Moskau könnte beginnen, das zu tun, was der Westen ihm vorwirft

Ein gestärktes Russland ist nicht mehr bereit, die Welt-Alleinvorherrschaft der USA zu akzeptieren. Es will mit am Tisch sitzen.
InfoSperber / 19.02.2022
19. Februar 2022
(cm) Dmitri Trenin, der Direktor des «Carnegie Moscow Center», muss den Infosperber-Leserinnen und Lesern nicht näher vorgestellt werden. Infosperber hat ihn schon mehrere Male zu Wort kommen lassen. Jetzt hat eine Journalistin der russischen Zeitung Kommersant, Elena Chernenko, Dmitri Trenin ausführlich interviewt. Seine Beobachtungen und Einschätzungen der gegenwärtigen geopolitischen Situation sind bedenkenswert.  – Ein Gastbeitrag.

 Moskau Business Center
In Moskau gibt es nicht nur den Kreml: Blick ins Moskauer Business-Center © Christian Müller
Die Übersetzung aus der russischen und der englischen Publikation des Interviews besorgte Christian Müller.

Chernenko: Stehen wir am Rande eines tatsächlichen bewaffneten Konflikts?

Trenin: Für die unmittelbare Zukunft, sagen wir, den kommenden Monat, lautet die Antwort meiner Meinung nach nein. Langfristig gesehen habe ich Fragen an beide Seiten.

Eine Frage an den Westen: Könnte die Regierung in Kiew, ihre Mitglieder oder einige ‹Elemente›, die sie nicht vollständig unter Kontrolle hat und die in Absprache mit einigen zwielichtigen Akteuren handeln, eine Provokation inszenieren, um Russland hineinzuziehen? Die Antwort auf diese Frage ist eher negativ. Dieses Szenario würde den Verantwortlichen in Kiew nicht viel bringen. Jede derartige Provokation kann nur mit einer Niederlage der ukrainischen Streitkräfte enden.

Das Ausmass dieser Niederlage für die Ukraine könnte unterschiedlich ausfallen. Und wie hoch der Preis des Sieges für Russland auch wäre, er würde die kolossalen Reputationseinbussen, die die Regierung Joe Biden vor allem im eigenen Land erleiden würde, nicht ausgleichen. Nach dem Rückzug der USA aus Afghanistan wäre es für die US-Regierung äusserst gefährlich, einen weiteren wichtigen regionalen Verbündeten zu verlieren, vor allem im US-innenpolitischen Kontext. Hinzu kommen der Kontext der NATO und der Faktor des US-amerikanischen Ansehens in der Welt. Schliesslich beobachten Länder wie China und der Iran die Situation ja sehr genau.

Mit anderen Worten: Sie halten das georgische Szenario für unwahrscheinlich?

Ja. Ich glaube, dass die Amerikaner genügend Kontrolle über die ukrainische Regierung und andere in der Ukraine aktive Elemente haben [um eine solche Provokation zu verhindern].

Und was ist Ihre Frage an Russland?

Ich habe viele Fragen an Russland. Ich denke, alles hängt davon ab, wie der ‹Oberbefehlshaber›, der Präsident der Russischen Föderation, all das, was sich da vor unseren Augen abspielt, beurteilt. Ich spreche von all den jüngsten diplomatischen Bemühungen, die durch militärische Schritte und Andeutungen von Massnahmen im militärischen und militärtechnischen Bereich unterstützt werden. In der Tat stellen sich hier viele Fragen, da wir nicht wissen können, was genau Wladimir Putin im Sinn hat. Was ist sein Plan? Was ist seine Strategie? Welche Optionen sieht er für die verschiedenen Szenarien? Das ist von aussen sehr schwer zu beurteilen.

Klar ist, dass die Forderungen, die Russland vorgebracht und als zwingend notwendig bezeichnet hat, vom Westen nicht erfüllt werden können, zumindest nicht in der Form, in der diese Forderungen gestellt wurden. Und da das jedem klar ist, weiss das natürlich auch der Präsident. Die Frage ist, wie er auf die Ablehnung dieser Forderungen reagieren wird.

Sie schliessen also aus, dass die USA und ihre Verbündeten der Forderung Russlands nach einer Garantie für die Nicht-Erweiterung der NATO nachkommen könnten?

Es wird kein rechtsverbindliches Abkommen über die Nicht-Erweiterung der NATO geben. Es wird auch keine schriftlichen politischen Garantien geben   – so, wie Russland darauf besteht   –, dass die Ukraine und Georgien ‹nie und nimmer› in die NATO aufgenommen werden. Die Frage ist, wie sich Russland verhalten wird, wenn völlig klar ist, dass die Forderungen, die von russischer Seite mehrmals als «absoluter Imperativ» bezeichnet wurden, von den westlichen Staaten abgelehnt werden.

Was sind Ihrer Meinung nach die möglichen Szenarien, wie sich die Situation entwickeln könnte?

Weiterlesen: https://www.infosperber.ch/politik/welt/moskau-koennte-beginnen-das-zu-tun-was-der-westen-ihm-vorwirft/

Zur russischen Originalversion auf der Plattform der russischen Zeitung Kommersant vom 25. Januar 2022.

Zur englischen Version auf der Plattform des «Carnegie Moscow Center».


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