«Einer dauerhaften Friedenslösung den Weg bereiten»

Rolf Verleger und die Berliner Erklärung "Shalom 5767"

von Miriam Weissbrod und Daniel ben Elias

In seiner sehr persönlichen Auseinandersetzung mit dem Judentum und Israel versucht Rolf Verleger, ein deutscher Jude der Nachkriegsgeneration, einen Ausweg zu finden aus der scheinbar ausweglosen Situation in Palästina.

Als Frucht seiner Arbeit hat der Autor im Herbst 2006 die Initiative zur Berliner Erklärung «Shalom 5767»1 ergriffen, die von 71 jüdischen Erstunterzeichnern und bis zum November 2007 von über 14 000 weiteren Menschen in Deutschland unterschrieben wurde.

Die Berliner Erklärung ist ein Aufruf an die deutsche Regierung, ihr Schweigen gegenüber der Besatzungspolitik Israels zu brechen und endlich die Verwirklichung eines lebensfähigen palästinensischen Staates ernsthaft anzustreben. Ziel der Initianten ist es, «einer dauerhaften Friedenslösung den Weg zu bereiten, die dem palästinensischen Volk ein selbstbestimmtes Leben in Würde ermöglicht, beiden Nationen die Existenz in international anerkannten Grenzen sichert, die gesamte Region befriedet und dadurch die ganze Erde friedlicher und sicherer werden lässt.»2

Das Buch ist in drei Teile gegliedert, deren wesentliche Inhalte im folgenden dargestellt werden. Der Autor versteht es auf eindrückliche Weise, den Leser anzusprechen und in seine Gedankenwelt mitzunehmen.

Wisse, woher du kommst, … (Teil 1)

Im ersten Teil stellt der Autor zunächst seine persönliche Geschichte (Kindheit und Familie) vor. In einer (auch für Nichtkenner des Judentums) allgemeinverständlichen Sprache schildert Rolf Verleger seine Kindheit und seine jüdische Erziehung im Nachkriegsdeutschland. Sein Vater kehrte 1945 aus Auschwitz, wo seine Frau und seine drei Kinder ermordet worden waren, nach Deutschland zurück. Seine Mutter überlebte die Deportation nach Estland; alle ihre Angehörigen waren von den Nationalsozialisten umgebracht worden. Im Jahre 1948 heirateten sie in Berlin und zogen später nach Ravensburg, wo Rolf und sein älterer Bruder aufwuchsen. Den Eltern gelang es trotz ihren kaum vorstellbaren schwersten Erfahrungen auf bewundernswerte Weise, ihren Kindern die jüdische Tradition weiterzugeben und ihnen gleichzeitig zu ermöglichen, dass sie sich in Ravensburg unter den Gleichaltrigen heimisch fühlten.

Nächstenliebe als jüdisches Gebot

Es folgt ein Überblick über die alttestamentarische Geschichte des Judentums und dessen Wurzeln in Judäa. Nachdem die Juden später in viele Länder verstreut worden waren, blieb ihnen als einigendes Band der Glaube an die Erlösung, die sie durch Einhaltung der Gebote erreichen würden. Gott würde ihnen den Messias senden und den Wiederaufbau des Heiligtums in Jerusalem ermöglichen, wo sich alle Juden mit Freuden wieder einfinden und Gott ihre Opfer darbringen würden. Zentraler Wert der jüdischen Religion ist gemäss den Darlegungen von Rolf Verleger der Auftrag Gottes zur Nächstenliebe. Das Gebot «Liebe deinen Nächsten wie dich selbst» steht im 3. Buch der Tora und gilt nach der Auslegung weiser jüdischer Lehrer nicht nur unter den Angehörigen der eigenen Religion, sondern allen Menschen gegenüber.

Zionistische Bewegung und die weitere Geschichte des Konflikts in Palästina

Die zionistische Bewegung, die der Autor als nächstes thematisiert, entstand Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts, als in Europa zahlreiche Nationalstaaten gebildet wurden und die Juden, vor allem im russischen Zarenreich, aber auch im restlichen Europa genug davon hatten, diskriminiert zu werden. Laut Verleger hätte der Zionismus nicht zwingenderweise vom Gebot der Nächstenliebe abweichen müssen. So war Theodor Herzl, der Begründer des Zionismus, also der Idee, dass die Juden ins biblische Land zurückkehren sollten, kein Anhänger der Verdrängung der arabischen Bewohner aus Palästina. Vielmehr forderte er deren Gleichberechtigung: «Es gibt nur einen Weg: Die grösstmögliche Toleranz. Unser Motto muss daher sein, jetzt und immerdar: Mensch, du bist mein Bruder.»

Leider obsiegten im Lauf der Geschichte diejenigen Kräfte, die der Autor «revisionistische Zionisten» nennt: Ihr Ziel war ein rein jüdischer Staat, in dem die seit Jahrhunderten ansässigen Araber keinen Platz haben durften. Rolf Verleger zeigt auf, dass in der Gründung Israels im Jahr 1948 die Zementierung des Unrechts lag, das seit damals den Palästinensern zugefügt wurde, indem sie zu Hunderttausenden aus ihrer Heimat vertrieben wurden. Er weist aber auch darauf hin, dass der Keim zu diesem Konflikt schon lange vor 1933 entstanden war, durch die unerträgliche Lage der Juden im Zarenreich, die sie auf die Suche nach einer neuen Heimat schickte. Einen massgebenden Einfluss an der weiteren unseligen Geschichte misst Verleger jedoch den damaligen Grossmächten Frankreich und Grossbritannien zu, die an der Zerstückelung der arabischen Welt interessiert waren, um leichter ans Erdöl zu kommen.

… und wisse, wohin du gehst (Teil 2)

Unter dem Titel «Was heisst es, heute Jude zu sein?» legt der Autor unterschiedliche Wege dar. Traditionellerweise ist derjenige Jude, der die 613 Gebote Gottes einhält. Dabei ist für den Autor das wesentlichste Gebot die Nächstenliebe. An ihr  – und dies zeigt sein hohes Ethos  – misst er jedes Problem, auch die Auseinandersetzung zwischen Israeli und Palästinensern. «Ein traditioneller jüdisch-religiöser Mensch hat also keine Alternative dazu, das Vorgehen der jüdischen Siedler und der israelischen Regierungen gegen die arabischen Palästinenser aus tiefstem Herzen abzulehnen.»3

Der Zionist jedoch definiere sein Judentum hauptsächlich als Zugehörigkeit zum israelischen Staat, gleichgültig wie sich dieser Staat gegenüber den Palästinensern verhält. Diese Alternative ist dem Autor jedoch zuwider.

Eine weitere Möglichkeit, sich als Jude zu definieren, bestehe heute darin, sich als «Anti-Antisemiten» zu sehen. «Nie wieder Auschwitz!» könne heissen, «das darf keinem Menschen je wieder geschehen» oder, eine weniger schöne Variante, «dies darf keinem Juden je wieder geschehen».

In diesem zweiten Teil des Buches konstatiert der Autor eine Identitätskrise sowohl der Juden als auch der Deutschen, der Juden, weil in den vergangenen 60 Jahren die Rolle der Religion geschwunden sei, der Deutschen, «weil zu viele Deutsche daran mitgewirkt haben, ganz Europa mit Krieg zu überziehen und Europas jüdische Bevölkerung auszurotten».4 Die Identitätskrise der Deutschen habe dazu geführt, dass sie sprachlos gegenüber dem Problem Israel seien. Als Beispiel führt er die unterschiedlichen Antworten des spanischen Ministerpräsidenten und der deutschen Bundeskanzlerin auf die Frage vom 9. September 2006 der Wochenzeitung Die Zeit, wie der Terrorismus zukünftig zu bekämpfen sei, an. Der spanische Ministerpräsident Zapatero antwortete, dass nur die Lösung des Palästina-Problems ermöglichen wird, im Kampf gegen den Terror weiterzukommen. Frau Bundeskanzlerin Merkel antwortete auf dieselbe Frage, die Bundesregierung intensiviere ihre Anstrengungen zur guten Ausbildung der ­Polizei in Afghanistan.

Ein kritischer Brief Verlegers an das Präsidium des Zentralrates der Juden in Deutschland, das 2006 im israelisch-libanesischen Konflikt für die Kriegspolitik Israels Stellung genommen hatte, löste ein vielfältiges und oft zustimmendes Echo aus. Es brachte ihn auf den Gedanken, dieses Echo, diese vielfältigen deutschen Stimmen, die aus Angst vor der «Antisemitismus-Keule» nicht wagen, laut zu sagen, dass sie für einen Ausgleich im Nah-Ost-Konflikt sind, mit einer grösseren Aktion, der «Berliner Erklärung», herauszufordern und zum Klingen zu bringen.

Verleger dachte, dass die Bevölkerung einen Ausgleich in Palästina stärker befürworten würde als die Regierung. Diese Kluft wollte er mit der «Berliner Erklärung» ausnützen. Er hoffte, eine Million Unterschriften zu sammeln. Leider wurden in einem Jahr weniger als 15 000 Unterschriften gesammelt. Trotzdem liess er sich nicht entmutigen und hofft weiterhin, dass noch viele deutsche Mitmenschen den Schritt wagen werden, sich der «Berliner Erklärung» anzuschliessen.

… und vor wem du zukünftig Rechenschaft ablegen musst (Teil 3)

Die «Berliner Erklärung» erhielt viel positives Echo. Es meldeten sich aber auch eine Anzahl Kritiker. Mit diesen Stimmen setzt sich Verleger im dritten Teil des Buches auseinander.

Er will Rechenschaft vor Gott und den Menschen ablegen, über seine Auffassung vom Judentum auf dem Fundament der Gerechtigkeit und Nächstenliebe. Dabei stösst er auf Gegner, die mit der «Antisemitismus-Keule» hantieren. Verleger versucht den Vorwurf  – nicht immer ohne Mühe  – ernst zu nehmen und ihn in verschiedenen Fällen zu widerlegen.

Mit der «Berliner Erklärung» veröffentlichte die monatlich erscheinende Jüdische Zeitung den Beitrag des ältesten Erstunterzeichners. Auf die Reaktionen brauchte man nicht lange zu warten. Das Kuratorium rügte dafür die Redaktion heftig. Danach wurden drei Texte gegen die «Erklärung» veröffentlicht, ohne den Befürwortern die Möglichkeit einer Erwiderung zu geben. Der Autor stellt nüchtern fest: «Denn das Judentum, meine Heimat, ist in die Hände von Leuten gefallen, für die Volk und Nation die höchsten Werte sind anstatt Gerechtigkeit und Nächstenliebe.»5

Das Buch, das einen Einblick in das Leben eines überzeugten Juden ermöglicht, ist spannend, elegant geschrieben und sehr empfehlenswert. Es ist der nachahmenswerten und eindrücklichen Aktion «Shalom 5767» von Rolf Verleger zu wünschen, dass sie künftig in Deutschland das Echo finden wird, das ihr gebührt.

Rolf Verleger, Israels Irrweg. Eine jüdische Sicht, Köln 2008, 163 Seiten, ISBN 978-3-89438-294-7) Der Autor, Prof. Dr. Rolf Verleger, geb. 1951, leitet die neurophysiologische Forschung am Universitätsklinikum Lübeck und ist Mitglied im Direktorium des Zentralrats der Juden in Deutschland.

  1. Die Aktion begann im September 2006, nach Rosch ha-Schana, zu Beginn des jüdischen Jahres 5767.
  2. S. 98f.
  3. S. 79
  4. S. 94
  5. S. 156

Nr.48 vom 24.11.2008 © 2006 Genossenschaft Zeit-Fragen,
http://www.zeit-fragen.ch/

Naher Osten, Politik, Politik & Wirtschaft, Israel, Völkerrecht, Geschichte, Deutschland, Palästina

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