Skip to main content

Seniora.org unterstützen

von Gilbert Doctorow 4. August 2025  – übernommen von gilbertdoctorow.substack.com
5. August 2025

„Sechzig Minuten“ schlägt optimistische Töne an


Russland hat alle Karten in der Hand - Gelassenheit ist angesagt (Bildquelle fotocommunity.de)

(Red.) Gilbert Doctorow präsentiert hier eine klare Analyse der Stimmung in Russland bezüglich der Lage gegenüber dem Westen und der NATO. Russland hat alle Trumpfkarten in der Hand und spielt sie aus. Nur durch die Eindämmung der westlichen Aggression ist eine friedliche Welt in Eurasien zu erreichen. Hoffentlich haben sie mit den anstehenden Verhandlungen Erfolg. (am)

Wie ich in den letzten Wochen mehrfach beobachtet habe, ist Sensationsmache in allzu vielen alternativen Medien, die sich mit dem Krieg zwischen Russland und der Ukraine befassen, an der Tagesordnung. Sie schüren haarsträubende Ängste. Täglich hören wir, dass Donald Trump durchgedreht sei, an beginnender Demenz leide und dass seine bizarren Entscheidungen in Fragen der nationalen Sicherheit, wie die Entsendung von zwei atomar bewaffneten U-Booten in die Nähe des russischen Kriegsschauplatzes, eine Eskalation bedeuten, die uns direkt in den Dritten Weltkrieg und in die Vernichtung führen werde.

Vor dem Hintergrund dieser Hysterie war es beruhigend, heute Abend die russische Kommentarsendung „Sechzig Minuten“ mit Olga Skabeyeva zu sehen. Optimismus war die vorherrschende Botschaft der „Stammgäste“, lokaler Moskauer Diskussionsteilnehmer, die mehrmals pro Woche in der Sendung auftreten, aber auch des „Tele-Bridge“-Gastes in Washington, D.C., dessen Name einigen Lesern wohl bekannt sein dürfte: Dr. Mark Episkopos, Eurasia Program Research Fellow am Quincy Institute.

Episkopos führte seinen Teil des Gesprächs mit Skabeyeva in sehr gutem Russisch. Aber zu seiner Ehre muss man sagen, dass sein Beitrag mehr als nur sprachliche Fähigkeiten erforderte. Er zeigte ein ungewöhnliches Maß an gesundem Menschenverstand und Wissen über das Thema, was ihn von den bekannteren Größen des Quincy Institute wie seinem Chef, dem Direktor des Eurasia-Programms Anatol Lieven, und dem emeritierten Vorsitzenden des Quincy Institute, Andrew Bacevich, unterscheidet.

Episkopos zeigte sich unbeeindruckt von Trumps angedrohten Sekundärsanktionen gegen China und Indien, die zu nichts führen werden, wie Trump selbst gestern gegenüber der Presse fast zugab. Er geht fest davon aus, dass eine diplomatische Lösung für den Krieg zwischen der Ukraine und Russland gefunden werden wird.

Was die „Stammgäste“ betrifft, so wurden die scheinbar gefährlichen Eskapaden Trumps kurzerhand abgetan. Die Entsendung der beiden atomar bewaffneten U-Boote in die Nähe Russlands wurde als reiner „Populismus“ bezeichnet   – also als etwas, um die Bevölkerung im eigenen Land zu beeindrucken, obwohl es militärisch gesehen nichts bedeutet und sicherlich nicht zu einer Eskalation führen wird, die eine Gegenreaktion Russlands provozieren würde. Sie stellen keine existenzielle Bedrohung für Russland dar, die gemäß dessen jüngster Doktrin einen russischen Atom-Erstschlag auslösen würde. Warum? Weil die Raketen auf diesen U-Booten eine Reichweite von 15.000 km haben und somit jeden Ort in Russland treffen könnten, selbst wenn sie in ihren Stützpunkten an der Ost- und Westküste der USA stationiert sind. Darüber hinaus sind sie durch russische Raketen leicht zu zerstören.

Was denken die „Stammgäste“ über den Besuch von Steve Witkoff in Moskau, der nun für Mittwoch geplant ist? Sie glauben, dass dies wenig mit Trumps Ultimatum zu tun hat, jetzt einen Waffenstillstand mit der Ukraine zu schließen, sonst drohen Konsequenzen. Nein, es geht um all die anderen globalen Themen, die zwischen den beiden Atommächten zu diskutieren sind. Dazu gehört auch der Zugang der USA zu russischen Seltenerdmetallen, um die Abhängigkeit der USA von China zu verringern. Das ist jetzt, da die letzten Verhandlungen über Zölle mit China bevorstehen, ein sehr aktuelles Thema.

Ich wage die Vermutung, dass das Selbstbewusstsein Russlands im Umgang mit Washington durch die jüngsten Erfolge auf dem Schlachtfeld gestärkt wurde. Die Vorstellung, dass Trump und Europa Kiew mit neuen Waffenlieferungen zu Hilfe kommen könnten, wird als zu wenig und zu spät abgetan. Wie die staatlichen Nachrichten heute Abend zeigten, sind russische Truppen bereits in Bezirke des wichtigen Logistikzentrums Pokrowsk (russisch Krasnoarmeisk) vorgedrungen, und wir können davon ausgehen, dass die Stadt in den nächsten Wochen fallen wird. Danach gibt es nur noch die weniger befestigten Städte Kramatorsk und Slawjansk im Westen, die die Ebenen schützen, die direkt zum Dnjepr führen. Aber abgesehen von der Eroberung der gesamten Oblast Donezk durch Russland in der laufenden Offensive bedeuten die Zerstörung der Logistikzentren Pokrowsk und des kürzlich eingenommenen Chasov Yar, dass die Versorgung der Ukrainer mit Waffen und die Verlegung von Truppen entlang der gesamten Konfliktlinie unterbunden sind. Das bedeutet, dass die zweitgrößte ukrainische Stadt Charkow im Osten nicht durch Sturmtruppen oder Bomben und Raketen fallen könnte, sondern einfach durch die Unfähigkeit der ukrainischen Verteidiger, den Kampf aufgrund mangelnder Versorgung fortzusetzen.

Wenn man die russischen Kommentare in den russischsprachigen Ausgaben von Judging Freedom oder das Interviewprogramm von Professor Glenn Diesen verfolgt, sieht man die wiederholten Forderungen nach einer sofortigen Eroberung von Odessa. Einige Kommentatoren fügen hinzu, dass dies einen direkten Kontakt zur russischsprachigen Enklave Transnistrien eröffnen würde, die sich in offener Revolte gegen die pro-westliche moldauische Regierung in Kischinau befindet. Ja, aber noch wichtiger ist, dass Russland, wenn es Odessa einnimmt, was nach der Eroberung des Donbass bis zum Dnjepr das logische nächste militärische Ziel wäre, der NATO jegliches Interesse an der Kontrolle der Ukraine nehmen würde. Die Restukraine ohne Odessa, ohne einen Hafen am Schwarzen Meer, wäre militärisch nutzlos und wirtschaftlich ein hoffnungsloser Fall.

Aus dem Vorstehenden sollte klar sein, dass der Krieg vor Ende dieses Jahres militärisch beendet sein könnte. Und das könnte die bereits offensichtliche Spaltung der ukrainischen Eliten vollenden und zu dem politischen Zusammenbruch führen, den ich seit einiger Zeit vorhersage.

Was kann der Westen gegen dieses bevorstehende Debakel tun? Absolut nichts.



Die Übersetzung besorgte Andreas Mylaeus