Ein Aufklärer im 1. Jahrhundert vor Christus (1958)

Die Auseinandersetzung zwischen religiösem und philosophischem Weltbild ist nicht, wie fromme Prediger zu behaupten pflegen, ein Produkt der «gottlosen Neuzeit», sondern ein uraltes Kulturphänomen, das seine interessante und aufschlußreiche Geschichte besitzt. Schon das Altertum hat große «Ketzer» gekannt, Männer, die inmitten einer mystischen und wissenschaftslosen Welt in aller Klarheit den freigeistigen Standpunkt vertraten und eine besonnene Weltanschauung den Phantastereien der Priester entgegensetzten.
Würdige Ahnen des Atheismus
Zu den würdigen Ahnen des Atheismus gehören unter anderem die Sophisten, deren hervorragende geistesgeschichtliche Bedeutung durch die theologische Verfälschung des Namens (Sophist Wortklauber, Opportunist usw.) lange Zeit verkannt wurde, bis Hegel und Nietzsche diese frühe griechische Aufklärung ins rechte Licht rückten; Demokrit, der Vater des Materialismus, berühmter Lehrer des Altertums, dessen Schriften leider größtenteils verschollen sind; Epikur, der Verkünder eines glücklichen und furchtlosen Lebens, Verherrlicher der Freundschaft und der Weisheit sowie eines irdischen Daseins, das sich weder um den Tod noch um die Götter bekümmert.
Besonders an Epikur läßt sich zeigen, wie bösartig und verleumderisch die theologische Kritik mit ihren Widersachern zu verfahren pflegte: Epikur hatte als das höchste Ziel des menschlichen Lebens die «Glückseligkeit» hingestellt, worauf die theologische Gilde mit bewußter Verfälschung den Akzent von «Glück» auf «Lust» verlagerte und die ganze Anhängerschaft des berühmten Philosophen der Sittenlosigkeit und krassen Sinnlichkeit («Schweine von der Herde Epikurs») anklagte. Infolge dieser Irreführungen mußte schon in der Antike die epikuräische Lehre gegen Entstellungen verteidigt werden; im Verlaufe dieser Polemik entstand unter anderem auch im Rom des 1. Jahrhunderts vor Christi das großartige Lehrgedicht des Lucrez «Über die Natur», welches uns epikuräisches Wissen und Weisheit in hinreißender dichterischer Gestalt überliefert.[1]
Über Lucrez' Persönlichkeit
Über die Persönlichkeit des Lucrez besitzen wir bedauerlicherweise nur spärliche Nachrichten. Da Cicero der erste Herausgeber des «Lehrgedichtes» war, dürfen wir annehmen, daß zwischen beiden Männern eine Beziehung bestand; aber die Informationen über persönliche Verhältnisse des Lucrez sind ebenso dürftig wie unglaubwürdig: ein «Kirchenvater» berichtet, er sei durch einen Liebestrank vergiftet worden und habe sich in einem Anfall von Wahnsinn das Leben genommen.
Das Werk ist mitunter der beste Zeuge eines Lebens, und dies gilt im besonderen Maße für Lucrez, der seine Dichtung offensichtlich mit seinem Herzblut geschrieben hat. Es ist selten bei einem Dichter des Altertums, daß er in seinen Text persönliche Bemerkungen einstreut, wie ihm beim Schreiben zumute ist: Lucrez jedoch, glühend vor Begeisterung, kommt mehrmals auf die Größe seines Anliegens zu sprechen, und wir glauben ihm die Verse, in welchen er schildert, wie ihn sein Werk bis in seine Träume verfolgt.
Das Konzept der Dichtung
Das Konzept dieser Dichtung ist in der Tat grandios: die ganze Fülle irdischer Erscheinungen soll vor dem Leser ausgebreitet werden, nicht etwa im Sinne eines poetischen Bilderbuchs, sondern als strenge Belehrung über das Wesen dieser Welt, in der die Menschen leben, leiden und sich fürchten. Als echter Aufklärer will Lucrez vor allem die Angst aus der Welt schaffen, jene primitive Angst, welche Gott und Götter geschaffen hat und die den Menschen mit den Ausgeburten seiner Phantasie stets von neuem in bodenlose Verängstigung stürzt.
Angst entsteht durch die Unklarheit der Gefühle und der Gedanken: dementsprechend muß es Lucrez daran liegen, klare Gefühle und Gedanken zu lehren; Gespenster verschwinden bei Tagesanbruch, da sie das Licht der Erkenntnis scheuen. Lucrez wird nicht müde, jeden Gespensterglauben als verkannte Naturtatsachen hinzustellen: Unwissenheit hat die Götterfurcht geschaffen, und die Götterfurcht ihrerseits konserviert die Unwissenheit für die kommenden Zeiten.
Im Rahmen dieser kurzen Besprechung können nicht alle Details dieser erstaunlichen Dichtung erwähnt werden. Lucrez schildert das gesamte antike Weltbild: er gibt eine klar formulierte Atomlehre im Sinne Demokrits, erklärt die Weltentstehung aus den Atomen und dem leeren Raum, in welchem die Atome «nach unten» fallen und durch kleine Ablenkungen sich zusammenballen, Welten bilden und den Ursprung des Lebens bewirken. Raum, Materie, Zeit, Leben, Seele usw. werden gedeutet und erklärt, aber nicht im Sinne einer trockenen Gelehrsamkeit, sondern als künstlerisches Gemälde der Rätsel des Kosmos, mit einer Sprachgewalt sondergleichen geschildert. Die Theorie der Sinneswahrnehmungen, ein Lieblingsthema der demokritischen Lehre, wird vor allem im Bereich der Optik und Farbenlehre ausgebreitet. Leben ist für Lucrez aus unbelebtem Stoff entstanden, ohne Mithilfe der Götter, rein aus sich selbst. Daß die Welt als Ganzes nicht von einem Gott geschaffen worden ist, läßt sich schon an ihrer Unvollkommenheit beweisen; das Weltall kennt, wie alle Dinge, ein Werden und Vergehen, niemand kann den Lauf der Zeit aufhalten, und so wie das menschliche Leben geht auch das All dahin, von keiner Gottheit beschützt und bewahrt.
Menschliche Kultur und Götterglaube
Ein ganzes Buch dieser Dichtung ist der menschlichen Kultur gewidmet, wobei Lucrez den Erfindungsgeist des Menschen, sowie Größe und Fragwürdigkeit seiner Schöpfungen würdigt. Im Rahmen dieses Kapitels findet sich eine Analyse der Entstehung des Götterglaubens, die die modernen Einsichten der Religionskritik weitgehend vorwegnimmt.
Wie kam es zur Institution der Götterverehrung? Der primitive Mensch konnte nach Lucrez nicht zwischen Wachen und Träumen unterscheiden, die Bilder seines Traumes nahm er für Wirklichkeit, so daß er dem toten Ahnen zum Beispiel Leben und Göttlichkeit zusprechen mußte, da er über den Tod hinaus noch zu erscheinen vermochte. Die unverstandenen Wunder der Natur gaben weiterhin Anlaß zum unbegründeten Götterglauben, der nun auf der Menschheit lastet und das Fortschreiten der Erkenntnis verhindert. Nutzlos sind Opfer und Gebete, nutzlos die Verehrung Gottes, da die Naturgewalten nur durch menschliche Klugheit und Tapferkeit gebändigt werden können.
«O des unselgen Geschlechts der Menschen, da solches den Göttern zugeteilt es an Taten und bitteres Zürnen noch beigab! Was für Klaglen hat selbst es sich, was für Wunden geschaffen uns, was für Tränen denen verursacht, die später als wir sind! Und es ist nicht frommer Sinn, verhüllt gesehen zu werden, wie man sich kehrt zu dem Stein, und allen Altären zu nahen, nicht, sich zu Boden zu werfen gestreckt und die Hände zu breiten vor den Tempeln der Götter, nicht, Altäre mit vielem Blute von Tieren zu sprengen, Gebet an Gebete zu reihen, sondern vielmehr mit befriedigtem Sinn alles schauen zu können.»
«Alles mit befriedetem Sinn schauen zu können» — diesem Anliegen einer wissenschaftlichen Weltanschauung stellt sich die Furcht des Menschen vor den Göttern und vor dem Tode entgegen, erfüllt das menschliche Gemüt mit wahnhaften Ängsten, die das Leben überschatten und zu den seltsamsten Gefühlen und Handlungen Anlaß geben. Die Einsicht in dieses Leiden der Menschheit gibt dem Lucrezischen Werk eine gewisse Melancholie, die aber nicht zu einer tatenlosen Schwermut, sondern zu einer hochgemuten Auseinandersetzung mit dieser schrecklichen und schönen Welt führt, in der Lucrez das Abenteuer des Menschenlebens schildert.
Daß er die Nöte des Daseins gekannt hat, zeigt das großangelegte Schlußkapitel, in dem Seuche und Epidemie geschildert werden, mit einer Eindringlichkeit, die an Camus' «Die Pest» erinnert. Der Aufklärer des alten Roms wie der große französische Schriftsteller beschreiben das menschliche Unglück nicht zum Zwecke der Demütigung des Menschen, nicht, um ihn ins Knie zu werfen: das Unheil der Welt ist ein Aufruf zur Gemeinbürgschaft und Bruderschaft aller Menschen, zum Trotz und zum Dennoch, das weder Tod noch Götter fürchtet.
Kontrast: C.W. Cerams «Götter, Gräber und Gelehrte»
Einen denkbar aufschlußreichen Kontrast zur Lucrezischen Lebensanschauung findet man in dem bekannten «Bestseller» «Götter, Gräber und Gelehrte» von C.W. Ceram (Rowohlt Verlag, Hamburg), das der Zufall uns gerade in die Hände gespielt hat, als wir uns mit der «Welt aus Atomen» auseinandersetzten. Ceram schreibt den «Roman der Archäologie», und im Zuge seiner überaus spannenden Schilderungen der Ausgrabungen in Kleinasien, Kreta, Aegypten und Mesopotamien usw. vermittelt er ein farbenreiches Bild der Alten Welt, das bei aller Exaktheit und Sachkenntnis des Autors wie ein Märchen aus Tausendundeine Nacht anmutet.
Wir wollen dem Leser nicht durch Inhaltsangaben die Spannung rauben, in die er unweigerlich durch Cerams Darlegungen versetzt wird: die Suche nach der alten Kultur, die Erschließung ihrer Bauten und Denkwürdigkeiten, die Übersetzung ihrer Schriften und die Einsicht in ihre Lebens- und Denkweise enthält mehr Überraschungen und Enthüllungen, als sie der beste Kriminalroman bieten kann. Auf den Spuren der Pharaonen, in den Trümmern des alten Trojas, in den Palästen der «Hure Babylon» (wie sie in der Bibel genannt wird), in Kreta, aber auch in Mexiko, im Lande der Inkas und Azteken haben die Forscher ganze Welten entdeckt, die von der unseren weitgehend verschieden sind, aber überall das Antlitz der leidenden und strebenden Menschheit zeigen.
Lucrez will die Menschen von Götter- und Todesfurcht befreien — in Cerams Buch erkennt man, welche ungeheure Rolle diese beiden Faktoren in den damaligen Kulturen spielten. Hierfür nur wenige Beispiele:
- Die Riesenbauten der Pyramiden, die Hunderttausenden von Sklaven das Leben kosteten, wurden errichtet, um der «Seele» des darin begrabenen Pharaonen das «ewige Leben» zu sichern. Unzählige Steinblöcke wurden aufgetürmt, um den Einfluß böser Geister abzuhalten und den Pharao-Gott bis zum Übergang ins Jenseits zu schützen.
- Als Cortez mit seiner aus Verbrechern und Abenteurern zusammengewürfelten Schar in die blühende Inkakultur einbrach, konnte er die Inkas ohne Widerstand zu Tausenden niedermetzeln, weil in deren Lehre eine «Offenbarung» bestand, daß einst «weiße Götter» kommen würden, Sendboten des Himmels, mit dessen Machtvollkommenheiten ausgerüstet.
- Die aztekische Kultur, ebenfalls den «christianisierenden» Spaniern zum Opfer fallend, war nicht minder bedeutend als der Inkastaat; hier aber wie überall trieb der religiöse Wahnwitz zu Exzessen, die Ceram mit kritischer Nüchternheit berichtet.
Schlußbemerkung
Das Altertum ist für die Erkenntnis des Wesens der Religion besonders lehrreich, da wir in ihm die religiöse Mentalität in ihren unverfälschten Übersteigerungen und Fanatismen, in den für alle Religionen wesensgemäßen Bizarrerien und Absurditäten kennenlernen. Die moderne Religiosität verfälscht hier häufig das Bild: die opportunistische Kirche hat sich alle Mühe gegeben, hinter der Wissenschaft einherzuhinken, und so ein Weltbild geschaffen, in dem sich Wahrheit und Wahn zu einem für den Laien unentwirrbaren Knäuel verdichten.
Polybios
- Der vorliegende Hinweis ist angeregt durch die Neuausgabe des Lucrezischen Werkes, welches der Artemis Verlag Zürich unter dem Titel «Welt aus Atomen» im Rahmen seiner «Bibliothek der Alten Welt» in lateinischer und deutscher Fassung vorlegt. Die Übersetzung wurde vortrefflich von Karl Büchner besorgt, der dem Werke auch eine umfangreiche Einleitung vorausschickt, die das Studium wesentlich erleichtert.
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Quelle: Zeitschrift: Freidenker and (Jahr): 41 (1958) Heft 10



















































































