Programmbeschwerden sind ja an sich kein Berichtsthema. Aber manchmal sind sie doch so informativ wie diese, dass sie eine weitere Veröffentlichung lohnen.

Programmbeschwerde:  Gesiebte Information

http://www.tagesschau.de/multimedia/sendung/ts-17753.html

http://www.tagesschau.de/ausland/us-geheimdienste-russland-101.html

Tageschaus 5.1.17, 20 Uhr, tagesschau.de vom 5.1.17

Sehr geehrte NDR Rundfunkräte, sehr geehrter Herr Intendant,

Studio-Antext unter dem Fakten behauptenden Titel „Hackerangriffe im US-Wahlkampf“:

„Die US-Geheimdienste bleiben bei ihrem Vorwurf, Russland stecke hinter den Hacker-Angriffen im US-Wahlkampf. Nur höchste Stellen in Moskau könnten für den Diebstahl von Daten und deren Veröffentlichung verantwortlich sein, erklärten die Chefs der Dienste bei der Anhörung im Senat. Sie sprachen von einer wachsenden Gefahr für die USA. Präsident Obama erhielt heute einen vertraulichen Bericht von den Vorwürfen gegen Moskau. Sein Nachfolger Trump wird morgen informiert."

Wir übergehen eine Erörterung, warum es „... Bericht über die Vorwürfe...“ hätte heißen müssen. Richtiges Deutsch können eben nicht alle ARD-aktuell –Redakteure, das wissen wir längst. Die Frage ist vielmehr, ob in diesem Laden die Rechte weiß, was die Linke tut, oder ob schon alle Sicherungen durchgeknallt sind.

Zum „Hacken" heißt es nämlich auf der Internet-Seite tagesschau.de:

(Der Direktor der US-Geheimdienste)...“ Clapper betonte, dass es keine Anzeichen dafür gebe, dass Russland aktiv in den Wahlvorgang in den USA eingegriffen habe. "Sie habe nicht die Stimmabgabe manipuliert oder so etwas", sagte Clapper.

Die Anhörung erfolgte nicht „im Senat“ (wie im Studio-Antext behauptet), sondern im Verteidigungsausschuss des Senats unter Vorsitz des Russland-Hassers McCain. Sie diente ersichtlich dem Versuch der Obama-Gefolgschaft, dem künftigen Präsidenten D. Trump noch einen großen Stein in den Weg zu einer Verständigung mit Moskau zu rollen.

Die Redaktion unternahm keinen Versuch der Gegenrecherche bezüglich der beweislosen Beschuldigung, Russland habe sich in den US-Wahlkampf eingehackt. Sie bleibt beim Obama-gefügigen Verlautbarungsjournalismus. Russland wird, getreu auch der Berliner Regierungslinie, als aggressiver Feind in einem nicht erklärten Cyber-Krieg abgemalt, „eine wachsende Gefahr für die USA“ (Antext-Formulierung). Welch peinliche US-Hörigkeit; nichts wird hinterfragt, wesentliche Informationen/Überlegungen werden weggelassen, obwohl sie Voraussetzung für eine sachgerechte Einordnung der Story sind:

1.     Die USA sind selbst wegen ihrer Aggressivität und ihrer Cyberkriegs-Fähigkeiten eine „wachsenden Gefahr“, und zwar für die ganze übrige Welt.  

2.     Der NSA-Skandal machte bewusst, dass die USA sämtliche Barrieren des international gültigen Rechts bei ihrem Ausforschen und Datendiebstahl durchbrechen. Das ist erwiesen, im Unterschied zu den bloßen Behauptungen über Russland. 

3.     Zu der Geheimdienst-Behauptung, russische Hacker seien in das Datennetz des Clinton-Wahlkampf-Komitees eingedrungen, sagen Veteranen der Dienste, sie seien „substanzlos“. Nicht von einem „Hack“, also einen Angriff von außen (von Russland) sei zu sprechen, sondern vielmehr von einem „Leck“, der Datenweitergabe von innen, (von US-Amerikanern). Die NSA wisse das, sie könne jede Art von „Hack“ in den Datennetzen der Welt aufdecken und die Spuren seiner Urheber zurückzuverfolgen. Quelle: https://consortiumnews.com/2016/12/12/us-intel-vets-dispute-russia-hacking-claims/

4.    Geheimdienstdirektor  James Clapper, ein Urheber und Quelle der russophoben Hybris der USA, ist seit Jahren als Kalter Krieger unterwegs und bekannt als Intimfeind D. Trumps. Am Tag der Wahl des künftigen Präsidenten erklärte Clapper seinen Rücktritt zum 20. Januar 2017, dem Datum der Amtseinführung. Er inszenierte nunmehr vor dem Senatsausschuss den Abgang unter Hinterlassung von Schwefel und Gestank.

5.     Kennzeichnend für Clappers Unglaubwürdigkeit: Während der Überwachungs- und Spionageaffäre im Jahr 2013 log er unter Eid bei seiner Anhörung vor dem Kongressausschuss für Nachrichtendienste: Die NSA habe keine Daten von US-Bürgern ausgespäht (Frage eines Senators: "Does the NSA collect any type of data at all on millions or hundreds of millions of Americans?" Antwort Clappers: "No, sir."). Später gab er zu, dass sogar die Telefonanrufe aufgezeichnet und ausgewertet werden. Quellen u.a.: https://de.m.wikipedia.org/wiki/James_R._Clapper  https://www.washingtonpost.com/news/the-switch/wp/2014/01/27/darrell-issa-james-clapper-lied-to-congress-about-nsa-and-should-be-fired/?utm_term=.042b5993f6f3

Edward Snowden, informationelles Gewissen der USA, sagte über Clapper, dieser intrigante Agentenchef sei ihm Anstoß dafür gewesen, sich von der Geheimdienstarbeit zu verabschieden und der Welt einen Einblick in deren verbrecherisches Wesen zu geben.  Quelle:

http://www.inquisitr.com/1411256/edward-snowden-reveals-clappers-lies-caused-him-to-become-leaker/

Nicht einmal angesichts der eingangs beschriebenen Widersprüchlichkeiten fiel in der ARD-aktuell-Redaktion der Groschen. Niemand sah sich veranlasst, das Anhörungsverfahren sowie die Person Clapper kritisch auszuleuchten und die zwingend nötigen Fragezeichen zu setzen. Tagesschau-übliche Manipulation übelster Sorte; mit sauberem, seriösem Journalismus hat diese Berichterstattung soviel zu tun wie Fußpilz mit Speisemorcheln.

Volker Bräutigam, Friedhelm Klinkhammer