André Gide - Eine Würdigung anlässlich des Todes des Literaturnobelpreisträgers 1951
(Red.) André Gides Weitsichtigkeit bezüglich der russischen Kultur ist heute so aktuell wie damals. Der Autor dieser schönen Würdigung, Friedrich Liebling, war ein Ausnahmepsychologe, der weit über den Tellerrand der althergebrachten Psychologie und Psychiatrie hinausblickte. Er beschritt mit Alfred Adler den naturwissenschaftlichen Weg und überwand den heute noch verheerend wirkenden Vererbungsgedanken im psychischen Bereich. Er war Leiter und Gründer der «Zürcher Schule für Psychotherapie». In unregelmässigen Abständen bringen wir Aufsätze aus seiner Feder.(ww)
Die Nachricht vom Tode des berühmten Schriftstellers wird weit über die Grenzen Frankreichs hinaus die ganze kultivierte Welt mit Trauer erfüllen. Mit André Gide ist ein großer Mensch und großer Dichter dahingegangen, einer der «resümierenden Geister», in denen sich die kulturellen Leistungen verschiedener Nationalitäten und verschiedener Epochen zu einem originalen Ergebnis vereinigten. Dieser wahrhaft europäisch gesinnte Franzose hat in einzigartiger Weise das Lebensgefühl einer Epoche, der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts, ausgesprochen, und seine literarisch-geistige Vielseitigkeit erweckte in den Herzen einer ganzen Generation sowohl lebhafteste Anerkennung wie auch — an Gegnern hat es ihm nie gefehlt — leidenschaftlichste Ablehnung. Und doch kann, abseits «von der Parteien Haß und Gunst», festgestellt werden, daß auch kommende Jahrhunderte ihn noch nennen müssen, wenn sie von den repräsentativsten und geistvollsten Vertretern abendländischer Kultur in diesem im Hinblick auf die geistigen Auseinandersetzungen mehr als dramatischen Zeitalter Bezug nehmen werden.
Im Jahre 1869 in Paris geboren, genoß der früh vaterlos gewordene junge André Gide eine fast puritanisch zu bezeichnende protestantische Erziehung, die den schwächlichen Knaben mit äußerster Strenge zu Moralität und Sittlichkeit zu bilden trachtete. Das bürgerliche Elternhaus legte besonderen Wert auf die Bildung durch die Kunst, so daß Musik, Theater, Literatur und Malerei bereits dem kleinen Knaben nahegelegt wurden.
Dabei war von besonderer Wichtigkeit, daß er von früh auf «über die Grenzen» sehen lernte und schon als Jüngling die europäische Literatur in sich aufnahm. Hölderlin und Keats, Novalis und Coleridge, Heine und Shelley wurden von ihm bewundert — später traten noch Shakespeare, Tagore, Nietzsche und der über alles geschätzte Goethe hinzu. Die universale Belesenheit, die verständnisvolle Einfühlung in das Geisteserbe auch der nichtfranzösischen Literatur machen einen wesentlichen Bestandteil des Gideschen Genius aus. Gide war in kultureller Hinsicht ein hervorragender Vermittler, und gerade für die geistige Annäherung der mit gegenseitigen Mißverständnissen so schwer belasteten Franzosen und Deutschen hat er wohl einen der größten Beiträge geliefert.
Sein literarisches Lebenswerk ist ebenso mannigfaltig und gestaltenreich wie seine vielseitige, stets wandlungsfähige und wandlungsbegierige Persönlichkeit. Angefangen von den «Cahiers d'Andre Walter» (1891), seinem Erstlingswerk, bis zum «Theseus», seiner letzten bedeutenden Publikation, ergießt sich der gewaltige Strom seiner Phantasie und Schaffenskraft in die verschiedenartigsten Typen von Menschen und Unmenschen, die er mit derselben Liebe und Sorgfalt darzustellen gewohnt ist. Und es ist immer der proteusartige André Gide und sein zum Kunstwerk geformtes Leben, das aus seinen Romanen, Theaterstücken, Essays usw. hervorleuchtet, allerdings jeweilen — abgesehen von dem autobiographisch gedachten, monumentalen «Journal 1889—1942» — aus dem Erlebnismäßig-Einmaligen in die überzeitlich gültige Sphäre der Kunst emporgehoben.
In seinen ersten Veröffentlichungen sind es vor allem die persönlichen Probleme, mit denen der junge Dichter offensichtlich zu ringen hat. Hinter dem bleichen, musikfanatischen André Walter erkennt man ohne Mühe den Verfasser der «Cahiers» — ähnliches gilt auch für die Hauptgestalten des «Traite de Narcisse», der «tentative amoureuse », des «voyage d'Urien» usw. Der allgemeine Grundzug dieser Schriften ist das Bestreben, aus dem Garten der Kunst in die Naturlandschaft des Lebens zu gelangen. Während noch der Held der «tentative» in Hamletscher Gedankenblässe verlangt, daß man nur «an Reines, Dauerhaftes denken» möge und der Reisende Urien nach seinem ausführlichen Reisebericht seiner Zuhörerin erklärt, er habe sie bloß zum besten gehabt, beginnt der Verfasser des «Urien» selber zu reisen — und zwar nicht nur in der Phantasie.
Der Durchbruch aus dem idealen Bereich der reinen Kunst zur lebendigen Wirklichkeit geschieht in Nordafrika, das für Gide eine Art von goetheschem Italien werden sollte. Dort erfährt er in beglückenden Aufschwüngen, was «leben» heißt. Der melancholische Grübler gerät in einen euphorischen Taumel, der sich im herrlichen Hymnus der «Nourritures terrestres» (Uns nährt die Erde) Ausdruck verschafft. Das Buch ist als Unterweisung eines Jüngers namens Nathanael gedacht, dem die ganze Herrlichkeit der Erde, des Lebens, des Menschseins und der unendlichen Genüsse geschildert werden soll. Alle Arten von Wollust, Glück und Seligkeit sollen aufgezählt werden, damit der «Schüler» in der Kunst des unbeschränkten Genießens eingeführt werde. «0 mein Nathanael, ich will dich in der großen Inbrunst unterweisen!» Und nicht genug, daß der liebestrunkene Wanderer alle Möglichkeiten der erreichbaren Lust enthusiastisch aufzeigt, bricht er noch in den Ruf aus:
« Où sont, Nathanael, dans nos voyages
De nouveaux fruits pour nous donner d'autres désirs?»
Es ist der Geist Nietzsches, der sich in den «nourritures terrestres» ankündigt — der dionysische Bejaher des Lebens, der Sänger des «Trunkenen Lieds» und des «Jaund- Amen-Lieds» hat einen Nachfolger gefunden. Nicht zufällig, denn die Lektüre und die eingehende Auseinandersetzung mit dem Nietzscheschen Werk ist den «nourritures» vorausgegangen. Darüber hinaus aber machen sich deutliche Einflüsse der Dichtung eines Rimbaud, Walt Whitmans bemerkbar, wobei allerdings festzustellen ist, daß diese Art von «Lebensgefühl» irgendwie auch der Zeit entsprach und bald danach in der Bergsonschen Philosophie des «elan vital» in kosmischer Ausweitung zutage treten sollte.
Die «nourritures» machten ihren Verfasser zu einem mehr als umstrittenen Autor, der sich die treue Feindschaft konfessioneller und konservativer Kreise für die ganze Dauer seines Lebens zuziehen und sichern sollte. Daran vermochte auch «La porte étroite», eine versuchte Rückkehr in religiöse Denkformen, nicht viel zu ändern, da bald darauf der «Corydon» und die «Caves du Vatican» der für die Tradition besorgten Kritik einen schweren Schock versetzten. Mit der ihm eigenen Redlichkeit und Wahrheitsliebe erörterte Gide das Problem der Homosexualität und scheute nicht davor zurück, in seinem autobiographischen «Si le grain ne meurt» von eigenen Erlebnissen und Erfahrungen zu sprechen.
Der Bekennermut ließ ihn jede seiner Auffassungen, wie sehr sie auch dem Denken der Kollektivität widersprechen mochte, unverhohlen seinen Lesern mitteilen, und da er mit Nietzsche an der überlieferten Moral zweifeln gelernt hatte, begann er sie — ebenso wie die Religion — zu attackieren. Für die katholischen Freunde, Maritain, Henri Gheon, Paul Claudel usw., war damit ein Anlaß gegeben, sich gänzlich von ihm abzuwenden; Claudel als einer unter wenigen hielt die Freundschaft aufrecht und wurde während Jahrzehnten nicht müde, seinem Freunde die Vorzüge des Katholizismus — bei dem widerspenstigen André Gide jedoch ganz vergeblich — zu lobpreisen.
Und wenn ihm dann André Gide schließlich mitteilte: «Wirklich, ich interessiere mich überhaupt nicht mehr für mein Seelenheil», wußte ihm der besorgte Freund tröstend und eifernd entgegenzuhalten: «Aber Gott interessiert sich für dein Seelenheil, und wird nie aufhören, sich dafür zu interessieren», womit die Diskussion ein vorläufiges Ende fand.
In den langen Jahren seines dichterischen Schaffens hat Gide immer wieder Einkehr bei sich selbst gehalten, und in den zahlreichen Bänden seines «Journal» sowohl sein Leben als auch seine Dichtung selber kommentiert. In diesen Tagebüchern nähert er sich dem Anziehungsbereich eines Großen des Geistes, den er zeit seines Lebens verehrt und bewundert hat — Michel de Montaigne, des aristokratischen Skeptikers des 16. Jahrhunderts. Mit Montaigne könnte Gide von sich selber sagen:
«Es gibt kein Ungeheuer und kein Wunder auf Erden, das mich mehr fesselte als mein eigener Charakter… Je mehr ich mich selbst erforsche und ergründe, desto mehr verblüfft mich meine eigene Deformation — desto weniger verstehe ich mich.»
Entzückt von der Aufrichtigkeit Montaignes, seiner «heureuse audace dans l'indiscrétion personnelle», versucht Gide an sich selber die gleiche Selbsterforschung und Selbstanalyse und gibt dabei ein bewegtes Selbstporträt von außerordentlichem psychologischem Scharfsinn.
Dank dem «Journal», das zu den besten Publikationen seiner Gattung gehört, gewinnen wir Einblick in die komplizierten Regungen seiner Seele, sehen seinen schöpferischen Geist in Aktion. Und wenn Montaigne sagt: «Ich male nicht das Wesen, sondern den Übergang», so kann Gide das mit gleichem Recht auch für sich behaupten. Und indem er sich selber und sein Leben schildert, stellt er das Wesen «Mensch» in reiner Allgemeingültigkeit dar; denn — wieder nach Montaigne: «Chaque homme porte la forme entière de l'humaine condition.»
Eine Aufzählung der Werke André Gides wäre unvollständig, wenn sie nicht auch auf die «Faux-Monnayeurs» (1926) Rücksicht nehmen würde. Gide selber bezeichnet die «Falschmünzer» als seinen «ersten Roman», wenngleich schon vorher «Les caves du Vatican», «L'Immoraliste» und «La porte étroite» erschienen waren. Dies wird nur aus den hohen Anforderungen begreiflich, die Gide an einen echten Roman» stellte.
Er verlangte, daß der Roman ein lebendiger Mikrokosmos sei, in dessen Gestaltungen sowohl Anmut als auch Luzidität in gleicher Weise Wirklichkeit werden sollten. Wenn es auch fraglich bleibt, ob die «Falschmünzer» in ihrer unerhört verwickelten, kompliziert-vielschichtigen Handlung diesem Ideal nahekommen, muß doch der die Vielfalt der Themen und Motive bändigende organisatorische Wille des Autors anerkannt und gewürdigt werden. Die «Faux-Monnayeurs» sind wohl der reichste und gültigste Ausdruck des Gideschen Wesens, welches sich in diesem Roman in seiner überwältigenden Mannigfaltigkeit offenbart.
Auch die beiden letzten Jahrzehnte seines Lebens hat André Gide mit produktiver, schöpferischer Tätigkeit auszufüllen gewußt. Der unversiegbare Born seiner künstlerischen Gestaltungen hörte nicht auf zu sprudeln, und das Genie des Schriftstellers gewann mehr und mehr eine klassische Sicherheit und harmonische Ausdruckskraft. Dabei entfaltete sich aber auch neben dem Dichter Gide der Moralist und Ethiker, der in leidenschaftlicher Redlichkeit nach einem tragfähigen, sozialen Ideal der Zukunft Ausschau hielt.
Schon im Jahre 1914 hatte er in seinen «Les Souvenirs de la Cour d'Assise» das soziale Problem aufgegriffen. Durch Zufall war er zum Geschworenen geworden und mußte so mitansehen, wie selbstgefällige, biedere Bürger aus ihrer Sattheit heraus mit gutem Gewissen die «Delinquenten» verurteilten. Hiergegen erhob er den leidenschaftlichen Protest des «Ne jugez pas!» und ergriff Partei für die Angeklagten gegen den allgemeinen Kläger, nämlich die bürgerliche Gesellschaft, das herrschende politische und ökonomische System.
Einen weiteren massiven Angriff gegen die bestehenden sozialen Formen brachte sein «Voyage au Congo» (1927), ein Buch, das dem französischen Imperialismus einen entscheidenden Stoß versetzte. Die Reise nach dem Kongo vollzog die lang vorbereitete Wandlung Gides zum sozialkritischen und revolutionären Denken. Mit schonungsloser Offenheit enthüllt er die Ungerechtigkeiten und Brutalitäten des französischen Kolonialregimes und des gesellschaftlichen Systems, auf dem es sich aufbaut.
«Dies System, so ward mir schließlich klar, muß durch und durch angefault sein.» Die düstere Chronik ist ein flammendes «j'accuse», das die «christliche» und «demokratische» Zivilisation anklagt, die den Neger zum Sklaven herabwürdigt.
Aus dieser Situation heraus wird es verständlich, daß André Gide nach einer neuen sozialen Hoffnung suchte und diese im neuen Rußland realisiert glaubte. In einer Tagebuchnotiz vom 13. Mai 1931 heißt es:
«Vor allem möchte ich lange genug leben, um den Triumph des russischen Experiments zu sehen und dabei zu sein, wenn die Völker Europas das werden anerkennen müssen, was so lange und mit solcher Bosheit verleumdet wurde. Wie sollte ein so gewaltiges organisatorisches Werk durchgeführt werden ohne eine Übergangsperiode der Desorganisiertheit? Nie zuvor war mein Geist mit so leidenschaftlicher Neugier dem Kommenden hingewendet. Von ganzem Herzen begrüße ich dieses übermenschlich große und dabei durchaus menschliche Experiment.»
Dieser Glaube Gides ging nie so weit, daß er die Methoden des Kommunismus billigte, wenngleich er an der Annahme festhielt, daß sie zum idealen Ziele hinführen könnten. Deshalb scheute er, der seine Überzeugungen stets mit Konsequenz vertreten hatte, nicht davor zurück, zum öffentlichen Propagandisten des Kommunismus zu werden. Seine Botschaft an den «Weltkongreß der Jugend gegen Krieg und Faschismus» ist nur ein Ausschnitt aus einer überaus regen Propagandatätigkeit.
«Das Beispiel der Oktoberrevolution hat den Völkern zum Bewußtsein gebracht, in welchem Zustand der Unterdrückung und des Elends sie vom kapitalistischen System gehalten werden.»
So sprach der aristokratische Schriftsteller, der Meister subtiler Sprachkunst, von dem man wenige Jahre vorher kaum hätte annehmen dürfen, daß ihn ein anderes Problem als das der Schönheit und künstlerischen Gestaltung interessieren würde. Nun aber heißt es, den früheren Individualismus mit dem Sozialismus verbinden:
«Worauf es aber vor allem ankommt, ist, die Lebensbedingungen der Masse so zu gestalten, daß eine gesunde Entwicklung des Einzelnen gewährleistet scheint.»
Nur aus diesem Gesichtspunkt heraus kann man die «Nouvelles nourritures» (1936), die Variation auf ein altes Thema, gebührend würdigen. Diese hymnische Dichtung bekennt sich mit strömender und starker Eloquenz zum Fortschrittsglauben, zum Glauben an die Entwicklungsfähigkeit des Menschen. Dem Menschen ist nichts unmöglich; er kann das Paradies auf Erden schaffen, wenn es ihm gelingt, Trägheit und Selbstsucht in sich zu überwinden und wahrhaft er selbst, wahrhaft — Mensch zu werden. Und dies — so meint André Gide noch 1936 — wird im Kommunismus der Fall sein.
Die Stalinisten jubelten, einen derart repräsentativen Vertreter der abendländischen Kultur für sich gewonnen zu haben. Ihre Propagandamaschine wurde auf höchste Touren gebracht, um der Weltöffentlichkeit die Bedeutung dieser historischen Konversion gebührend klar zu machen. Gide und Stalin! Der bedeutendste Schriftsteller Frankreichs hatte sich zu der sozialen Partei geschlagen, stand in einer Reihe mit den kommunistischen Intellektuellen André Malraux und Louis Aragon.
Moskau hatte sich aber zu früh gefreut. Im Juni 1936 nahm Gide mit einer Gruppe von Freunden die Einladung der Sowjetregierung an, dem Vaterlande des Weltsozialismus einen Besuch abzustatten. Er fuhr nach Rußland mit der festen Überzeugung, seine Ideale wenigstens teilweise als Wirklichkeit zu sehen. Geduldig und scheinbar ohne jegliche Mißbilligung machte der offizielle Gast alle offiziellen Anlässe mit, ließ sich die Errungenschaften des neuen Regimes und auch die für die Ausländer bereitgehaltenen «Potemkinschen Dörfer» zeigen, von unermüdlicher Wißbegierde getrieben, das «Vaterland aller Werktätigen» kennenzulernen. Nach seiner Rückkehr nach Frankreich wartete Moskau — und auch die Weltöffentlichkeit — auf den Bericht Gides.
Als aber Gides «Retour de l'U.R.S.S.» im Jahre 1936 erschien, da verfluchten die Stalinisten die Stunde, in der sie Gide nach Rußland eingeladen hatten. Der «retour» war nicht ein erhofftes Propagandainstrument, sondern eine scharfe Kritik, die vor allem die Gleichschaltung des russischen Geisteslebens und den reaktionären Charakter des sowjetischen Regimes betraf. Gide wollte der UdSSR keineswegs schaden — er warnte noch (1936) als besorgter Freund, der die Sache des Fortschritts in gefährlichster Weise bedroht sah.
So hob er den Sowjetnationalismus als Rückfall in reaktionäre Denkformen hervor; er kritisierte den widerlich werdenden Stalinkult, sowie den krassen Gegensatz zwischen dem hohen Lebensstandard der neuen «herrschenden Klasse» und der Armut der Massen; die Arroganz einer Staatsbürokratie, deren Kontrolle kein Bürger des ungeheuren Landes sich zu entziehen vermochte. In diese Kritik mischte sich die Bitterkeit einer gründlich enttäuschten Hoffnung.
An diese schwere Enttäuschung schlossen sich einige Jahre später die niederschmetternden Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges an. In ungebrochener Schaffenskraft wirkte Gide weiter und reihte sich in die geistige Elite der Resistance ein. Die Nachkriegsjahre brachten noch von dem Achtzigjährigen den «Robert, ou l'intérêt général», den «Theseus» und Ergänzungen zum «Journal».
Der Tod hat dem Unermüdlichen die Feder aus der Hand genommen — ein Leben im Dienste der Kunst, der Schönheit sowohl wie des Ethos ist jäh zu seinem Ende gekommen. Europa und die ganze Welt erleiden einen schweren, unersetzlichen Verlust. Den Überlebenden bleibt die Aufgabe, das Vermächtnis André Gides zu wahren und das Zeitlos-Gültige aus seinem Werk in eine bessere Zukunft hinüberzuretten.
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Quelle: Autor: Polybios -Zeitschrift: Rote Revue: sozialistische Monatsschrift Band (Jahr): 30 (1951) Heft 4