Probezeit Vater

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Letztes Jahr berichtete uns ein Vater aus Zürich, wie die Gymiprüfung seiner Tochter die ganze Familie in Mitleidenschaft zog. Nun erzählt er von den Strapazen der Probezeit am Gymnasium.
Von Paula Scheidt
Das Magazin N°6– 9. Februar 2019
Am 26. März letzten Jahres kamen die Resultate der Gymiprüfung. Als ich vom Joggen zurückkehrte, traf ich die Mutter eines Mädchens aus dem Quartier. Sie fragte: «Und? Belagerst du auch schon den Briefkasten?» Vorm Haus fischte ich das Kuvert aus dem Schlitz, riss es auf und las: «Wir freuen uns, Ihnen mitteilen zu dürfen  …»

Mein Leben, dachte ich, ist vorerst gerettet.

Mittags kam unsere Tochter *Lotta von der Schule nach Hause. Als sie hörte, dass sie die Prüfung bestanden hatte, brach sie in Tränen aus. Sofort holte sie ihr Handy und starrte auf den Screen. Dann kamen die Nachrichten: Hanna hat es nicht geschafft, Philip hat es nicht geschafft. Patricia hat es geschafft. Lotta war glücklich, dass es bei ihr geklappt hatte. Als sie dann las, dass Ella, ihre beste Freundin, es nicht geschafft hatte, weinte sie ein zweites Mal.

Im Brief stand auch schon das Datum des Schulbeginns, 20. August. Ausserdem war da noch zu lesen: «Wir hoffen, dass Lotta die Zeit bis zum Start der Pro-bezeit gut nutzt.» Dieser Satz löste in mir die erste kleine Besorgnis aus. Dabei hatten wir ein paar unbeschwerte Monate verbringen wollen, Abschluss der sechsten Klasse, Sommerferien, etwas Erholung für die Tochter und uns Eltern. Die intensiven Monate der Gymiprüfungsvorbereitung steckten uns allen noch in den Knochen respektive in den Köpfen.

Im Sommer fingen wir tatsächlich mit einem kleinen Repetitorium an. Lotta fand das blöd und unnötig. Sie war zwar eine gute Sechstklässlerin gewesen, allerdings hatten wir den Eindruck, dass deutsche Grammatik nicht unbedingt der Lieblingsstoff ihres Lehrers gewesen war. Kurz: Sie hatte keine Ahnung. Was genau ist ein Adverb? Welche Wörter gehören zu den Nomen? Solche Fragen. Im Langzeitgymnasium kommen Französisch, Englisch und Latein dazu, Fächer mit viel Grammatik. Vor allem der Französischunterricht an der Primarschule schien uns rückblickend doch gar Freestyle gewesen zu sein, das Lehrmittel sah eher aus wie ein Wimmelbuch für Erstklässler.

Dann begann die Probezeit. Fünf Monate, in denen Lotta würde beweisen müssen, dass sie aufs Gymnasium gehört. Ich erinnere mich an den ersten Schultag. Die Eltern durften an dem Morgen dabei sein, und es ging gleich los mit den Promotionsbestimmungen auf dem Hellraumprojektor: Jede Minusnote muss doppelt kompensiert werden, mehr als drei Minusnoten sind nicht erlaubt. Was das heisst? Hat Ihr Kind im Zeugnis in einem Fach eine Drei, braucht es in zwei anderen Fächern eine Fünf. Ein paar Tage später kam Lotta nach Hause und erzählte uns von älteren Schülern, die auf dem Pausenplatz die Erstklässler fragen: «Was isch für Ziit?» Um dann, ehe diese antworten könnten, lachend zu brüllen: «Probeziit!»

Lotta brachte sehr viele neue Bücher nach Hause. Kurz vor Schulbeginn war ein Brief der Schulleitung eingetroffen, darin stand: Achten Sie auf eine gute Organisation der Kinder. Vor allem die Eltern von Knaben wurden darauf hingewiesen. Mädchen in dem Alter haben diesbezüglich offensichtlich weniger Probleme. In dem Brief stand auch, man solle sich die Prüfungstermine gut notieren und die Kinder zur Führung eines Aufgabenheftes nötigen. Wir räumten sofort Lottas Zimmer um. Ein grösseres Pult musste her, mit genug Platz für Bücher, Ordner und Karteikärtchen für Vokabular.

38 Prüfungen. Die Liste mit den Daten erhielt Lotta in der ersten Woche. Wir haben sie an das Anschlagbrett der Familie neben der Haustür gehängt. Im Nachhinein muss ich sagen: Das war idiotisch. Es ist praktisch das Erste, was man sieht, wenn man die Wohnung betritt.

Ständig fällt der Blick auf diese bedrohliche Liste. Ich sollte in den kommenden Monaten noch oft vor dieser langen Liste mit den Prüfungsdaten stehen. Spätabends meist, wenn Lotta und meine Frau schon schliefen und ich mir Sorgen machte, ob Lotta genug gelernt hatte.

In den ersten beiden Wochen gab es noch keine Prüfungen. Der anfängliche Schock für Lotta war: In der Primarschule bekommen die Kinder gute mündliche Noten, einfach wenn sie aufstrecken. Das Kind ist aktiv, heisst es dann. Im Gymnasium hingegen kommt es darauf an, dass das, was du sagst, auch richtig ist. Der Lehrer sagt schon mal: Ruby, streck nicht ständig auf, wenn du nicht wirklich etwas zu sagen hast! Oder: Du meldest dich zwar oft, aber deine Antworten sind immer falsch. Daran musste sie sich gewöhnen.

Das erste Blackout

Eines Abends, nach etwa drei Wochen im Gymnasium, stürmte Lotta aufgelöst in die Wohnung. Sie habe eine Prüfung «verkackt». Nichts mehr gewusst. Ein totales Blackout, sagte sie. Es war ihre erste Lateinprüfung. Rotes Gesicht, dicke Tränen, verquollene Augen. Ich versuchte, sie mit aufmunternden Worten zu beruhigen  – gleichzeitig wurde ich innerlich immer unruhiger. Eine Woche später kam dann die Note: 2,9. Sie hatte wohl wirklich ein Blackout gehabt. Wir wussten, es war die erste von fünf Lateinnoten der Probezeit. Am Vorabend hatten wir noch alle Wörter abgefragt und die a/o-Deklination geübt. Es hatte nichts genützt.

Im ersten Monat bin ich oft nach Hause gekommen und habe gefragt: Welche Fächer hast du gehabt? Lotta sagte: Bio. Ich fragte: Hast du mitgeschrieben? Sie sagte: Ja. Dann habe ich in ihr Heft geschaut und darin den Stammbaum des Lebens gesehen, an seiner Wurzel aber mit Herzchen verziert, wie sie Mädchen in dem Alter oft zeichnen, anstelle der einzelligen Viecher mit Zellkern, der Eukaryoten  – ich lernte rasch mit.

Ein Lehrer, nicht dein Freund

Im Gymnasium wird plötzlich viel mehr Selbstständigkeit erwartet. Wenn die Kinder in der Primarschule Herzchen malen, sagt der Lehrer: Jetzt legt die Stifte weg und konzentriert euch. Im Gymnasium lautet die Haltung: Wenn du es nicht kapierst, ist das dein Problem. Die Primarlehrerin war für Lotta fast eine Art Freundin. Lotta wusste, dass die Lehrerin einen neuen Freund hat oder wohin sie in die Ferien fuhr. Oft erzählte die Lehrerin von ihren Wochenenden, Interrailreisen, die sie als Jugendliche gemacht hatte, ihrer Liebe zu Hunden und Pferden. Im Gymi ist Schluss mit dieser emotionalen Verbindung zu den Lehrpersonen. Ihre Lehrer, sagt Lotta, seien oft lustig und immer nett, man dürfe jederzeit Fragen stellen, auch nach der Stunde. Aber: not your friend.

Am Anfang haben wir viel kontrolliert. Wir wussten: Sie muss den Einstieg schaffen. Wenn sie fünf Biologiestunden verschläft, ist sie abgehängt. Mathematik und Latein muss sie fortlaufend begreifen. Das heisst, sie muss ihre Unterlagen in Ordnung haben. Zeig mal dein Geometrieheft, sagte ich abends. Das nervte Lotta, aber oft merkte ich, etwas fehlte oder stimmte nicht. Dann musste ich ihr beibringen, dass sie es falsch abgeschrieben hatte. Das ärgerte sie, weil sie ahnte, dass sie somit auch die Übungsaufgaben falsch gelöst hatte, also alles nochmals machen musste. Das ärgerte mich oder meine Frau, weil es für uns Zusatzarbeit war. Die Stimmung kippte schnell.

Dieses ständige Kontrollieren fand ich anfangs wahnsinnig anstrengend: ob die Ordner vollständig sind, ob sie ihre Sachen beisammenhat, ob der Lernstoff sauber aufgeschrieben ist. Die Idee des Gymnasiums ist, dozierte ich oft am Küchentisch (und ich fand mich dabei selbst blöd), du musst den Stoff schon in der Unterrichtsstunde kapieren. Sonst musst du fragen.

Logischerweise tun das viele Kinder nicht, weil sie sich nicht trauen. Oder sie kapieren gar nicht, dass sie es nicht wirklich kapieren. Selbst als Erwachsener hat man ja manchmal das Gefühl, man habe etwas verstanden, obwohl es nicht so ist. Das weiss jeder, der mal ein Möbel von Ikea zusammengebaut hat. Also hat es uns viel Zeit gekostet, Lotta beizubringen: Du musst den Lehrer fragen. Am besten in der Stunde. Sie sagte: Das ist peinlich. Ich brüllte: Egal!

An manchen Abenden dachte ich, wir leben in einem Sanatorium. Immer musste es leise zugehen. Ständig machte irgendjemand: pssst!

Eigenes Denken gefragt

Mitte September ging es dann los mit den vielen Prüfungen. Immer wenn eine Prüfung vorbei war, strichen wir sie auf der Liste am Anschlagbrett durch. Meine Frau notierte die Noten in einer App, die zu diesem Zweck für Gymnasiasten gemacht wurde.

Kinder, die ins Gymnasium kommen, waren in der Primarschule immer recht gut. In der Regel hatten sie Noten zwischen 5 und 6. Und die Gyminoten sind dann im Schnitt etwa eineinhalb Noten tiefer. Das kann enttäuschend sein.

Einmal brachte Lotta in Französisch eine 5,8 nach Hause. Ein Erfolg. Sie freute sich und dachte, jetzt habe sie sich einen lernfreien Abend verdient. Glücklich verzog sie sich mit einem Buch unter ihre Bettdecke. Ich lief ihr hinterher und sagte, sie müsse auch heute lernen, morgen stehe eine Englischprüfung an. Sie schrie mich an: Aber ich habe eben eine 5.8 in Französisch geschrieben. Ich musste sie daran erinnern, dass das eine mit dem anderen nichts zu tun hat.

Ich erinnere mich auch an grausame Lernvorgaben im Fach Geografie. Lotta bekam vor der Prüfung eine Liste, auf der 45 Lernziele formuliert waren. Der Lehrer druckte es auf gelbes Papier, damit es freundlicher aussieht, so kam es mir auf jeden Fall vor.

Du weisst, wo die verschiedenen Klimazonen sind.
Du kannst auf einer Karte die verschiedenen Geländeformen erkennen.
Du weisst, wie viel 4 cm auf einer Karte im Massstab von 1:25’000 in Wirklichkeit sind.
Du kennst die wichtigsten Bodenbildungsfaktoren.

Und so weiter. Wissen aus Fächern wie Geografie hat man als Erwachsener in der Regel vergessen, ausser es ist der eigene Beruf. Ich schlug also in Lottas Geografie-Unterlagen nach, und seltsamerweise wurde meine Neugier entzündet. Lotta sagte, sie verstehe nicht richtig, weshalb die Sonne zwischen den Wendekreisen hin- und herwandert. Was sagt man darauf? Schiebt man dem Kind den Laptop rüber und sagt: «Google es»? Dafür sind die meisten zu unerfahren. Also googelte ich selbst. Viele Internetseiten waren wissenschaftlich, ich merkte irgendwann, okay, ich google besser «Klimazonen Gymnasium», dann erhalte ich Arbeitsblätter anderer Schulen. Und dann kniete ich mich da rein und versuchte anschliessend, es zu erklären.

Klar, hätte Lotta den Lehrer fragen können. Tatsache ist aber: Geografie ist nicht das einzige Fach. So häufen sich mit der Zeit die Fragen. Wieder einmal wurde mir bewusst, dass Chancengleichheit nicht existiert. Wer Eltern hat, die nicht wissen, wie sie an Informationen über den tropischen Wendekreis kommen, hat einfach nicht dieselben Chancen.

Nach und nach schlich sich eine angespannte Atmosphäre in unser Zuhause ein. An manchen Abenden dachte ich, wir leben in einem Sanatorium. Immer musste es leise zugehen. Ständig machte irgendjemand: pssst! Auch zu Lottas jüngerer Schwester. Alles, was Lärm macht, war verboten. Oft sagten wir zu der Kleinen: Kannst du nach der Schule zu deinen Freundinnen gehen, statt dass sie zu uns kommen? Lotta muss lernen. Wir wussten: Am 9. November kommt eine Zwischenbewertung. Kinder, bei denen es nicht gut läuft, erhalten dann einen Brief, so hatte es an der Elterninformation geheissen. Ich kannte zwar Lottas Noten, dennoch war ich angespannt.

Alles fürs Kind

Wie man mit dem Druck umgeht, ist wohl auch eine kulturelle Frage. Meine Familie hat mediterrane Wurzeln, und in dieser Kultur ist es recht verbreitet, dass man fast alles für seine Kinder tut. Einiges mehr als zum Beispiel in Skandinavien. Das ist jetzt grob vereinfacht, aber ich habe das Thema mal mit schwedischen Freunden diskutiert. Für einen selbst ist eine gewisse Distanz wahrscheinlich vernünftiger.

Progressive Pädagogen plädieren für die Haltung: Lass dein Kind doch mal in die Scheisse trampeln. Das ist eine wichtige Erfahrung. Es soll merken: Wenn ich nicht lerne, bekomme ich eine schlechte Note.  – Ich verstehe das, aber das bin nicht ich. Ich will meine Kinder beschützen, auch wenn kinderlose Millennials ständig in den Zeitungen schreiben, dass heutige Eltern es übertreiben mit der Kontrolle.

Ich litt mit Lotta in der Probezeit. Was okay ist. Ich finde, Gelassenheit wird überbewertet. Warum nicht ein bisschen paranoid sein? Schliesslich geht es um etwas Wichtiges. Aber es gibt Eltern, die da tatsächlich cooler sind. Man redet ja ständig mit anderen Eltern in der gleichen Lage. Manche vertreten die Haltung: Auch negative Erfahrungen sind wichtig für Kinder, ich mach mich doch nicht wahnsinnig.  – Manchmal argwöhnte ich allerdings, dass diese Eltern sich selbst belügen. Dass sie glauben, sie müssten so reden, weil es nicht angesagt ist zuzugeben, dass man auch mal Druck auf das Kind ausübt.

Klar, kann man sagen, das ist nicht mein Problem, aber dann erlebt dein Kind vielleicht seine erste grosse Enttäuschung. Und das Leben ist lang und ohnehin voller Enttäuschungen, weshalb also schon mit zwölf die erste erfahren?

Der Vater von Jonas ist so ein cooler Typ. Immer sagt er: Weisch, das muesch eifach easy näh. Offenbar ist Jonas in Französisch und Latein schlecht. Gerade in diesen Fächern gibt es eine hohe Korrelation zwischen der Zeit, die ein Kind am Lernpult sitzt, und dem Prüfungsresultat. Das weiss jeder, der selbst mal eine Sprache gelernt hat. Du musst dem Kind sagen: Jetzt ist Viertel nach fünf, um Viertel vor sieben kommst du wieder aus deinem Zimmer und nicht vorher. Wir haben das oft gemacht. Meine Frau oder ich sassen zu Hause, haben Lotta einen Tee gekocht, sind zum Bäcker gegangen, um ihr einen Himbeerberliner zu kaufen. Es war ein Sanatorium mit Roomservice. Wobei man ein Sanatorium ja verlassen kann, wenn man will. In unserem Fall war es eher eine Form von Zwangsaufenthalt.

Der ganze Terror, den ich im ersten Text über die Gymiprüfung geschildert habe  – man kann sagen, der wurde wenigstens belohnt: Meine Tochter hat es mit fleissigem Lernen in ein öffentliches Langzeitgymnasium geschafft. Wieso sollte ich also gegenteilige Lehren ziehen? Zum Schluss kommen, dass das alles überflüssig war?

Manchmal mögen Kinder nicht mehr, das ist normal. Aber ich halte es immer noch für besser, ihnen dann beizustehen und gleichzeitig darauf zu beharren, dass sie trotzdem weiterlernen, als ihnen einen Vortrag zu halten über Eigenverantwortung, nur damit man nicht hart sein muss mit ihnen. Ausserdem können Kinder in dem Alter die Konsequenzen ihrer Handlungen ohnehin nicht richtig abschätzen.

Nie vorher habe ich so viel gestritten mit meiner Frau wie in der Probezeit. Die Nerven liegen einfach blank. Wie geht es dem Kind? Ist es bleich?

Einzelne stiegen aus

Der 9. November kam, und Lotta erhielt keinen Brief. Wir waren sehr erleichtert. Aus Kindern in ihrem Alter ist es schwierig, Informationen rauszukriegen. Aber irgendwann sagte sie dann doch, ich glaube, Patricia hat einen Brief gekriegt. Auch Jonas, der schon mit ihr in der Primarschule war und einen katastrophalen Start hatte, erhielt einen Brief. Ende November stiegen einzelne Schüler freiwillig aus. Eines Tages erschienen sie einfach nicht mehr. Vermutlich war klar, dass die Tiefnoten nicht mehr kompensiert werden können.

Lotta sagte relativ bald, dass ihr das Gymnasium gefällt. Die Klasse, die Lehrer. Tatsächlich geht sie gerne in die Schule. Der Typus des sadistischen Lehrers, der einem das Heft zerreisst oder einen an der Wandtafel blossstellt, der scheint glücklicherweise ausgestorben zu sein.

Und ich glaube der Schule auch, dass sie keine Quote festsetzt, wie viele Kinder am Ende der Probezeit rausfliegen sollen. Mal sind es gleich vier aus einer Klasse, die gehen müssen, es gibt aber auch immer wieder Klassen, wo niemand rausfliegt. Wenn ich die Probezeit mit dem Lernen auf die Gymiprüfung vergleiche, denke ich, die Ängste waren schlimmer bei der Gymiprüfung. Weil alles an diesem einen Morgen passierte. Und weil es das erste Mal war, dass man als Eltern so brutal unter Druck war. Dafür war in der Probezeit die physische Beanspruchung schlimmer, es zehrte, weil es sich über mehrere Monate hinzog.

Einmal habe ich einen Freund getroffen. Als ich ihm von der Probezeit erzählte, sagte er sofort, sein Sohn sei letztes Jahr auch in dieser Situation gewesen  – er habe damals den schulischen Druck zu seinem eigenen gemacht und sei in eine Depression gefallen.

Jeder weiss: In Ehen wird gestritten. Jeder weiss auch: Es wird extrem oft wegen der Kinder gestritten. Nie vorher habe ich so viel gestritten mit meiner Frau wie in der Probezeit. Die Nerven liegen einfach blank. Wie geht es dem Kind? Ist es bleich? Hat es gefrühstückt?
Nachts im Bett starrte ich die Decke an und hörte meine Frau neben mir irgendeine Angst äussern. Ich merkte plötzlich, was für eine ungeheure Verantwortung Kinder sind. Als Lotta ein Säugling war, hatte ich diese existenzielle Angst, dass sie stirbt. Ab drei Jahren wurde es dann besser, als sie langsam robuster wurde. Nun waren diese tiefen, tierischen Ängste plötzlich wieder da. Ich dachte sogar mit einem gewissen Respekt an meine Mutter, mit der ich sonst ein problematisches Verhältnis habe. Aber in der Probezeit waren sie und mein Stiefvater für mich da.

Man kann sich fragen: Ist es denn so schlimm, wenn das Kind nicht ins Gymi geht? Nein, natürlich nicht. Das duale Bildungssystem ist eine Meisterleistung der Schweiz. Mir ist auch völlig bewusst, dass man nach zwei Jahren Sekundarschule immer noch aufs Gymnasium wechseln kann. Oder einen ganz anderen Weg gehen und glücklich werden kann. Aber in dem Moment, wo das eigene Kind diesem Druck ausgesetzt ist, teilt man seine Angst. Oft haben wir Lotta während der Probezeit gefragt: Gehst du gerne in die Schule? Immer sagte sie überzeugend: Ja.

Das Gefühl, klüger zu werden

Die vielen Prüfungen hatten auch einen guten Effekt: Lotta gewöhnte sich dran. Als Eltern gewöhnt man sich komischerweise nicht wirklich daran. Manchmal gab es lustige Situationen. Wenn wir an einem Samstagabend fanden, jetzt ist genug gelernt, jetzt schauen wir zusammen fern, und Lotta sagte: Der Moderator redet falsch, der macht ja ständig Fallfehler. Sie entwickelte einen gewissen intellektuellen Snobismus. Sie merkt rascher, was für Unsinn in den sozialen Medien verbreitet wird. Sie erkennt die lateinischen Wurzeln deutscher Wörter, «kontemplativ» kommt von contemplare zum Beispiel. Als Eltern merkt man, da passiert was, da wird eine Neugierde befriedigt, da geht ein Gehirn auf wie eine Papierblume in einem Wasserglas.

Wir haben gelitten in dieser Probezeit, keine Frage. Aber hat unsere Tochter gelitten? I don’t know. Ich glaube, sie ist auch stolz. Sie war etwa zwei Monate im Gymnasium, als sie sagte: Jetzt bin ich schon so viel klüger geworden als in einem ganzen Jahr Primarschule.

Was Lotta auch merkte: dass die Lehrer wirklich eine Ahnung haben. Der Mathematiklehrer hat  – anders als in der Primarschule  – Mathematik studiert. Und die Biologielehrerin Biologie. Lotta bewundert sie in gewissem Sinne. Zum ersten Mal geht es um Bücher, um Ideen. Sie lesen die ersten Reclam-Hefte und diskutieren über Standesunterschiede im 19. Jahrhundert. Lotta ist gefordert im Unterricht, und sie erzählt oft von Witzen, die die Lehrer gemacht haben. Das Gymnasium ist auf gewisse Art bereits zu ihrem zweiten Zuhause geworden.

Im Dezember häuften die Noten sich, ich begann Schnitte auszurechnen und stellte bald fest: Lotta hat keine Minuspunkte. Die letzten Prüfungen im Januar mussten nicht mehr ganz so optimal laufen. Wir hätten nun aufhören können zu lernen, aber wir waren so drin, wir haben auch dann noch massiv mit ihr gelernt, als wir wussten, jetzt kann sie es eigentlich verhauen  – falls wir nicht falsch gerechnet haben. Gleichzeitig lernte Lotta nun plötzlich ganz von selbst. Sie wollte reüssieren, und der Stoff interessierte sie auch.

In alten Filmen gibt es manchmal diese Schlüsselszenen, da sagen die Eltern: Jetzt haben wir unsere Tochter verheiratet. Oder: Jetzt sind wir Grosseltern. Ich glaube, ein bisschen so ist das. Die Wegmarken des eigenen Lebens sind die Wegmarken deiner Kinder. Eine Wegmarke war der Eintritt in die Primarschule, und der Eintritt ins Gymnasium ist jetzt die nächste. Natürlich kann Lotta weiterhin rausfliegen, die Promotionsbestimmungen bleiben dieselben, aber  – ich hoffe das Beste.

Am 4. Februar kam der Brief der Schule. Lotta hat bestanden und ist definitiv aufgenommen.
Schon jetzt weiss ich, die sechs Jahre Gymnasium werden schnell vorbeigehen. Lotta wird sich zunehmend von uns entfernen, beschleunigt durch den Gewinn intellektueller Selbstständigkeit. Irgendwann wird sie hoffentlich die Matura machen, und dann steht ihr vieles offen. Es muss absolut kein Studium sein. Im Moment freut sie sich darauf, im kommenden August die Neuen im Schulhaus zu fragen: «Hey, was isch für Ziit?»

*Namen und Charakteristika wurden zum Schutze des Kindes verändert; der Redaktion ist der Vater bekannt.

Paula scheidt ist «Magazin»-Redaktorin. paula.scheidt@dasmagazin.ch

Quelle: https://www.dasmagazin.ch/2019/02/08/probezeit-vater/

Erziehung, Bildungsreform, Pädagogik, Lehrplan 21/PISA, Schule & Bildung