Seniora.org - Verwöhnung

«Hasenohr – Hasenohr, einmal rum und dann durchs Tor»

Schonung schadet – warum Kinder Herausforderungen brauchen
von Dr. Eliane Perret, Psychologin und Heilpädagogin
Zeit-Fragen Nr. 3 v. 28.01.2021
In der Garderobe neben einem Klassenzimmer stehen die Schuhe der Kinder. Schön eingeordnet, wie das offensichtlich verlangt wird. Interessant, denke ich, alle Schuhe haben Klettverschlüsse, oder man kann hineinschlüpfen, ohne einen Verschluss zu öffnen. Ein einzelnes Paar hat Schnürsenkel, aber auch die muten eher als Zierde an; mindestens scheinen sie nicht geöffnet zu werden, die Ferse ist hinuntergequetscht. Aha, offensichtlich ist es nicht mehr üblich, Schuhe zum Binden zu kaufen, die etwas mühsamer anzuziehen sind und vom Kind verlangen, dass es sich die dafür erforderliche Technik aneignet. Warum wohl?

Von seinen feinmotorischen Fähigkeiten her wäre ein Kind mit etwa vier Jahren in der Lage, seine Schuhe selber zu binden. Viele nehmen dazu ein Sprüchlein zu Hilfe: «Hasenohr  – Hasenohr, einmal rum und dann durchs Tor.» Wer diese Methode noch nicht kennt, sollte sie einmal ausprobieren, sie funktioniert erstaunlich gut! 

Schulzeugnis und Versagen in der Schule

Friedrich Liebling*, Zürich
Der Empfang des Schulzeugnisses bedeutet für viele Kinder und Eltern eine Zeit schwerer Besorgnis. Das schmale Notenbüchlein, das in wenigen Zahlen die Leistungen und das Versagen eines Trimesters resümiert, fällt ein Urteil über ein Kind und zieht entscheidende Konsequenzen nach sich. Vor allem im Falle des Ungenügens liefert das Zeugnis den «eindeutigen Beweis», indem es zahlenmäßig festlegt, wie viel oder wie wenig das Kind zustande gebracht hat. Die mangelhafte Leistung, welche unter Umständen die Promotion in Frage stellt, tritt mit einem Male ans Licht der Öffentlichkeit - es wird dem Kind wie auch seinen Eltern gleichsam «offiziell» bescheinigt, ob es den allgemeinen Maßstäben genügt oder nicht.

Daher mag man verstehen, daß die Zeugniszeit für viele Kinder dramatische und schicksalshafte Komplikation beinhaltet; es gibt Fälle, bei denen unglückliche Zeugnis-Empfänger das Übermaß an seelischer Spannung durch Erkrankungen abreagieren; andere wieder, die im Elternhause Bestrafungen oder Beschimpfungen für die schlechten Leistungen erwarten, bleiben mit ihrem Zeugnis der Familie fern und müssen mitunter durch Polizeiaufgebot gesucht werden; es sind auch schon tragische Suizidfälle in diesem Zusammenhang vorgekommen.

Angesichts dieser Umstände mag man die Frage aufwerfen, ob unser traditionelles Notensystem in allen Beziehungen den Anforderungen einer modernen, psychologisch orientierten Pädagogik genügt. Die Erwachsenen machen sich im allgemeinen hierüber wenig Gedanken; selbst diejenigen, die als Kinder unter dem «Notendruck» gelitten haben, kommen selten darauf, dieses Prinzip in seiner Problematik zu sehen. Aus Gründen, die psychologisch verständlich gemacht werden können, neigen sogar die Opfer einer mühsam durchlittenen Schul- und Jugendzeit besonders dazu, von ihren Kindern mit Selbstverständlichkeit erfolgreiche Schulbewältigung zu fordern.

Quelle: Der Artikel ist erstmals erschienen in der tiefenpsychologischen Monatszeitschrift “Psychologische Menschenkenntnis” 1/1964-65, S. 65 - 71, Publikationsorgan der Psychologischen Lehr- und Beratungsstelle Zürich.

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