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03. 08. 2026 Von Vijay Prashad - übernommen von zetkin.forum
4. August 2026

Die Welt schweigt zu Gaza, noch bevor die Schlagzeilen verblassen


Laila Shawa (Palästina), Target, 2013
Manche Katastrophen verschwinden, weil sie enden. Andere verschwinden, weil sie so lange andauern, dass sich die Welt an sie gewöhnt. Sie zwängen sich in keine Fernsehprogramme oder Instagram-Reels mehr, genauso wenig wie sie noch die Titelseiten der Zeitungen einnehmen.
Liebe Freund*innen,

Grüße aus dem Büro von Tricontinental: Institute for Social Research.

Manche Katastrophen verschwinden, weil sie enden. Andere verschwinden, weil sie so lange andauern, dass sich die Welt an sie gewöhnt. Sie zwängen sich in keine Fernsehprogramme oder Instagram-Reels mehr, genauso wenig wie sie noch die Titelseiten der Zeitungen einnehmen. Die Finanzmärkte kehren zu ihren gewohnten Berechnungen zurück, der tägliche Ablauf des politischen und wirtschaftlichen Lebens nimmt seinen vertrauten Rhythmus wieder auf, und Diplomat*innen werden gebeten, ihre Briefing-Unterlagen zu diesem ausgelaugten, wenn auch schmerzhaften Thema beiseite zu legen. Die Katastrophe aber bleibt: Der von den USA und Israel verübte Völkermord an den Palästinenser*innen im Gazastreifen ist nicht wegen eines neuen Friedens verschwunden, sondern weil die Dauerhaftigkeit des Völkermords ihn zu nicht vermarktbaren Nachrichten macht.

Es gab eine Zeit, in der jede Explosion im Gazastreifen auf meinem Handy aufblitzte   – schreckliche Bilder von Kindern, die aus den Trümmern gezogen wurden, von medizinischem Personal, das versuchte, Patient*innen zu helfen, während das Krankenhaus selbst bombardiert wurde, und von Familien, die vor Kummer heulten, als israelische Bomben ganze palästinensische Sippen auslöschten. Israels Angriffe gehen weiter, während Familien von einer Notunterkunft zur nächsten fliehen und Kinder in den Trümmern nach Fragmenten ihres früheren Lebens suchen. Doch die Aufmerksamkeit der Welt hat sich anderswohin verlagert, da der Völkermord zur Routine geworden ist. Wir haben uns mit unserer Abstumpfung abgefunden.

Mohammed Al-Hawajri (Palästina), Death Is Only the End for Some among Us; After them, Others Continue to Live, 2022.

Das Ausmaß an Tod und Zerstörung ist unvorstellbar. Das palästinensische Gesundheitsministerium berichtet, dass seit Oktober 2023 durch israelische Gewalt mindestens 73.221 Palästinenser*innen (die Hälfte davon Frauen und Kinder) getötet und 173.654 weitere verletzt wurden. Bis Februar 2026 wurden in Gaza mindestens 21.289 Kinder getötet und 44.500 verletzt. Selbst nach dem sogenannten Waffenstillstand vom 11. Oktober 2025 wurden durch israelische Gewalt 1.100 Palästinenser*innen getötet, darunter mindestens 260 Kinder, und 3.546 weitere verletzt. Das bedeutet, dass die Israelis seitdem im Durchschnitt jeden Tag vier Palästinenser*innen getötet haben.

Es gibt Momente in der Geschichte, in denen Worte ihre Bedeutung verlieren. Nicht, weil Wörterbücher umgeschrieben werden, und auch nicht, weil sich die Sprache selbst verändert, sondern weil politische Macht die Worte der Realität entleert, die sie einst beschrieben haben. Das Wort «Waffenstillstand» hat zunehmend diesen trostlosen Beigeschmack angenommen, wenn es von israelischen und US-amerikanischen Amtsträger*innen verwendet wird. Was einst als Einstellung der Gewalt, als Schweigen der Waffen und als Schaffung politischen Raums für den Frieden verstanden wurde, ist zu etwas völlig anderem geworden: zu einem Verwaltungsbegriff für die Fortsetzung von Bombardements, Vertreibung, Belagerung und militärischer Kontrolle im Namen des Friedens.

Statistiken versuchen, das Ausmaß der schrecklichen Zerstörung zu beziffern, doch Zahlen können das Fehlen von Menschen nicht erfassen. Hinter jeder Zahl verbirgt sich eine Familie mit einer zerrütteten Geschichte und ein Kind, das sich für immer an ein Zuhause erinnern wird, das es nicht mehr gibt   – oder, in vielen Fällen, an eine gesamte, ausgelöschte Familienlinie. Diese Zahlen sind an sich schon erschreckend genug, wie aus den Berichten des Hilfswerks der Vereinten Nationen für Palästinaflüchtlinge im Nahen Osten (UNRWA) hervorgeht, für das eine Spende längst überfällig ist. Jeder Bericht der UNO liest sich weniger wie ein Alarm schlagen und mehr wie ein Archiv einer andauernden Katastrophe.

Hazem Harb (Palästina), Watermelon (1917), 2024

Was bringt Empörung, wenn Israels eklatanter Verstoß gegen das Völkerrecht offenbar keinerlei politische Konsequenzen nach sich zieht? Jenseits der Trümmer von Gaza wird die Landkarte Palästinas im besetzten Westjordanland und in Ostjerusalem fortlaufend neu gestaltet. Es vergeht kein Tag ohne Berichte über Landenteignungen und die Ausweitung der Siedlungen, den Abriss palästinensischer Häuser und gewalttätige Übergriffe durch Siedler*innen sowie die stetig zunehmende Zersplitterung des palästinensischen Gebiets. Ir Amim («Stadt der Völker»), eine öffentliche und juristische Interessenvertretung aus Jerusalem, berichtet, dass israelische Planungsbehörden beschlossen haben, 800 Häuser im palästinensischen Viertel Umm Lison im besetzten Ostjerusalem abzureißen und 450 Wohnungen für illegale Siedler*innen zu errichten   – als Teil einer umfassenderen Politik der Vertreibung und Annexion. Während der Gazastreifen durch massive militärische Gewalt verwüstet wird, werden Ostjerusalem und das Westjordanland durch bürokratische Annexion, juristische Vorwände, dauerhafte Siedlungen und die Brutalität, die der palästinensischen Bevölkerung durch Verwaltungshaft und Hausabrisse zugefügt wird, umgestaltet. Diese Angriffe auf die besetzten palästinensischen Gebiete sind Ausdruck desselben Vorhabens: des Völkermords am palästinensischen Volk und der Aneignung ihres Landes im Namen des Aufbaus eines sogenannten «Groß-Israel».

Während Organisationen wie Ir Amim weiterhin akribisch die Ausweitung der Siedlungen und die Enteignung dokumentieren, hat sich der moralische Verfall in der israelischen Gesellschaft mit neuer Intensität ausgebreitet. Im Jahr 2014 schrieb die «Haaretz»-Kolumnistin Carolina Landsmann unmissverständlich, dass die israelische Militärherrschaft über Palästinenser*innen kein verdeckter Mechanismus sei, der allein von der Armee betrieben werde, sondern «das größte, sichtbarste Projekt, an dem sich mehr Menschen beteiligen als an jedem anderen Vorhaben in Israel». Mit anderen Worten: Die Besatzung wird nicht nur durch die militärische Präsenz aufrechterhalten, sondern auch durch die Institutionen, Ressourcen, Gewohnheiten und die alltägliche Mitwirkung der israelischen Gesellschaft selbst.

Mehr als ein Jahrzehnt später griff Landsmann die Frage nach dem inneren Wandel der israelischen Gesellschaft erneut auf und argumentierte in einer Kolumne vom 10. Juli 2026, dass die Sprache der «israelischen» Identität zunehmend durch die «zionistische» Identität   – und damit durch die zionistisch-militärische Identität   – verdrängt worden sei. Zwar ist die israelische Identität seit ihren Anfängen mit dem Zionismus verbunden, doch ist dieser Wandel bedeutsam, da er darauf hindeutet, dass selbst die begrenzte Möglichkeit einer bürgerlichen Identität   – einer Identität, die nicht vollständig um Besatzung, Militarisierung und jüdische Vorherrschaft herum organisiert ist   – weiter aus dem Blickfeld gerückt ist.

Die psychologischen Folgen dieser Gesellschaftsordnung sind in der israelischen Gesellschaft sichtbar. Wie ein aktueller Bericht des israelischen Zentrums für Sucht und psychische Gesundheit zeigte, greift jeder vierte Israeli zu harten Drogen, um mit der psychosozialen Belastung fertig zu werden, die durch diese zionistisch-militärische Gesellschaft und ihren Völkermord an den Palästinenser*innen verursacht wird. Solche Daten sollten niemals dazu verwendet werden, eine falsche Gleichsetzung zwischen Besatzer*innen und Besetzten herzustellen, noch sollten sie von der unvergleichlichen Verwüstung ablenken, die dem palästinensischen Volk zugefügt wird. Sie offenbaren jedoch etwas Wichtiges: Eine Gesellschaft, die auf permanenter Militarisierung basiert, kann von der Gewalt, die sie selbst ausübt, nicht unberührt bleiben. Angst, Trauma, Sucht, moralische Verletzungen und Isolation sind mittlerweile fest im Alltag Israels verankert.

Hani Zurob (Palästina), Marble’s War #05, 2007.

Meine palästinensischen Freund*innen in Gaza erzählen mir unterdessen, dass sie schon früher Bombardements überstanden haben und dass sie sicher sind, ihre Häuser wieder aufbauen zu können. Was schwerer wiederherzustellen sei, sagten sie, sei das Vertrauen des palästinensischen Volkes in sein kollektives politisches Leben und die Hoffnung, dass dies zu einer besseren Zukunft führen werde. Unterbrochene Schulbildung, unbehandelte Krankheiten, wiederholte Vertreibungen, grassierender Hunger und der Verlust familiärer Netzwerke hinterlassen Narben, die weit über Betonmauern hinausreichen. Das Gleiche gilt für die psychische Gewalt, die den Kindern in Gaza zugefügt wird   – von denen laut Schätzungen von UNICEF fast alle in den kommenden Jahrzehnten psychologische und psychosoziale Unterstützung benötigen werden.

Gebäude lassen sich wiederaufbauen, doch die Menschen in Gaza brauchen nicht nur den Wiederaufbau von Orten, sondern auch den Wiederaufbau der historischen Zeit selbst: die Zeit, die nötig ist, um zu lernen, zu heilen, zu trauern, sich zu organisieren und sich eine Zukunft vorzustellen. Um diese Zukunft zurückzugewinnen, müssen sie auch das politische Vertrauen und die politischen Instrumente wiederaufbauen, durch die kollektive Hoffnung zu kollektiver Kraft wird.

In dem Versuch, die Zukunft des palästinensischen Volkes zu vereiteln, greift Israel auch dessen Vergangenheit an. Der brutale Angriff auf Gaza sowie die anhaltende Vertreibungskampagne in Ostjerusalem und im Westjordanland gehen mit der systematischen Zerstörung von Erinnerungen einher. Die israelische Gewalt richtet sich gezielt auf Archive, Friedhöfe, Familienfotos, Galerien, Bibliotheken, kommunale Aufzeichnungen, Museen, Wahrzeichen der Stadtviertel und Theater. Die Gewalt gegen diese Einrichtungen zielt darauf ab, die materiellen Grundlagen auszulöschen, durch die sich ein Volk an sich selbst erinnert, sodass die Leugnung der Geschichte zur Tatsache wird. Es gibt die Toten, und es gibt die Verletzten, aber es gibt auch die schreckliche Gewalt, die dem palästinensischen Bewusstsein zugefügt wird.

Mohammed Joha (Palästina), A man and a tree, 2003.

Vielleicht ist dies einer der Gründe, warum die internationale Debatte über den Gazastreifen verstummt ist. Nicht, weil die Gewalt in irgendeiner Weise nachgelassen hätte, sondern weil ihre Auswirkungen zu schrecklich sind, als dass sich die Welt ehrlich damit auseinandersetzen könnte. Sich dieser Gewalt zu stellen, würde bedeuten, sich mit dem völligen Zusammenbruch einer moralischen Ordnung auseinanderzusetzen, die immer noch behauptet, in der Sprache der Menschenrechte zu sprechen. Es würde bedeuten, unbequeme Fragen zu Waffenverkäufen und -lieferungen, diplomatischem Schutz, Medienzensur, Militärbündnissen und der ungleichen Wertung verschiedener Menschenleben zu stellen. Wegen dieses Unbehagens verschwinden manche Namen, noch bevor sich ihr Staub gelegt hat, während andere sich in das öffentliche Gedächtnis einprägen und Zerstörung wird vergessen, noch bevor sie an Dinnerpartys die Gespräche über dem Klirren des Bestecks, das sich durch die besten Fleischstücke arbeitet, stört..

Schriftsteller*innen und Kunstschaffende können Trümmer nicht mit der Effizienz ausgebildeter Rettungsteams beseitigen oder den Wiederaufbau von Krankenhäusern und Schulen leiten. Aber wir können das Schweigen verweigern und darauf bestehen, dass Geschichte nicht nur an Verträgen und Militärfeldzügen gemessen wird, sondern auch an den unterbrochenen Wiegenliedern, den unvollendeten Gedichten und den Stimmen, die weiterhin durch die Ruinen singen. Tricontinental: Institute for Social Research hat seit seiner Gründung vor einem Jahrzehnt sehr deutlich gemacht, dass die systematische Gewalt gegen das palästinensische Volk und die Amnesie gegenüber dieser Gewalt inakzeptabel sind und dass wir niemals zulassen werden, dass das Vergessen zur Normalität wird.

Maisara Baroud (Palästina), I’m Still Alive, 2024.

Das neue Musikvideo unserer Freunde Roger Waters und der gefeierten palästinensischen Singer-Songwriterin Mona Miari erinnert uns an diese Weigerung. Ihr Song «Comfortably Numb Re-imagined» gibt nicht vor, dass Musik eine Katastrophe überwinden könne, sondern stellt sich eine bescheidenere Aufgabe: zu verhindern, dass das Leid in Gaza zur Normalität wird. In einer Welt, die darauf trainiert wird, wegzuschauen, fordert ihr Lied uns auf, weiter hinzuschauen und darauf zu bestehen, dass das Erinnern die Grundlage des Kampfes für eine bessere Welt ist. Jede imperialistische Formation strebt nicht nur nach Gehorsam, sondern auch nach Vergessen. «Comfortably Numb Re-imagined», dessen Erlöse dem Palestine Children’s Relief Fund zugutekommen, zeigt die zerbrechliche, aber unverzichtbare Beharrlichkeit menschlicher Solidarität und die Weigerung, die Geschichten der Opfer aus unserer moralischen Vorstellungskraft verschwinden zu lassen.

Im Mittelpunkt des Liedes steht «Hind’s Lullaby», ein Abschnitt, der von Mona Miari zu Ehren von Hind Rajab geschrieben wurde, einem sechsjährigen palästinensischen Mädchen, das in Gaza getötet wurde, während es um Hilfe flehte. Das Wiegenlied verwandelt diese unerträgliche Erinnerung in ein Versprechen der Befreiung:

سمع صوت ملاكٍ
يناديني باسمي
أحرار باقين
أحرار.. باقيين
لو من الأرض للسما.. طالعين
لابد ان تتحرّر فلسطين

Ich höre die Stimme eines Engels,
der meinen Namen ruft.
Wir bleiben frei
Wir bleiben frei
Selbst wenn wir von der Erde in den Himmel verbannt werden
Palästina muss frei sein

Herzlichst,

Vijay