30 Jahre Mütter der Plaza de Mayo

Kopftücher gegen die Diktatur  – mit einem Festakt und zahlreichen Veranstaltungen wurden in Buenos Aires die Mütter der Plaza de Mayo geehrt

Von Gottfried Stein, ARD-Hörfunkstudio Südamerika 2007

Vor dreißig Jahren, am 30. April 1977, hatten sich zum ersten Mal 14 Frauen auf den Platz vor dem Präsidentenpalast gewagt, um Aufklärung über das Schicksal ihrer von der Militärjunta verschleppten Kinder zu fordern. Seitdem protestieren die Mütter jeden Donnerstag vor dem Palast, obwohl sie immer wieder verprügelt, verhaftet und drei ihrer Anführerinnen sogar getötet wurden.

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Schon seit Jahrzehnten zeigen die Mütter die Bilder der Verschwundenen  – hier ein Foto aus den Achtzigerjahren

Die Bilder gingen um die ganze Welt: Frauen mit weißen Kopftüchern, in der Hand Schwarzweißfotos ihrer Kinder, marschieren vor den Präsidentenpalast  – und fordern Aufklärung über das Schicksal ihrer verschwundenen Töchter und Söhne. Eine von ihnen war Nora Cortina:

"Ich habe es einfach nicht verstanden, als mein Sohn verschwunden ist, dass ich ihn nie wiedersehen würde. Als ich mit anderen Müttern anfing, auf die Plaza de Mayo zu ziehen, hatten wir nicht den Gedanken, dass wir unsere Kinder nie wiedersehen würden. Das ist das schlimmste Verbrechen, weil man einer Person damit einfach aller Rechte beraubt.“

Die Polizei verprügelte und verhaftete die Frauen

Es begann am 30. April 1977. Gerade einmal 14 Mütter wagten sich auf die Plaza de Mayo, den Platz vor dem Präsidentenpalast. Dort herrschten seit einem Jahr die Militärs unter General Videla. Die Polizei verprügelte und verhaftete die Frauen. Aber sie kamen wieder, jeden Donnerstag, und es wurden immer mehr. Der Protest der Mütter, die im Kreis marschierten, weil Kundgebungen im Stehen verboten waren, wurde zum Symbol des Widerstandes gegen die Diktatur: Hebe Bonafini, die Gründerin und heutige Präsidentin der Madres:

"Dieser Marsch der Mütter war ein Protest, auf den alle gewartet haben. Weil er ein Zeichen war, ein Zeichen, Mut zu zeigen, den Kampf fortzusetzen  – den Kampf gegen die Mörder unserer Kinder, gegen die Militärs. Die ganze Welt half uns, kam, hörte uns zu."

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Kundgebungen im Stehen waren verboten  – daher marschierten die Mütter der Plaza de Mayo im Kreis (Archivbild 1987)

Rund 30.000 vermeintliche Linke und Regimegegner ließen die Militärs entführen, foltern und ermorden, darunter auch drei Anführerinnen der Madres. Ins Blickfeld der Weltöffentlichkeit rückte der Massenmord 1978, als Argentinien die Fußballweltmeisterschaft veranstaltete  – und die Mütter sich mit einem Appell an die ausländischen Journalisten wandten:

"Wir wollen wissen, wo unsere Kinder sind. Wir haben Angst, dass sie krank sind, Hunger haben. Wir wissen gar nichts. Wir wissen nicht, an wen wir uns wenden können. Konsulate, Botschaften, Ministerien, Kirchen, überall sind uns die Türen versperrt. Deswegen wenden wir uns an Sie, bitte helfen Sie uns, Sie sind unsere letzte Hoffnung.“

"Es ist eine Wunde, die nicht heilt"

Auch nach dem Ende der Militärdiktatur 1983 ging der Protest der Madres weiter. Jeden Donnerstagnachmittag um halb vier drehen sie auf der Plaza de Mayo ihre Runden, tragen Kopftücher und Fotos der Kinder  – und fordern weiter Aufklärung: Denn bis heute ist das Schicksal der Verschwundenen nicht dokumentiert. Und bis heute sitzen die Schuldigen nicht im Gefängnis, klagt Nora Cortina: "Es ist eine Wunde, die nicht heilt, eine Wunde, die uns dazu bringt, Tag für Tag weiterzukämpfen. Wir wollen Wahrheit und Gerechtigkeit und die Erinnerung wach halten. Und dass die Justiz die Kinder findet, die man den Verschwundenen weggenommen hat, von denen wir wissen, dass sie noch leben. Damit sie zurückkehren oder wenigstens ihre wirklichen Familien kennenlernen können.“Rund 500 Babys hatten die Militärs ihren Opfern entrissen und zur Adoption freigegeben. Seit Jahren sind die "Großmütter der Plaza de Mayo“ gezielt auf der Suche nach ihnen, über 50 wurden schon gefunden.

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"Mütter" sind eine nationale Institution Hebe Bonafini (rechts) protestiert noch heute mit den anderen Müttern

Die Madres sind heute eine nationale Institution, betreiben eine eigene Zeitung, eine Buchhandlung, einen Radiosender und eine Universität. Aber jeden Donnerstag protestieren sie auf der Plaza  – auch für politische Ziele, sagt Hebe Bonafini:

"Die Madres kämpfen nicht für Tote, denn unsere Kinder sind und bleiben für immer verschwunden. Wir fordern auch keine finanzielle Wiedergutmachung, denn man kann das Leben unserer Kinder nicht mit Geld aufwiegen. Dieser Platz hat mit dem Leben zu tun. Wir kämpfen dafür, dass andere leben können, zu essen haben. Der Platz hat mit dem Leben, nicht mit dem Tod zu tun.“

Die Amnestiegesetze und Gnadenerlasse, die die Militärs lange geschützt hatten, sind auf Betreiben des seit 2003 regierenden Präsidenten Nestor Kirchner inzwischen aufgehoben. Wenn die mittlerweile meist über 80-jährigen Mütter heute auf der Plaza de Mayo mit einem Festakt anlässlich des 30. Jahrestags ihres Bestehens geehrt werden, dürfen sie auch ein bisschen feiern.

Quelle: G. Stein, ARD Buenos Aires, 30.04.2007
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