Polybios: Simone Weil – ein freier Geist und Sozialistin im schönsten Sinne des Wortes
(Red.) Der Ausnahme-Psychologe Friedrich Liebling, der als jüdischer Flüchtling vor den Nazis Aufnahme und Schutz in der Schweiz gefunden hatte, schrieb in den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts unter dem Pseudonym Polybios seine Gedanken in Anbetracht der Verheerungen des zweiten Weltkrieges in diversen Essays nieder. Unseren Lesern legen wir diese in unregelmässigen Abständen vor, weil sie uns in der heute wieder so kriegerisch aufgeheizten Zeit Orientierung und Ausweg bieten können.(ww)
Unter den neueren französischen Autoren gibt es nur wenige Erscheinungen von derart eindrucksvollen Konturen wie Simone Weil, die während des Krieges in London verstorbene Verfasserin einer ganzen Reihe von Werken, deren philosophisch-soziologische Bedeutung immer mehr anerkannt wird.
In der Verborgenheit des heimlichen Asyls entstanden, treten diese Werke nach und nach ans Tageslicht, herausgegeben von jenen, die die ständig unter Lebensgefahr lebende Philosophieprofessorin (sie war jüdischer Herkunft) versteckt gehalten haben, und auch von andern, wie Camus, die sich gesinnungsmäßig mit Simone Weil verwandt fühlen. So abenteuerlich wie ihre Schriften, in denen der Gedanke pulsierendes Leben verkündet, ist auch ihr Lebenslauf, der Simone Weil aus bürgerlichem Milieu in die Kreise der Arbeiterschaft, der republikanischen Armee Spaniens und in ihr Londoner Exil geführt hat.
Auf der Seite der Enterbten und Entrechteten
Schon sehr früh hat sie sich der revolutionären Bewegung zugewendet. Die soziale Ungerechtigkeit hatte sie auf die Seite der Enterbten und Entrechteten gestellt, und ihr ganzes Leben galt dem Kampfe um gesellschaftliche Erneuerung. Der Bolschewismus war zunächst auch für sie eine große Hoffnung, aber sie erkannte bald, daß man in Rußland Industrialisierung mit Sozialismus verwechselt. Ihr ging es vor allem auch um die Freiheit des Einzelnen; sie war nicht gewillt, die individuelle Freiheit preiszugeben für ein illusionäres Freiheitsparadies, das für Kind und Kindeskinder versprochen wurde.
Nach ihrer Abkehr vom Stalinismus näherte sich Simone Weil den übrigen revolutionären Gruppen. Sie bewegte sich in den Kreisen der Anarchisten, revolutionären Syndikalisten und Trotzkisten, wahrte aber immer die Unabhängigkeit ihres Denkens, das sich nie voll und ganz mit einer bestimmten Doktrin deckte. Die Kreise um die Zeitschrift «Révolution prolétarienne» nahmen sie auf, und sie empfing die stärksten Eindrücke von diesen kommunistischen Syndikalisten, die auch dem Anarchismus nahestanden.
Im Jahre 1931 wurde Simone Weil Professorin am Lyzeum von Puy. Sofort wandte sie sich an die syndikalistische Gruppe dieses Bezirkes und begann an Aktionen und Studienzirkeln mitzuarbeiten. Sie studierte die sozialistischen Theoretiker und bemühte sich um ein vertieftes Verständnis der Lage der Arbeiterklasse. Im Umgang mit den Arbeitern suchte sie sich ihnen anzugleichen; sie nahm an ihrem Leben teil, sie ging in ihre Wohnungen, sie arbeitete und vergnügte sich mit ihnen. Ihre Kleider waren gewöhnlich einfacher als diejenigen der Arbeiterfrauen.Die ungeheure Gelehrsamkeit und die Kultur ihres Geistes wußte sie im Zusammensein mit dem arbeitenden Menschen zurückzustellen, und sie gab sich dabei so natürlich, daß niemals der geringste Verdacht von Herablassung hätte entstehen können.
Die Teilnahme am Leiden der andern war für sie ein Entrinnen von ihrem eigenen Leid. Wir wissen von ihr selbst, daß sie ständig an Kopfschmerzen litt, die ihr das Leben zur Qual machten und sie nur selten zur Ruhe kommen ließen. Darüber hinaus litt sie an den moralischen Übeln der Zeit, an der Ungerechtigkeit der Welt — die Melancholie begleitete sie auf ihrem Lebensweg, eine tiefe Trauer über «das Unglück dieses Jahrhunderts und aller vergangenen Jahrhunderte». Es mag vielleicht an dieser Stelle auch erwähnt werden, daß Simone Weil häßlich war, und die Häßlichkeit hat ihr — wie es im Leben einer Frau begreiflich ist — manches Leid gebracht; denn es war nicht jedermanns Sache, das große Herz zu erkennen, das dieser wenig schöne und schwächliche Körper in sich verbarg.
Gedanken zu einer "Proletarischen Revolution"
Einen Großteil ihres Salärs übergab sie in Puy der Arbeiterklasse zum Ankauf von Büchern usw. Sie entschloß sich, mit fünf Franken im Tag zu leben: dies war die Summe der Arbeitslosenunterstützung, und sie erachtete es für ein unerträgliches Privileg, mehr zu verbrauchen als jene, die ihres Arbeitsplatzes beraubt waren. Sie stellte sich an die Spitze einer Arbeitslosenkampagne. Im August 1933 veröffentlichte sie in der «Révolution prolétarienne» einen Aufsatz «Perspektiven — Gehen wir einer proletarischen Revolution entgegen?», worin sie sich mit den Möglichkeiten einer Revolution auseinandersetzt.
Die proletarische Lebensweise schien ihr unvereinbar mit der Menschenwürde. Aus ihrem Mitgefühl mit dem arbeitenden Menschen erwuchs ihr schließlich der Gedanke, die Beziehung zwischen Arbeit und Arbeiter durch eigenes Erlebnis zu erfahren: Sie entschloß sich, selber Lohnarbeiterin zu werden. In großbürgerlichem Milieu aufgewachsen, durch Philosophie und Geisteswissenschaften in einem bewundernswürdigen Grade geschult, trat Simone Weil trotz ihrer mangelhaften Gesundheit in eine Fabrik ein, um die Tragik der Arbeiterexistenz im Kapitalismus am eigenen Leibe zu verspüren. Die Fabrikpraxis bedeutete für sie kein «Experiment», denn sie war sich bewußt, daß der Gedanke an ein bloßes «Experimentieren» ihre Erfahrung verfälschen würde. Das Schicksal des Arbeiters wurde zu dem ihrigen, und es gibt keine Nuance im Beruf des gelernten und ungelernten Arbeiters, die sie nicht beobachtet und verstanden hätte.
Das Leben des Arbeiters
Sie vergaß die «Professorin» und nahm das Leben als Lohnarbeiterin so, als ob es für sie keinen Ausweg und keine Veränderung geben könnte. Und da trat ihr die Unmenschlichkeit in den Lebensbedingungen der Arbeiterklasse erschreckend vor Augen. Bis zu ihrem Tode litt sie an dem, was sie als Fabrikarbeiterin erfahren hatte. Diese Erfahrung läßt sich schwerlich in wenigen Worten andeuten; sie ist niedergelegt in dem Buche «La condition ouvrière» (Das Leben des Arbeiters), dem Aufschrei einer humanen Seele, die die Ungerechtigkeit in den Lebensbedingungen des Proletariers zutiefst mitgefühlt hat. Nicht nur als Opfer der materiellen Ungleichheit erkannte Simone Weil den arbeitenden Menschen; sie sah die erschöpfende Arbeit für ein Minimum an Lohn, und sie sah die moralische Ungleichheit, das seelische Manko, das daraus erwächst, daß dem Arbeiter das Interesse an seiner Arbeit fehlt. Indem man den Arbeiter immer denselben Bestandteil produzieren läßt, entzieht man ihm durch diesen menschenunwürdigen Mechanismus die wahre Schöpferfreude, die Lust am Schaffen, die durch die Teilnahme an einem sinnvollen Werk entsteht. Die Menschheit ist jahrhundertelang durch die Waffen und das Geld unterdrückt worden; Simone Weil zeigt nun auf, daß die Funktionalisierung des Menschen eine ebenso verheerende Unterdrückung ist — der Mensch zum Werkzeug degradiert: das ist die Bedingung des proletarischen Lebens.
In «La condition ouvrière» findet sich auch das «Fabriktagebuch», worin Simone Weil ihre Erlebnisse in umfassender Weise dargestellt hat. Aber auch an andern Orten hat sie sich über ihre erschütternden Einsichten ausgesprochen. So schreibt sie zum Beispiel:
«Ich wußte wohl, daß es viel Unglück in der Welt gibt, ja ich war von dieser Tatsache geradezu besessen, aber ich war mit diesem Unglück nie in einen andauernden Kontakt getreten. Aber in der Fabrik, wo ich ganz in der anonymen Masse der arbeitenden Menschen aufging, ist das Unglück der andern in meinen Körper und in meine Seele eingetreten. Nichts trennte mich davon ab, denn ich hatte wirklich meine Vergangenheit vergessen und erwartete nichts mehr von der Zukunft, denn ich konnte mir schwerlich vorstellen, daß ich diese physischen und psychischen Beanspruchungen sollte überleben können. Was ich dabei erlebt habe, hat mein Leben für immer gezeichnet; ich stehe noch immer derart unter dem Einfluß dieser Leiden, daß jedes Wort, das ohne Brutalität zu mir gesprochen wird, mir immer den Eindruck eines Irrtums erweckt, einer Sinnestäuschung, die sich früher oder später verflüchtigen muß. Ich habe in der Fabrik den Stempel der Sklaverei erhalten, ähnlich wie die römischen Sklaven, die auf der Stirne mit glühendem Eisen gezeichnet wurden. Seit dieser Zeit habe ich nicht aufgehört, mich als Sklave zu betrachten...»
Kampf auf Seite der Republikaner gegen den Faschismus in Spanien
Nach 1934 begab sich Simone Weil nach Spanien, um auf der Seite der Republikaner gegen den Faschismus zu kämpfen. Das Leben als Arbeiterin hatte die Schlagkraft dieses freiheitsliebenden Herzens nicht erschöpfen können; als es galt, die Freiheit gegen die Diktatur zu verteidigen, gewann dieser schwächliche Körper neue Spannkraft, und der niemals erlahmende Wille trieb zu neuen Leistungen der Selbstaufopferung und der Selbsthingabe. Der Einmarsch der Deutschen in Frankreich zwang sie «unterzutauchen»; sie wurde eine Zeitlang von Geistlichen verborgen gehalten und konnte im Jahre 1942 Frankreich verlassen, von wo aus sie — über Amerika — nach England reiste. Die Nachrichten über diese Zeit ihres Lebens sind spärlich; wir wissen, daß sie sich auf die knappe Lebensmittelration der Franzosen einschränkte und dabei Hunger litt; sie starb am 24. August 1943, «gebrochen durch den Hunger und die Schwindsucht».
Ihre Werke sind erst nach dem Kriege erschienen; sie wurden posthum herausgegeben und haben den Namen der Verfasserin rasch berühmt gemacht. In jedem dieser Bücher tritt uns Simone Weil entgegen als ein wahrhaft «existentieller Denker», eine Philosophin, die von der Not der Zeit ausgeht und deren Denken immer wieder darum bemüht ist, einen Ausweg aus dem gegenwärtigen Chaos zu finden. Ihre Größe besteht darin, daß sie das soziale Problem in seinem ganzen Umfang erfaßt und Metaphysik und Ethik in den Dienst der gesellschaftlichen Erneuerung gestellt hat. Wir müssen allerdings feststellen, daß nicht alle Werke Simone Weils von gleichem Gewicht sind — die im Vichy-Frankreich sich Verbergende geriet unter den Einfluß von katholischen Geistlichen und neigte in den letzten Jahren ihres Lebens zu einem Mystizismus, in dessen Bereich wir ihr nicht folgen können. Dies zeigt sich besonders ausdrücklich in dem Buche «Die Gnade und die Schwerkraft» sowie in dem aus Notizen und flüchtigen Entwürfen zusammengestellten «La connaissance surnaturelle» (Die übernatürliche Erkenntnis). Es wäre jedoch verfehlt, Simone Weil in ihrer späteren Entwicklung dem kirchlichen Denken zuzurechnen; ihr Mystizismus hat eine durchaus persönliche Prägung, und ihre Religiosität führt sie oft genug zu einer scharfen Kritik an den Religionen.
Mit "Die Entwurzelung" lenkt Weil den Blick auf die grosse Zeitkrankheit
Vier Bücher von Simone Weil sind von Albert Camus in seiner Sammlung «Espoir» herausgegeben worden; es sind dies die bereits erwähnten «Condition ouvrière» und «Connaissance surnaturelle» wie auch «Lettre à un religieux » (Brief an einen Religiösen) und «L‘ enracinement» (Die Einwurzelung), alle erschienen im Verlag Gallimard, Paris. Von allen diesen Arbeiten ist wohl «L'enracinement» die bedeutendste; sie trägt den Untertitel «Präludium zu einer Erklärung der Pflichten gegenüber dem menschlichen Wesen» und ist in der Tat die Leistung einer Gesetzgeberin, die alle Pflichten und Rechte des Menschen einander gegenüberstellt. Von ungewöhnlicher Aktualität sind die sorgfältigen Analysen der «Bedürfnisse des Menschen», in denen die Probleme der Ordnung, Freiheit, Verantwortlichkeit, Ehre, Sicherheit, Wahrheit usw. erörtert werden. Nach diesem Katalog dessen, was die menschliche Natur bedarf, um sich entfalten zu können, zeigt Simone Weil die große Zeitkrankheit der Entwurzelung auf — ihre Hauptformen sind die Entwurzelung des Arbeiters und diejenige des Bauern: das soziale Problem ist wesentlich ein Problem der Arbeiterschaft und des Bauerntums, bzw. deren Lage im gegenwärtigen Entwicklungszustand des Kapitalismus. In der Einleitung zu «Déracinement ouvrier» lesen wir:
«Es gibt eine gesellschaftliche Lebensbedingung, die gänzlich und ständig vom Geld abhängt, und dies ist die Lohnarbeit, besonders seit dem Zeitpunkt, wo die Stückentlöhnung den Arbeiter zu zwingen begann, ständig mit dem Geld zu rechnen. Unter dieser Bedingung ist die Krankheit der Entwurzelung besonders schwer… Obwohl sie (die Arbeiter) geographisch auf ihrem Platze bleiben, sind sie moralisch entwurzelt, exiliert und zurückgerufen wie aus Toleranz, aber immer als bloße ‚Arbeitskraft‘. Die Arbeitslosigkeit ist, wohlverstanden, eine Entwurzelung in der zweiten Potenz. Die Arbeiter sind weder bei sich noch in der Fabrik zu Hause, weder in ihren Wohnungen noch in ihren Syndikaten, weder an ihren Vergnügungsstätten noch in der intellektuellen Kultur, die sie sich anzueignen versuchen...»
Als Heilmittel für die Krankheit der Entwurzelung erscheint Simone Weil eine durchgreifende soziale Neugestaltung. Ihr kurzes, unruhvolles Leben hat ihr nicht Zeit gelassen, ihre Auffassungen über dieses Problem in einer abschließenden Weise zu formulieren. Aus ihrem Leben wie aus ihren Büchern ist zu entnehmen, daß sie ihren Weg auf der Seite der Arbeiterschaft gesucht hat. Sie war ein freier Geist, und sie war Sozialistin im schönsten Sinne des Wortes; wir mögen nur bedauern, daß dieser hellsichtige Geist sich schließlich im Netzwerk des Mystizismus verfangen und die Erkenntnis zuletzt dem Glauben aufgeopfert hat. Wenn uns Simone Weil heute noch und in Zukunft etwas zu sagen hat, so ist es vor allem deshalb, weil in ihr ein Herold der Gerechtigkeit erschienen ist, durch dessen Wort das Verantwortungsbewußtsein der Menschen geschärft wird für die Tatsache, daß jeder Mensch für alle andern Menschen verantwortlich ist.
-
Quelle: Friedrich Liebling alias Polybios in Zeitschrift Rote Revue: sozialistische Monatsschrift Band (Jahr): 31 (1952) Heft 11-12Titel/Bild/Überschriften eingefügt von seniora.org

































































