Zum Hauptinhalt springen

Seniora.org unterstützen

1953 Autor: Polybios, erschienen in Zeitschrift: "Befreiung", Band (Jahr): 1 (1953) Heft 5
29. August 2025

Ludwig Feuerbach und das Wesen der Religion (1953)


Ludwig Feuerbach - Der Denker der Menschlichkeit (oe1.ORF.at)

(Red.) Friedrich Liebling - als Flüchtling in der Schweiz schrieb er damals oft unter dem Pseudonym Polybios* - war einer der Grossen der Psychologie des letzten Jahrhunderts, der weit über den Tellerrand der althergebrachten Psychologie und Psychiatrie hinausblickte. Er beschritt den naturwissenschaftlichen Weg und überwand den heute noch verheerend wirkenden Vererbungsgedanken im psychischen Bereich. Zum besseren Verständnis seiner kulturhistorischen Forschungsweise empfehlen wir weiter unten einen weiteren diesen Text aus seiner Feder. (ww)

Im Revolutionsjahr 1848 lud die Studentenschaft der Universität Heidelberg einen «radikalen Philosophen» ein, in ihrem Kreise Vorlesungen über die Religion zu halten. Der Mann, der hierauf seine zwölfjährige Philosophen-Einsamkeit in ländlicher Gegend aufgab und in mühseligem, durchaus unrhetorischem Vortrag der revolutionären Jugend seine Lehre dozierte, verdankte seinen Ruhm einer Reihe von Werken, deren Anliegen die kritische Analyse des Christentums und der Religion überhaupt war.

Seine in den Vierzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts erschienenen Untersuchungen über das Wesen der Religion begeisterten das ganze revolutionäre Deutschland; alle, die sich den Umsturz der bestehenden Verhältnisse in Politik und Geistesleben zum Ziele setzten, waren oder wurden «Feuerbachianer»; denn es war Ludwig Feuerbach, der in jenen Tagen mit einzigartiger Entschiedenheit verkündete, daß die Zeit des Christentums vorbei sei; daß anstelle des religiösen Weltbildes eine auf Wissenschaft und Philosophie beruhende Weltanschauung treten müsse; daß Gott zuerst tot sein muß, wenn der Mensch leben soll.

Diese Lehre, als Ferment und Fackel der gärenden Epoche überantwortet, wirkte gewaltig auf die Zeitgenossen, indem sie als geistige Befreiung die Voraussetzung für den Kampf um die politische Freiheit schuf. Friedrich Engels z. B. berichtet in seiner Schrift über Feuerbach:

«Man muß die befreiende Wirkung dieses Buches (gemeint ist «Das Wesen des Christentums», 1841) selbst erlebt haben, um sich eine Vorstellung davon zu machen. Die Begeisterung war allgemein: wir waren alle momentan Feuerbachianer. Wie enthusiastisch Marx die neue Auffassung begrüßte und wie sehr er von ihr beeinflußt wurde, kann man in der ,Heiligen Familie' lesen.»

Dieser Äußerung mag noch eine andere beigefügt werden, die von einem Hörer der Feuerbachschen Vorlesungen in Heidelberg stammt; der zu Füßen des Religionsphilosophen sitzende Gottfried Keller schreibt an Freunde, wie interessant es sei,

«diese gegenwärtig weitaus wichtigste historische Person in der Philosophie selbst seine Religionsphilosophie vortragen zu hören… Wie es mir dabei gehen wird, wage ich noch nicht bestimmt auszusprechen oder zu vermuten. Nur so viel steht fest: ich werde tabula rasa machen — oder es ist vielmehr schon geschehen — mit allen meinen bisherigen religiösen Vorstellungen, bis ich auf dem Niveau Feuerbachs bin».

Man kann die Wichtigkeit Feuerbachs für Gottfried Kellers Entwicklung nicht hoch genug einschätzen; eine spätere Äußerung des Dichters lautet, ganz im Sinne der Feuerbachschen Philosophie:

«Wie trivial erscheint mir gegenwärtig die Meinung, daß mit dem Aufgeben der sogenannten religiösen Ideen alle Poesie und erhöhte Stimmung aus der Welt verschwindet. Im Gegenteil: die Welt ist mir unendlich schöner und tiefer geworden, das Leben wertvoller und intensiver, der Tod ernster und bedenklicher und fordert mich nun erst mit aller Macht auf, meine Aufgabe zu erfüllen und mein Bewußtsein zu reinigen und zu befriedigen, da ich keine Aussicht habe, das Versäumte in irgend einem Winkel der Welt nachzuholen».

Feuerbachs Leben und Werke

Der junge Ludwig Feuerbach, Sohn des berühmten Kriminalisten Anselm Feuerbach, widmete sich zunächst dem Studium der Theologie, um in der Auseinandersetzung mit der Gottesgelehrtheit zu erfahren, daß es in diesem Bereich keine tragfähige Erkenntnis gebe. Von Heidelberg wandte er sich nach Berlin, wo er — nach logischen, metaphysischen und religions-philosophischen Kollegen bei Hegel — mit fliegenden Fahnen zur Philosophie überging.

Als Hegelianer verfaßte er nach zweijährigem Studium seine Dissertation über «De ratione una, universali, infinita», in der die Abkehr vom theologischen Denken bereits vollzogen ist. Hegel war nun sein geistiger Vater geworden, wie er einmal bekennt; am Beispiel des universalen Philosophen formulierte er sein Programm:

«Nicht Theologie, sondern Philosophie! Nicht faseln und schwärmen, sondern lernen! Nicht glauben, sondern denken!» Gott, der nach seinen eigenen Worten sein «erster Gedanke» gewesen, wurde nun ersetzt durch den zweiten: die Vernunft. Und diese Feuerbachsche Vernunft ist, auch schon in der Doktorarbeit, nicht mehr die Hegelsche im eigentlichen Sinne; anstatt sich wie Hegel mit der Religion und mit der politischen Wirklichkeit zu versöhnen, verlangt Feuerbach ein «Weltlichwerden des Geistes», eine wahre «Verwirklichung der Idee».

Diese besteht nach ihm vor allem darin, daß die religiösen Anschauungsweisen «vernichtet» bzw. «in den Grund der Wahrheit gebohrt» werden. Der ersten Abgrenzung gegen die damals noch allmächtige Hegelsche Philosophie folgten später kritische Abhandlungen, die die Kluft noch wesentlich erweiterten. Schon 1839 spricht Feuerbach über Hegels «Unsinn des Absoluten» und hebt mit Recht hervor, daß in der idealistischen Geistphilosophie der «abgeschiedene Geist der Theologie als Gespenst umgehe». Die Schulphilosophie strebt nach der Erhaltung des Bestehenden; ihre Versöhnlichkeit ist im Grunde Reaktion. Der Philosoph, der vom Katheder in die Arena der Weltgeschichte hinabsteigt, muß Partei ergreifen inmitten der Zeitgeschehnisse: die wahre Philosophie ist immer auch Politik; Politik ist Religion, nämlich die Religion der Zukunft.

Im Jahre 1829 habilitierte sich Feuerbach in Erlangen als Dozent der Philosophie; er publizierte eine Reihe von philosophischen Werken, die weithin Anerkennung fanden. 1833 erschien «Von Bacon bis Spinoza», 1836 «Leibniz», 1838 «Pierre Bayle». In der Beschäftigung mit dem letzteren, dem Wegbereiter der Aufklärung, kam die Feuerbachsche Religionskritik zum Durchbruch.

Aus der nunmehr atheistischen und materialistischen Geisteshaltung erwuchsen die «Thesen zur Reform der Philosophie» und die «Grundsätze der Philosophie der Zukunft»; hier beginnt die anthropologische Phase im Denken Feuerbachs, der seine Hauptwerke zur Religionspsychologie zu danken sind. Diese Untersuchungen entstanden im selbstgewählten ländlichen Exil zu Brückeberg, einem Ort zwischen Ansbach und Bayreuth, wohin sich der noch junge Philosoph zurückzog, um sich in völliger Muße seinen Arbeiten zu widmen. Seine akademische Karriere war infolge seiner Gesinnung ohnehin aussichtslos geworden; um seinen Überzeugungen treu bleiben zu können, ging Feuerbach in die Einsamkeit, die erst durch die Berufung nach Heidelberg unterbrochen wurde; nach den Revolutionsjahren, die ihn auf den Gipfel des Gelehrtenruhms geführt hatten, nahm ihn wieder die Abgeschiedenheit des Landlebens auf. Er starb am 13. September 1872 auf dem Rechenberg bei Nürnberg — sein Name war inzwischen beinahe in Vergessenheit geraten, um dann gegen die Jahrhundertwende aufs Neue große Bedeutung zu erlangen.

"Nicht die Götter haben den Menschen erschaffen, sondern die Menschen haben die Götter erschaffen"

Die Hauptwerke Feuerbachs, die auch die breiteste Publikumswirkung erzielten, sind «Das Wesen des Christentums» (1841) und «Das Wesen der Religion» (1845), zwei Schriften, in denen «die Aufgabe der neueren Zeit», d. i. «die Theologie in Anthropologie umzuwandeln», mit umfassender Gründlichkeit und Vollständigkeit gelöst wird. Ein ungeheures, überzeugungskräftiges Beweismaterial wird aufgehäuft, um die These zu belegen, daß nicht der Mensch durch Gott, sondern Gott durch den Menschen geschaffen worden sei. Der Mensch schuf sich Gott nach seinem Ebenbild; die Religion ist ein Traum des Menschengeistes; Gott, Himmel und Seligkeit sind phantastische Herzenswünsche ohne reale Grundlage; was der Mensch Gott nennt, ist nichts anderes als das Wesen des Menschen ins Unendliche gesteigert und selbständig dem Menschen gegenübergestellt: das Wesen Gottes erweist sich in der psychologischen Analyse als das Wesen des Menschen!
[Hervorhebung Redaktion]

Das Wesen der Religion

Feuerbachs psychologische Analyse der Religiosität setzt ein mit der Erkenntnis, daß die Religion ein Gegenstand der «psychischen Pathologie» ist. Alle Religionen sind im Kindheitsalter der Menschheit entstanden. Ihre wesentlichen Charakteristiken sind deshalb die Kindlichkeit, die Unwissenheit und das sich selbst nicht erkennende Gefühl. Im religiösen Denken hat der Mensch der Frühzeit seinen unmittelbaren Gefühlen, vornehmlich Furcht und Hoffnung, freien Lauf gelassen. Analyse der Religion bedeutet deshalb Analyse der menschlichen Gefühle. Urtatsachen des Gefühls sind Wunschdenken und Projektion. Das Gefühl faßt die Wirklichkeit nicht so auf, wie sie ist, sondern wie sie seinem Bedürfnis nach sein soll; das Gemüt ist geneigt, die Dinge so zu sehen, wie es sie haben möchte.

Darüber hinaus projiziert der Mensch im Zustand des Fühlens sich selbst auf seine Umgebung. Das Gefühl trägt ihn über sich hinaus, so daß er sich selbst nicht mehr sieht. Dafür aber findet er sich wieder in seiner Umwelt, und das Ergebnis hiervon ist eine Vermenschlichung der Welt, ein «Anthropomorphismus» der Natur. Das Wesen des Menschen wird in die Natur verlegt oder, in personifizierter Form, ihr übergeordnet: so entstehen die Götter und der Gott. Da es aber menschliches Gefühl ist, das die Götter geschaffen hat, muß man in den göttlichen Eigenschaften die Eigenschaften des Gefühls wiederfinden. Die Prädikate Gottes müssen sich als Prädikate des Menschen erweisen. Was der frühzeitige Mensch seinem Gotte zuschrieb, ist im Grunde Bestandteil seines eigenen Wesens; darum kann die Religion in eine Anthropologie umgewandelt werden: richtig verstanden, beziehen sich alle religiösen Dokumente nur auf den Menschen, derart, daß sich in ihnen der Mensch noch nicht erkannt und verstanden hat. Dieses «indirekte Selbstbewußtsein» wird nun ersetzt durch ein direktes, in dem die Religion durchschaut und durch eine philosophische Wissenschaft vom Menschen abgelöst wird.

Ein kompromißloses Denken geht zunächst aus von der untilgbaren Differenz zwischen Philosophie und Religion. Hier ist jeder Kompromiß faul, denn die religiöse Denkform steht im schärfsten Widerspruch zum philosophisch-wissenschaftlichen Weltbild. Verläßt man den blinden Glauben, um den Tatsachengehalt der Religion zu überprüfen, so zeigt sich unschwer die ganze Fragwürdigkeit der religiösen Inhalte und Glaubensaussagen. Diese sind aber nicht nur Ausdruck der Unwissenheit und Unkenntnis über die Natur — sie entspringen auch einer phantastischen, illusorischen und primitiven Menschlichkeit, die den Aufstieg der Kultur verunmöglicht. Das unfreie und furchtsame Gemüt hat die Religionen geschaffen; andererseits erhält heute die Religion Unfreiheit und Furchtsamkeit aufrecht und verhindert deshalb den Menschen, in der Wirklichkeit festen Fuß zu fassen und Welt und Leben sinnvoll zu gestalten.

Die Affekte der Furcht und der Hoffnung sind der Ursprung der Religion. In ihnen macht sich das Abhängigkeitsgefühl des Menschen von der Natur geltend. Indem die Naturkräfte (oder die Natur als Ganzes) vermenschlicht und personifiziert werden, schafft sich der Mensch eine (illusionäre) Möglichkeit, mit ihnen zu «verhandeln», sie zu beschwichtigen und für sich und seine Zwecke einzunehmen. Die unbewußt erfolgende Projektion des Menschen in seine Umwelt geschieht im Dienste des Selbsterhaltungstriebes. Die Furcht, die die Götter schafft, bleibt noch erhalten in der Ehrfurcht, mit der sich der Mensch vor seinem Gotte beugt.

Alle religiösen Handlungen sind im Grunde darauf gerichtet, die göttliche Instanz für den Menschen günstig zu stimmen. Gott soll auch die phantastischen Wünsche des Menschen erfüllen, selbst diejenigen, die weder durch Vernunft noch Natur gerechtfertigt werden können. Dies zeigt das Beispiel des Unsterblichkeitsglaubens. Wir haben nicht den geringsten Anlaß, an ein Weiterleben nach dem Tode zu glauben. Unsere Liebe zum Leben läßt uns den Tod aber als Absurdität erscheinen. «In unserer Sünden Maienblüte», wie Hamlet sagt, sollen wir herausgerissen werden aus dieser Welt, deren Frühlinge noch unser warten, abgetrennt werden von einem Leben, das uns selbst unter den härtesten Bedingungen noch teuer ist.

Das Wunschdenken der Religion tröstet sich hier mit der Annahme einer Unsterblichkeit, ein kostspieliger Trost allerdings, da hierdurch dem wirklichen Leben der Charakter der Einmaligkeit und Unwiederbringlichkeit genommen wird. Die Verlagerung des Schwerpunktes aus diesem Leben in ein jenseitiges und hinterweltliches ist ein Zeichen der Schwäche, da die Illusion dem Diesseits entfremdet. Die Vernunft erkennt im Tode ein natürliches Faktum; Unsterblichkeit gibt es nur durch die Zeugung, die den Lebenskeim weiterleitet, und durch die kulturbegründende Tat, die den schöpferischen Menschen im Gedächtnis der Nachtwelt lebendig erhält. Das Grab, das nach Feuerbach die «Geburtsstätte der Götter» war, soll den Menschen nicht ängstigen, denn es ist möglich, sich mit dem Tod, diesem «heiligsten Einfall der Erde» (Rilke), abzufinden.

Alles, was der Mensch vergöttert, ist ihm Gott: am Anfang der Religionsgeschichte steht die Vergötterung der Tiere, der Dämonenglaube und die Magie. Auch der Tierkultus unterstellt sich der menschlichen Selbsterhaltung; gewöhnlich werden diejenigen Tiere verehrt, die nützlich und unentbehrlich sind, und denen der Mensch deshalb göttliche Eigenschaften zuschreibt. Neben den Tiergottheiten schafft die mythenbildende Phantasie ein Stufenreich von bösen und guten Dämonen, welche sich bei genauerer Betrachtung als personifizierte Naturkräfte erweisen.

Für den primitiven Menschen «spukt» es ständig; alles, was um ihn geschieht, muß «jemand» veranlaßt haben. Daß die Naturereignisse aus sich selbst heraus erfolgen, und daß die Welt als Ganzes durch sich selbst in Gang gehalten wird, ist erst eine späte Erkenntnis der wissenschaftlichen Weltanschauung. Zunächst glaubt der Mensch, daß alles Natürliche «auf übernatürliche Weise» vor sich geht; diese magische Bewußtseinsform ist das Fundament der Religion und macht erst Formen und Ausdruck der Religiosität verständlich.

Das Verlangen des religiösen Menschen ist es, sich seine Gottheit geneigt zu machen; indem er sich dabei selbst verneint und erniedrigt, hofft er letztlich auf Erhöhung seiner selbst, durch den Gott, dem er sein Bestes und Größtes aufopfert. Die Geschichte der Religionen ist voll von schaudererweckenden Opfern, mit denen sich der Mensch die Geburt seines Gottes zu erkaufen glaubte. Im Altertum sind den Göttern maßlose Tier- und auch Menschenopfer dargebracht worden; Hinduismus, Buddhismus und Christentum haben die Selbstverleugnung des Menschen aufs äußerste gesteigert: Weltflucht, Buße, Kasteiung, Selbstentmannung, ja sogar religiöser Selbstmord: dies alles geschah «zur größeren Ehre Gottes».

Um sich das Himmelreich und die ewige Seligkeit zu erringen, haben die Menschen der Lebensfreude abgesagt; ihre «heiligen Bücher» wurden stets zum Hemmschuh von Forschung und Fortschritt; ihr Glaube, selbst derjenige der «Nächstenliebe», war ein Instrument der Unterdrückung des Menschen durch den Menschen, ein schwelendes Feuer der Feindseligkeit, des Fanatismus und der Intoleranz; ihr allmächtiger und allgütiger Gott aber hat alle Greuel zugelassen, die in seinem Namen begangen wurden.

Allmacht, Güte, Weisheit und Vorsehung: diese Eigenschaften Gottes müssen nach Feuerbach auf die Natur (Allmacht) und auf den Menschen zurückgeführt werden. Das Ideal des Menschen ist es, das sich in seinen Göttern verkörpert. Was der Mensch in der Frühzeit der Kultur ahnend als Wert empfand, hat er seinem Gotte zugeschrieben. 

Der zivilisatorische und kulturelle Aufstieg jedoch hat den Menschen in den Besitz jener Wesenszüge gebracht, die er zunächst in seiner Ohnmacht aus sich herausprojizierte. Technik und Wissenschaft haben dem Menschen zur realen Herrschaft über die Natur verholfen: er bedarf nunmehr keiner Gebete und Opfer, um sich vor Naturkatastrophen und Krankheiten zu schützen. Das Verständnis der Naturzusammenhänge hat die Welt vertraut gemacht. Anstelle der Furcht ist die Erkenntnis getreten. Die Politik hat nun die Aufgabe, die Menschenwelt zu ordnen und sie der Idee der Gerechtigkeit anzugleichen. Dies wird jedoch nur möglich sein, wenn die religiöse Illusion aus der Welt geschwunden ist, und sich der Mensch als Herr seines Schicksals erkennt. Der Mensch ist frei und der Himmel über ihm ist leer.

Das Wesen des Christentums 

Das Wesen des Christentums sieht Feuerbach nicht anders als das Wesen der Religion überhaupt. Die Christen haben «Gott als Geist» erdacht, als Anti- und Übernatur, weil sie selbst über die Natur hinausstrebten und «reiner Geist» werden wollten; das Christentum bringt einen weltflüchtigen, am Leben leidenden Typus Mensch zur Herrschaft; es ist — wie Nietzsche später sagen wird — eine Form der Dekadenz.

Das Christentum ist, wie die anderen Religionen auch, ein pathologisches Problem, eine Krankheitserscheinung innerhalb der menschlichen Entwicklung, ein Stadium auf dem Wege des Menschen zur wahren Erkenntnis seiner selbst. Schon vor Feuerbach hatte die philologische Kritik der Glaubhaftigkeit des Bibeltextes stark zugesetzt; das 1835 erschienene «Leben Jesu» von David Friedrich Strauß hatte dem Kirchenglauben durch die historisch-philosophische Methode den Boden entzogen, indem es den mythischen Charakter des Neuen Testamentes aufzeigte und auch den Stifter des Christentums auf menschliche Dimensionen reduzierte.

Hatte Strauß den irrealen Charakter und die Legendenhaftigkeit der christlichen Lehre nachgewiesen, so bemühte sich Feuerbach seinerseits, die psychologische Motivation dieser Legendenbildung darzustellen. Sein «Wesen des Christentums», wohl das bedeutendste seiner Werke, rechnet in psychologischer Hinsicht mit den christlichen Dogmen und Glaubensvorstellungen ab, indem es Glaube und Wissenschaft konfrontiert, um nach der Feststellung ihres Widerspruches den Sinn der im gläubigen Gemüt entstandenen illusionären Bilder aufzuhellen. «Das unendliche Wesen ist nichts als die personifizierte Unendlichkeit des Menschen, Gott nichts als die personifizierte, als ein Wesen vorgestellte Gottheit oder Göttlichkeit des Menschen».

Christentum, wie Religion überhaupt, ist ein bloßer Traum des Menschen in einer unverstandenen Welt, ist mythenbildende Phantasie, wahrhaftes Vorstellungsgebilde eines am Dasein leidenden Menschentypus. Weltflucht und Selbstentfremdung, durch das Christentum in der Welt verbreitet, haben den Entwicklungsgang der Kultur behindert. Der Mensch wird erst dann zum Menschen, wenn er seine Liebe zu Gott umwandelt in eine zur Welt und zu den Mitmenschen.

Indem er das Menschliche als seinen einzigen und wahren Gott anerkennt, tritt in ihm anstelle der Religion die Bildung, anstelle des Gebetes die Arbeit, anstelle Gottes der Mitmensch, das Du, und anstelle der Gottesverehrung die Hingabe an Menschheit und Menschheitskultur. Der Mensch gibt die Religion auf und wird Politiker; denn er fühlt sich nunmehr voll und ganz verantwortlich für sich und seine Mitmenschen; seine Leidenschaft, die sich vom Überirdischen weg der Erde und dem Mitmenschen zuwendet, ist das Pathos der Freiheit, einer Freiheit, die schon auf Erden verwirklicht werden soll, und nicht erst in einem imaginären Himmel, in welchem der Unterdrückte und Entrechtete — wie man ihm zu sagen pflegt — für seine Leiden entschädigt werden soll.

Anläßlich seiner Heidelberger Vorlesungen sagte Feuerbach (und damit sprach er auch den tieferen Sinn seiner Philosophie und ihr bleibendes Vermächtnis aus): 

«Der Zweck meiner Schriften, wie auch meiner Vorlesungen, ist: Die Menschen aus Theologen zu Anthropologen, aus Theophilen zu Philanthropen, aus Kandidaten des Jenseits zu Studenten des Diesseits, aus religiösen und politischen Kammerdienern der himmlischen und irdischen Monarchie und Aristokratie zu freien, selbstbewußten Bürgern der Erde zu machen.» 

Lesen Sie auch:

Polybios: Erziehung und Kultur - Eine Menschheitsfrage


  • Quelle: Autor: Friedrich Liebling, alias Polybios, erschienen in Zeitschrift: "Befreiung", Band (Jahr): 1 (1953) Heft 5