Ethik

Ethik in Wissenschaft und Politik - ein Leserbrief und unsere Antwort

Auf unseren kürzlich publizierten Artikel

Ich habe nur gezeigt, dass es die Bombe gibt
www.seniora.org/989

schrieb uns ein Seniora-Leser:

Guten Tag,
den letzten Satz in diesem interessanten Bericht kann ich nicht nachvollziehen. Kosinski sagt, er habe keine Schuld, er habe die Bombe nicht gebaut, sondern nur gezeigt, dass es sie gibt. Doch so, wie ich es verstanden habe, war er der Architekt. Mit anderen Worten, ohne die von ihm erarbeiteten Grundlagen hätte "die Bombe" vermutlich erst gar nicht gebaut werden können.
Warum ist es mir wichtig, das klarzustellen?

Wissenschaft ist ein mächtiger und wichtiger Bestandteil der Zivilisation mit einem Nachteil, Wissenschaftler machen sich wohl oftmals nicht die Mühe, ihre Arbeit nach den Kriterien des Für und Wider abzuwägen. Das ist auch nicht immer leicht, doch bei Kosinskis Arbeit stand von Beginn an fest, dass die Wahrscheinlichkeit des Missbrauchs größer war, als der sich daraus ergebende Nutzen. Das erkannte Verhaltensmuster zur Verhaltens-Manipulation verwendet werden, ist eine absolut logische Konsequenz und wird seit langer Zeit von den "Oberen" im Rahmen der Möglichkeiten praktiziert. Beispiel, die Stasi-Akten dienten genau diesem Zweck.

Die Zahl der Menschen, die einen großen Teil ihres täglichen Lebens darauf ausrichten, möglichst wenige Spuren im Netz zu hinterlassen, ist sehr gering. Man wird heute als Neandertaler angesehen, wenn man weder ein Handy noch eine Facebook- oder Twitter-Account hat und auch seine Einkäufe noch immer ausschließlich oder zumindest fast ausschließlich mit Bargeld zahlt.
mit freundlichen Grüßen

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Unsere Antwort:

Sehr geehrter Herr,
Sie schneiden mit Ihrem Hinweis eine überaus wichtige Frage an: Ethik in der Wissenschaft. Vielen Dank dafür. Seniora.org bemüht sich seit Anbeginn mit seinen Beiträgen, die ethische Frage nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.

Aus der Reihenfolge der von uns bearbeiteten Themen ERZIEHUNG  – ETHIK  – POLITIK kann der Leser entnehmen, dass es zuallererst einer Werte vermittelnden Erziehung bedarf, um ethisch denkende Menschen hervorzubringen, die in der Lage sind, zum unethischsten, zum unmenschlichsten Phänomen auf unserem Planeten NEIN zu sagen: Zum Krieg.

Das Logo von seniora.org zeigt Vater, Mutter, Kinder und die Friedenstaube, die aus der Familie kommend in die Welt hinaus fliegt.

Tschingis Aitmatow hat in seinem «Vermächtnis an uns Menschen» wunderbar zusammengefasst, um was es geht:

Aitmatow

„Dank umfassender Erkenntnisse und der zielgerichteten Nutzung vieler objektiver Gesetze der materiellen Welt hat die Menschheit ein hohes Niveau der technischen und technologischen Entwicklung erreicht. Im Bestreben, die modernsten Errungenschaften des wissenschaftlich-technischen Fortschritts im Leben auch anzuwenden, hat die Menschheit jedoch zugleich ihre geistig-sittliche Sphäre aus dem Blickfeld verloren, genauer gesagt: Sie hat diesen Bereich, der ebenfalls existiert und sich nach bestimmten Gesetzen entwickelt, weitgehend ignoriert. Diese Gesetze sind nicht weniger objektiv als die der materiellen Welt. Hierbei wurde ein fundamentales Gesetz des Universums verletzt, das da lautet:

Das Niveau der geistigen und sittlichen Entwicklung der menschlichen Gemeinschaft sollte stets ein wenig höher sein als das Niveau des wissenschaftlich-technischen Fortschritts. Nur dann erwächst aus den grossartigen Leistungen der Wissenschaft und Technik auch die Verantwortung für das allgemeine Wohl der Menschen, für die Vorsorge vor Hunger, Verelendung und Krankheiten in den verschiedenen Teilen des Erdballs."

https://www.seniora.org/de/home/uebersicht-aller-beitraege-ethik/315-tschingis-aitmatows-vermaechtnis-an-uns-menschen

Die von Aitmatow angesprochene „geistig-sittliche Sphäre" als einem „Bereich, der ebenfalls existiert und sich nach bestimmten Gesetzen entwickelt," und den die Menschheit „weitgehend ignoriert" hat, haben Psychologen wie Freud, Adler, Liebling  – um nur die wichtigsten Forscherpersönlichkeiten zu nennen  – im vergangenen Jahrhundert in ihren Forschungsarbeiten genauer untersucht und dabei einige dieser „Gesetze, (die) … nicht weniger objektiv als die der materiellen Welt" sind, herausgearbeitet und uns Menschen in ihren Werken überlassen. Auf die in diesem Zusammenhang kürzeste Formel zusammengefasst lautet das Fazit: Der Mensch ist nicht  – er wird!

Somit rückt der Erziehungsgedanke als wichtigste Menschheitsfrage in den Mittelpunkt, der von der Menschheit noch nicht stringent genug ins Auge gefasst werden konnte. Diese Arbeit steht uns noch bevor.

Mit besten Grüssen aus der Schweiz
Willy Wahl

Über den Niedergang des deutschen «Mainstream» - und die Möglichkeiten einer ethisch orientierten Politik

von Karl-Jürgen Müller*

Viele Kommentare nach den Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern und dem dortigen Wahlsieg der Alternative für Deutschland (AfD) über die Christlich-Demokratische Union (CDU) haben sich mit der Frage befasst, warum sich immer mehr Bürger von den politischen Kräften (Parteien, Medien usw.) des «Mainstream» abwenden.

Stefan Zweig “Die Monotonisierung der Welt” (1925)

Nach Wolf Gauers erfreulichem Aufsatz “Brief aus Brasilien zur Bedeutung unserer Muttersprachen” sendet mir ein aufmerksamer Seniora-Leser den nachstehenden Text von Stefan Zweig. 1925 geschrieben, können wir nur Staunen über Zweigs Klarheit des Erkennens und phänomenale Weitsicht. (ww)

Stefan Zweig2

Stefan Zweig

Monotonisierung der Welt. Stärkster geistiger Eindruck von jeder Reise in den letzten Jahren, trotz aller einzelnen Beglückung: ein leises Grauen vor der Monotonisierung der Welt. Alles wird gleichförmiger in den äußeren Lebensformen, alles nivelliert sich auf ein einheitliches kulturelles Schema. Die individuellen Gebräuche der Völker schleifen sich ab, die Trachten werden uniform, die Sitten international. Immer mehr scheinen die Länder gleichsam ineinandergeschoben, die Menschen nach einem Schema tätig und lebendig, immer mehr die Städte einander äußerlich ähnlich. Paris ist zu drei Vierteln amerikanisiert, Wien verbudapestet: immer mehr verdunstet das feine Aroma des Besonderen in den Kulturen, immer rascher blättern die Farben ab, und unter der zersprungenen Firnisschicht wird der stahlfarbene Kolben des mechanischen Betriebes, die moderne Weltmaschine, sichtbar.

Die legendäre Anführerin von Argentiniens Müttern des Maiplatzes wehrt sich gegen Korruptionsvorwürfe

Von Andreas Fink  – Tages-Anzeiger, 6. August 2016

«Der Richter soll sich seine Vorladung in den Hintern schieben.» Mit diesen Worten ist die Chronik der argentinischen Justiz um ein Skandalkapitel reicher. Und dieses handelt von einer charismatischen Führerin, deren Lebensinhalt der Einsatz für Gerechtigkeit war, die jedoch in ihrem Kampf nie versuchte, Frieden zu machen mit denen, die nicht denken wie sie selbst.

Aus der Schweizerischen Ärztezeitung:

Zur Bedeutung des Hippokratischen Eides in der heutigen Zeit

Vorstandsmitglieder der Hippokratischen Gesellschaft Schweiz:
Josias Mattli, Dr. med., Facharzt für Allgemeine Innere Medizin, Mitglied der FMH, Val Müstair;
Ursula Knirsch, Dr. med., Fachärztin für Neurologie, Mitglied der FMH, Zürich;
Raimund Klesse, Dr. med., Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Mitglied der FMH, Chur;
Sabine Vuilleumier-Koch, Dr. med., Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, Mitglied der FMH, Greifensee

Die Notwendigkeit eines neuen, verpflichtenden Eides wurde postuliert und andiskutiert [1]. Begründet wird dies mit aktuellen Problemen wie der Ökonomisierung in der Medizin. Gleichzeitig versucht man, die Bedeutung des Hippokratischen Ei des zu relativieren und ihn als unzeitgemäss abzutun. Die Hippokratische Gesell­schaft Schweiz legt die unveränderte Aktualität des Hippokratischen Eides dar.