentlich wäre zu erwarten gewesen, dass entweder die Syrische Armee, die Russische Armee oder die Kräfte der Hizbullah die kurdischen Kämpfer aus dem Syrischen Gebiet rund um Afrin, Qamischli, Ain al Arab etc. vertreiben. Dies hätte jedoch, da sich die kurdischen Kämpfer ja dazu entschlossen haben, mit den USA und der NATO zusammen zu arbeiten, eine direkte Konfrontation mit den USA bedeutet.

Weder Syrien, noch Russland, noch die Hizbullah wollten offenbar ein derartiges Risiko eingehen. Die Türkei ihrerseits kann keinerlei Interesse an einem wie immer gearteten „kurdischen Staat“ oder auch nur einer „kurdischen Autonomie“ an ihrer Grenze haben.

Dies um so mehr, als es sich bei der YPG um eine relativ unberechenbare Kraft handelt. Barzani und Talabani im Irak waren verglichen damit relativ handzahm.

Es entbehrt daher nicht einer gewissen Logik, dass die türkische Armee nun mit Duldung Russlands in Nordsyrien einmarschiert, um die kurdischen Verbände zu schlagen.

Die gefährlichen Fragen sind nun: Was passiert, wenn diese kurdischen Verbände von der türkischen Armee geschlagen oder vertrieben sein werden? Was passiert, wenn sich die türkische Armee direkt mit ihren US- und NATO „Verbündeten“ konfrontiert sieht?

Dass sich die Türkei und die USA auf Syrischem Boden bekämpfen werden, darf wohl ausgeschlossen werden. Ausschliessen dürfen wir wohl auch, dass diese kurdischen Verbände der türkischen Armee lange standhalten werden. (Sie werden keiner Armee lange standhalten, sofern sie nicht die Rückendeckung der USA haben).

Jede Armee jedoch, welche sich mit diesen kurdischen Verbänden anlegt, legt sich mit den USA und der NATO an  – ausser eben die türkische Armee, da diese ja selbst NATO Mitglied ist. Daher kann nur die Türkei und niemand anders die kurdischen Kämpfer aus Nordsyrien vertreiben. Ein echtes Dilemma also für die USA, die NATO und die Zionisten.

Man ist geneigt, diese Entwicklung als genialen Schachzug zu interpretieren, möglicherweise eine Zusammenarbeit zwischen Damaskus und Moskau? Die türkische Armee soll nun also anstelle von Syrien und dessen Verbündeten gegen diese sogenannt kurdischen Milizen im Norden des Landes kämpfen.

Die USA und die NATO können sich dann überlegen, ob sie in der Tat ihren eigenen Komplizen, die Türkei, angreifen wollen. Anders lässt sich die türkische Regierung kaum in die Schranken weisen. Das ist auch durchaus verständlich, denn ein kurdischer Staat im Norden Syriens wäre für Ankara eine höchst gefährliche Angelegenheit.

Dann schon lieber temporär aus dem NATO Verband ausscheren und scheinbar eigenmächtig gegen die Kurden kämpfen. Bleibt einmal mehr die Rolle der Kurden in Afrin und in anderen Orten Syriens zu bedauern und zu beklagen.

Die Kurden werden die Opfer sein

Und darauf wird es schlussendlich mit aller Wahrscheinlichkeit hinauslaufen: Einmal mehr werden die Kurden die Opfer sein. Leider ist dies eine voraussehbare Katastrophe: Für die bewaffneten Kräfte innerhalb der kurdischen Bewegung gab es von Beginn an keine Alternative.

Der einzige Weg den sie realistischerweise hätten einschlagen können, ist der gemeinsame Weg des anti-imperialistischen Widerstandes, gemeinsam mit der regulären Syrischen Armee, der Russischen Armee, den Kräften der Hizbullah und allen anderen Kräften in der Region, die Widerstand gegen Zionismus und Imperialismus leisten.

Das haben sie nicht getan, das tun sie heute nicht. Vielmehr haben sie sich entschlossen den „Imperialismus zu instrumentalisieren“, wie sie das auch schon nannten. Das ist weder notwendig noch Schicksal. Vielmehr ist es die freie Entscheidung der Führung der kämpfenden kurdischen Verbände.

Syrien mit dem Ministerium für Versöhnung unter dem Oppositionellen Minister Ali Haidar reicht ehemals Bewaffneten im Norden Syriens ebenso die Hand zur Versöhnung und Lösung der Probleme, wie allen anderen kämpfenden Verbänden in Syrien, die die Waffen ablegen. Das Programm der Versöhnung, des Wiederaufbaus und der Rückkehr der Flüchtlinge ist erfolgreich.

Lawrow: Kurden sollen an syrischen Friedensgesprächen teilnehmen

Ebenso werden die Kurden auf internationaler Ebene eingeladen und integriert. Am 28. Januar 2018 finden in Sotschi erneut Friedensgespräche bezüglich Syriens statt. Der russische Aussenminister Sergei Lawrov hat am 22. Januar betont: „Kurden sollen an syrischen Friedensgesprächen teilnehmen“. (Siehe dazu: https://deutsch.rt.com/international/63969-lawrowkurden-sollen-an-syrischen/ )

Was soll man von einer kurdischen Führung halten, die derart günstige Bedingungen für eine friedliche Lösung in den Wind schlägt und den bewaffneten Kampf weiter führen will?

Wir sind nicht so zynisch zu sagen, „jetzt bezahlen sie die Rechnung“. Wir sagen jedoch was wir schon zu Beginn der Krise in Syrien sagten: Der Imperialismus lässt sich nicht instrumentalisieren, der Imperialismus instrumentalisiert.

Es gibt für die Völker und Regierungen global keine Alternative zum anti zionistischen und zum anti imperialistischen Widerstand. Dieser Widerstand wird von Einzelpersonen geführt, von Bewegungen, von Parteien, in der Hauptsache aber von Staaten und Regierungen, die sich weigern, sich und ihre Völker zu Lakaien des Imperialismus machen zu lassen.

Zu dieser Achse des Widerstandes gehören das Syrische Volk und die Syrische Regierung. Wir sind auch nicht so zynisch zu sagen, „wir haben es immer gesagt“. Es gibt keine Alternative für die Kurden in Syrien und anderswo, als sich in den anti imperialistischen Widerstand einzureihen.

Die Seite der NATO, die Seite der USA , die Seite des Zionismus, das ist die andere Seite der Barrikade.

PS: Kurz bevor ich diesen Artikel aus Damaskus abschicke, erzähle ich einem hier lebenden Freund, dass nun in Europa Demonstrationen stattfinden, weil die türkische Armee die Kurden angreift. „Das ist schön“, antwortet er, „warum demonstriert ihr nicht für uns Syrier, uns greifen sie seit 2011 an“.

Dem ist nichts hinzu zu fügen, ausser vielleicht: Solidarität ist internationale Solidarität oder es ist keine Solidarität.

*Mehr zum Autor finden Sie hier:
http://www.zeitpunkt.ch/news/artikel-einzelansicht/artikel/syrien-ist-ein-guter-platz-auch-jetzt-waehrend-des-krieges.html

Tags: Naher Osten, Politik, NATO, Krieg, ISIS, Syrien

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