Jonas – ein autistisches Kind findet in die Gemeinschaft

von Anne Schumacher, Deutschland

ks. Das nachstehende Beispiel, geschildert von einer sehr erfahrenen Lehrerin, veranschaulicht anhand der Beschreibung des Zustandes von Jonas bei Eintritt in die Schulklasse zum einen, wie sich eine eigene gefühlsmässige Unsicherheit von Eltern im Umgang mit ihrem Kind auf dessen Entwicklung auswirken kann. Durch die innere Unsicherheit der Mutter, die sich wie im vorliegenden Beispiel kurz erwähnt, emotional aus der Beziehung mit dem Kind zurückhält und dem Kind keinen Rückhalt, keine emotionale Führung ins Leben zu vermitteln vermag, ist das Kind auf sich selbst zurückgeworfen. Die Verbindung zum anderen Menschen fehlt, und dadurch findet er auch nicht zu den anderen, seinen Mitschülern. Die Erfahrung und Sicherheit der Lehrerin, die sich von den Reaktionen des Kindes nicht abschrecken lässt, sondern emotional beständig und kontinuierlich eine Verbindung zum Kind aufbaut und ihr Wissen, dass das Kind sich grundsätzlich gerne positiv in der Gemeinschaft einfinden möchte, ihre Fähigkeit, ihm in kleinen Schritten in konkreten Situationen über seine Schwierigkeiten im Umgang mit dem Lernen und den Mitschülern hinwegzuhelfen, bildet für Jonas die Brücke, auf der er schliesslich zu den anderen findet. Das Beispiel kann Mut geben  – das sogenannt autistische Kind  – eine der vielen Diagnosen, die letztlich nur einen Zustand beschreiben  – entwickelt sich im Laufe der Monate zu einem Kind, das immer mehr aus seiner Isolation heraustritt. Frühkindlicher Autismus ist eine tiefgreifende Beziehungs- und Kommunikationsstörung, die sich bereits in den ersten Lebensjahren zeigt und zu einer schweren Entwicklungsverzögerung oder Entwicklungsstörung führen kann.

Erste Erkenntnisse über die Entstehungsursachen von Autismus in der Autismusforschung wiesen auf die grosse Bedeutung der Eltern-Kind-Beziehung, generell auf die Bedeutung zwischenmenschlicher Beziehungen für das Entstehen autistischer Verhaltensweisen hin. Heute wird  – entsprechend der allgemeinen Entwicklung in der Psychiatrie in den letzten Jahren, im Zuge derer biologistische Erklärungen für das Entstehen bestimmter Krankheitsbilder im Vordergrund stehen  – vermehrt davon ausgegangen, dass genetisch bedingte hirnphysiologische Faktoren, speziell eine komplexere Störung der Wahrnehmungsverarbeitung, Ursache des frühkindlichen Autismus seien. 

Entsprechend gelten diese Kinder heute als nicht heilbar und nur bedingt therapierbar. Häufig werden Psychopharmaka gegeben.

Welche Bedeutung aber gerade die zwischenmenschliche Beziehung für den Zugang zu einem autistischen Kind hat und dass es möglich ist, ein autistisches Kind in seinem Verhalten verstehen und anleiten zu lernen, wenn man die Forschungsergebnisse aus dem Bereich der personalen Psychologie wie der Bindungstheorie und der Entwicklungspsychologie miteinbezieht, soll im folgenden deutlich werden.

Ich lernte Jonas kennen, als er vor 2 Jahren  – nach 3 Jahren Besuch eines Sonderkindergartens  – in meine Klasse eingeschult wurde. Meine Klasse war eine Eingangsklasse an einer «Förderschule für geistige Entwicklung», in der Kinder mit geistiger Behinderung ganztägig unterrichtet werden. Jonas kam in eine bestehende Klassengemeinschaft von 10 Kindern mit unterschiedlicher geistiger Behinderung. Ich unterrichtete diese Kinder zusammen mit 2 Kollegen damals bereits seit 2 Jahren, und wir waren schon zu einer kleinen Gemeinschaft zusammengewachsen.

«… und schaute durch uns hindurch»

Jetzt kam Jonas dazu.

Jonas war 6 Jahre alt. Er stand da mit seiner Schultüte im Arm neben seinen Eltern und schaute durch uns hindurch. Jonas’ Diagnose lautete: «Frühkindlicher Autismus mit schwerer Entwicklungsverzögerung und geistiger Behinderung».

Jonas ist ein ausnehmend hübscher Junge. Er hat grosse dunkle Augen, ein hübsches Gesicht und einen dunklen Teint. Seine Eltern kommen aus einem kleinen Gebiet in der Türkei, in dem eine christliche Minderheit wohnt. Dort sprechen die Menschen Aramäisch. Jonas selbst ist in Deutschland geboren.

Das erste, was mir an Jonas auffiel, waren seine grossen schönen Augen. Augen allerdings, die durch alles hindurch zu sehen schienen. Jonas war da und schien doch nicht wirklich anwesend zu sein.

Die erste Zeit in der Schule war nicht einfach: Wurde Jonas morgens nach der Busfahrt in unsere Klasse gebracht, lief er oft unruhig durch den Klassenraum oder setzte sich abwesend in eine Ecke. Von sich aus nahm er keinen Kontakt zu uns auf. Sprach ich ihn mit seinem Namen an, reagierte er oft gar nicht. Er schien sich überhaupt nicht angesprochen zu fühlen. Häufig stand er anfangs an der Türe, öffnete sie und schloss sie wieder, öffnete sie und schloss sie wieder … Versuchte ich ihn für andere Tätigkeiten zu gewinnen, wurde er sehr unmutig: Entweder hielt er sich die Ohren zu, begann zu schreien oder wandte sich ab. War es mir gelungen, ihn für etwas anderes zu interessieren, und wandte ich mich einem anderen Kind zu, stand er blitzschnell wieder an der Türe, öffnete sie und schloss sie wieder …

Immer wieder begann Jonas plötzlich zu weinen. Er wurde sehr unruhig, fast verzweifelt. Immer wieder sagte er dann: «Nach Hause, nach Hause.» Meine Erklärung, dass die Schule um 3 Uhr enden würde und seine Mama sich schon darauf freuen würde, ihn wiederzusehen, schien ihn nicht zu beruhigen. Jonas reagierte auf meine Erklärungsversuche mit Verzweiflung und Weinen. Häufig schnitt mir seine Verzweiflung ins Herz. Weshalb reagierte er so? Verstand er überhaupt, was ich sagte? Wie erklärt man einem Kind, das noch keine Zeitvorstellung hat, dass die Mama am Nachmittag auf ihn wartet? Obwohl ich mir sicher war, dass Jonas meine Erklärung inhaltlich nicht verstehen konnte, beobachtete ich, dass Jonas ruhiger wurde, wenn ich mich ihm ernsthaft und liebevoll zuwendete.

Manchmal sass Jonas auch bei uns in der Spielecke und redete leise in einer fremden Sprache vor sich hin. Er schien dann ganz in ein Gespräch mit sich selbst vertieft zu sein. Oft setzte ich mich eine Zeitlang neben ihn und hörte seiner hübschen, sehr melodiösen Stimme zu. Verstehen konnte ich ihn nicht. Sprach er Aramäisch? Was bedeutete es, was er so lebhaft ausdrückte? Jedenfalls versuchte er nie, mir etwas begreiflich zu machen oder zu zeigen.

«Wir verstehen nicht, was er hat»

Um Jonas besser verstehen zu lernen, besuchte ich ihn sehr bald zu Hause. Die Eltern von Jonas lebten damals schon lange in Deutschland. Der Vater arbeitet bei einem grossen Unternehmen, die Mutter ist Hausfrau. Jonas hat noch kleinere Geschwister: einen 2 Jahre jüngeren Bruder und zwei 4 Jahre jüngere Zwillingsbrüder. Beide Eltern waren mir gegenüber sehr freundlich, sie wirkten aber im Umgang mit ihrem Sohn sehr unsicher. Besonders die Mutter, eine noch sehr junge Frau, nahm fast gar nicht am Gespräch teil und überliess es im wesentlichen ihrem Mann, Auskunft über Jonas’ Verhalten zu Hause zu geben. Der Vater erzählte mir, dass er Jonas’ Gefühlsreaktionen oft nicht verstehe und erklärte mir:

«Jonas ist krank. Wir verstehen nicht, was er hat. Oft schreit er oder macht Dinge kaputt, und wir wissen nicht, warum.»

Es stellte sich heraus, dass die Mutter nur sehr gebrochen Deutsch sprach. Auch mit den Kindern zu Hause sprach sie in ihrer Heimatsprache. Jonas verstand also die deutsche Sprache nicht. So war es für uns in der Schule natürlich sehr schwierig, ihm etwas verständlich zu machen.

Vom Vater erfuhr ich, dass Jonas aber auch nur sehr gebrochen Aramäisch sprach. Ein Grossteil seiner Selbstgespräche fand in einer auch den Eltern nicht verständlichen Phantasiesprache statt. Der Vater war sich nicht sicher, was Jonas in seiner Heimatsprache wirklich verstehe, da er auf ihre Aufforderungen oft nicht reagierte.

Während meines Besuches fiel mir auf, dass Jonas auch zu Hause ununterbrochen die Türen öffnete und schloss. Allerdings liess er sie hier noch bedeutend lauter ins Schloss fallen als in der Schule. Keiner der Eltern reagierte darauf. Als ich dies vorsichtig thematisierte, erklärte mir der Vater, er verstehe dieses Verhalten auch nicht, aber Jonas sei krank. Und er schreie sehr laut, wenn man ihn davon abhalte. Als ich ihm erklärte, dass Jonas durchaus lernen könne, ein solches Verhalten zu unterlassen, schaute er mich ungläubig an.

Im weiteren Gespräch mit Jonas’ Eltern erfuhr ich, dass es zu Hause mit Jonas oft schwierig war. Jonas hielt sich fast nicht an Regeln. Stundenlang schlug er zu Hause die Türe laut ins Schloss und bekam Wutanfälle, wenn man ihn davon abhielt. Verlangte man etwas von ihm, was er nicht wollte, verliess er die Wohnung, um zur Oma zu gehen, die im gleichen Haus eine Etage tiefer wohnte. Die Oma würde ihm dann alles erlauben. Die Mutter erzählte mir in diesem Zusammenhang, dass Jonas sowieso viel lieber zur Oma gehe als zu ihr. Als ich ihr daraufhin vehement erklärte, dass sie die wichtigste Person für ihren Sohn sei, schaute sie mich ungläubig an: Offensichtlich war das überhaupt nicht ihr Gefühl.

Möglichkeiten, Jonas positiv einzubinden

In diesem und vielen weiteren Gesprächen erklärte ich der Mutter, welch grosse Bedeutung sie für Jonas habe und dass Jonas nichts lieber als bei ihr geborgen sein wolle. Sie müsse wissen, dass sie der wichtigste Mensch für Jonas sei, auch wenn er zur Oma gehe. Ihre innere Sicherheit im Umgang mit Jonas sei entscheidend dafür, was er von ihr annehme. Als ersten Schritt überlegten wir, was Jonas zu Hause gerne mache. Sie berichtete, dass er gerne beim Tisch decken helfe. Ich entwickelte mit ihr, welche Möglichkeiten es gäbe, Jonas zu Hause positiv einzubinden und wies sie darauf hin, wie wichtig es für ihn und die anderen Kindern wäre, dass sie auch zu Hause Deutsch spräche. Ich lud sie herzlich ein, sich jederzeit an mich zu wenden und anstehende Fragen zu besprechen.

In der Schule versuchten wir langsam und Schritt für Schritt, Jonas in unsere Gemeinschaft einzubeziehen. Ich erklärte den Kindern, dass Jonas noch neu in der Schule sei, uns nicht gut verstehen könne und vieles noch gemeinsam mit uns lernen müsse. Aber selbstverständlich würde er sich jeden Morgen über eine nette Begrüssung freuen, auch wenn er selbst vielleicht noch keine Antwort geben könne. So wurde Jonas im Morgenkreis, auch wenn er nicht antwortete oder sich abwendete, immer freundlich begrüsst und bekam gelegentlich, ob er wollte oder nicht, ein Küsschen. Auch sonst wurde er in alle Tätigkeiten mit einbezogen. Immer wieder luden ihn die Kinder ein, mitzumachen.

Langsam begann Jonas mitzutun. Er begann, bei unserem Morgenlied mitzuklatschen oder setzte sich  – zuerst für kurze Zeit  – mit uns gemeinsam an den Tisch und begann zu malen. Auch fürs Puzzlen entwickelte er eine grosse Leidenschaft.

Die Kinder freuten sich mit uns über jede seiner Aktivitäten und brachten ihm das auch zum Ausdruck. Je mehr Jonas in der Schule mitarbeitete, desto deutlicher wurde uns, dass er sehr hohe Ansprüche an sich hatte. Er malte beispielsweise ganz genau Bilder aus oder konnte exakt an vorgegebenen Linien entlang schneiden. Alles musste bei Jonas in einer bestimmten, sehr akkuraten Ordnung stattfinden: So sortierte er beim Lösen von Puzzles die einzelnen Teile erst in einer ganz bestimmten Reihenfolge, bevor er sie zusammensetzte. Legte er beim Frühstück beispielsweise eine Scheibe Wurst auf ein Stück Brot, wurde dieses erst in die der Grösse der Wurstscheibe entsprechende Form zurecht­geschnitten.

Immer häufiger beobachteten wir starke Wutanfälle bei Jonas. Er begann dann, Dinge zu zerstören oder sich selbst weh zu tun. Für uns war in der ersten Zeit oftmals kein äusserer Anlass für diese Gefühlsausbrüche zu erkennen.

Es ist nicht schlimm, etwas nicht «perfekt» zu machen

Mit der Zeit beobachtete ich, dass Jonas häufig wütend wurde, wenn er sich mit dem, was ihn beschäftigte, nicht verständlich machen konnte. Zunehmend hatte ich den Eindruck, dass er oft gar nicht wusste, dass er sich mit Wünschen oder Bedürfnissen an einen andern Menschen wenden kann und dass dieser ihm dann gerne behilflich ist. So kam es häufig vor, dass Jonas ein Bild, das er gemalt hatte, wieder zerriss oder die einzelnen Teile eines Puzzles plötzlich zerknickte oder kaputtbiss. Offensichtlich hatte er noch nicht gelernt, dass man den andern um Hilfe bitten kann oder dass es nicht schlimm ist, etwas nicht «perfekt» zu machen. Ausserdem konnte Jonas noch viel zu wenig Deutsch, um sich verständlich zu machen. Da viele unserer Arbeitsmaterialien oder Spiele kaputtzugehen drohten und Jonas auf unsere Hilfestellung angewiesen war, setzte sich immer einer von uns mit ihm zusammen hin. Hatte er mal wieder blitzschnell etwas kaputtgemacht, erklärten wir ihm, dass das nicht nötig sei und auch nicht gehe. Ich erklärte Jonas, dass er sagen könne «Hilf mir bitte!», wenn ihm etwas nicht gleich gut gelinge. In unzähligen Situationen übten wir dies zusammen. Nach etlichen kaputten Puzzles und zerrissenen Bildern kam schliesslich der Tag, an dem Jonas zu mir in den Nebenraum kam, seine Hand in die meine schob und mich zu seinem Arbeitsplatz führte. Er bedeutete mir, mich neben ihn zu setzen, zeigte unruhig auf sein Puzzle und sagte: «Frau Schumacher, wie geht das?»

Bei Tisch fing Jonas nie von sich aus an zu essen. Es bedurfte immer meiner Ansprache. Oft bot ich ihm ein Stück Brot an, nannte ihm das deutsche Wort dafür. Stück für Stück stellten wir so sein Frühstück zusammen. Mit der Zeit fing Jonas vorsichtig an, mit mir Blickkontakt aufzunehmen. Immer wieder nannte ich ihm die deutschen Begriffe für unsere Speisen und plauderte während der Mahlzeiten mit ihm, auch wenn ich wusste, dass er noch nicht viel von dem verstand, was ich sagte. 

In dem Masse, in dem Jonas langsam vertrauter mit mir und der Situation bei Tisch wurde, beobachtete ich, dass er zunehmend eigenaktiv wurde. Hatte er Hunger, sprang er auf, um sich beispielsweise das Nutellaglas zu sichern. Einmal nahm er einem verdutzten Kind gar ein hartgekochtes Ei von dessen Teller, nachdem er sein eigenes bereits verzehrt hatte. Schritt für Schritt arbeiteten wir uns auch hier voran: Ich erklärte Jonas, dass man «Bitte Nutella» sagt, wenn man diese möchte und übte dies mit ihm in vielen kleinen Schritten und bei allen Mahlzeiten. So lernte Jonas nach und nach viele deutsche Bezeichnungen von Lebensmitteln. Ein nächster Schritt war, den Namen des Kindes zu nennen, von dem er etwas wollte oder «Danke» zu sagen oder etwas auf Ansprache selbst weiterzureichen.

In dieser Zeit entnahm ich dem Bericht des abgebenden Kindergartens, dass Jonas nicht in der Lage sei, an gemeinsamen Mahlzeiten teilzunehmen. Es wurden häufig auftretende starke Wutanfälle beschrieben. Es sei angeraten, Jonas dann in eine Ruheecke zu legen und ihm beruhigende Wahrnehmungs­angebote zu machen. Hierbei beruhige er sich meist.

Diese Wutanfälle konnte ich alsbald auch beobachten. In dem Masse, wie Jonas sich bei uns etwas einzuleben schien, trat auch das beschriebene Verhalten bei Tisch auf. Jonas begann nach einiger Zeit, meist wenn er satt war oder gar keinen Hunger hatte, stark zu stören. Er kippte beispielsweise blitzschnell die Teekanne über den Tisch, legte die Füsse auf seinen Teller oder liess sich langsam und oft lachend zu Boden gleiten, wobei er laute Geräusche von sich gab.

Was tun? Beruhigende Wahrnehmungsangebote schienen mir nicht angebracht. Vielmehr hatten wir den Eindruck, dass Jonas bis anhin nicht gelernt hatte, eine Mahlzeit gemeinsam mit andern zu beenden, wenn er selbst schon satt war.

Jonas’ Wutanfälle waren nicht von schlechten Eltern

Es war eine lange und anstrengende Auseinandersetzung mit Jonas. Obwohl ich nicht von Anfang an von ihm verlangte, ganz bis Ende der Mahlzeit mit den andern am Tisch zu bleiben, zeigte Jonas heftige Gegenwehr. Ich versuchte, ihn auf vielfältige Art zu beschäftigten, indem ich ihn zum Beispiel andern Kindern Lebensmittel anreichen liess. Oder ich versuchte ihn abzulenken, wenn er mit seinem Unsinn anfing. Ihn in ein Gespräch zu verwickeln, war schwierig, da Jonas ja fast noch kein Deutsch sprach. Oft war ich am Ende der Mahlzeit schweissgebadet. Die andern Kinder beobachteten uns selbstverständlich mit grossem Interesse. Auch ihnen erschien es zwischendurch verlockend, sich vom Stuhl gleiten zu lassen. Auch waren Jonas Wutanfälle bei Tisch nicht von schlechten Eltern. Zwischendurch überfielen mich Zweifel: War es nicht doch noch zu früh, von ihm zu verlangen, sich auf uns einzustellen?

Immer wieder machte ich mir klar, dass jedes Kind in der Gemeinschaft mittun möchte und dass auch Jonas das lernen könne, was bis anhin offensichtlich noch keiner von ihm erwartet hatte. Den Kindern sagte ich, dass Jonas noch nicht gelernt habe, am Tisch zu sitzen, bis alle satt sind. Er werde schon noch merken, wie gemütlich es bei uns sei und wie schön es wäre, mit uns gemeinsam die Mahlzeit einzunehmen. Auch hier halfen die Kinder mit unserer Anleitung mit.

Und als Jonas nach einigen Wochen zum ersten Mal auf meine Ankündigung, wenn er sich jetzt nicht benehmen würde, müsse er vom Tisch, sagte: «Nein, nicht vom Tisch!», wusste ich, dass wir auf dem richtigen Weg waren.

Jonas war das Zusammensein mit uns offensichtlich so wichtig geworden, dass er begann, sein Verhalten umzustellen.

Ein weiteres grosses Problem zu Beginn von Jonas’ Schulzeit war folgendes: Mehrmals täglich kotete Jonas ein. Obwohl er bis kurz vor Beginn seiner Schulzeit als «sauber» galt, also definitiv keine organische Störung vorlag, trat dieses Symptom mehrmals täglich auf. Oft begleitet von fröhlichem Lachen.

Sämtliche Versuche, ihn an regelmässige Toilettenzeiten zu gewöhnen, mit ihm zu sprechen oder ihn entsprechend seinem Verhalten zu belohnen, fruchteten nicht. Aus einem Gespräch mit dem Vater erfuhr ich, dass Jonas dieses Verhalten zeigte, seitdem die kleinen Zwillingsbrüder etwa ein Jahr alt waren. Auch ging Jonas zu Hause nicht selbständig zur Toilette, so dass die Mutter zusätzlich zu den kleinen Zwillingen Jonas oft saubermachen musste. Oft war sie mit den kleinen Kindern und Jonas überfordert und schickte ihn dann zur Oma. Der Vater schilderte, dass es für sie oft nicht einfach sei, weil Jonas sich oft dabei kaputtlache. Die Vermutung lag nahe, dass Jonas auf seine kleinen Geschwister eifersüchtig war und sich so die wie auch immer geartete Zuwendung der Mutter oder der anderen Erwachsenen sicherte. Für die Eltern war dies verständlicherweise ein grosses Problem. Aber vor allem verstanden sie die dahinterstehende Problematik nicht. Für sie war Jonas’ Verhalten ein weiterer Ausdruck seiner Behinderung.

Immer wieder erklärte ich der Mutter, dass sie für ihren Sohn der wichtigste Mensch sei. Jonas’ Verhalten sei nichts anderes, als sein Versuch, ihre Aufmerksamkeit neben seinen Geschwistern auf sich zu lenken. Wir überlegten immer an ganz konkreten Beispielen, wie sie mit ihm positiv in Beziehung kommen könnte. Auf das Einkoten solle sie nicht besonders eingehen, das werde sich mit der Zeit schon beruhigen.

In der Folgezeit versuchten wir auch in der Schule, nicht mehr besonders auf dieses problematische Verhalten einzugehen. Wir brachten unsere Freude zum Ausdruck, wenn es Jonas gelang zur Toilette zu gehen, ansonsten ging der Zivildienstleistende, oft mehrmals täglich, mit ihm duschen.

Oftmals, wenn der «Zivi» und Jonas mit Wechselwäsche und Handtuch bepackt wieder zum Duschen marschierten, kam von seinen Mitschülern der Kommentar: «Ne, ne, ne, das muss der Jonas noch lernen!»

Heute, 2 Jahre nachdem Jonas in unsere Klasse gekommen ist, hat Jonas vieles dazu gelernt.

Jonas spricht mittlerweile Deutsch

Jonas spricht mittlerweile Deutsch. Obwohl ihm immer noch viele Begriffe in der deutschen Sprache nicht geläufig sind, kann er sich im Alltag gut verständlich machen. Er nimmt jetzt oft von sich aus Beziehung zu uns auf. Morgens setzt er sich nach seiner Busfahrt zu den andern Kindern in den Kreis oder nimmt sich selbständig ein Spiel oder eine Arbeitsaufgabe. Immer häufiger singt er dabei ein Lied oder eine Melodie, die er aus unserem morgendlichen Singkreis kennt, vor sich hin.

Nur noch sehr selten zerreisst Jonas ein Blatt oder ein Puzzle. Er hat gelernt, um Hilfe zu fragen. 

Von sich spricht er immer noch in der 3. Person. Aber er begrüsst mittlerweile im Morgenkreis jeden seiner Klassenkameraden mit Namen. Nur noch sehr selten fragt er nach seinem «zu Hause». Und meist gibt er dann schon selbst die Antwort: «Um 3 Uhr fährst du nach Hause!» Auch wenn er tatsächlich keine Vorstellung von der Zeit hat, so weiss er doch sicher, dass seine Mutter jeden Tag wieder zu Hause auf ihn wartet. Und obwohl zu Hause noch nicht alles einfach ist, haben auch die Eltern mit uns und Jonas zusammen ihre Schritte gemacht. Mit einer vertiefteren Einsicht in Jonas’ Gefühle ist ihnen ein Weg eröffnet worden, Verständnis für ihren Sohn zu entwickeln und ihn gefühlsmässig mehr entgegenzunehmen und anzuleiten.

Jonas ist mittlerweile auch «sauber». Sein Symptom hat sich mit der Zeit einfach verloren. In dem Masse, in dem Jonas seinen Platz in der Gemeinschaft und für sich einen Weg gefunden hat, sich und seine Bedürfnisse mehr mitzuteilen, kann er sich auf direktem Weg die Aufmerksamkeit und Zuwendung seiner Mitmenschen holen. Er kann es in dem Masse, in dem er sicherer in der zwischenmenschlichen Beziehung geworden ist.

Und noch etwas: Jonas sieht mit seinen schönen grossen Augen nicht mehr durch uns hindurch: Jonas sieht jetzt jeden von uns an!

Quelle: Nr.2 vom 15.1.2007
www.zeit-fragen.ch

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Schweiz, Erziehung, Pädagogik, Familie, ADHS / Ritalin, Sprachentwicklung

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