Nochmals: Das Problem der Schizophrenie

(Red.) Im Februar 26 brachten wir bereits den Beitrag "Das Problem der Schizophrenie", und letzte Woche brachten wir "Der Internationale Kongress für Psychotherapie (1954) brachte keinen Fortschritt ... und heute?". Heute ist der vorliegende Text aus der Feder des Autors der beiden anderen Beiträge eine Ergänzung zum besseren Verständnis der Tragweite der psychologischen Forschung für die Lösung der drängenden humanen Fragen zur Entwicklung einer friedlichen lebenswerten Welt. (ww)
Die Gesellschaft muß doch durch den Menschen geändert werden, und die psychologische Beeinflussung des Einzelnen wie der Gesamtheit, besonders auch durch eine verbesserte Erziehung, wird hierbei einen wesentlichen Anteil haben. Nur durch Aufklärung sind wir in der Lage, die Menschen dafür zu gewinnen, eine bessere und gesündere Welt aufzubauen.
Sehr geehrter Gesinnungsfreund Hartwig,
In der November-Nummer des «Freidenkers» richteten Sie einige «laienhafte Fragen» an mich als den Verfasser des Berichtes über den Kongreß für Psychiatrie; ich würde sehr gerne ausführlich auf die von Ihnen aufgeworfenen Fragestellungen eingehen, aber die momentane Arbeitsüberlastung zwingt mich, mich sehr kurz zu fassen. Es wird sich gewiß später einmal die Gelegenheit ergeben, auf diese Probleme zurückzukommen.
1. Sie knüpfen an Lichtenbergs geistreichen Aphorismus an und stellen die Frage, ob der moderne Mensch in sich zwiespältig sei, da er zwar in seinem Handeln die Logik anzuerkennen scheint, aber in seinem Gefühl noch dem magischen Weltbild verhaftet bleibt. Ist das bereits «Schizophrenie»?
Diese Zwiespältigkeit ist nicht darauf zurückzuführen, daß in unserem Unbewußten «Überbleibsel einer vergangenen Epoche» erhalten bleiben: die religiöse Erziehung erzeugt diese Vorstellung stets von neuem, sie bemächtigt sich der kindlichen Seele und schafft die Grundlage zu einer «magischen», d. h. blind gläubigen, fatalistischen, angstbetonten Lebenseinstellung, in welcher der Logik nur jener schmale Bereich eingeräumt wird, welchen die Zivilisation und die Lebensbedingungen in Wirtschaft und Technik unmittelbar erzwingen.
Aber im Grunde seines Herzens ist der heutige Mensch, ein Produkt der autoritären und religiösen Erziehung, sehr einheitlich noch auf den religiösen «Zauberglauben» ausgerichtet, und ich würde dies nur insofern «schizoid» nennen, als in dieser Lebens- und Weltanschauung die Angst deutlich hervortritt. Sigmund Freud hat die Religion eine «kollektive Zwangsneurose» genannt, und im ähnlichen Sinne ist man berechtigt, Parallelen zwischen Schizophrenie und religiöser Mentalität zu ziehen.
Angst, Weltfremdheit, Größen- und Kleinheitswahn, Wunschdenken, Verfolgungsideen, «Animismus» usw.: man findet dies in den schizophrenen Krankheitsbildern nicht minder ausgeprägt als im religiösen Vorstellungsbereich, in den «Heiligen Schriften» und den Dokumentationen des Lebens und Denkens der «Heiligen» selber…
Zu Lichtenbergs Ausspruch: Der große Satiriker, von dem Goethe sagte, wo immer er einen Witz mache, da liege ein Problem verborgen, wird sich wahrscheinlich über die Ungenauigkeit seiner Formulierung im klaren gewesen sein: Diejenigen, die behaupten, ohne Gespensterfurcht zu sein, werden dadurch widerlegt, daß sie sich fürchten; das Gefühl und der Affekt sind immer wahrhaftiger als die gedanklichen Behauptungen, deren Richtigkeit in der Tiefenpsychologie immer am dazugehörigen Affekt erprobt wird.
2. Gibt es überhaupt «normale Menschen», wenn wir die allgemeine Angst der Menschen berücksichtigen, ihre zwangshaften Gewohnheiten usw.?
Gesundheit ist für uns ein Normbegriff, den wir nicht allzu schablonenhaft anwenden dürfen; in psychologischer Hinsicht fragen wir nach der Arbeits- und Liebesfähigkeit eines Menschen, nach seinem «inneren Gleichgewicht», und sofern wir «durchschnittliche Werte» finden, zögern wir nicht, die Diagnose «normal» zu stellen.
Sie haben darin recht, daß politische und wirtschaftliche Gegebenheiten die Menschen sehr belasten, aber im Rahmen dieser Bedingungen zeigt sich die seelische Belastungsfähigkeit, die in der Kindheit erworben wird und durch die Psychotherapie in weiten Grenzen abgeändert werden kann. Auch im «Zeitalter der Atombombe» kann der Mensch seelisch gesund sein, er kann sein eigenes Leben sinnvoll gestalten und auch seinen Beitrag zur Überwindung der allgemeinen Nöte leisten.
Der von Ihnen wie von mir hochgeschätzte Alfred Adler hat uns durch seine «Individualpsychologie» gelehrt, die seelische Gesundheit eines Menschen auch an seiner Teilnahme an den Bedrängnissen und Fragen der Gemeinschaft zu erkennen, und auch in der «schlechtesten aller Welten» kann der Mensch durch seine Einstellung das Prinzip der psychischen Gesundheit aufrechterhalten.
3. C. G. Jung war am Kongreß anwesend und hat einen Vortrag über das Schizophrenieproblem verlesen lassen. Ich habe ihn in meinem Bericht darum nicht erwähnt, weil ich überhaupt auf die Aufzählung einzelner Namen (vom Organisator des Kongresses Manfred Bleuler abgesehen) verzichtet habe.
Ich hätte Jung aber auch deshalb nicht genannt, weil seine «Komplexe Psychologie» den schwächsten und hinfälligsten Beitrag zur tiefenpsychologischen Forschung darstellt. Jungs Theorien haben lediglich zu einem völlig problematischen Kompromiß mit den religiösen Dogmen geführt, und in bezug auf die Auseinandersetzung mit Freud, Adler u. a. demonstrierte er im wesentlichen eine mystisch angehauchte, gehaltlose Polemik, die sogar vor den schimpflichen Argumenten der Rassen- und Volkszugehörigkeit nicht zurückschreckte.
Über Jungs Stellungnahme zum Nationalsozialismus muß man sich darum nicht verwundern, und die Rehabilitationsversuche nach dem Kriege, die dann das deutsche Volk als Opfer seines «Wotan-Archetypus» hinstellen, müssen ernsthaften Wissenschaftern als Gedankengänge erscheinen, die am Spiritismus oder der Telepathie geschult worden sind. In der Tat ist Jung in den letzten Jahrzehnten dazu übergegangen, Horoskope stellen zu lassen, und es gibt kaum einen Geister- oder Gespensterglauben, dem er nicht willig eines seiner «Vorworte» zu geben bereit ist. Gehört wohl Jung zu jenen Menschen, die Sie in Frage 1 erwähnen? Ich glaube, daß wir daran nicht zweifeln können…
Mit welchen Mitteln diese Situation gebessert werden kann, läßt sich mit wenigen Worten nicht umschreiben. Sie legen den Akzent auf die gesellschaftlichen und sozialen Verhältnisse, und ich kann Ihnen darin nur beipflichten. Aber die Gesellschaft muß doch durch den Menschen geändert werden, und die psychologische Beeinflussung des Einzelnen wie der Gesamtheit, besonders auch durch eine verbesserte Erziehung, wird hierbei einen wesentlichen Anteil haben. Nur durch Aufklärung sind wir in der Lage, die Menschen dafür zu gewinnen, eine bessere und gesündere Welt aufzubauen.
Indem ich Sie herzlich begrüße und Ihnen für Ihre interessanten Fragen danke, verbleibe ich mit Freiheitsgrüßen
Ihr Polybios.
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Quelle: Autor: Polybios (Friedrich Liebling) – Aus Zeitschrift: Freidenker Band (Jahr): 40 (1957) Heft 12



















































































