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11.02.2026 Von Ginger Hebel - übernommen von tagblattzuerich
11. Februar 2026

Gewalt gegen Kinder


(Red.) Gewalt gegen Kinder ist nicht neu. Die Zunahme von 7.5 Prozent in einem Jahr (2025!) ist allerdings dramatisch.
Bereits 1978 erhielt die Kinderbuchautorin Astrid Lindgren den Friedenspreis des deutschen Buchhandels. Sie bedankte sich mit einer beeindruckenden Rede "Niemals Gewalt".
1980 brachten Pernhaupt&Czermak das aufrüttelnde Buch "Die gesunde Ohrfeige macht krank" heraus.
Wir plädieren für eine Initiative für freiwillige Individualpsychologische Erziehungsberatungstellen auf der Grundlage des modernsten Erziehungswissens für alle Eltern, die landesweit vom Staat zur Verfügung gestellt werden. Eine Nationalfondstudie soll die Initiative begleiten und auswerten. (ww)

Mit 570 bestätigten Fällen von Kindsmisshandlung verzeichnete das Universitäts-Kinderspital Zürich im vergangenen Jahr einen neuen Höchststand   – ein Plus von 7,5 Prozent. - Von Ginger Hebel

Die Kinderschutzgruppe und Opferberatungsstelle des Universitäts-Kinderspitals Zürich verzeichnete letztes Jahr einen deutlichen Anstieg bestätigter Kindesmisshandlungen. Insgesamt wurden 570 Fälle als Misshandlung oder Straftat eingestuft   – 40 mehr als im Vorjahr. Insgesamt betreute das interprofessionelle Team 732 Fälle und damit so viele wie noch nie. Nach Eingang einer Meldung wird jeder Verdacht sorgfältig abgeklärt, von telefonischer Beratung bis hin zu stationären Aufnahmen. In 110 Fällen blieb der Verdacht unklar, während sich in 52 Fällen Verletzungen als Unfälle herausstellten. Dr. med. Myriam Peter, Oberärztin Universitäts-Kinderspital Zürich, kennt die Problematik.

Die Zahl der Kindsmisshandlungen ist 2025 um 40 Fälle gestiegen. Was lösen diese Zahlen bei Ihnen aus?

Myriam Peter: Das ist natürlich eine traurige Bilanz. Jeder Fall von Kindsmisshandlung ist ein Fall zu viel. Gleichzeitig stellt sich die Frage, was wir als Kinderschützer, aber auch als Gesellschaft tun können, damit diese Zahlen in Zukunft nicht weiter steigen.

Wie erklären Sie sich diese Zunahme?

Zu Kindsmisshandlungen kommt es in den meisten Fällen, wenn Eltern stark gestresst oder überfordert sind. Gemäss Umfragen geht es vielen Menschen heute schlechter als noch vor einigen Jahren. Aus unserer Statistik lässt sich jedoch nicht eindeutig ableiten, ob es sich um eine tatsächliche Zunahme der Fälle handelt oder ob Fachpersonen und Bevölkerung besser sensibilisiert sind und deshalb mehr Verdachtsfälle melden. Der starke Anstieg in diesem Jahr dürfte eine Kombination aus beidem sein.

In 570 von 732 Fällen lag eine Straftat oder eine Misshandlung vor. Wie sehen diese Fälle konkret aus?

Das Spektrum ist breit: Es reicht von leichteren Fällen, etwa überforderten Familiensystemen mit ungünstigem Erziehungsverhalten, über schwere körperliche Miss-handlungen wie Schläge mit Gegenständen bis hin zu Misshandlungen mit Todesfolge. Letztere stellen selbstverständlich eine Straftat dar. Am Kinderspital sehen wir alle fünf Formen von Kindsmisshandlung: psychische und körperliche Misshandlung, Vernachlässigung, sexuellen Missbrauch sowie das Münchhausen-by-proxy-Syndrom   – jeweils in unterschiedlichen Ausprägungen. Als Zentrumsspital behandeln wir insbesondere alle schweren körperlichen Misshandlungen und sexuellen Missbrauchsfälle.

Ein Drittel aller Fälle betrifft körperlich misshandelte Kinder. Welche Massnahmen sind nötig, um diese Zahlen zu senken?

Zentral ist ein gesellschaftliches Verständnis dafür, dass körperliche Bestrafung keine geeignete Erziehungsform ist und langfristig schädlich für die Entwicklung von Kindern wirkt. Dass die gewaltfreie Erziehung in der Schweiz künftig im Zivilgesetzbuch verankert sein wird, ist ein wichtiger Meilenstein. Damit wird ein klares Signal gesetzt: Kinder haben ein Recht darauf, ohne Gewalt aufzuwachsen   – sowohl ohne körper-liche als auch ohne psychische Gewalt.

Warum sind niederschwellige Hilfsangebote und Zivilcourage entscheidend, um Überforderung in Familien frühzeitig zu erkennen und Kinder zu schützen?

Damit überlastete Eltern wissen, wo sie frühzeitig Hilfe erhalten können, und diese Angebote auch nutzen. Sensibilisierungskampagnen und niederschwellige Anlaufstellen sind daher von grosser Bedeutung. Dazu zählen etwa der Elternnotruf, Mütter- und Väterberatungen, Kinder- und Jugendhilfezentren oder Kriseninterventionsstellen. Darüber hinaus braucht es Zivilcourage: Menschen im Umfeld sollten hinschauen und ansprechen, wenn Familien überfordert sind, Kinder gefährdet werden oder Gewalt erfahren.