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von Polybios* - BEFREIUNG, Zeitschrift für kritisches Denken, 2. Jahrgang Nr. 8, 1. August 1954
21. Mai 2026

Krieg und Gesellschaftsordnung


Ein Auszug aus der weitsichtigen Analyse Friedrich Lieblings aus dem Jahre 1954
Friedrich Liebling, (1893 bis 1982) Psychologe, Gründer und Leiter der "Zürcher Schule für Psychotherapie"

Die Kirche, ungeachtet ihrer Lehren stets auf der Seite der Mächtigen stehend, bestätigte König und Adel als inthronisiert «von Gottes Gnaden», sodaß es ein Verstoß gegen göttliche Weisheit und Vorsehung gewesen wäre, sich gegen die Zustände in Staat und Gesellschaft zu erheben. Die Verklärung der Knechts-Mentalität, die für das fromme Gemüt so wesentlich war, schuf die Voraussetzungen für absolutistische Herrschaftsformen, in denen die Menschen ein willenloses Werkzeug ihrer Obrigkeit wurden und ihnen in Krieg und Frieden vorbehaltlose Gefolgschaft leisteten.

Der Ursprung des Krieges wurde in früheren Zeiten auf den Sündenfall der ersten Menschen zurückgeführt. Mit der Erbsünde, konkret oder symbolisch aufgefaßt, hatte der Mensch seine paradiesische Unschuld verloren und damit das Recht auf Glückseligkeit verwirkt: Er hatte sich dem Satan überantwortet und mußte die Folgen tragen. Diese mythologische Erklärung, auf einem primitiven Begriff von Verantwortung, Schuld und Sühne aufbauend, ist nicht ernst zu nehmen; sie ist ein Gleichnis, das nichts begreiflich macht.

Bedeutsamer ist die Lehre, die der Naturwissenschaft entstammt und den Menschen als ein Raubtier definiert: Die Natur des Menschen wird hier mit derjenigen der Tiere identifiziert und ein verallgemeinertes Bild vom «Kampf ums Dasein» soll rechtfertigen, daß in der Menschenwelt der Krieg nicht überwunden ist und — wie manche behaupten — nicht überwunden werden kann.

Diese Auffassung vom «homo homini lupus» (Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf) ist aber, trotz dem Belegmaterial, das die Geschichte so reichhaltig anzubieten scheint, grundfalsch; sie beruht auf einer Oberflächlichkeit, die bei genauerem Zusehen sofort offenkundig wird.

Eine unvoreingenommene Betrachtung historischer Kriege lehrt uns, daß die Willkür der herrschenden Klassen eine der ersten Kriegsursachen ist. Streitigkeiten unter Königen, Eroberungslust eines Herrschers oder seiner Kriegerkaste, d. i. die Machtgier der Mächtigen hat die Völker in die Kriege geführt, in denen sie für die Interessen ihrer Potentaten verbluteten. Der Konkurrenzkampf zwischen den Religionen, von denen jede sich im Besitz der absoluten Wahrheit wähnte, gab weiteren Anlaß zu kriegerischen Verwicklungen, in welchen die Menschen für die Macht ihrer Kirche und Klerisei starben.

Die Neuzeit, den Vorrang der Wirtschaft über die anderen Bereiche des öffentlichen Lebens realisierend, schuf dann den Typus des Wirtschaftskrieges, in dem die Herren des Handels und der Industrie die Völker zu einem Ringen um Rohstoffquellen und Absatzmärkte antreten ließen; in fast allen Kriegen der letzten Jahrhunderte spielt der ökonomische Faktor eine dominierende Rolle, wenngleich er sich mitunter hinter anderen Motivationen verbirgt.

Die Ursachen der Kriege waren also mannigfaltig, aber jeder Krieg wurde im Interesse einer geringen Oberschicht geführt, der allein der Sieg und der damit verbundene Gewinn an Land und Reichtümern zugutekam. Die Völker selbst, die für ihre weltlichen oder geistlichen Herrscher in den Kampf zogen, durften nur wenig oder gar nicht an der Nutznießung ihrer Eroberung teilhaben. Sie wurden nicht gefragt, ob sie in den Krieg ziehen wollten oder nicht; gezwungenermaßen nahmen sie die Waffe zur Hand; der «Mann aus dem Volke» focht und starb in Ländern, die ihm im Rahmen seiner gewohnten Lebensführung unbekannt geblieben waren, deren Menschen ihm gleichgültig waren und deren Güter er nicht begehrte.

Man tut Unrecht, die «Völker» für ihre Kriege verantwortlich zu machen; es waren immer nur ihre herrschenden Schichten, die sich befehdeten und sich wechselseitig zu unterjochen strebten. Darum ist es eine Fälschung, den Krieg auf die menschliche Natur zurückzuführen. Die Natur des Menschen ist friedlich; ein Großteil der Menschheit liebt es, seiner Arbeit nachzugehen, den Acker zu bestellen und in Freundschaft mit dem Nachbarn zu leben; der Gesichtskreis der meisten Menschen reicht nicht so weit, um nach andern Ländern oder gar Kontinenten aufzubrechen und dorthin die verheerende Flamme des Krieges zu tragen. Nur die Machtgier derer, die innerhalb der Völker als Obrigkeit fungieren und durch ihre soziale Stellung vom Geist der Gewalt durchdrungen sind, treibt immer wieder zu kriegerischen Auseinandersetzungen, in denen sich die Völker zugunsten ihrer Herren und Ausbeuter verbluten.

Die psychologische Fragestellung muß nun an diesem Punkte einsetzen und uns Klarheit darüber verschaffen, wie es der herrschenden Minderheit möglich wird, die Mehrheit des Volkes für ihre Ziele und Zwecke leben, arbeiten und sterben zu lassen. Schärfer und präziser formuliert: Wie ist überhaupt die Unterdrückung des Menschen durch den Menschen — diese Grundtatsache der bisherigen Geschichte — möglich?

Macht allein reicht sicherlich nicht aus, um die Völker in Botmäßigkeit zu halten; und überdies wäre die Macht des Volkes immer größer als diejenige seiner Herrscher, sofern es sich nur entschließen würde, diese Macht in die Waagschale zu werfen. Es muß darum ideologische Hilfsmittel geben, die die Hörigkeit der Völker sicherstellen und es den Machthabern aller Zeiten ermöglichten, das Regime der Privilegien und der Ungerechtigkeit aufzurichten. Nur die ideologische Verblendung des Menschengeistes gestattet es, den Menschen seine Liebe zur Freiheit vergessen zu machen; sie bringt es sogar zustande, ihn die Ketten verherrlichen zu lassen, unter deren Last er zusammenbricht.

Der Geist der Verblendung

Eine der wichtigsten Stützen der ungerechten Sozialordnungen in Vergangenheit und Gegenwart ist der Glaube der Menschen, daß das Diesseits eine nur bedeutungslose Etappe ihres Daseins wäre, indes sie ihre wahre Existenz und ihr wahres Glück im Jenseits finden würden.

Der Glaube an die «Hinterwelt», in Sklavenseelen entstanden und von Sklaven über die Erde verbreitet, lehrte die Gleichgültigkeit gegen das irdische Schicksal; je größer das Leiden und die Duldsamkeit in dieser Welt war, umso größere Seligkeit erwartete den Gläubigen in jener, wo er für seine Erniedrigungen reichen Lohn empfangen sollte. Unter dieser Perspektive mußte es sinnlos scheinen, sich gegen die Tyrannei aufzulehnen: Indem sie auf das zukünftige Strafgericht der Gottheit zählten, unterließen es die Menschen, selber zu richten und zu strafen — ihr Fatalismus ergab sich fügsam jeder Unterdrückung, und der Lebenswille, durch die Ausrichtung auf das Jenseits empfindlich geschwächt, brachte weder Mut noch Kraft zur Revolte auf.

Die Kirche, ungeachtet ihrer Lehren stets auf der Seite der Mächtigen stehend, bestätigte König und Adel als inthronisiert «von Gottes Gnaden», sodaß es ein Verstoß gegen göttliche Weisheit und Vorsehung gewesen wäre, sich gegen die Zustände in Staat und Gesellschaft zu erheben. Die Verklärung der Knechts-Mentalität, die für das fromme Gemüt so wesentlich war, schuf die Voraussetzungen für absolutistische Herrschaftsformen, in denen die Menschen ein willenloses Werkzeug ihrer Obrigkeit wurden und ihnen in Krieg und Frieden vorbehaltlose Gefolgschaft leisteten.

Ein weiteres Moment ist die nationale oder rassische Ideologie, deren epidemischer Charakter uns in der jüngsten Vergangenheit drastisch veranschaulicht worden ist.

Der Mythos der Nation und der Rasse schafft eine künstliche Einheit zwischen Herrschenden und Beherrschten, indem er letzere glauben macht, sie gehörten mitsamt ihren Herren emer geheimnisvollen und ruhmreichen Körperschaft an, an deren Glanz und Größe auch der geringste Knecht seinen Anteil hat. Indem seiner Selbstgefälligkeit geschmeichelt wird, wird der Knecht veranlaßt, über seine Knechtschaft hinwegzusehen; da andere, die nicht zu seiner Rasse oder Nation gezählt werden, noch weniger sind als er, wird es ihm erträglich, daß er selber wenig oder gar nichts gilt.

Nationalismus und Rassenlehre sind Geisteshaltungen des Stolzes und der Überheblichkeit, in denen immer auch ein Stück Aggressivität gegen Nachbarvölker oder benachbarte Rassen mitschwingt; im Instrumentarium der Herrschenden aller Zeiten bedeuteten sie gewöhnlich ein Mittel zur Verführung der breiten Volksmassen, welche durch derartige Mythologien daran gehindert wurden, ihre wahre Situation ins Auge zu fassen.

Die gesellschaftlichen Mißstände, durch die Ungerechtigkeit der Herrschenden entstanden, wurden so immer auf die Gegen-Nation oder Gegen-Rasse abgewälzt; das hochgemute Gefühl, zu einer durch Geschichte, Blut und angeborenen Adel ausgezeichneten Körperschaft zu gehören, ließ den Sklaven die Sklaverei vergessen: Für Ruhm und Ehre der Nation, für die man ihm eine beinahe religiöse Inbrunst einzuflößen wußte, war er auch bereit, sein Leben in die Schanze zu schlagen; er kam nicht auf den Gedanken, sich mit dem Sklaven jenseits der Landesgrenzen zu solidarisieren, um sich gegen die gemeinsamen Bedrücker zu wenden; der Groll, der in ihm gegen seinen eigenen Tyrannen hätte entstehen sollen, wurde abgeleitet auf jene, die, wie er selber, unter dem Joch der Tyrannei seufzten.

In diesem Mechanismus, den man ebenso teuflisch wie verhängnisvoll heißen könnte, liegt der Schlüssel zu den Minderheitenproblemen, wie etwa dem der Neger in den USA, der Eingeborenen in Südafrika, der Juden in Europa usw. — die Herrschenden von einst und jetzt beweisen damit, daß sie die Psychologie des Sündenbocks zur Konsolidierung ihrer Herrschaft vortrefflich auszunützen wußten.

Die Erörterung der Kriegsursachen und der Herrschaft des Menschen über den Menschen, im obigen auf massenpsychologischer Ebene durchgeführt, bedarf noch der individualpsychologischen Ergänzung, um ein geschlossenes Bild zu ergeben. Welche Mentalität unterscheidet Herr und Knecht? Wie muß die Seele eines Mitgliedes der herrschenden Schichten strukturiert sein, damit es tauglich wird, über den Mitmenschen zu herrschen? Welche Gefühlsregungen müssen in den Angehörigen unterdrückter oder ausgebeuteter Volksklassen vorhanden sein, damit sie die Unterdrückung über sich ergehen lassen? Der massenpsychologische Befund muß durch denjenigen der Individual-Psychologie abgerundet werden.

Herr und Knecht

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