Pro Memoria: Wie der Mensch zum Menschen wurde

(Red.) Liebe Leserin, lieber Leser, hier stelle ich Ihnen eines meiner Lieblingsbücher wieder einmal vor. Mit den kurzen Buchauszügen möchte ich Ihr Interesse wecken. Man kann es noch antiquarisch kaufen. Archivieren Sie diesen Beitrag, wenn Sie momentan keine Zeit haben. Das Buch sagt uns etwas über die soziale Natur des Menschen, dass wir biologisch nicht zum Krieg verdammt sind, so wie wir es in der "Erklärung von Sevilla zur Gewalt" vorstellen. Krieg ist ein schmutziges Geschäft und liegt nicht in unseren Genen.Das Buch zu lesen, zu studieren tut der Seele gut, ich finde es ist gleichzeit ein Gegengewicht gegen die derzeitige Kriegsgeilheit, gerade jetzt in Deutschland, wo die Jugendlichen mit Werbeauftritten von angeworbenen Jugendlichen mit Slogans zum Kriegsdienst animiert werden sollen. Das empfinde ich als eklatanten Eingriff in die Erziehungskompetenz der Eltern, wodurch deren Aufgabe und Wunsch, den Nachwuchs zu friedensfähigen Mitmenschen anzuleiten, erschwert wird (ww)
Sind die gegenwärtigen Weltkrisen bedingt durch den so häufig zitierten Aggressionstrieb des Menschen oder sind sie nur Ausdruck einer vorübergehenden Verunsicherung durch die technologische Espansion? Um diese Frage zu beantworten und gestaltend auf unsere Zukunft einwirken zu können, müssen wir die evolutionären Kräfte verstehen lernen, die uns zu dem gemacht haben, was wir heute sind.
Ausgehend von den versteinerten Überresten entwickeln die Autoren in diesem Buch ein Bild von der physischen, sozialen und kulturellen Entwicklung des Menschen, das die bisherigen Vorstellungen in vieler Hinsicht korrigiert. Für unsere Zukunft dürfte daher vor allem die Erkenntnis von ausschlaggebender Bedeutung sein, dass der Mensch im Grunde seines Wesens überaus kooperativ ist. Erst der Übergang zum Ackerbau vor 10000 Jahren und der damit aufkommende "Psychomaterialismus" führte zu Spannungen untereinander, deren wir auch heute noch nicht Herr zu werden scheinen.
Im Klappentest heisst es: Ein Hauptanliegen der Autoren ist es, die These vom angeborenen Aggessionstrieb des Menschen zu widerlegen, die gerade heute oft genug als Entschuldigung für alle möglichen menschlichen Verhaltensweisen herhalten muss. Ihrer Ansicht nach ist im Gegenteil die Kooperationsbereitschaft das Hauptcharakteristikum des Menschen, das sich während der über Millionen Jahre dauernden Existenzform als Jäger und Sammler herausgebildet hat.
Erst seit der neolithischen Revolution vor 10‘000 Jahren, also zu der Zeit, als der Übergang zum Ackerbau stattfand und damit auch die Möglichkeit gegeben war, Besitz anzusammeln und zu verteidigen, kam es zu vereinzelten Konflikten.
Daraus aber den Schluss abzuleiten, dass der Mensch von Natur aus zu Aggression neige, um sein Territorium zu verteidigen, ist nach Ansicht der Autoren falsch. Dies würde letztlich bedeuten, die gerade in den letzten Jahren gewonnenen Erkenntnisse der Paläoanthropologie und ihr nahestehender Disziplinen zu verleugnen, die in diesem Buch auf so eindrucksvolle Weise dargestellt werden.
Im Kapitel „Die Zukunft der Menschheit“ steht die nachfolgende Passage, die mich, als ich sie 1978 zum ersten Mal las, stark beeindruckte und für mich – es war die Zeit der Apartheid in Südafrika – ein echtes „Aha-Erlebnis“ darstellte. Mein in der Kindheit, vor allem unbewusst erworbene Welt- und Menschenbild wurde dadurch erschüttert und nachhaltig verändert:
„Es besteht kein Zweifel darüber, dass die Unterscheidung zwischen sogenannten Weissen und sogenannten Schwarzen eine der grössten Bedrohungen für den Frieden in unserer Welt darstellt. Ganz abgesehen von den sterilen und hohlen Argumenten, mit denen der Nachweis für Unterschiede der Intelligenz bei Schwarzen und Weissen erbracht werden soll, ist eine Einteilung der Menschheit in zwei solch starre Kategorien barer Unsinn. Es gibt keine wirklich schwarzen oder weissen Menschen. Natürlich variiert der Grad der Pigmentierung innerhalb der verschiedenen Völker, und das muss auch so sein, weil das Pigment die Funktion hat, die Haut vor ultravioletten Strahlen zu schützen. Denn je mehr man sich dem Äquator nähert, um so unfiltrierter erreichen diese Strahlen den Körper und erhöhen damit die Notwendigkeit eines Schutzfaktors. Deshalb ist es ganz klar, dass Völker, die seit langen Zeiten in der Nähe des Äquators leben, eine stärker pigmentierte Haut haben als weiter entfernt lebende. Deshalb kann man nur von unterschiedlichen Brauntönen sprechen und nicht von einer Schwarz-Weiss-Trennung.“
Ein weiterer Text aus dem Kapitel "Die grösste Revolution" hat mich ebenfalls besonders beeindruckt, der Streit zwischen dem Schöpfungsmythos und der Evolutionstheorie, der 1860 in Oxford von Bischof Samuel Wilberforce und Thomas Huxley ausgetragen wurde:
(…) sechs Monate nach der Veröffentlichung [Darwins Werk Über den Ursprung des Menschen] brach der entscheidende Kampf zwischen Evolutionisten und den Anhängern der Lehre von der göttlichen Erschaffung der Welt auf. Das geschah anlässlich der alljährlichen Zusammenkunft der “British Association for the Advancement of Science” in Oxford. Darwin selbst war nicht anwesend. Die Protagonisten der berühmten Debatte von 1860 waren der Bischof Samuel Wilberforce (Sprachrohr von Richard Owen) und Thomas Huxley. Das Wortgefecht zwischen diesen beiden Männern entzündete sich im Anschluss an die Vorlesung einer Schrift eines gwissen Dr. Draper, eines Amerikaners, der sich mit der “Intellektuellen Entwicklung unter besonderer Berücksichtigung der Ansichten des Herrn Darwin” befasst hatte. Die Atmosphäre im Vorlesungssaal, in den sich etwa siebenhundert Studenten gedrängt hatten, war gespannt. Das Auditorium muss gespürt haben, dass dies die Zeitenwende zwischen der Schöpfungstheorie und der Evolutionstheorie einläutete.
Wilberforce, ein hervorragender Redner, erhob sich und began einen eloquenten Angriff auf Darwins Thesen. Owen hatte ihn gründlich angestachelt. Am Ende richtete sich jedoch sein Eifer, einen guten Eindruck zu machen, gegen ihn selbst. Er wandte sich Huxley zu und fragte ihn mit unverhohlenem Sarkasmus: “Und Sie, Sir, stammen Sie grossväterlicherseits oder grossmütterlicherseits vom Affen ab?” Huxley murmelte vor sich hin: “Der Herr in seiner Güte hat ihn mir ausgeliefert”. Er erhob sich, legte in geschliffenen Worten die wissenschaftliche Argumentation dar und reagierte erst dann auf Wilberforces ätzenden Spott: “Niemand braucht sich zu schämen”, so sagte er, “einen Affen zum Urahn zu haben. Wenn ich mir einen Vorfahr aussuchen sollte und dabei wählen müsste zwischen einem Affen und einem gelehrten Mann, der seine Logik dazu missbraucht, ungeschulte Zuhörer in die Irre zu führen, und der eine schwerwiegende und philosophisch ernstzunehmende Fragestellung nicht mit sachlichen Argumenten angeht, sondern sie wissentlich der Lächerlichkeit preisgibt – wenn ich da wählen müsste, würde ich mich ohne zu zögern für den Affen entscheiden.” Schallendes Gelächter belohnte diese Retourkutsche, und der gedemütigte Wilberforce musste sich gechlagen geben. Die Evolutionstheorie hatte gewonnen – zumindest für den Augenblick.”
Dass heute, fast 170 Jahre später, diese Erkenntnis noch nicht Allgemeingut geworden ist, halte ich für ein Phänomen, wichtig genug, mit einer eigenen Forschung untersucht zu werden mit der Fragestellung: Was hindert den Homo sapiens daran, in wissenschaftlichen Fragestellungen konsequent naturwissenschaftlich zu denken und vorzugehen, d.h. Hypothesen zu bilden, diese zu verifizieren und zu falsifizieren, so lange, bis sie entweder stimmen oder eben nicht? Inzwischen ist das Buch zu einem meiner Lieblingsbücher geworden und ich empfehle es wärmstens, auch für Pädagogen zur Verwendung im Schulunterricht.
Willy Wahl
Die Autoren
Richard E. Leakey, Direktor des Nationalmuseums in Nairobi/Kenia, ist ein angesehener Paläontologe und Anthropologe; Roger Lewin ist Biochemiker und naturwissenschaftlicher Herausgeber der Zeitschrift „New Scientist“.

Hoffmann und Campe ISBN 3-455-08931-3 – Es erschien 1978 und ist noch antiquarisch erhältlich.















































































