Wie man psychisch am besten durch die Pandemie kommt

Wer langfristige Ziele hat und diese engagiert verfolgt, kann besser mit negativen Emotionen umgehen. Das ist nicht angeboren, aber man kann es lernen.
Von José Antonio Pérez Escobar*
10. Dezember 2021
Die Covid-19-Pandemie brachte in den vergangenen bald zwei Jahren den Grossteil der Weltbevölkerung in eine noch nie da gewesene Situation. Die Einschränkungen, das Leid und die Ängste in Folge der Pandemie lassen sich nicht vermeiden. Darum ist es wichtig, dass Menschen mit ihnen umgehen können.

An der ETH haben wir eine Studie mit über 12’000 Freiwilligen aus 30 Ländern durchgeführt, um herauszufinden, wie sie mit der Pandemie und ihren Einschränkungen im letzten Jahr zurechtkamen. Unsere Untersuchungen haben gezeigt, dass Menschen, die Wertvorstellungen und langfristige Ziele haben und diese engagiert verfolgen, negative Affekte besser verarbeiten können. Sie litten während der Pandemie weniger unter Stress, Depressionen und Angstzuständen. Diesen Personen ist ein höheres Mass an «innerer Harmonie» eigen, es gelingt ihnen, positive wie auch negative Lebensaspekte zu akzeptieren und in das eigene Leben zu integrieren.

Die Psychologie hat in den letzten Jahrzehnten die Integration negativer Emotionen in unser Leben vernachlässigt. Dies wäre jedoch nötig, um psychologische Widerstandsfähigkeit zu entwickeln. Dazu müssen wir sowohl negative als auch positive Aspekte des Lebens annehmen, anstatt die ersteren zu verdrängen. Dies ist vor allem (aber nicht nur) im Kontext einer Pandemie wichtig, wo negative Emotionen alltäglich und schwer zu vermeiden sind.

Im Mittelpunkt steht die Technik des Umdeutens, auf Englisch als Reframing bezeichnet. Es besteht im Wesentlichen darin, unsere Perspektive auf ein Problem zu ändern, um sinnvolle Lösungsansätze zu finden. Die Art und Weise, wie ein Problem formuliert und damit definiert wird, schränkt manchmal ein, wie es angegangen werden kann.

Social Distancing kann man als Herausforderung begreifen, welche die Konzentration auf die eigenen Ziele fördert.

Ein schwieriges Ereignis kann zum Beispiel entweder als Bedrohung oder als Herausforderung wahrgenommen werden. Das ist zentral, wenn sich solche Ereignisse wie die Folgen einer Pandemie nicht vermeiden lassen. Ein Beispiel: Social Distancing kann man als Herausforderung begreifen, welche die Konzentration auf die eigenen Ziele fördert, emotionale Bindungen stärkt und die Wertschätzung von Beziehungen erhöhen kann.

Schwierige Ereignisse als Chance zu verstehen, ist keine angeborene Fähigkeit. Alle können sie erlernen, wenn sie entsprechend geschult und engagiert sind. Und professionelle Hilfe kann dabei helfen. Die Fähigkeit zum Reframing ist für gefährdete Bevölkerungsgruppen besonders wichtig.

Unsere Studienergebnisse deuten darauf hin, dass Frauen, junge Menschen, Studierende, Arbeitnehmende mit geringem Einkommen und vor allem Menschen mit psychischen oder körperlichen Vorerkrankungen während der Pandemie am stärksten unter Stress, Angst und Depression litten. Aus diesem Grund sollte das Erlernen gesunder Reframing-Fähigkeiten auf die politische Agenda gesetzt und in die Leitlinien von Institutionen wie der Weltgesundheitsorganisation aufgenommen werden.

*José Antonio Pérez Escobar ist Wissenschaftler der ETH Zürich. Er hat Psychologie, Neurowissenschaften und Philosophie studiert.

Publiziert heute um 13:12 Uhr

Quelle: https://www.tagesanzeiger.ch/wie-man-psychisch-am-besten-durch-die-pandemie-kommt-731693315603

Kommentare

Willy Wahl

"Schwierige Ereignisse als Chance zu verstehen, ist keine angeborene Fähigkeit". Hier hat der Psychologe Escobar völlig Recht, angeboren ist das tatsächlich nicht.
Aber... wie weiter? Aha: "Alle können sie erlernen",
aber wie?
"wenn sie entsprechend geschult und engagiert sind".
Ja, wenn sie bereits geschult und engagiert sind, dann müssten sie doch gar nicht mehr lernen, geht mir durch den Kopf.
Nun bringt Herr Escobar aber noch schnell diesen Satz:
"Und professionelle Hilfe kann dabei helfen."
Als tiefenpsychologisch arbeitender Psychagoge weiss ich, dass es ohne professionelle Hilfe nicht möglich ist, eine Einstellung zum Leben zu ändern, z.B. sich von der Pandemie beeinträchtigt zu fühlen, oder Social Distancing ätzend zu finden.

Dass die ETH eine grosse Studie durchgeführt hat, ist lobenswert.
Hilfreich wäre aber, wenn auch danach geforscht worden wäre, welche Faktoren
(Frühe Kindheit, Erziehungsverhalten der Eltern, Kindergarten, Schule)
haben dazu geführt, dass sie weniger unter Stress, Depressionen und Angstzuständen litten. Resp. weshalb sie Wertvorstellungen und langfristige Ziele haben und diese engagiert verfolgen können.

Diese Fragen auf die politische Agende zu setzen, wie die Studie fordert, kann ich nur unterstützen, wobei ich aus meiner Erfahrung den Focus vermehrt auch auf eine Schulung und Beratung der Eltern legen würde, weil bekanntermassen in den ersten 6 Jahren der Charakter erworben wird und Wertvorstellungen, Lebensmut, Mitmenschlichkeit entstehen können, oder auch nicht, resp. zu schwach ausgebildet werden.

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Samse

das ist schönrederei und verharmlosung der "kollateralschäden". weitaus mehr menschen leiden durch die pandemie, als dass sie eine "chance" für sie wäre. und ausserhalb der industrienationen ist es noch schlimmer - da verhungern noch mehr menschen, als je zuvor.
aber hauptsache der artikel stützt sich auf die wenigen individuen die egoistisch und mit ellenbogen ihre eigenen ziele verfolgen und profit daraus ziehen, während der grossteil der bevölkerung einen schaden davon trägt.

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Francis Lebig

Um auf diese Erkenntnisse zu kommen brauchte es eine Studie? Die Resultate sind logisch und mit der Studie nun auch noch psycho - logisch!
Menschen mit u.a. niedrigen Einkommen sind besonders gefährdet. Und denen wird professionelle Hilfe empfohlen. Bezahlt wird dann mit Schneeflocken oder was?

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Daniel Hübscher

Social Distancing kann man als Herausforderung begreifen, welche die Konzentration auf die eigenen Ziele fördert.
Geil, dieses Framing hat uns in einer bereits vor Corona hyperindividualisierten, auf Konkurrenzkampf getrimmten Gesellschaft gerade noch gefehlt.
Ne Leute, wir müssen uns das nicht schön denken. Zu vereinzelten Menschen haben wir die emotionale Beziehung gestärkt während der Pandemie, aber im Grossen und Ganzen hat die Einsamkeit zugenommen, wurden Beziehungen zu Arbeitskollegen und nicht so engen Freunden weniger gepflegt und bestimmt hat auch jeder ein Beispiel von engeren Freunden/Familienmitgliedern, die wegen des Impfgrabens schwer belastet wurden oder es noch sind.

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Cristina Fleischmann

Sehr interessant. Ich glaube es ist diesbezüglich auch wichtig mit Menschen zu sprechem oder sich für Dinge zu interessieren, denn wenn man breiter denkt hat man auch Zugang zu mehr Perspektiven um eine Lösung zu finden oder das Problem anders zu sehen.

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