Glotze, Promis, Geld, Karrieren

von Volker Bräutigam

Tom Buhrow, der vormals neben-verdienstreiche „Mister Tagesthemen“, ist aus dem ARD-Nachrichtenstudio aus- und in die Intendanz des Westdeutschen Rundfunks, WDR, aufgestiegen.

Gratulanten aus Politik, Wirtschaft und Medien würdigten lebhaft seinen Karrieresprung. Buhrow, lupenreine Kreatur des kapitalistischen Systems, hat Glückwünsche allerdings gar nicht mehr nötig. Mehr als der Chefposten des WDR, des Kronjuwels der ARD, der Arbeitsgemeinschaft der Rundfunkanstalten in Deutschland, ist für ihn nicht drin.

Ruth Hieronymi (CDU), Vorsitzende des WDR-Rundfunkrats, hatte kurz vor der Wahl Ende Mai noch verlauten lassen, Buhrow sei  – wie seine Mitbewerber  – durchaus befähigt, den WDR zu leiten und „den Anspruch des öffentlich-rechtlichen Rundfunks auf ein Programm von hoher Qualität“ umzusetzen. Gründe für dieses Lob nannte sie nicht. Schade eigentlich. Angesichts der öffentlich-rechtlichen Programmangebote und angesichts dieses Kandidaten war damit eine Chance für Realsatire vertan.

Was qualifiziert den „Mann mit dem Lächeln eines Liftboys“ (so der Branchendienst Meedia) dafür, die größte deutsche Rundfunkanstalt mit ihren 4000 Beschäftigten und 1,4 Milliarden Euro Jahrestat zu leiten? Buhrow ist blank an Management-Kenntnissen und bar aller Führungserfahrung. Wir erinnern uns aber an Schlagzeilen: „Buhrow wegen Nebenverdiensten unter Druck“ (NDR-Sendung „Zapp“), „Tom Buhrow und die Gier“ (Süddeutschen Zeitung), und an Artikel, in denen er als „schillerndstes Beispiel einer Wachstumsbranche, in der es kaum um Unabhängigkeit geht“ (ebd.) bezeichnet wurde.

Als WDR-Intendant muss Buhrow nun zwar auf läppische Werbeauftritte gegen Spitzenhonorar von Steinbrückschem Format verzichten, bekommt jedoch das Doppelte seines bisherigen Moderatorengehalts: gut und gerne 30 000 Euro monatlich, Spesenkonto, Dienstwagen, persönlichen Referenten, Sekretariat etc. pp.

Darüber hinaus bietet der WDR-Posten eine ganz besondere Option. Wenn Buhrow sich wie seine Vorgängerin Monika Piel nach sechs Jahren für eine zweite Amtszeit wiederwählen lässt, hat er für den Rest seines Lebens ausgesorgt. Er könnte sogar, wie Piel, vier Wochen nach der Wiederwahl „aus persönlichen Gründen“ zurücktreten und bekäme dennoch, nach gerade mal sechs Jahren und vier Wochen Tätigkeit, die volle WDR-Chef-Rente. Deren Barwert liegt derzeit bei 2,5 Millionen Euro.

Was sprach für den Kandidaten Tom Buhrow? Journalistisch saubere, um Objektivität bemühte Arbeit? Da hatten seine Vor-Vorgänger Friedrich Nowottny und Fritz Pleitgen wahrlich mehr auf der Pfanne; Buhrow kann ihnen keinesfalls das Wasser reichen. Journalistische Qualität ist zudem kein Wert an sich. Hanns-Joachim Friedrichs’ häufig zitierte Definition: „Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten Sache; dass er überall dabei ist, aber nirgendwo dazugehört,“ geht mir auf den Wecker. Sie huldigt formalistischer Neutralität und beweist angesichts der herrschenden Verhältnisse doch nur schieren Zynismus.

Buhrow war als ARD-Tagesthemen-Moderator ein privilegierter, überbezahlter, nebenher für Reklamezwecke käuflicher Werbeonkel. Wie könnte so einer geistige Unabhängigkeit wahren? Geschweige denn als glaubwürdiger journalistischer Anwalt das Leitbild von einer gerechten Gesellschaft vermitteln? Einer Gesellschaft, in der Erwerbsarbeit angemessen bewertet wird, ohne die heute üblichen, irrsinnig krassen Unterschiede zwischen dem Salär der Medien-Schickeria und zum Beispiel dem Hungerlohn ihrer Friseuse?

Wir spekulieren etwas weiter: Buhrows ZDF-Kollege Claus Kleber, auch er Nebenerwerbs-Absahner der Extraklasse, wird gleichfalls kaum bis zur Rente im heute-journal-Studio ausharren. Einmal von der Glotze her bekannte Leute wie Buhrow und er machen in unserem System zwangsläufig Geld und Karriere.

Dem geneigten TV-Publikum werden die personellen Veränderungen und Laufbahnen im Spitzenbereich der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten allerdings kaum das Wasser in die Augen treiben. Aufrichtigen, um Wahrhaftigkeit bemühten, von fürstlicher Bezahlung ebenso unabhängigen wie entfernten Nachrichtenjournalismus ist es ja eh nicht (mehr) gewohnt. Weder von der ARD noch vom ZDF.

Textwiedergabe mit freundlicher Erlaubnis der Politikzeitschrift Ossietzky.

Ein Nachwort...

... zu Claus Kleber: Der ZDF-Moderator erklärte jüngst gegenüber dem Wochenblatt Die Zeit, die ARD-Tagesschau „... hat sich überlebt.“ Trockenes Nachrichten-Verlesen genüge den Bedürfnissen der Zuschauer nicht mehr, besonders nicht den Ansprüchen der jüngeren Generation.

So schnöselt einer daher, der in seinen Sendungen den gleichen Quark der gleichen Nachrichtenagenturen verbreitet wie die gute alte Tante Tagesschau. Der ihn zwar „anmoderiert,“ allerdings weniger mit Zusatzinformation als mit kommentierendem Gewäsch. Ein in den USA Geschulter, der seine Moderationstexte oft mit sozialismusfeindlicher Note versieht oder sie mit kapitalismusgläubigem Unverstand würzt. Ab und zu noch ein Ideechen Russo- bzw. Sinophobie dazu: Klebers Miese Mixtur, locker-flockig serviert, vorgeblich gemäß Zuschauerbedürfnis. Im ZDF-heutejournal, der öffentlichen Bedürfnisanstalt.

Seine arrogante Kritik ergänzte Kleber andernorts: “Aber ich sage auch, das trockene Nachrichtenablesen gibt es heutzutage nur noch um 20 Uhr  – und im koreanischen Fernsehen.” Diesmal verstrich er seinen Senf auf einer Festlichkeit der Kreissparkasse Waiblingen. Der Eintrittspreis  – für Gäste 15 Euro, für Sparkassenkunden 10 Euro  – deckte die saftigen Honorarkosten für ihn natürlich nicht. Aber selbst ein schwäbisches Geldinstitut greift gern tief in die Tasche, um sich so einen TV-Presstituierten zu mieten, stundenweise. Promi im Schaufenster, das zieht Kundschaft. Die Kosten lassen sich steuerlich absetzen. vb

Ein wenig Hintergrundsinfo zum Fernsehjournalisten a.D.:

Braeutigam

Volker Bräutigam