Vom Ethos der Philosophen (1955)

Von alters her hat man uns das Vorurteil beigebracht, in der Philosophie etwas Großes und Erhabenes zu sehen, und wir neigen alle dazu, unsere Stimme zu dämpfen, wenn wir von «philosophischen» Problemen reden. Wir stehen unter dem Eindruck, daß Philosophie so etwas wie «höhere Geistestätigkeit» sei, und daß alle, die sich im Labyrinth des Gedankens zurechtzufinden scheinen, zu einer Art Edel- oder Übermensch gehören müssen. In der Meinung gutgläubiger Menschen ist der Philosoph so etwas wie ein Orakel, dem man auch im Zustand des Rausches und der Entrückung die Wahrheit abfragen könnte; durch eine unsichtbare Nabelschnur vom Blute der Weisheit genährt, sind die Philosophen dazu berufen, «uns anderen» von jenen Sphären zu künden, die sich ihrem visionären Blick im überirdischen Glanze enthüllen.
Die Lektüre eines philosophischen Werkes aber bedeutet Teilhabe an der «höheren Welt», die sich dem gewöhnlichen Erdenbürger verschließt, und in die er nur Eingang findet, wenn er sich dem Geistesflug des Philosophen anvertraut; die Begegnung mit dem «Freund der Weisheit» macht weise, und das Studium der großen Denker wird dazu beitragen, unseren Gedanken Größe zu verleihen.
Diese ehrfürchtige Grundstimmung, welche die Philosophen und die Philosophie in uns hervorrufen, hindert uns gemeinhin daran, eine gesunde Kritik spielen zu lassen: Bewunderung, ebenso blind wie Geringschätzung, läßt uns in globo einen Stand und ein Metier verehren, für die uns noch die Kriterien von Wert und Unwert fehlen; noch steht es gar nicht fest, was uns als echter Philosoph und als dessen Falsifikat gelten soll, eine Frage, die nicht einmal durch den Ruhm eines Denkers entschieden werden kann, denn unter den Philosophen selbst ist der Sokrates des einen der Analphabet des andern.
Würde man eine Reihe von Philosophen fragen, wie sie den Typus des echten Denkers bestimmen, so ergäben sich ebensoviel verschiedene Antworten als Befragte; Übereinstimmung würde womöglich nur in dem einen Punkte bestehen, daß dieses Geschöpf der Phantasie ein Ebenbild seines jeweiligen Schöpfers wäre, und daß der Philosoph immer geneigt sein wird, das als philosophisch anzuerkennen, was sich seiner Form des Lebens und Denkens annähert oder gar damit übereinstimmt.
Angesichts dieser Tatsache müßte einmal der Versuch unternommen werden, eine Charakteristik des Philosophen auszuarbeiten, aufzuzeigen, was als notwendige und zufällige Eigenschaft zu einem (echten) Philosophen gehört, und weiterhin ausfindig zu machen, was wir von einem Philosophen erwarten können, was wir von ihm verlangen oder fordern dürfen. Es wäre von unschätzbarem Wert, wenn wir in diesem Bereich den Fachmann vom Fälscher, den Adeligen vom Hochstapler, den König vom verkleideten Knecht zu trennen wüßten; wenn wir imstande wären, den gesinnungslosen Gedankenakrobaten vom «Führer im Geiste» zu unterscheiden, um den ersteren in die Schranken zu weisen und die Nachfolge des letzteren anzutreten. [Hervorhebung seniora.org]
Was ist ein Philosoph?
Der Begriff des Philosophen ruft in uns eine Fülle von historischen Reminiszenzen hervor, die sich schwerlich auf einen gemeinsamen Nenner bringen lassen. Die Vorsokratiker waren z. T. Philosophen und Staatsmänner; Heraklit ein einsamer Aristokrat, Empedokles ein priesterlicher Seher, Pythagoras Vorsteher eines mystischen Bundes, Sokrates ein unglücklich Verheirateter, der sich auf den Märkten Athens herumtrieb, Plato und Aristoteles Leiter von Philosophenschulen. Das Vorbild des Sokrates bestimmt im Altertum weithin den Typus des Philosophen, wenngleich der Schulbetrieb bald eine bestimmte Tradition ausbildet, wonach das philosophische Denken auf der Schulbank — mit Hilfe von Lehrer und Lehrbuch — erworben werden könne.
Diese Auffassung, von der ausgehenden Antike vorbereitet, wird vom christlichen Mittelalter übernommen, wo der Philosoph in der Regel auch Priester und damit Angestellter der Kirche ist; seine Aufgabe beschränkt sich darauf, die bereits gegebene Wahrheit einzusehen und die widerspenstige Vernunft mit der Peitsche des Dogmas zu zügeln.
Humanismus und Renaissance bringen, im Gegensatz zur Scholastik stehend, den Typus des «freien Denkers» hervor, den Gelehrten, der in niemandes Dienst steht und auf eigene Faust nach Erkenntnis der Wahrheit strebt. Diese Zeit allerdings, der Entwicklung von unabhängigen Philosophen günstig, wird bald abgelöst durch eine Epoche, in der die geistliche durch die weltliche Macht ersetzt wird: stand früher der Philosoph im Dienste des Klerus, so untersteht er nunmehr seinem Monarchen, er wird im Rahmen der staatlichen Universitäten ein Beamter des Staates, vom Staat besoldet und für seine Verdienste bezahlt.
Es gibt in der Neuzeit immer wieder große Einsame, die es verschmähen, «Universitätsphilosophen» zu werden, weil sie ihr Denken nicht durch das Belieben der Obrigkeit begrenzen lassen wollen: der große Troß der Philosophen aber bevölkert die Lehranstalten, die vom Staate errichtet werden und einer Forschung dienen, die dem Staate dient oder ihm zumindest nicht schaden darf. Daher kommt es, daß wir heute den Philosophen immer auch als «Professor» denken; wir glauben, daß zum Philosophen auch der Lehrstuhl gehört wie zum Priester die Kanzel — und unwillkürlich verknüpfen wir die Vorstellung von langweiligen Sonntagspredigten mit der Monotonie des Hörsaalgeredes; man weiß, daß beides nichts taugt, aber genau so, wie man «etwas für die Religion tut», kann man auch etwas zu seiner «Weiterbildung» beitragen: der Begriff der Philosophie wird verharmlost, und als Philosoph gilt, wer an einem staatlich anerkannten Pult steht und aus einem Manuskript abliest, was aus Büchern stammt, die er nicht geschrieben hat.
Wissenschaft und Philosophie
Wir sind nahe daran, im Philosophen einen Denkspezialisten zu sehen, d. h. einen Handwerker, der Gedanken oder Gedankenverbindungen erzeugt wie etwa ein anderer Tische und Bänke. Die Zufälligkeiten des Lebens lassen den einen Schreiner werden, der das Holz verarbeitet, den anderen aber einen Philosophen: und jeder Beruf nährt seinen Mann. Natürlich ist letzterer «geistiger», also etwas «Besseres», aber prinzipiell dürfen keine Unterschiede gemacht werden. Man entdeckt eines Tages seine Fertigkeit im Denken, man durchläuft gewisse Stadien der Ausbildung, man bewirbt sich um eine Stelle, weist seine Diplome oder Arbeitsproben vor: nun ist man Philosoph. Man liest Bücher und schreibt Bücher, bzw. aus hundert Büchern, die man gelesen hat, macht man das hundertundeine; man weiß, was andere gedacht haben und was sie hätten denken sollen; man interpretiert die Interpretationen, die zum Werk der Großen verfaßt worden sind und genießt die Gefühle des Antiquars, der angesichts seiner Sammlung aus allen Zeiten und Völkern sich als Herrscher jener Welten wähnt, aus der ihm Kram und Bruchstück überliefert sind.
Vom Wissenschafter sind wir es gewohnt, daß er sich auf ein Fachgebiet beschränkt und sich darin als Spezialist ausbildet. Er wählt sich seinen Gegenstand und beschließt, sich diesem Einzelnen zuzuwenden, um sich nicht im Allgemeinen zu verlieren — wenn er seiner Methoden sicher ist, kann er stetig seine Forschung vertiefen, die «Sache» besser und genauer erfassen. Sein Blick bleibt ganz auf das Objekt gerichtet, und er muß — als Wissenschafter — nicht fragen, was es denn mit der Welt von Objekten und dem sich darin befindenden menschlichen Subjekt auf sich habe; er setzt seinem Fragen gewisse Schranken, macht sich teilweise «beschränkt», wobei es ihm als Privatmann noch überlassen bleibt, «weltoffen» zu sein. Indes der Wissenschafter also ein «Werkzeug der Forschung» ist und in ihm mehr oder minder die fortschreitende Wissenschaft denkt, d. h. ihm die Probleme liefert und auch (teilweise) deren Lösungen anbietet, steht der Philosoph von vornherein unter einem höheren Anspruch: er muß der Typus des Selbstdenkers sein, ein Mensch, bei dem Leben und Denken identisch sind.
Das philosophische Organ des Menschen heißen wir, je nach seinen verschiedenen Aspekten, Vernunft, Freiheit, Selbstbewußtsein oder Gewissen. Der Mensch ist seinem Wesen nach ein «philosophisches Tier»; in jedem Augenblick lebt er unter einem bestimmten Horizont, dessen bewußte Ausgestaltung wir ein «Weltbild» nennen. Bevor noch Philosophie als geistige Disziplin besteht, gibt es schon eine «natürliche Weltansicht», und das Philosophieren ist lediglich imstande, die Formen des natürlichen Weltbezugs zu radikalisieren.
Die Meinungen und Vorurteile, welche die Philosophie des Volkes bilden, werden durch die Philosophie der Philosophen geprüft, verworfen oder verändert. Seit ihren Anfängen besinnt sich die Menschheit auf sich selbst und ihre Stellung im Kosmos; der echte Denker faßt dieses Anliegen der Selbstbesinnung mit größtmöglicher Radikalität auf, und wenn er entschieden genug die Fundamente seines eigenen Daseins ans Licht zu heben vermag, hat er es nicht nur für sich, sondern für die ganze übrige Menschenwelt getan. Das ist auch der Sinn der Nietzscheschen Worte, daß der Philosoph vorangehen muß, daß man unter Umständen eine Philosophie durch das Leben beweisen müsse.
Das Erkennen ist eine Form des Ethos, und nur seine sittliche Qualität treibt den Menschen dazu, über das Glauben und Dafürhalten der Öffentlichkeit hinauszustreben und sich seiner geistigen Grundlagen zu vergewissern. Je größer der Mut eines Denkers, umso mehr wagt er in Frage zu stellen, um so weniger bleibt er mit der Menge konform. Sein Denken ist nicht nur Gedankenspiel: denkend verändert er die Welt. Das ist ja auch der Sinn jeglicher Arbeit, daß in ihr der Mensch in den Gang der Dinge eingreift — die Arbeit des Philosophen ist auch unter das Postulat des Nützlichen gestellt, und ihre Nützlichkeit besteht darin, daß sie das Denken der Menschen richtiger und wahrer macht. Wahrheit jedoch ist kein Selbstzweck, sie ist lediglich die Gußform für etwas Größeres, nämlich: die Freiheit. Wir bedürfen des Wahren, um uns zu befreien, denn die Wahrheit allein kann uns frei machen.
Was ist Wahrheit?
Man sagt uns, daß die Wahrheit eine Übereinstimmung des Denkens mit den Dingen sei; ein Gedanke sei dann wahr, wenn er durch einen Sachverhalt belegt werden kann. Diese Definition ist stichhaltig, aber unvollständig: denn es gibt verschiedene Wahrheiten, und es gibt eine Rangordnung unter ihnen. Wahrheiten des Denkens stehen niedriger als Wahrheiten des Lebens; Wahrheiten, die die außermenschliche Welt betreffen, sind weniger wert als Wahrheiten über den Menschen. Wahrheiten über die Vergangenheit des Menschen (Geschichte) haben geringeren Wert als Wahrheiten über seine Gegenwart, und am höchsten stehen die Wahrheiten über die menschliche Zukunft. Es ist gut, wenn man weiß, was gewesen ist; es ist besser, zu wissen, woran man hier und jetzt ist; am besten aber ist es, wenn man weiß, was sein soll. Denn die Zukunft allein ist der Raum der Freiheit. Dort entscheidet sich das Geschick des Menschen.
Der Mensch wird morgen so leben, wie er heute denkt; denkend entwirft und plant er, was er morgen handelnd verwirklichen wird. Wenn der Philosoph «uns anderen» die Treue hält, so muß er uns vor allem sagen, was wir tun sollen — er muß für uns denken und uns lehren, was die Aufgabe unserer Zeit ist. Die Ethik ist die eigentliche Philosophie: alles andere ist philosophisches Handwerk, den Wissenschaften in Methode und Zielsetzung ähnlich. Der Ethiker jedoch ist das, was wir unter einem «wirklichen Menschen» verstehen, d. h. er ist der Menschentypus, der für sich und alle anderen Menschen (denkend) die Verantwortung übernimmt. Diese Verantwortlichkeit aber ist größer, als man gemeinhin annimmt; es ist uns nicht damit gedient, wenn man uns eine abstrakte Idee des Guten anpreist und formal bleibende Regeln des sittlichen Verhaltens angibt. Die Aufgabe einer Zeit besteht darin, in der ihr gegebenen Situation die menschliche Freiheit zu bestätigen, d. h. gegen Natur und Menschengewalt ein neues Stück Freiheit zu erobern.
Darum muß auch der Philosoph konkrete Möglichkeiten der Befreiung aufzeigen, er muß zerstören und aufbauen, Partei ergreifen innerhalb einer geschichtlich bestimmten Menschenwelt, die durch Recht und Unrecht, Herrschaft und Knechtschaft, Freiheit und Unfreiheit definiert ist. An diesen Problemen kann man nur vorbeigehen, wenn das Gerechtigkeitsgefühl blind und das Gewissen taub ist; man kann sich nicht hinter Büchern verschanzen, wenn z. B. die Tyrannei drohend ihr Haupt erhebt; unwichtig, den Gesetzen des Syllogismus nachzuforschen, wenn die Menschheit infolge ihrer geistigen Verblendung daran geht, einen Krieg auszulösen, dessen Folgen Logik und Logiker in gleicher Weise vernichten werden. Aus diesen Gründen müßte der Philosoph mehr als alle anderen Menschen ein Hüter der Freiheit sein.
Zunächst und vor allem sollte er uns helfen, die menschlichen Belange auf diesem Erdball zu regeln; er sollte uns lehren, ohne Knechtschaft und in Frieden zu leben. Mit andern Worten: er soll Kultur begründen, bzw. die Kultur fördern, und zwar nicht diejenige des Gedankens, sondern diejenige des Lebens. Wie können wir die Kriege verhindern? Wie können wir die Tyrannei aus der Welt schaffen? Wie können wir die soziale Gerechtigkeit verbessern? Wie werden wir imstande sein, alle Menschen an den Gütern dieser Erde teilhaben zu lassen? Wie sollen wir die menschlichen Beziehungen im Großen wie im Kleinen regeln und durch welche Erziehung werden wir den Menschen zur «Menschlichkeit», d. i. zum Gemeinschaftsgeist heranbilden? Alles Fragen, die uns Ethiker und Kulturphilosophen beantworten müssen.
Der Verrat der Philosophen
Ein Blick auf die Geschichte der Philosophie lehrt uns eindrücklich, daß die Philosophen diese Fragen, an denen der Bestand des Menschengeschlechtes hängt, ungenügend oder gar nicht beantwortet haben. Die Gesinnung, in der man philosophiert hat, war nicht das Solidaritätsgefühl mit dem Menschen, sondern weit öfter die Servilität gegenüber den herrschenden Mächten in Staat und Gesellschaft. Die Philosophen haben ihr Denken dazu mißbraucht, bestehende Zustände zu rechtfertigen, Dogmen und Vorurteile zu stützen: sie philosophierten, als ob wir in der besten aller Welten lebten.
Selten waren sie mutig genug, aus ihren Gedanken Taten zu machen und für eine Überzeugung ihr Leben hinzugeben. Schlimm genug, daß die meisten Philosophen gar keine Überzeugung hatten, die sie das Leben hätte kosten können: das schöne Beispiel des Giordano Bruno steht vereinzelt da, und nur wenige sind seinen Fußstapfen gefolgt und haben Wahrheiten zu denken und zu bekennen gewagt, die zur jeweiligen Obrigkeit im Widerspruch standen.
Der echte Philosoph muß immer im Widerspruch zu seiner zeitgenössischen Welt stehen, denn dies ist das Zeichen dafür, daß er vorangeht, daß er über seine Zeit hinausgewachsen ist. Der Gottesbeweis Descartes‘, Leibniz‘ Theodizee, Kants Zurückbeben vor den Konsequenzen der Kritik der Reinen Vernunft, Hegels Vergottung des preußischen Staates, Schellings Mystizismus, Schopenhauers Geschichtsfremdheit und Pessimismus usw.: all dies sind Sündenfälle der Philosophie, entsprungen dem Geiste einer allzugroßen Versöhnlichkeit, die es sich's mit niemandem verderben will und dem Abenteuer des Denkens den Charakter einer gleichgültigen Spielerei gibt.
Aus der Zukünftigkeit der Freiheit ergibt sich, daß der Philosoph progressiv sein muß, d. h. seine Lehre muß aus der Gegenwart in eine Zukunft führen. Es taugt uns wenig, wenn sich der Denker vor dem Gegenwärtigen demütigt und sich zu einer Apologie des Bestehenden prostituiert; wir bedürfen der Philosophen, deren Geist kämpferisch ist, und die den Willen haben, durch ihr Denken die Idee der Gerechtigkeit auf dieser Erde zu verwirklichen. Dazu benötigen wir aber den Typus eines Philosophen, den man uneingeschränkt einen redlichen Geist heißen darf, redlich bis zum Letzten, sogar bis zur Selbstkritik und Selbstverneinung.
Denn: «Einzig aus dem Mangel an jener Redlichkeit», schreibt Schopenhauer in einem Brief an Goethe, «scheinen fast alle Irrtümer und unsäglichen Verkehrtheiten entsprungen zu sein, davon die Theorien und Philosophen so voll sind. Man fand die Wahrheit nicht, bloß darum, daß man sie nicht suchte, sondern statt ihrer nur immer irgendeine vorgefaßte Meinung wieder zu finden beabsichtigte oder wenigstens eine Lieblingsidee durchaus nicht verletzen wollte, zu diesem Zweck aber Winkelzüge gegen sich selbst und andere anwenden mußte. Der Mut, keine Frage auf dem Herzen zu behalten, ist es, der den Philosophen macht».



















































































